Ausgabe 
8.2.1927
 
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Gießener Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Jahrgang (92? Dienstag, den 8.Zsbrua? _____________ Nummer U

Ballade.

Von Ernst Moritz Arndt.

Und die Sonne machte den weiten Ritt Um die Welt,

Und die Sternlein sprachen:Wir reisen mit

Um die Welt.";

Und die Sonne, sie schalt sie:Ihr bleibt zu Haus! Denn ich brenn euch die goldnen Aeuglein aus Bei dem feurigen Ritt um die Welt."

Und die Sternlein gingen zum lieben Mond In der Nacht,

Und sie sprachen:Du, der auf Wolken thront

In der Nacht, ,

Last uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein, Er verbrennet uns nimmer die Aeugelein." Und er nahm sie, Gesellen der Nacht.

Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond, In der Nacht!

Ihr verstehet, was still in dem Herzen wohnt In der Nacht.

Kommt und zündet die himmlischen Lichter an, Daß ich lustig mit schwärmen und spielen kann In den freundlichen Spielen der Nacht.

Hans E. Kinckr.

Von Dr. Gerhard Niederweyer.

Der nordische Bergzug rast durch das Land, dem wilden Westland zu. Er verbindet die stärksten Gegensätze nordischer Landschaft und Nordischen Eharalters. An einer Stelle schieben sich die Eindrücke dieser Reise gleich­sam in einen einzigen zusammen. Wir fahren in einen Tunnel. Wieder heraus. Einen Augenblick währt das. Wieder umgibt uns Nacht. Aber das Wunder ist geschehen. In den 15 Sekunden warfen wir einen Blick in' das Flaamstal. Die anstrengende Tagesreise ist die 15 Sekunden tvert. Aus den Höhen schauen wir in das Tal bis in seinen tiefsten Grund, wo die Farben des Sommers aufleuchten. Der Weg über die Felsen, den wir gekommen, führt im Zickzack zu Tal, weit in der Ferne stürzen Gießbäche aus den Felsen, die Entfernung ist so groß, daß sie unbeweglich zu stehen scheinen... In gewaltiger Verkürzung drängt sich die meilenweite Strecke zusammen. Häuser und Höfe dort unten erscheinen wie Spielzeug, aber die Felsen ringsherum erheben sich in ungebrochenen starken Linien In ihrer vollen ungeheuren Schwere. ,

15 Sekunden. Wir gleiten in die Nacht, doch das Bild haftet m der Netzhaut. Ohne Einzelheiten. Das Einzelne ist ins Ganze ausgenommen.

Bukdahl, der in seinen literarischen Skizzen dies Bild entwirft, um unserem Auge die nordische Landschaft in ihrer Eigenart zu zeigen, hat hiermit zugleich das Bild der nordischen Seele getroffen.

Hans E. Sind ist Norde. Die großen nordischen Dichter vor ihm, die Weltberühmtheiten der 80er und 90er Jahre sind Weltbürger, Natu­ralisten, Humanisten, ihr Dichten und Denken ist eingesponnen in die all­gemein menschlichen Probleme, in deren Dienst sie eine Literatur schufen, die mit den Problemen selbst vergessen sein wird.

Kinck ist nur Norde. Wohl ward ihm Italien zur zweiten Heimat und seine Dichtungen haben Norwegen ober Italien oder beide zum Schau­platz, doch dies Italien und sein Erlebnis ließen ihn nur tiefer die eigene Heimat erleben, aus Abstand und Gegensatz heraus.

Vaterlandsliebe ist ihm unheilbare Mystik.Ich nenne es übrigens nicht Vaterlandsliebe, sondern Vaterlandsverbundenheit. Denn es muß sich ja auch als Haß äußern können. Doch vor allem kann es sich als Weh und Entbehrung äußern. Es ist damit, wie mit dem Rassegeftht: von allen Realitäten ist das die am meistem mystische, aber zugleich auch die allerrealste."

Kinck schildert einmal einen Vater und seinen Sohn. Der Batet war Kunstschlosser und hatte ein äußerst verzwicktes und kunstvolles. Kirchen- schloh angefertigt, zu dem er den Schlüssel verlor. Er rennt in die Berge. Muht sich bei Nacht noch einmal, das Schloß zu öffnen. Vergebens. Er stürzt sich in den Fluß. Sein Sohn ward Bildhauer. Er entdeckt ein Motiv: die verzehrende Angst vor der Sonne. Er kannte sie, alles um ihn totenstille: nur eins wacht in ihm: Angst. So stellt er denn ein blond­haariges Kind dar, ein Lächeln des Wahnsinns umspielt seinen Mund; die Naturangst. Das Werk kommt aus die Ausstellung und wird verlacht. Die Kritiker schreiben:Die verdammte.Naturmystik, die nie in die Sanne aufsteigt. Darum haben wir kein monumentales Werk hierzulande." Er wendet sich nach Italien, sitzt im Zuge und l)ält Rat mit sich selbst:Hakte et nicht Tiefstes gegeben? Sahen sie denn nicht, daß jede Linie brannte? War nicht das tastende Lebenszeichen herrlicher als die vollkommene

Harmonie und Schönheit? In Italien verliert sich seine Naturmystik, er eroreist die Idee des Kunstwerks. So wird er seines Landes berühmtester Sohn, steht mitten in der Kirche der Kunst und kann auf- und zufchließen, wie er Lust hat.

Kinck bleibt Norde. Der Mann, der in 15 Sekunden das Zickzack erschaut; in einem Seitenblick das Ganze. Der fest verwurzelt ist und doch fühlt: das kleine Land klammert sich nur an die dünne Schale des Globus, der erlebt, wie einer widerstandslos im Dunkel nach dem Mittel­punkt des Weltenraumes gleitet.Ich habe wirklich nichts erlebt" meint er einmalich habe nur dagcsessen und zugesehen und bisweilen verstand ich."

Sein Verhältnis zur Wirklichkeit ist variabel, sr kann das unendlich Große im unendlich Kleinen, und das unendlich Kleine tm unendlich Großen entdecken. Humor im tiefen, philosophischen Sinne ist bei ihm Grundtrieb: kraft des Humors faßt er die Bruchstücke seelischen Erlebens zur Einheit zusammen. Lichterloh können bisweilen seine Feuer los» brennen, jo inNiels Brosnie", als die Situation rettungslos verfahren erscheinen will. Doch durch das Lackmen grollt die Erschütterung nach. Sein Lachen kann selbst erschütternd sein so daß die Gäste ringsum die Rechnung verlangen und verschwinden Dr. Rüst in denAuswan­derern"! Kincks Humor ist Freiheit gegenüber dem Spiel der MLgüch- teiten, aus denen das Leben besteht. Bewegung innerhalb der Bewegung. Nicht was ruht, fest steht, geheiligt ist, nicht das ist Kincks Sphäre: das Fließende, die Uebergangsftabicn, die Äuflösungsepochen find [ein Gebiet, das Helldunkel sein Farbenreich. Die erste, noch halb unbewußte Liebe in ihrem Erwachen, ihrer Angst und ihrer Furcht; die langsame Lockerung der Liebe, die Zersetzung des festen Gefühls und ihre verborgenen Ur­sachen, da, wo derErdrutsch" mit leiser Erschütterung beginnt, da packt er an. Einen Novellenband hat Kinck geschrieben:Wenn die Liebe stirbt." Hier schildert er die seelischen Uebergaugsphänomene. Fast nie behandelt er glückliche Liebe, sie hat sozusagen für ihn überhaupt keine Geschichte. Seine Valksschilderunaen sind eben keine Milieuschilderungen, wie wir sie gewöhnt sind. Die'Menschen treten immer in Gegensätzen zueinander auf: Bauer gegen Stadtmensch, dasHochland" gegen dasTal", und irgendwie ist' immer ein Zersetzungsprozeß gegeben, die Gestalten stehen stets am Rande eines Abgrunds und greifen vor sich wie einer, der stürzt. DieAuswanderer": Dr. Röst erlebt in wilden Schauern den Abgrund. Als Kulturhistoriker schildert er Zeiten des Verfalls, wie die des Barock. Verfall ist Ebbe, wo der Bodengrund erscheint, das Wesen der Rasse. Kultur ist Rasfenangelegenheit. Die italienische Renaissance führt er auf eine glückliche Rassenvermischung zurück, die sich in Michelangelo verkörpert.

Kincks Wesensart bestimmt sich so näher als romantisches Gemüt.

Cs gibt nur eins, das ruht unter den Gestalten Kincks, wobei seine bewegliche Meisterhand selbst ausruht, das ist: das Kind. Das Kind ist ihn Unterpfand alles Echten und Unverdorbenen Im Leben, wahre Un­mittelbarkeit, wahrer Lebensausdruck.

Erling Iaervs und Frau Helgas Liebe stirbt, es gab eine schwere Szene:Es war, als zitterte noch die Luft im Zimmer. Das kleine Mädchen saß sttll und hochaufgerichtet lm Belt, mit vor Verwunderung langem Halse. Der Vater starrte sie an: eine weihe Lilie, unschuldig, die "aufwuchs hoch über das Gezänk der Menschen empor: so blickte sie auf die Welt herab und sah die Sorge in der Welt, und sie füllte den Raum unter dem Himmel mit wunderbarem Duft! ... Er beugte sich über sie und schloß die Augen, von Schmerz übermannt."

UndFrau Pfarrer Brosme" bekennt von ihrem Kinde Ingrid, dessen Seele erzitternd initschwingt in den Irrungen und Wirrungen der Er­wachsenen:O, solch' ein Wesen ist so zart und zerbrechlich, ... wie der erste zarle Lerchentriller über den gefrorenen Feldern an einem Vor- friihlingstage . . . und wir, wir haben mit Steinen nach der Lerche geworfen!"'

Sonst ist Kinds Schaffen einem inneren Gesetz unendlicher Bewegung unterworfen. Eigentlich konstant ist nur das Nationale. Und das läßt ihn zum nordischen Nationalromantiker werden. Die AUerwettsftimmung und -Umgebung reicht nicht bin, um eine Volkeaestalt im Innersten zu er­gründen. Der Blutumlauf von Geschlecht zu Geschlecht, das Blut, in dem Unbewußtes, geschichtlich Stoffliches kreist, enthält die treibenden und i zerfetzenden Kräfte des Lebens. Ihm gilt fein Forschen, um die Eigenart i der Nation in ihrer bodenständigen Entwicklung durch die Zeiten zu er- fassen.Un coin de nature vu ä travers rn tenroSrameni, dies war der Leitsatz des französischen Naturalismus. Man erkennt ihn hier in feiner ganzen Flachheit. Für Kinck gibt es auch keinen Zufall. Er sucht das Prinzip des Werdens, das Prinzip des Verfalls.Eine Krypta ist unter dem Boden, auf dem seine Gestalten einheroehen, es gibt hier eine ge­heime Resonanz." (Bukdahl.) Wie mit dem Naturalismus als Kunstform, so bricht er mit dem Humanismus als Lebensform.

Statt des Importierten das Autochthone! So schreibtNiels Brasme Vater": man wartet ja noch immer auf die Renaissance hier im Norden, ' möglich, daß sie niemals tarne. Aber auch Möglich, daß Stoff zur Wieder-