Jahrgang (927
Samstag, den 8. Januar
Nummer 2
SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Wintsrnacht.
Bon Anton Schnack.
Fahl und milchig blitzt des Fensters Glas In des Mondes grünem Zauberschein, Meine Kerze steht allein
In der Dämm'rung Riesenmatz.
Langsam und verschwiegen geht die Uhr.
Hinter dem Getäfel jagt die Maus In das Dunkel ihres Nesterbaus.
Wind pfeift auf dem Flur.
Herz für Herz schläft ein und wacht nicht mehr Und der Himmel fällt herab im Schnee, Leise stirbt im Winterwald das Reh Und die Rabenwolke kommt aus Osten her.
Eine alte Spieluhr klingt im Schrank Wie aus einem Traum heraus. Unbekannt und überirdisch schlank Tritt ein wciher Enge! in dar Haus . . .
Die Kurgans.
Von Alexander Lernet-Lolenia.
Der Verfasser der folgenden Schilderung, der österreichische Dichter Lernet-Lolenia, wurde an erster Stelle mit dem vorjährigen Kleistpreise, sowie mit dem Bremer Sckam spielpreise ausgezeichnet.
Am letzten Abend vor dem Abmarsch in den äußersten Osten der Ukraine war den Offizieren eines österreicüischen Dragonerregiments auf einem polnischen Grit ein Abschiedsfest gegeben worden. Ich erinnere mich noch des ebenerdigen, weißgetünchten Äerrenhauses und seines Säulen - Vorbaus, der hohen, nächtlichen Zimmer, in denen hier und da Licht auf :ilbernen Leuchtern brannte, des Vorplatzes, dessen Wände mit bräun- ich verbleichenden Daguerreotypien von Pferden und Lunden über und über bedeckt waren wie mit unzähligen, schmutzigen Fischsckuppen, der Zimmer überhaupt, des Kerzenlichts, das auf den Goldborten und Spangen der Offiziere und auf den» Schmuck der Damen aufleuchtete. Man tanzte eigentümliche, polnische Tänze, im Reigen sich an den Länden haltend. Der Gastgeber (der ein halbes Jahr später von den Russen erstochen worden ift),-zeigte Briefe Griegs herum. Vor de» offenen Fen- stern, im Garten mit seinen verwildernden Lauben, schwankte das Gras und das Laubwerk im warmen Lufthauch, als wüchse es in die Nacht hinauf wie in ein schwarzes Wasser, so ging es mit den Strömungen hin und her. Es schaukelte und schwamm gespenstisch in der Nacht. Damals spürte ich zum erstennral die Anzeichen der Krankbeit, die man zu jener Zeit noch nicht genau erkannt hatte und als die „spanische" bezeichnete, vielleicht deshalb, rveil sie sich im Lause Labsburg zuerst gezeigt hatte. Sie verließ uns während der ganzen nächsten Monate nicht mehr.
Wie nun, von, nächsten Morgen an, das Regiment in enormen Zügen von Waggons nach Rußland hineingefiihrt ward, eichenbcstandene Lügel Jast schon vertraut gewordener, polnischer Landschaft versanken und zurück- 'lieben, wie das Land selbst Gehöfte, Flußläufe und Bäume immer mehr in bewohnte Mulden zurücknahm, um, schließlich ganz zur menschen- losen Sleppe geworden, den ungeheuren, blauen Ausblick auf Asien freizugebcn, entstanden und verstärkten sich, neben dem reisenden Regiment, die Visionen und Schatten früherer Leere, die vor uns hier eingezogen waren. Der heiße Sommettvind begünstigte Phantasien, ja, er rief sie sogar selbst hervor, fiebrig wie er war. Ein Gefühl von »amen- losen, nomadisch durchwanderten Alter dieses Landes drängte sich auf und verstärkte sich um so unabweisbarer, als eben dieses Alter ohne hinterlassene Zeichen dahingegangen war. Unzählige Schritte ziehender Völker, Lufspuren und die Bahnen nachgeschleifter Zeltstangen waren in diesem weichen Boden und im Gras wieder verweht, aber über der Steppe selbst erschien die gleißende Lust von dem Rieseln und Wehen längst vorübergezogener und schattenhaft wieder vorüberziehender Leere erfüllt. Der berühmte, ukrainische Zug Karls des Zwölften von Schweden ward vor allen, so deutlich vor dem inneren Auge, als erhöbe sich sein furchtbares Leer, das hier gefallen war, blutig, verwest und verschmiert, in modernen Anlformen, mit Trommeln und Fahnen, aus dem Staub, aus dem glchlamm, aus dem Gras, Bataillone auf wunden Füßen und in vermorschten Schuhen, Eskadronen auf toten Pferden, phantastisch und graßllch. Es war, indem man nur um sich sah, sofort einzusehen, warum Karl im Leben nicht mehr aus diesem Land herauszubringen gewesen war, warum er sich so versessen darauf gezeigt hatte, zu bleiben, daß er mit allen Regimentern auch im Tode hier noch umging. Denn das Land
war so riesig groß, so weit offen gegen die Unermeßlichkeit Asiens, so schrankenlos für einen Schrankenlosen, daß es den Krieg, die Völkerwanderung, das Schweifende förmlich verlangte, zu sich hereinlockterund in sich dauernd erhielt. Lier war Raum zu jeder Bewegung, hier mag der König, in unserer Erinnerung, Krieg führen bis zum Jüngsten Tag.
Nach achttägiger Fahrt war das Regiment zu seinen neuen Stand- Plätzen endlich gelangt und teils in einer Stadt, deren Bewohner di« Gewohnheit hatten, bei Tag zu schlafen und Nacht für Nacht bis zum Morgen in öffentlichen Gärten und Teepavillons sich zu unterhalten, teils in entfernteren Dörfern bequartiert worden. Enorme Fabriken, wt« Laufen aufeinandergeworfenen, verrosteten Eisens, und turmhohe Gesteins- Halden und Aufschüttungen aus dem Innern der Bergwerke zeigten sich hin und wieder über der Ebene. Zwischen der Stadt und den Dörfern waren die Wege häufig abzureiten, damit, für den Fall der Gefahr, Ordonnanzen sicher sich durchschlagen könnten. Beordert, sie zu instruieren, fand ich die Kurgane.
Indem ich, gefolgt von etlichen Dragonern und Chargen, unter dem kessen Anschlägen der Säbelan die Sporen und dem Schnauben der Pferde, auf deren Sommerfell die Sonne glänzte, eine Erhebung hinaufritt, sah S vor mir den ersten Kurgan. Die eigentliche Natur des etwa zwanzig Fuß langen, zehn Fuß breiten und über mannshohen, steinuntermengten Rasenhügels, der sich wie der Rücken eines riesigen Tieres drohend aus der Steppe hob, war nicht gleich wahrzunehmen und irgendwie zu be- stimmen; vielmehr aber ging, kaum daß er ins Auge ttat, auch schon em schwer zu beschreibender Eindruck von ihm aus, unbestimmt zwar, aber einen in rätselhafter Weise aufs Tieffte angehend, eine Art magnetischen Schreckens. Cs war nicht einzusehen, warum der grasige Gegen- stand einen |o Plötzlich betraf oder was sonst Anheimliches von seiner runden Erhebung ausging wie von einem schweren Atemzug der Erde. Aber über dem Anhalten der Pferde hörte der schwache Luftzug auf, der einem das Gesicht abgekühlt hatte, die umgehängten Pelzelagen schwer und Hess; auf dem Zügelarm. Die gespenstische Litze des Mittags war plötzlich da.
Ich saß ab, ich ging auf den Erdhügel zu. In AbstLnden von Viertelstunde zu Viertelstunde etwa zeigten sich unter dem iveißlichen Limmel der Steppe andere solche Kurgane, in zwei deutlichen Reihen von Osten nach Westen ziehend, abwechselnd links einer und rechts einer, gleichsam Fußstapfen eines übergewaltigen Tieres. Eine Direktion war entschieden, es sah wie Wegzeichen aus, wie eine Straße, eine Leerstraße. And kaum war der Gedanke gefaßt, so erzeugt er auch schon Leben. Es waren Völker hier gezogen. Das stellte sich der Einbildung dar. Als rieselte Wind durch das Gras, als schlichen die Füße Ansichtbarer, fing in der heißen Stille ein Geräusch von vielen Schritten an, von geisterhaften Schritten sich bewegender Menschen und Pferde, ein leiser Lärm wie von Wagen und Vieh, schwach im Anfang, dann deutlicher und deutlicher, em Glitzern ging in der Lust mit, man bildete sich ein, einen schwachen Andrang zu spüren wie vom Wind, vom Luftzug der Phantome. Die Stelle war zauberisch offenbar. Kaum waren sie imaginiert worden, so zogen sie auch schon wieder vorbei: Völker, von Osten nach Westen. Das war ihr Weg gewesen, fein innerer Linweis auf ein Ziel zu, sein Zwang, zu geleiten, war nach Jahrtausenden noch immer so stark, daß die Bewegung Wandernder in ihm unsichtbar lebendig blieb und sich auf das Gemüt übertrug. Er füllte sich, so wie einem nur der Gedanke daran kam, mit Schatten an, ziehenden Schatten, wandernden. And da, mit einem neuen Erschrecken, fiel einem ein, daß, wenn Völker hier gegangen wären, auch das eigene dabei gewesen sein werde, Leute au» eigenem Blut, hier, von dem Osten her nach dem Westen hin, an die hun- dert Geschlechte vorher, aber doch von demselben Blut, das man noch in sich selber spürte. Die waren hier gezogen. Auf wen zu? Auf einen selbst. Lier, in unglaublicher Fremde, fand man seine eigene Spur.
Sier waren sie vorüber: Männer, Frauen, Kinder; Ahnherren, Verwandtschaft von ftüher, reiner noch als wir, ungeheure Verheißung mit sich bringend aus dem Paradies. Das war chr Weg nach Europa ge- wefen, diese Kurgane waren ihre Gräber. Wie Ermüdende zu Seiten der Straße liegen bleiben, waren sie aus dem Zug des Seers getreten, da hatte man sie begraben unter den heiligdrohenden Malen der antikischen Kurgane, als Wegweiser der Zukünftigen, diese, die Toten, die man hier in der Ferne wiederfand die so gewesen waren wie wir selbst. Die ganze Erschütterung, die geheimnisvolle, furchtbar-sinnliche Gewalt des BluteS spürte man über diesem Wiederfinden in sich selber. Zu denken: hier waren sie zu Pferd begraben, die aus dem Völkerzug, hier, angesichts ihres Weltweges, schwand die Zeit zu nichts, noch immer war alle Verheißung und Wanderung gegenwärtig wie seit je, und als man wieder aussaß, um weiterzureiten, trug einen das lebendige Pferd nochimmer so, und mtt allen Waffen, wie innen im Lüge! den gewafsneten Toten das tote.


