£im mein damaliges unschönes Treibe«, das ja geradezu einer Frozzelei des .Heiligen Geistes gleichkam, mir selbst zur Zerknirschung und Buße näher zu beleuchten, seien drei meiner Beantwortungen einbekannt aus den edlen Wissenschaften der Geschichte, der Chemie und der Geographie. " ,
Als erste Frage aus der Weltgeschichte hatte ich anzugeben wann Julius Cäsar geboren sei. Ich sagte, man Pflegte nach römischer Zeitrechnung gewöhnlich das Jahr 654 anzusehen, weil er nach Sueton, Plutarch, und Appian bei seinem Tode am 15. März 710 im 56. Jahre stand; womit auch die Angabe, daß er zur Zeit der Sullanischen Proskription 18 Jahre alt gewesen, ungefähr iibereinstimme. Allerdings stehe damit in unlöslichen! Widerspruche, daß Cäsar im Jahre 689 die Aedilität, 692 die Prärur, 695 das Konsulat bekleidete und jene Aemter nach den Annalgesehen frühestens im 37., 49. und 53. Lebensjahre bekleidet werden durften. Cs sei nicht abzusehen, sagte ich, wie Cäsar sämtliche kurulische Aemter zwei Jahre vor der gesetzlichen Zeit bekleidet habe, vielmehr legten die Tatsachen die Vermutung nahe, daß er, da sein Geburtstag unbezweifelt auf den 12. Juli fiel, nicht 654, sondern 652 geboren ist. Für diesen letzten Ansatz, fügte ich mit sinniger.Handbewegung hinzu, lasse sich ferner geltend machen, daß Cäsar „paene puer" von Marms und Cinna zum Flamen des Jupiter bestellt wurde, denn Manus starb im Jänner 668, wo Cäsar nach dem gewöhnlichen Ansatz 13 Jahre 6 Monate alt gewesen, also einer solchen priesterlichen Würde kaum noch fähig war.
.Hier stockte ich, mir war das weitere nicht mehr geläufig, und es war mein Glück, denn der Oberleutnant ans Geschichte wandte sich, cttoa6 blaß geworden, an den Hauptmann aus Chemie und sagte: „Geh, Himmelmayer, Prüf' ihn Du jetzt, ich bin schon fertig."
Anter erhöhtem Ansehen richtete nunmehr der Hauptmann aus Chemie die Aufforderung an mich, die chemische Formel der Schwefelsäure auf die Tafel zu schreiben. Auch hier tat ich vor Freude einen innerlichen Lustsprung und wußte nicht nur die Formel richtig hinzusehen, sondern auch eine ganze Reihe industrieller Verwendungen dieser braven Saure anzu- führen, wobei ick schließlich wie nebenher die Bemerkung emfließen ließ, dau sie auck in der Medizin keine unwesentliche Rolle sprele und daß man sie besonders in jüngster Zeit zur Herstellung des sogenannten Katrins, eines Fiebermittels, verwende, welches eigentlich ;alzsaures Orytetrahydroäthylchinolin sei, das gewonnen werde, wenn man -zlnu- dophenol mit Glyzerin durch Behandlung mit Zinn imd Salzsaure in Oxytetrahydrochinolin imd dies mit Iodäthyl in OxNtctrahydroat-
Der ^Hauptmann aus Cheniie nickte verstört vor sich hin >md übergab nrich mit einem hilfesuchenden Blick dem Leutnant aus Geographie. Nun aber überfiel mich fast ein leises Grauen vor meinem G uick, denn man stellte inich wahrhaftig vor die Aufgabe, die Küste von Nordamerika auf die Tafel zu zeichnen. And gerade hier hatte ich mir einen besonderen
Pflanz", ivie man in Oesterraick sagt, ausgedacht, indem ich nur die Nordostküste von Labrador, wo man ja füglich anfangen konnte, in den Details einer Mappierungsausnahme aus Stickers großem Handatlas eingedrillt hatte und nun mit der geduldigen welchen Kreide ern so tolles dicktverschlungenes Gewirr von Buchten, Fjorden und vorgelagerten Inselcken zu entwerfen begann, daß man meinen konnte, EMpele eher eine Brüsseler Spitze, als daß es um die Zeichnung eines soliden Schul entwurses von Nordamerika ging. Dabei wurde ich, und es geschah mir durchaus recht, von einer nicht geringen Ängst gepeinigt, schon ums Cck von Neuschottland herum meinen wissenschaftlichen Konkurs ansagen oder mich im weiteren aus eine Art von Phantasieklöppe^ei verlasse» ,lt müssen, denn ich hätte nicht einmal auf die einfachste Weise wettcr- gewußt, geschweige in solch märchenhaft detaillierter Land- und Seekenntnis des fernablieqenden Kontinents. ., ,
Mein unverschämtes Glück verließ inich aber auch diesmal Nicht Die gedrückte Stimmung meiner völlig verblüfften Prüfer begann fick mählich in befreite Heiterkeit zu lösen, so daß der vorsitzende Ol erst e sckließlick für geraten fand, mir abwmkend zuzurufen. „Schon gut, schon gut! Wenn sie so fortfahren, kommen Sie ja erst übermorgen im Golf von Mexiko an, und Wir haben keine Zeit!", was auch in "ur begreiflicherweise' keine geringe Befreiung auslöste, mich rasch die Kreide wealeaen und mich dankend wie bei etwas Aeberstandenem verbeugen ließ.
Der eigentliche Schlüssel zum Zauber meines Glücks.mag aber*»J« mobl in dem Amstande gelegen sein, daß ich als letzter zur Vrufiing gekommen, und die Kommission daher schon wesentlich ermüdet war. Ich entsinne mich, daß im Saal bereits gelinde Dämmerung herrschte, a man noch rasch ein paar Fragen an mich richtete, die ich famt und sonders glatt erledigte, wenn auch nur im schlichten Gewände einer Schulantnwrt. Ich hatte damit die Prüfung bestanden und in ftrst sämtlichen Ab Mußgegenständen Vorzüglich erhalten, wobei ich mich lreute nock in tiefer Beschämung als Schuldner des Schicksals erkläre.
Der König der GaiLpagosinseln.
Von William Beebe.*)
Die Galapagosinseln würbe« als Zufluchtsort bei den Walfischsängern noch beliebter, als sie es bei den Seeräubern gewcsen waren. L me der beliebtesten Ankerplätze lag in derruesiglaugeuhal^
Bucht, die durch die Krümmung von Alberuasie um Naroorough gebilde
•) Wir geben im Folgenden eine Kostprobe aus einem im Verlage von F. A. Brockhaus, Leipzig, erschienenenNeisew«rk:Gal äpagosdas Ende der Welt, von William Beebe. (^Selten mit 95 bunten und einfarbigen Abbildimgon und 3 Karten). Das ?uch ist das Cigel' nis einer Crpedition nach den Galäpagosmseln. ^/^/otselhaftts Lai führt der Naturforscher seine Schar^ bereit im Dionstder W se'ssÄM die letzte Bequemlichkeit zu opfern. Die Liebe zur Natur: — fei e« «« , das kleinste Tier- ober eine mikroskopische Pflanze — ^>1 den Wissen schaftler zum Dichter werben. Die Meisterschaft seiner Ct^älsierkunst u die Tiefe seines Wissens rechtfertigen deutsche 2lilsgabenseinerW«ke, deren Anschaulichkeit unb Kraft der Darstellung verbimden mit einem feinen Humor an Wilhelm Bölsche erinnern.
Die Aufnahmsprüfung.
Bon Franz Karl Ginzkey.
Ans einer noch unveröffentlichten Reihe von „Geschichten aus seltsamer Jugend".
Das unrühmliche Ende meiner Lanfbahii in der k. u. k. Marineaka- d«nie zu Fiume, ich habe das bereits andernorts erzählt, bestimmte meinen guten Vater, mich nuiimehr der Obhut der Infanteriekadetten- schUle zu Triest anzuvertrauen. Es sollte dies bet letzte Versuch sein, mich zu einem Halbwegs brauchbaren Menschen zu machen.
Am bett Begriff Kabettenschule webte damals noch eme Art von bürgerlicher Scheu, als ginge es da um irgendeine staatlich betriebene Korrektionsanstalt oder eine heimische Fremdenlegion, worm sich alles zusammenfand, was ansonsten für das reinliche Gefüge des Staates nicht mehr taugte. Das stimmte jedoch Nicht, es befanden sich viele strebsame, tüchtige Jungens in den zehn ober zwölf 3niontottef«betten- schulen bet österreichisch-ungarischen Monarchie, sie entstammten meist den ärmeren Mittelstanbskreisen, ba das lächerlich geringe Schulgeld für jedermann erschwinglich wat, und überdies genossen ye, zum Anter- schiBe von den Akademikern, den Vorteil, nach vier Schul;ahren bereits, wenn auch nur als armselig entlohnte Kadettlein einem Regimente zugeteilt und damit ihrer heißerfehnten „Freiheit" bergeben zu sein. Ändernseits ivat es aber nicht zit leugnen, daß manchev, was sich in den Gymnasien ober Realschulen als unfähig erwies, m den Kabetten- schuken sich schlecht oder recht durchzubeißen wußte unb es schließlich zum Offizier brachte. Rückten bann die jungen Hochschüler unb Doktoren als Einjährig-Freiwillige zum Regimente ein, so wat bet einstige unbrauchbare Kamerad nunmehr ihr Vorgesetzter, zuweilen sogar ihr Schicksalsbestimmer geworben, was nicht wenig zu bet etwas mißlichen Betrachtimg beitrug, die ben aktiven Offizieren von festen akabemisch Gebildeter aus dem Zivilstand zuteil wurde.
Mein Eintritt in die Kabettenschule begann mst etwas Merkwürdigem, man wies mir nämlich klipp und klar nach, baß ich bisher ausi er Welt überhaupt nicht vorhauben gewesen sei. Ich wurde bet bet Verlesung plötzlich unter bem Namen Karl Ginzkey aufgerufen, woraus ich geflissentlich erklärte, baß ich voir meiner Geburt, bas heißt vom Sage meinet Taufe an, bie Ehre gehabt habe, Franz zu heißen, unb baß auch alle meine Zeugnisse und amtlichen Dokumente aus diesen gefälligen Namen lauteten. Wie seltsam wurde mir aber zumute, als der Schreiber mir lächelnd den Taufschein vorwies — da stand es schwarz auf wesst ich hieß wahrhaftig an erster Stelle Karl und nicht >Vranz. Ls han- velte sich jedenfalls um eine irrtümliche Eintragung m das Taufregister und niemand, auch mein Vater nicht, hatte den Taufschein jemals nahet besichtigt. Daraus folgte mm aber, wenn man es polizeilich genau nehmen wollte, daß alle meine bisherigen Lebensdokumente so gut Wie ungültig waren und ich derart vom Himmel gefallen dastand in meiner amtlich nicht zu beweisenden Vorexistenz.
Der Vorsicht halber unb wohl auch zur pietätvollen Ermnermig an meine nunmehr nur noch im guten Glauben vorhandene franziszeyche Periode führe ich von da ab bis hetste beide Vornamen vor dem Familiennamen, womit der etwas ungeziemend breite ^autn ein fitt allemal entschuldigt fei, den ich in bet Nomenklatur bet Sterblichen einnehme. Ginge es nach meiner Wahl, so hatte ich wahrhaftig «n einer einzigen Silbe genug, etwa wie der brave Chinese Ct ober Lu, doch ist die Sache nun einmal nicht zu ändern. .
Meine Wiedergeburt schützte mich im übrigen keineswegs vor der Frage, wie es beim mit meinen Kenntnissen beschaffen fei, ich hatte gleich ben anbeten bie übliche Aufnahmsprüfung abzulegen.
Anb da ereignete sich etwas durchaus Angewöhnkches, unb da ich es mm erzählen will, überfällt mich leise Besorgnis, es mögeckamst em nwrtwürbigeS Licht auf meinen Charakter geworfen werben. Ich tröffe mich aber mit bem Bewußtsein, baß es seit jeher zur Eigenschaft aller künstlerisch sick Bestrebenben gehörte, allem Tatsächlichen noch ein Endchenan sensationeller Betrachtung zuzulegen, bamit bas liebliche Spiel zwischen Wissen unb «Staunen vor sich gehe, bas man Freude an bet Kunst nennt.
Ich hatte nämlich seit meiner Ausschließung aus bet Marmeaka- bemie an gut ein halbes Jahr auf bie Aufnahme in bie Kabettenschule zu warten und daher auch Zeit genug gehabt, mich auf die Aufnahms- vrüfung in ben dritten Jahrgang vorzubereiten. Da meinem jugendlich ungebärdigen Geiste jedoch das vorgeschriebene Studium tm normalen Geleise zu wenig anregfam erschien, verfiel ich auf ben etwas anrüchigen Gebauten, zu dieser über jener Frage noch eine kleine Sensation, einen Nebenmnstand, eine Besonderheit hinzuzulernen, die ich deii vielen gelehrten Büchern meines Vaters entnahm unb womit ich meinen erstaunten Prüfern entsprechenden Eindruck zu machen hoffte. Das war gewiß nicht schön von mir, doch nach bem früher Gesagten immerhin begreiflich.
And es wäre nun Sache des strafenden Schicksals gewesen, mein schnödes Spiel zu hintertreiben unb mich mit allen mir zukommenben Fragen auf bem trockenen sitzen zu lassen. Es geschah jedoch gerade das Gegenteil, ich hatte unbändiges Glück, Frage für Trage mürbe für mich ein Treffer, immer wieder zog ich ftohlockend ein neues Sensattön- chen, eine neue Erstaunlichkeit aus dem Wundersack meines Wissens hervor unb präsentierte sie mit bem Triumph eines Zauberkünstlers bet immer verblüffter breinschauenden Prüfungskommission, die aus etwa einem Dutzend älterer unb jüngerer Jnfanterieoffiziere bestand. Man sagte mir später, der Eindruck, den meine Kenntnisse hervorgerufen hätten, sei ein geradezu bedrückender, gleichgewichtsstörenbet gewesen, und die Note „vorzüglich", bie ich aus ben meisten Gegenständen erhielt, sei mir nicht ohne Verlegenheit wie ein armes Geschenk überreicht worben, mit bem schmerzlichen Bedauern, nichts Würdigeres zur Versügimg zu haben.
Nur mein späterer Klassenoffizier, ein Heller unbestechlicher Kopf, mochte mich irgendwie ahnungsvoll durchschaut haben, denn erpflegte später zuweilen 'mit malitiösem Lächeln zu sagen: Mein lieber Zögling Ginzkey, Sie find zwar ein guter, ja ein sehr guter Schiller geworden, aber was Sie bei ihrer Aufnahmeprüfung versprachen, das haben Sie nicht im entferntesten gehalten.


