Unter ben wMichen Beschäftigungen dieses gläubigen Volkes sind einige merkwürdige Industrien ju erwähnen: der mit Schlingen betriebe!« Fang des Moschustieres (Moschus ist in Tibet ein wertvoller Ausfuhrartikel) und die Massentötung von Rehen, zur Gewinnung der neu aufsprichen-den Geweihe, der eine ungeheure Bedeutung in der höchst abenteuerlichen medizinischen Wissenschaft der Chinesen haben. Auch -uniqe Bergwerke zur Gewinnung von Blei, Eisen und Gold sind hie und da vorhanden. Manche Klöster betreiben Massenherstellung und t Berkaus von schwervergoldeten Götzenbildern; eine Industrie von Be- : ■Deutung, die in Litang blüht, ist der Druck religiöser Bücher.
Das „Kanjur", die buddhistische Bibel, und das „Tamjur", der Kom- •: .nentar dazu, umfassen je 108 Bände. Sie werden mit Hilfe von Holz- ■töcken, rote sie vor der Erfindung Gutenbergs auch im Abendlande gebraucht wurden, gedruckt. Auch herrliche handschriftliche Bibeln, manche m Gold und Silber, auf schwarzem Tuschegrund geschrieben, werden hergestellt.
Dte schönsten handschriftlichen Bibeln werden in Tibet eben im geheimnisvollen „Tempel des Lebens" angefertigt. Diesen sagenhaften ' Tempel hat Lja Zsin „mit eigenen Augen" gesehen und erforscht: er weilte ; in diesem Heiligtum mehrere Wochen als Gast der Mönch-Philosophen. । Der „Tempel des Lebens" befindet sich in einem der unwegsamsten Teile i des chinesischen Tibets. Um zu ihm zu gelangen, mutzte Dr. Lsa Zsin . unter austerordentlichen Schwierigkeiten die Wüste Gobi durchqueren. > Durch wellenartige, mit Schutt überzogene Höhenzüg« bahnte er sich , l'ciwn Weg, durch Lehm- und Kiessteppen, welche mit Zwiebelgewächsen, I dickwurzeligen Rhabarberarten, stacheligen Agriophyllum, Gobicum, Kobresia Tibetica und anderen seltenen Herbarien bedeckt waren, führte lein Weg.
Schließlich — erzählt Dr. Lsa Zsin — erreichten wir ein mit Schnee '-edecktes, hoch über dem Meeresspiegel gelegenes Plateau. Von hier hielten wir Ausschau, und wie groß war unser Erstaunen, als wir Nützlich jenseits des Plateaus ein Tal unter uns bemerkten, das, durch Warme und Fruchtbarkeit ausgezeichnet, einen seltsamen Kontrast zu dem mit Schnee bedeckten unfruchtbaren Berg blldete, auf dem wir itanden ... In dieser Ebene bemerkten wir zahlreiche Steingebäude, deren Baustil unsere Verwunderung erregte. Auf der einen Seite der Ebene gewahrten wir eine Anzahl hochragender Gebäude, von maje- ■tätischer Schönheit, die, wie wir nachher erfuhren, in ihrer Mitte den .Tempel des Lebens" bargen . . .
Der Ursprung dieser Gebäude und des aus schwarzem Basalt und grauem Granit aufgeführten „Tempel des Lebens" verliert sich im Alter- ium. Es ist kaum möglich, feftzustellen, wer sie erbaut hat, und in welchem Zeitalter diese erfolat ist. Tatsache ist jedenfalls, daß sie älter als die „Große chinesische Mauer", älter als das Grabmal des Bao-Zfy, älter als die ältesten Pagoden Indiens, älter sogar als die ägyptischen Pyramiden sind. Den Grund, daß vom Dasein dieses tibetanischen Tempels s in die zivilisierte Welt bis jetzt noch keine Kunde gedrungen war, sieht Dr. Lja Zsin erstens in der völlig abgeschlossenen Lage des Tempels, in < einem kalten, unwegsamen Lande, weit entfernt van jeder menschlichen ; Behausung, andererseits aber in der Tatsache, daß alle Mönche, die sich ; im Laufe der Zeiten freiwillig in die Einsamkeit dieses Tempels verbannten, gleichzeitig absolutes Schweigen gelobten, denn nur aus diese Weise glaubten sie sich gänzlich von der Außenwelt abschließen zu können.
So kam es — erzählt Dr. Lja Zsin —, daß die Existenz des „Tempels des Lebens", der jahrhundertelang der Zufluchtsort großer Geister und Propheten geroefen ist, bis zu heutiger Zeit der Welt ein völliges Geheimnis blieb. Diejenigen Reisenden, die den Tempel zufällig entdeckten, blieben entweder für den Rest ihres Lebens dort, oder starben auf dem ■ Rückwege in die „zivilisierte Welt" vor Hunger und Entbehrungen, wah- s rend die wenigen Menschen, denen es gelang, lebend zurückzukehren, i unzweifelhaft geschworen haben, nichts von dem zu verraten, was sie im Tempel gesehen oder gehört hatten. Dr. Lja Zsin wäre es vielleicht nicht geglückt, den sagenhasten Tempel aufzufinden, wenn ihn nicht ein Pilger aus Neapel, den er unterwegs getroffen und dem er das Leben gerettet hatte, zum Dank für diese Tat in die beschriebene Eben« geführt hätte.
Zum „Tempel des Lebens" führt eine glatte, gut gepflasterte Straße. Auf dieser Straße — berichtet Dr. Lja Zsin — gelangten wir in das Dal, das vermöge seiner seltsamen klimatischen Verhältnisse inmitten von Frösten und Schneestürmen, die zehn und mehr Monate in diesem rauhen Lande herrschen, vollkommen bewohnbar ist. Als mir schließlich der Eintritt in den Tempel gestattet wurde, gelang es mir, die Hieroglyphen zu entzifsern, die in den Mauern jener düsteren Hallen eingegraben sind, in deren Inneres noch nie der Lärm der Außenwelt gedrungen ist.
Zu den frühesten Bewohnern -des Tempels müssen augenscheinlich Chaldäer, Inder und Chinesen gehört haben. In dem Maße jedoch, wie im Laufe der Zeiten Gerüchte über den „Tempel -des Lebens" nach allen Weltteilen der Erdkugel drangen, müssen sich auch die Mystiker anderer Rassen und Religionen allmählich im Tempel eingefunden haben. Zur Zeit der Anwesenheit des Dr. Lja Zsin im Tempel befanden sich dort ca. 200 Mönche, die sich als „Mystiker" bezeichneten. Unter ihnen be- merkte Lja Zsin Bertreter von 20 verschiedenen Nationen und Glaubenslehren. In der Mehrzahl waren es Tibetaner, Stober und Chinesen. Es gab dort aber auch einige Perser, einige Russen und gar je einen Deutschen und Amerikaner, doch keine anderen Europäer.' Der Tempel und das ihn umgebende Dörfchen sind ausschließlich von Männern bewohnt, noch nie war einer Frau der Zutritt zum Tempel gestattet worden. Die Männer, die im Tempel ihre Zuflucht suchen, um sich hier ihren philo- sophisck)en Studien hinzugeben, müssen einen Eid ablegen, ihren Angehörigen und Freunden der Außenwelt nie mehr ein Lebenszeichen von sich zu geben und nie mehr mit der Außenwelt irgendwie in Berührung zu treten. Zwischen Tempel und Außenwelt gibt es keinen Verkehr. Die Ebene ist von der äußeren Welt abgeschlossen, ja vollkommen losgelöst, sie ist eine Welt für sich, wo es nichts gibt, was dte
Denker von ihren Bestrebungen, die Probleme des Daseins zu ergründen, ablenken könnte. .
In einem der Heiligtümer des Tempels gelang es mir, eine seiner merkwürdigsten Reliquien in Augenschein zu nehmen: dte Mumie eines dort vor 350 Jahren verstorbenen Weisen, gekleidet in tibetanische Nationaltracht, saß in einem Sessel, mehr einem Schlafenden, als einem vor Jahrhunderten Verstorbenen ähnlich. Vor ihm auf dem Tisch lag ein unvollendetes Manuskript, an dem er zu Lebzeiten gearbeitet hatte. Der Körper war, obwohl gelb und ausgetrocknet, außerordentlich gut erhalten. Die mystische Atmosphäre des Tempels hatte bereits eine Anzahl Legen- ben um den Körper dieses toten Weisen gesponnen. Unter anderem versicherte man mir, daß seit seinem Tode sein Körper sich mehrmals bewegt hätte und einmal auf drei Tage sogar gänzlich verschwunden wäre. Einst — so lautet eine weitere Legende —, als die Wach« den Raum betrat, in dem dte Mumie ruhte, fanden sie das Manuskript zu End« geführt auf dem Tische liegen. Der Schluß desselben war eine Mitteilung, welche eine Prophezeiung über die nächsten Deltereignisse enchielt.
Die Bevölkerung des Dates ist vom übrigen Tibet völlig unabhängig. Die Kleidung, die sie trägt, und die Nahrung, die sie zu sich nimmt, sind Früchte eigener Arbeit. Fleischspeisen gibt es dort nicht, der Speisezettel besteht ausschließlich aus Honig, Hülsenfrüchten, Gemüse und Obst. Auch die Einrichtung des Geldes ist hier unbekannt. Die heiligsten Schätze des Tempels sind'die Manuskripte, dte die Bibliothek des Tempels süllen, und eine große Anzahl Karten und Instrumente, zum Studium der Astronomie, Astrologie und anderer Wissenschaften.
Wie Dr. Lja Zsin ferner ergründete, verdankt das herrliche Tal sein« Wärme und Fruchtbarkeit den dort im Ueberfluß vorhandenen warmen Quellen, infolge derer die Temperatur im Tal um vieles wärmer ist, als die der es umgebenden Wüste. Der Boden des Tales ist außerordentlich fruchtbar und imstande, eine größere Bevölkerung zu ernähren. Wie Dr. Lja Zsin berichtet, durfte er im Tal drei Monate verweilen. Als er sich bereit machte, seine Rückreise anzutreten, wurde ihm erklärt, er dürfe in der „anderen Welt" über alles reden, was er im Tempel gesehen und gehört- habe, doch unter der Bedingung, daß er über die Theorien des Okkultismus, um deren Ausarbeitung die Weilen im „Tempel des Lebens" bemüht seien, nichts berichten dürfe . . .
Vom Meichgewichisfrnn der Pflanzen.
Von Priv.-Doz. Dr. Robert Petonie, Berlin.
Wir Menschen haben fünf Sinne. Dies ist jedenfalls die althergebrachte Meinung. Ab und zu kommt es jedoch vor, wir hätten einen sechsten Sinn.
Diejenige, die im Ernst oder Scherz allen oder mandyen Menschen einen sechsten Sinn zusprechen wollen, ziehen zu diesem Zweck meist Eigenschaften heran, die den Titel eines sechsten Sinnes langst nicht in dem Maße verdienen, wie mancher von den wenig bekannten -Linnen, die dem Menschen tatsächlich noch eigen sind, und die juy bloß nicht jo großer Augenfälligkeit erfreuen wie unsere fünf berühmtesten Sinne.
Einer dieser wenigen bekannten Sinne ist der Gleichgewichtssinn, ^ as Organ dieses Sinnes hat seinen Sitz im inneren Ohr. Wenn wir dieses Organ nicht hätten, dann würden wir wohl nicht befähigt sein, aufrecht zu stehen, wir würden die unwillkürlichen Schwankungen unjeres Körpers nicht auszugleichen vermögen, ja, wahrscheinlich würden wir mcht einmal wissen, was oben und was unten ist. Die wichtigsten Bestandteile dieses Gleichgewichtsapparates sind einige kleine «teiiichen, dl« man früher als man ihre Funktion noch nicht kannte, als Gehorsteinchen zu bezeichnen pflegte. Da diese kleinen Steinchen sich in einem Raum be- finden, in dem sie frei beweglich sind, begeben sie sich, immer der Sa)wer- kraft folgend, an die unterste Stelle dieses Raumes, und da dessen Wan- dungen außerordentlich empfindlich sind, so kommt uns die jeweilige Lage unseres Körpers durch die Lage der Steinchen aufs genaueste zum Bewußtsein. . . . . ,
Gerade die Betrachtung des Gleichgewichtsstnnes ist nun jo besonders reizvoll, well er sich als ein Sinn erweist, der bei den allerverjchiedeiiften Lebewesen in ausfällig ähnlicher Form vorhanden ist. Suchen wir zum Beislpiel bei der Pflanze nach Augen, so werden wir an das was wir bei uns Augen nennen, nur ganz ferne Anklänge sinden. — Wie könnte aber ein Gleichgewichtsorgan anders beschaffen sein als das unsere? Es ijt ia alles Mögliche denkbar, aber wohin wir auch unsere Phantasie lenken mögen, es fallen uns immer nur Apparate ein, die der praktischen Ein- fachheit unseres eigenen Gteichgewichtsorgans entbehren. Wenn aber sie Tiere einen Gleichgewichtssinn nötig haben, dann ist cs recht rraheuegend, bei der Pflanze auch einen zu vermuten. Eine Wurzel wachst doch zum Beispiel genau senkrecht in den Boden und weicht von ihrer Bahn nur bann ab,' wenn besondere Hindernisse sie beiseite drängen. Em Stenge wächst gerade in die Höhe und kann nur durch ständigen Wind ober durch Lichtmangel abgelenkt werden. Unbedingt drängt uns bas jui bet Frage: Hat denn die Pflanze einen Gleichgewichtssmn nicht ebenso nobg wie wir selbst? In der Tat, wenn man so sieht, wie die Pftenz« sich im Raume verhält, dann möchte man fast meinen, sie „wußte , was obc und was unten ist! Eingehend haben denn auch ine Botaniker das J mere bes Pflanzenkörpers studiert, und wir können heute sagen, nicht nur ve> >ins, sondern auch bei der Pflanze finden sich Slnuesorga^, die wi^ ohne weiteres unserem eigenen Gleichgewichtsapparat an die Gute f fDP®er Apparat.der Pflanze besteht meist aus einer größeren AnzaPwon Zellen, und in jeder dieser Zelten besinden stch
Diese Wände der Zellen sind ganz wie bei uns oußmcordentlich empftnb lich, sozusagen mit Nervenfubstanz belegt und so wird es den Wachsenden Teilen der Pflanze sofort zutetegraphiert, wenn ine Swrkekomchcn aus andere Zellwände geraten als auf die die zu unteZt li g j Durch Wachstum in den Gelenken des Wanzenstengeks, das heißt also n den Knoten, biegt sich dann der eventuell aus dem Gleichgewicht gerat Stengel wieder gerade. ___
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