Mi
Es hieße Nietzsches steile Gestalt, ihre harten Ecken und Kanten ängstlich abschleisen und liebenswürdig »erstachen, wollte man neben dem faszinierenden Menschen und dem hymnischen Dichter nicht auch das ehen, was die dritte ausschlaggebende Komponente seines Wesens ausmacht, nämlich: den wortgewaltigen Prediger. Und in die Predigersphäre — Nietzsches Größe wie seine Grenze bezeichnend — gehört denn auch alles das, was als drohende Gefahr, als schreckhaft umstürzlerische Dmnonie an seiner Persönlichkeit vor allem gewirkt hat. Nur hat man meist überhört, daß aus dem, was als eigentliche Nietzschsgefahr gilt, den gottverneinenden Predigerworten — nicht so sehr die johanneische Borläuferstimme einer neuen Lehre redet, als vielmehr ein erbarmungsloses Zeitgericht, das äußerst zugespitzte Urteil über eine Zeit, der auch wir noch vielfach angehören. — War Nietzsche Antichrist? Za, aber er hat selbst das Christentum ,chas beste Stück idealen Lebens genannt, welches er kennengelernt habe" — „ich bin nie im Herzen gegen dasselbe gemein gewesen", heißt es noch 1881 — und hat vor allem gegen das flach und bescheiden gewordene Christentum einer Zeit gekämpft, die keine christliche Stärke der Seele, keinen großen Glanbensheroismus mehr — War Nietzsche Atheist? Ja, aber neben der extrem-blasphe- Formel „Gott ist tot" sicht jenes ungeheuerliche Gleichnis vom "rollen Menschen", der am Hellen Vormittag eine Laterne anziindet, aus den Markt läuft und unaufhörlich schreit: ,Sch suche Goft! Ich suche Gotti — Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Goft glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Aber der tolle
durch einen „Sturmwind der Freiheit wi« umgewandelt fühlte, gleich Einem, der plötzlich in seine Höhe gehoben ist und Flügel bekommt?
Neben den sympathischen Zügen reiner Menschlichkeit und einem hohen, menschenverwandelnden, pädagogischen Ethos — ist es «in Drittes gewesen, das die eigentümliche Faszination der menschlichen Persönlichkeit Nietzsches ausgemacht hat, nämlich jenes „immer mit einem Füße jenseits des Lebens Stehen", von dem er selbst noch ganz zuletzt im „Ecce homo“ als seinem tiefsten Wesensmerkmal spricht. Als etwas „völlig Unheimliches, eine unbeschreibliche Atmosphäre der Fremdheit" hat Erwin Rohde diesen Wesenszug im späteren Nietzsche empfunden: „als hätte er ich über den Dunstkreis, in dem wir alle Herumwanken und Luft chnappen, emporgeschwungen, und die Erde mit ihrem Dunstmantel leiste unter ihm — als käme er aus einem Lande, wo sonst niemand wohnt". Aber was Rohde hier — feem Freunde der Jugend schon inner« lichst entfremdet — mit dem Schauder des gesicherten Bürgers als das unheimliche Etwas einer sich tragisch vollendenden Seele schreckhaft erkennt — diese seltsam zeitlose Atmosphäre hat Nietzsches ganzes Wesen von Jugend an geheimnisvoll umgeben. Aussagen seiner Schulkameraden und seiner Freunde bekunden dies übereinsttmmend. Und hält man unter den Schülern Umfrage, denen Nietzsche während seiner Baseler Lehrzeit am Gymnasium griechischen Unterricht gab, „so scheinen sie einig" — wie selbst der skeptische Bernvulli zugibt — „in der scheuen Empfindung, sie hätten da nicht so sehr einem Berufspädagogen zu Füßen geseflen, als etwa einem leibhaftigen Ephorus aus Alt-Griechenland, der Mit einem Sprung über Zeit und Sitten hinweg mitten unter sie trat, um ihnen von Homer, Sophokles, Platon und ihren Göttern zu erzählen. Als berichte er aus eigener Anschauung von ganz selbstverständlichen mrd noch vollauf zu Recht bestehenden Dingen — so wirkte Nietzsche auf sie." Solch vollkommen priesterliche Wirkung weist nun schon über die naturgegebenen Grenzen seines zeiüich bedingten Ich, über die bloß faszinierende Persönlichkeit hinaus, auf jene „Welt hoher und zarter Mnge" hin, die — wie er selbst bekannt hat — feine innerste Leidenschaft "si entbindet, jene priesterliche Sphäre, in der nicht mehr der Mensch Nietzsche sich persönlich auswirkt, sondern als Dichter einer über« persönlichen Ordnung des Geistigen dient.
Welcher Art diese Geistordnung ist, der Nietzsche als Dichter dient, kann nicht mehr zweifelhaft [ein. Es ist das Reich der klassischen Antike, als dessen leibhafter Abgesandter schon der lehrende Nietzsche feinen Schülern erschien. Und damit ist auch die Stufe des Dichterischen bezeichnet, welcher große Hymniker seit Hölderlin, und in der dithyrambischen Hölderlinsphäre wurzelt — wenn auch nicht ausschließlich — die Zarathustradichtung. Denn die blitzhaste Ekstasis jener dreimal zehn Tage, in denen Nietzsche die ersten drei Teile des „Zarachustra" empfing, das verzückte Gefühl: „bloß Jnkarnatton, bloß Mundstück, bloß Medium Übermächtiger Gewalten zu sein", dies: „nur im Tanze weiß ich der höchsten Dinge Gleichnis zu reden" — das ist in der opfervollen <Älbst- oufgabe und Hingabe an den göttlichen Rausch durch und durch pindarisch, hölderlinisch, ganz im Sinne des dithyrambischen Dichters, „dem es geziemt, unter Gottes Gewittern zu stehen und den Blitzstrahl des Zeus, den reinen, als Feiergesang in der Seele zu empfangen." — Es machte den besonderen Zauber der Persönlichkeit Hölderlins aus, daß er — wohl auf Grund geheimer Wahlverwandtschaft zwischen Germanen- und Griechentum — den Traum der Antike noch einmal leibhaftig gelebt h«t, als ihr letzter priesterlicher Dichter, in einem wahrhaft jugendlichreinen Sprachlech. Und wenn auch in Trauer über eine entgötterte Welt, fo singt Hölderlin doch reine Begeisterung, selige Gewißheit der „emigen Götter" der Antike. Hier scheidet sich Nietzsche, wie sehr immer in der dichterischen Form einzig Hölderlin vergleichbar, von der hellenischen Gläubigkeit des Empedokles- und Hyperiondichters. Denn fein Zarathustra ist wirklich gottlos, wenn auch gottlos aus heiliger Not: er glaubt -war nicht wie Empedokles an Götter, die da sind, wohl aber an ein Göttliches, das er nach dem Bilde der Antike erst schaffen will. Ist somit Hölderlin noch ganz priesterliches Gefäß seines Götterhimmels, so ist Nietzsche nur noch der leidenschaftliche Predigerruf nach einer neuen Göttlichkeit. Und das gibt Nietzsches ganzer Dichtung im Gegensatz zur „heilig-nüchternen Trunkenheit" des Hölderlin, das großartig Zwiespältige, das schmerzhaft Ungelöste, die rhythmisch scharfe Gespanntheit: sie von neu ersehnten, aber nie geschauten Dingen als einer seligen Gewißheit dithyrambisch fingen und mutz dies Neue zugleich in zersetzender Rede predigend bilden und bannen; sie ist bildender Gesang, gedichtet und verdichtet, sie ist dichterische Schau und in einem aber ebensosehr zersplitterndes Sagen, sie ist mehr geträumt als bildhaft hadernde, heischende Predigt.
Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicke». Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben iti# getötet — ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder!" — „Möws Gottes" — mit dieser grausigen Formel ist der innerste Kern von Nietzsches Atheismus bloßgelegt: er ist nicht etwa Grundergebnis rein metaphysischer Spekulationen wie bei Schopenhauer, keine Gottesleugnung aus letzter philosophischer Konsequenz, keine lehrhafte Leitidee auch eines neuen Propheten, sondern richtende Feststellung, anklagende Aussage über den Geist seiner Zeit, die entgöltet« Atmosphäre der Modernität, in der Nietzsche atmen mußte — und schließlich ek- stickte. Wie jener Ruf: Der große Pan ist tot! zu Zeiten des Tiberius durch die sterbende alte Welt gehallt sein soll, so hallt jetzt sein Ruf: Gött ist tot! schauerlich durch die „ungeheure, überall empfundene Leere her Moderne", das entseelte Zeitalter der Technik und der Industrie — und bezeichnet auch für ihn das Ende einer ganzen Welt.
Denn Nietzsche, der als frommes und gläubiges Kind im Theismus aufwuchs, weiß mit unheimlicher Gewißheit um das, was aus dem Atheismus, dem fortschreitenden Niedergang des christlichen Weltbildes für Europa kommt, notwendig kommen muß. „Was taten wir" — fragt fröstelnd fein „toller Mensch" in der vollen Erkenntnis feiner fürchterlichen Mordtat — „was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Gibt es noch ein Oben und Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort Nacht und mehr Nacht?" — Was Spengler, im deutlichen Anschluß an Nietzsche, nur als das Gefühl der herbstlichen Überreife, als organische Begleiterscheinung einer sterbenden Kultur versteht, die ganze Fülle von Verarmung, Vereisung, Zersplitterung unsres modernen Lebens, dies immer zunehmende nihilistische WÄtgefuhl, das Europa drohend überschattet — diesen „Untergang des Abendlandes" Hai Nietzsche, aus tieferer Einsicht heraus, als die notwendige Folge der modernen Entgottung von Natur und Leben schon lange vor Spengler unheimlich klar vorausgesagt. Nietzsche, der in sich selbst den „Mörder Gottes" wie in jedem Kinde seiner Zeit eMickte, der sich — als der „ekstatische Nihilist", der er ist, — nur zu gut an allem Kommenden mitschuldig wußte — Nietzsche ist damit der erste Philosoph und Prophet jenes drohenden gesamteuropäisch«: Nihilismus, der kommt, kommen muh, wenn die moderne Weltentgoftung weiterfchreitet. Und diese ganze ungeheure .Logik von Schrecken, diese lange Fülle und Folge von Abbruch, Zerstörung, Untergang, Umsturz, diese nihilistische Verdüsterung und Sonnenfinsternis", die ihre kalten Schatten über Europa schon oor- auswirft — all das als Erster vorausgeschen, oerausgesagt, ja mehr noch: im eigenen Innern schmerzhaft vorauserlebt, stellvertretend vorausgelitten und schließlich noch — als der Geopferte und der sich wMg Opfernde in Einem — mit seinem tragischen Schicksalsende mythisch groß besiegelt zu haben: darin, wenn irgendwo, liegt die strenge Sttm- haftigkeit, die mahnende Borbildlichkeit seiner Gestalt, darin bestcht Nietzsches große abendländische Sendung.
Der Tempel des Lebens.
Eine Milofophenschule im dunkelsten Tibet.
Von Harry v. H a f f e r b e r g.
Fast bei allen Völkern des Ostens hat sich der Glaube an eine tief im Innern Asiens, in feen Bergen verborgenen „Tempel des Lebens" erhallen, in dessen Einsamkeit die Bettler-Philosophen aller Rasse« und Glaubensbekenntnisie Zuflucht suchen, um hier, still und verborgen, das ewige Rätsel des Seins zu ergründen. . .
Roch keinem Gelehrten oder Reisenden war es jedoch bisher gelungen, diesen geheimnisvollen Tempel ausfindig zu machen, ja nicht einmal feine ungefähre Lage zu erfahren, so daß die meisten Forscher das Märchen vom „Tempel des Lebens" entweder für ein Märchen hielten oder glaubten seine Existenz in längst vergangene Zeiten verlegen zu müssen.
Nun aber ist es einem im Fernen Osten bekannten mongolischen Forscher, Historiker und Archäolimen, dem Chinesen Dr. Lja Zsin, gelungen, unanfechtbare Beweise dafür zu erbringen, daß der „Tempel des Lebens" tatsächlich existiert; er heft ihn selbst besucht. Die CinzÄheiten darüber durften bas größte Interesse der Mitwelt beanspruchen. Die „Shanghai Times" gibt folgende Schilderung seiner Erlebnisse wieder:
Die Klöster im inneren Tibet sind reich an Geld und Land, sie beziehen ihr Einkommen aus dem Verkauf von medizinischen Kräutern und Gesundbeten, von Landverpachtungen und Leihgeschäften mit den Städtern. Der Einfluß und die Vorzugsstellung der Mönche ist ganz außerordentlich, denn feie Tibetaner sind eines der religiösesten Völker der Erde und begegnen dem Geistlichen mit größter Ehrfurcht. Die Erziehung der Söhne reicher Familien liegt ebenfalls in Händen der Priester. Diese Erziehung ist indessen meist recht oberfläiWch, denn sie besteht nur im Aussagen unendlich langer Gebete oder des unvermeid- lichea „Ommani-padme-hum", des „Schlüssels zu hohen Verdiensten"; bas letztere ist eine Art von religiösem Mrakadabra, durch dessen be= ständige Wiederholung Tibetaner wie Mongolen sich irdisches Glück, Wohlergehen nach feem Tode usw. zu sichern überzeugt sind. TaAfendmal am Tage wird es von den Gläubigen, oft mä Hufe von Rosenkränzen, aufgesagt. Auch die mechanische Wiederholung gilt für verdienstlich, daher die Erfindung von feen „Gebetsrüdern : auf viele Meter lange Papierstreifen geschrieben, wird bas „Om-mam“ in solchen Gebetsmühken niedergelegt, die meist mit der Hand gebrsht, zuweilen aber auch durch Wasserkraft getrieben werden. Seftiamer noch ist, daß die heiligen Worte auf Tausende von F<chuen geschrieben werden, feie man auf ©fangen und an Schnüren im Winde flattern laßt. Mit feen Gebetsrädern verbundene Windmühlen tragen das .Mechanische Gebet", es soll, nach Ansicht der Tibetaner, besonders „weittragend" sein . .


