glnbeni Trigs machte er sich auf dem Speicher zu schaffen, spaltete Holz und trug es in die Küche, brachte einen altsilbernen Weihwafserkessek und stellte ihn neben sein Bett auf den Stein. Brachte einen messingenen Heiligenschein, den er einem verstaubten Heiligen angenommen, und hing ihn an den gedrechselten Knopf seiner Bettlade! So schmückte er sein Stübchen, und das Kind durfte ihm dabei helfen, und schließlich lief es auch wieder mit ihm auf den Speicher und verblieb ganze Stunden bei ihm.
Was aber nun geschah, ergötzt« das Kind und jagte dem Alten großen Schrecken ein: der Domhahn sollte herabgenommen und neu vergoldet werden!
Les Alten erster Gedanke war: sie wollen dich ärgern, sie wollen dir «inen Schabernack spielen, sie wollen dich mit Gewalt aus dein Dom vertreiben! Doch verbarg er seine Aufregung und krähte sogar dem kleinen Paulus, so oft dieser es wünscht«; so wenig fürchtete er sich vor dem Turmhahn!
Doch als am andern Morgen zwei Dachdecker in der Türmerei erschienen Wich Tippengucker sich weg, ging in den Dom hinunter, ruckt« an den Leuchtern der Altäre, brach an den Kerzen Wachsllumpen ab, zupfte Tücher zurecht und schlüpfte schließlich durch die Raume des Gehilfen Hämmerlein, als fei er beauftragt, irgend etwas zu suchen! Und setzte sich neben einen alten gipsernen Petrus, der seinen Himmelsschlüflel gerade aus dem Gürtel lvskordelt, auf di« zerbrochene Brüstung einer Kanzel, die noch von einer über und über verstaubten Trikolore aus dem Jahre 1793 drapiert war.
Di« Dachdecker aber stießen uon innen eine Stange durch die obersten Schiefer des Turmes, dann noch eine Stange mit den Ketten und Rollen eine« Flalchenzuges, und das Domkind stand im Rundgang und sah von außen zu. Und mit dem Glockenschlag zehn erhob sich der Hahn mit jähem Ruck aus seiner Turmspitze, schwebte ein paar Augenblicke und gleitete nun wie abgeschossen an den, Standbaum nieder auf den jähen First und rutschte über eine Leiter herab zu den Füßen des Domkindes.
Der Vater Strohschnitter erfaßte ihn. stellte ihn aufrecht, und siehe: die starken Messingzacken seines Kammes ragten über des Kindes Scheitel empor, so sehr sich dies auch strecken mochte! Kräftig war der Bursch! Der Vater setzte Paulus drauf, und es war dem Hahn ein leichtes, das Kind zu tragen! Paulus hielt sich mit beiden Händchen am Halse fest und hatte doch ein bißchen Angst in den Augen liegen!
Der Domdekan kam sogar; er klopfte dem Hahn wider die Schenkel und sprach: „Schad, daß sie von Messing sind, Herr Strohschnitter, das gäb ein gutes Frühstück'"
Der Techniker kratzte ein Teilck)en an einem Flügel sauber, und unter der grau verwitterten Schicht leuchtete sauberes Gold.
Dann schraubt« er am Hals mit einem feinen Meißel ein Türchen auf, reichte über den ganzen Kropf hin, und der Domdekan hieß das Kind, mit feinem Händchen hineinzugreifen in die HM«.
Das Kind zwängte sein Händchen hinein und zog ein Röllchen Papier heraus, darauf stand allerhand geschrieben, was die Männer entziffern konnten, und dann holte es ein Fläschchen heraus, das war mit Wein gefüllt ans dem Jahre 1809.
„Da hätten wir auch einen guten Tropfen zum Frühstück!" scherzte der Türmer.
Der Dekan aber nahm di« beiden offenbar wichtigen Dinge an sich und verbarg sie in einer Ledertasche, die er sorgsam verschloß.
Nun packte der jüngere Dachdecker den Hahn auf die Schulter, deutete hinunter in die Gassen, wo viele Menschen stehen blieben und heraufglotzten, und ging.
Das Domkind aber durfte an der Seit« des Dachdeckers durch die Menschen hindurch schreiten bis zur Werkstatt des Vergolders in der Welschnonnengaffe.
11.
Als der kleine Paulus wieder hineintrat in den Dom, stand der Gloriaengel an der Tür und nahm ihn an der Hand und sagt«: er wolle ihm einen andern Weg zeigen in die Türmerei.
Das Kind ging ohne weiteres mit. Sie schlüpften mühsam _ über Schotter und Gerümpel und kamen nach einer Viertelstunde auf den Speicher. Liefen über die schwanken Bretter und lachten laut und krochen hinaus ans große Loch, das, einen Meter im Durchmesser und mehr, auch unten vom Hauptschiff aus sichtbar ist.
Da sahen di« beiden den Domschweizer schreiten, der Messingknopf seines Stabes glitzerte, war aber kaum größer als ein Stecknadelkopf, und man hörte nicht, wie er die Spitze auf die Steinplatten stieß. Kinder faßen dicht gedrängt beisammen in den vorderen Bankreihen, und ein Geistlicher, der nicht zu erkennen war, stand vor den Bänken und katechesiert«. Wie in einer Pappdeckelschachtel hockten die Kinder da beisammen, Reihe hinter Reihe. Niedlich, wie vom Zuckerbäcker gemacht, hob sich der Hochaltar zwischen den Glockenseilen.
„Guck," sagte der Gloriaengel, „mein Nachfolger trägt das Löschhorn in der linken Hand!"
Cr steckte sein Pfeifchen an und ließ es wieder erkalten und schob es in die Rocktasche: vielleicht weil er den Weihrauch nicht zerstören wollte! Er ließ das Streichholz hinunterfallen in den Dom; es wirbelt« etlichemal um sich herum und ward unsichtbar in der Tiefe.
„Ich sehe den ßaurentiusattar", sprach bas Domkind.
„Wo? Zeig mir’s, komm, deut mir hin: wo ist der ßaurentiusatter?" Der Küster legte den Arm um bas Kind und schob es ganz dicht an das Geländer.
Dann aus einmal, nachdem er den Altar auch entdeckt hatte, zog er das Kind fester an sich und sprach:
„Ich wollte dich schon lange etwas frage», Paulus Nikolaus: warum hast du mich «igentllch verraten?"
Das Kind hebt den Kopf, will sich frei machen aus der Umarmung, und sagt« dem alten Mann in den Bart hinein:
„Verraten, Großvater? Ich hab Euch doch nicht verraten!"
„Doch!" kreischt jetzt der Alte und zittert, „doch, doch! Verraten, Scheu- fall hast du mich! Vertrieben hast du mich aus meinem Dienst."
Und packt das Kind mit beiden Armen und umklammert es fest.
Es schreit auf, es krallt sich an den Eisenstengen des Geländers, es sieht ihm Ui die wirren Augen, spürt, wie er mit den Füßen sich Halt verschafft, spürt, wie er ihm den schreienden Mund verdecken möchte, und schreit um so mehr, strampelt mit den Beinen gegen des Alten Leib, beißt chm in die Nase und läßt Zähn« und Hände nicht mehr los.
Er knurrt in langen Stößen, schnaubt, speit aus dem Mund.
„Wenn er mich holt, soll er dich als Trinkgeld haben!" kreischt er.
Doch plötzlich wankt sein Fuß, gleitet zurück, findet erst weit Hinte« wieder Halt auf der abschüssigen Mauerwand. Das Kind reißt ein Bein in die Lücke und stößt dem Alten mit furchtbar aufgezerrter Kraft auf den Brustkasten, daß er zu taumeln beginnt und nach einem weitern Tritt hinabsinkt aufs Knie und hinkollert.
Mit ein paar heftigen Zuckungen hat sich das Kind freigemacht aus der Umklammerung und läuft nun über die Wölbung schräg herab aus die Borde und nach der Ausgangstür und beginnt erst dort wieder mit entsetzlicher Stimme zu kreischen, so daß alsobald oben die Tür der Türmer«i sich öffnet und Vater und Mutter erlösend antworten.
Das Kind fliegt in ihre Arm« und kann nichts sagen, deutet zurück in den Speicher und strebt fort in die Türmerei. Es wischt sich voller Abscheu Üderm Mund, zappelt in den Armen des Vaters, strebt nach der Mutter, und endlich, wie die Mutter eine Stufe emporsteigt, deutet das Kind wieder auf den Speicher und sagt:
„Der Großvater wollte mich durchs Loch werfen!"
Der Vater schiebt Mutter und Kind hinter die Tür der Wohnung, schließt ab und eilt auf den Speicher. Alles ist still; am Luftloch sieht er etliche Tropfen Blut auf dem von vielen Besuchern blank getretenen Gestein, sonst entdeckt er nichts, ruft den Alten, bekommt keine Antwort und kehrt in die Türmerei zurück.
Sein Kind sitzt im Bett, die Mutter hat es gewaschen und trocknet es gerade ab. Sie zeigt dem Türmer Schrammen an der linken Seite und am linken Oberschenkel, die stammen von den Fingern des Alten.
Der Vater geht wieder und schließt ab; eilt hinunter, alles, was im Dom lebt, aufzuscheuchen: den Narren zu suchen, auf daß nicht ein noch größeres Unglück geschehe!
Man suchte vom Turmgebälk bis zu den Krypten, aber man sand ihn nicht. Die ganze Nacht gingen Wachmannschaften durch alle Räume des Domes, besonders in Speicher und Gebälk, denn der Alt« hatte Streichhölzer im Sack, aber es regte sich nirgends etwas.
Das Kind wollte nicht in feinem Bettck)en bleiben, spielte ein Weilchen auf seinem Schaukelpferd, das ihm der Vater zurechtgezimmert und der König Saul bemalt hatte, bann kam der König Saul und machte Seifenblasen, da konnte <s manchmal sogar lachen.
Als der Vater wieder da war, ging der König, und dann legte man sich zu Bett. Paulus durfte bei feiner Mutter schlafen.
Er schlief wohl, wachte aber nach Minuten wieder auf, schrie, ftram- pelte, schlug mit den Händen um sich und klammerte sich fest an feine Mutter. Er fieberte; er sah eine groß« feurige Kugel, di« rollte durch die Hauptstraße auf den Dom zu, kam an einem Kändel empor und blieb auf dem Rundgang liegen. Rollte aus dem Rundgang hin und her, erhob sich, schwebte und schwebte dann durch die Luft über die Häuser der Stadt davon.
Im Hals kitzelte es; das Kind hüstelte. Die Mutter machte einen kalten Umschlag, da hörte das Kitzeln aus, und die Kugel, die wieder kam, war schwarz und zeigte das Zwirnsfadenangesicht des Tintenmohrchens, ganz harmlos und sogar lustig, so daß Paulus lachen mußte.
Jedoch dann rötete sich die Kugel langsam, glühte, die weihen Fäden verbrannten, husch, hellauf, und aus der Kugel schossen winzig« Teufel gegen den Himmel, die tarnen wieder und setzten sich auf den Rund gang, hunderttausend nebeneinander. Dann tanzten sie, purzelten übereinander, balgten sich, stießen sich in die Tief«, und schließlich sah bas Domkind den ganzen mächtigen Bau von diesen kleinen glühenden Teufeln betrabbeft, so daß bi« hohen Fenster rasch überwuchert waren. Di« Teufel kamen aus der Tiefe, krochen langsam hinan, und auf einmal standen sie still, und der ganze Dom war wie von Schuppen mit ihren gedunsenen Seibern Überdeckt.
Die Nacht verging — der Doktor kam, aber der Doktor wußte nichts f anderes festzustellen als Fieber, als ein leichtes Fieber, das jede Minute vergehen könne. Er hatte recht: gegen Mittag war das Kind ruhig und ganz heiter. Doch wollte es nicht allein bleiben.
Am zweiten lag« fand man den alten Küster: er faß in einer der Kammern des Dombaumeistergehilfen neben jenem gipsernen Petrus, der den Schlüsiel aus dem Gürtel torbeit, als wollte er gerade den Himmel aufschließen. Saß da und war tot! Die Spitze seiner Nase hing wie ein Klümpchen Dreck über dem geöffneten Mund.
Und es sollte geschehen: als der alte Küster von vielen Freunden und Geistlichen hinausgeleitet wurde auf den Friedhof, da begegnete dem Leichenzug der neuvergoldete Turmhahn, hinter dem Kinder aller Jahr« und viele Erwachsene dreinzogen. Das Domkind, das vom Rundgang aus dem Leichenzug nachsah, erkannte den blinkenden Freund und vergaß darüber sogleich, dem Alten nachzutrauern. Es wollt« hinunter, den Hab» herauftragen helfen, aber die Mutter ließ es nicht fort. Der Hahn wurde ins Gras des Kreuzganges auf eine Stange gestellt, und am Hintern Kitter des Rundganges tonnte der kleine Paulus die ganze Herrttchkett sehe», etliche Tage lang.
(Fortsetzung folgt)
Verantwortlich; Dr, Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sch« AniversitätS-Duch» und Stetndruckerei, R. Lange, Gießen.


