Der Gelehrte ging weiter seiner Arbeit nach, zur Bibliothek, mittags »u einem kleinen, in der Nähe gelegenen Restaurant, abends mit einem längst zur Gewohnheit gewordenen Umweg durch die schöne Strada degli Erimiti nach Hause. In dieser Straße war seit langem ein Lotterieladen, den er nie beachtet hatte, in dessen Schaufenster hingen, nebeneinander geklebt, Lose und Plakate des nächsten Ziehungstermins. Hier blieb unser Mann einmal stehen, sah die Lose an, las die Gewinnsumme, die in riesigen Ziffern über die Plakate marschierten, und war plötzlich im Laden, ohne selbst zu wissen, wie. Er kaufte zwei Löse, deren Wahl er dem Verkäufer, einem älteren kleinen Mann überlieh.
Am andern Tag wählte er abends den näheren Weg nach^Hause; sucht, kaum in seinem Zimmer, unter seinen Notizbüchern ein noch unbeschriebenes hervor und beginnt auf der ersten Seite mit dem Datum des Kauftages Äe Nummern der beiden Lose einzutragen.
Der nächste Tag findet ihn merkwürdig zerstreut. Nach dem Mittagessen beschließt er, in die innere Stadt zu fahren, zum Corso Lionardo, wo er msfteigt und inmitten der langsam flanierenden Spaziergänger dem altzm Theater zugeht. Bor ihm her geht ein Mann, ein großer, etwas gebückt schreitender Mensch, sonderbar nachlässig angezogen, mit einem Spazierstock in der rechten Hand, einem dünnen grünen Rohr, den er zu lebhaften Figuren schwingt. Ein sonderbares Interesse läßt ihn den Fremden beobachten; der biegt plötzlich, nicht ohne sich nach ihm umzusehen, in eine Nebenstraße, die menschenleer daliegt, und in die hinein er dem Fremden folgt. Kaum hat er hier einige Schritte getan, als der andere vor einem leinen Laden stehen bleibt und, die Hand auf der Klinke, auffordernd zu ihm zurücksieht. Dolci kommt langsam näher; der Mann ist im Laden verschwunden; es ist ein Lotteriegeschäft, in das nun der Gelehrte ebenfalls eintritt. Hier findet er den sonderbaren Spaziergänger hinter dem Ladentisch, anscheinend als Besitzer des Ladens, und auf ihn, beide Hände flach auf den Tisch gestützt, bereits wartend. Ohne daß er etwas zu äußern brauchte, schlägt der Mann ein Buch auf, eine Liste mit aufgereihten Zahlenreihen, die er dem Käufer (denn nichts anderes kann Dolci hier fein) vorlegt. Mit ein paar Strichen bezeichnet der so Aufgeforderte die gewählten Nummern. Der andere blickt auf die angestrichenen Ziffern, sieht dann zweifelnd wieder den Gelehrten an und fragt endlich, ob er wirklisch die so flüchtig und ohne Ueberlegung ausgewählten Lose wünsche.
__ „Was hilft hier Ueberlegung," antwortet Carlo Dolci, über diese Frage etwas verwundert, „hier, in einem Lotterieladen, einem Bureau des unbestechlichen Zufalls, hört wohl alle Ueberlegung auf."
„Wollen Sie den nicht gewinnen?" fragte der Besitzer eindringlich zurück.
„Doch," gibt der Gelehrte lächelnd zurück, „ich kam eigentlich her mit der Hoffnung, das große Los zu ziehen, doch was kann ich, sagen Sie selbst, dazu tun?" Hier sieht er den Verkäufer langsam und bedauernd den Kopf schütteln, noch einmal die Zahlen prüfen und dann die betreffenden Lose aus einem geordneten Pack heraussuchen.
Zu Hause trägt Dolci in seinem Büchelchen die Nummern ein; will dann noch arbeiten, muß aber erkennen, daß es ihm dazu an Kraft und Ruhe fehlt. Er geht bald schlasen. —
Diese Gänge in den Lotterieladen häufen sich; kaum vergeht ein Tag, wo er nicht in das kleine Geschäft eintritt, darin der sonderbare Besitzer auf ihn schon immer zu warten scheint, und ein paar Loose kauft, die er jetzt gar nicht mehr bezeichnet, sondern, trotz dessen sichtbarem Widerstreben, vom Besitzer sich einfach zureichen läßt. Das Benehmen dieses Mannes wird sichtlich immer trauriger und verstörter. Und auch Dolci, aus ihm selbst unerklärlichen Ursachen, verbringt den ganzen Tag arbeitsunlustig und in Unruhe, um abends stundenlang die Eintragungen in seinem Notizbüchelchen zu betrachten. Allmählich haben die untereinander geschriebenen Zahlen eine Menge Seiten gefüllt; es wird nötig fein, die Lose, die er bisher in ein Schubfach seines Schreibtisches getan hat, zu ordnen und zu bündeln. —
Eines Tages denkt er an den weit zurückliegenden Traum jener Nacht, denkt an die Ziffer, die ihm sofort wieder einfällt, 3468, und hat einen Gedanken, den er gleich als abergläubisch und beinahe verrückt fallen läßt. Doch wie er sich ihn gänzlich zu vergessen, auch müht, in einer tieferen Schicht feines Bewußtseins liegt diese beunruhigende Idee fest eingebettet und ist nicht mehr vollständig zu bannen. —
Auf der Bibliothek haben Kollegen dem plötzlichen Ausbleiben Dolcis nachgeforscht; einmal, kommt ein befreundeter Gelehrter zu ihm ins Haus und ist erschrocken, den ruhigen, bisher ganz feiner Arbeit lebenden Mann verändert und in seltsamer Apathie auf dem Ruhebett seines ungeordneten Zimmers liegend zu finden, von wo er auch zur Begrüßung sich nicht erhebt und alle Fragen nach seinem Befinden, nach seiner Arbeit ausweichend und verwirrt beantwortet. Die befragte Hüterin des Hauses sagt ihm, daß Dr. Dolci schon seit längerer Zeit nur noch abends ausginge, kaum eine Stunde fortbleibe und im übrigen auch ihr durch fein krankes, wirres Aussehen schon Schrecken gemacht habe.
Dieser Mann, dem Dolci wirklich zugetan war, glaubt die Erkrankung des Gelehrten seinen Angehörigen, deren Aufenthalt er weiß, nicht verheimlichen zu dürfen, und -benachrichtigt den Bruder, der, seit langem ohne jede Nachricht, auf den beunruhigenden Brief sofort nach Brindisi kommt.
Er findet Carlo Dolci an seinem Schreibtisch, anscheinend schlafend, die Stirn auf ein ausgeschlagenes Notizbuch gelegt.
Er muß erkennen, daß der Gelehrte, verfolgt von einem merkwürdigen Wahn, geisteskrank geworden ist, nur noch von einer Zahl erzählt, die ihm im Traume erschienen sei, und von der er wisse, daß sie das große Los bedeute. Er habe aber, um sich nicht selbst den Beweis feiner Verrücktheit zu geben, -diesen Wahn bisher bekämpft; habe allerdings feit langem Lase gekauft, die er, ordentlich eingetragen, in sauberen Packen gebündelt, in seinem Schreibtisch verwahre. Nach Gewinnen habe er nie geforscht, wisse auch genau, daß der Hauptgewinn nicht darunter fein könne.
Das alles n-achzuprüfen nahm sich der Bruder keine Zeit; dem Arzt des Sanatoriums, in das er Dolci brachte, gab er Bericht und fuhr dann wieder in seine Stadt zurück. —
Der Kranke war ruhig, hatte sich nur sein Notizbuch ausgebeten, in dem er lange las, und gab im übrigen auf alle Fragen nach feinem Befinden zur Antwort, daß es ihm an nichts fehle. Eines Tages aber wurde der Chefarzt gebeten, zu ihm zu kommen, er müsse etwas ganz Wichtiges mit ihm besprechen.
Jetzt eröffnete er nun mit sichtlicher Ungeduld dem Arzt, es müsse sogleich zu jenem Händler in der und der Straße geschickt werden und in seinem Auftrag — man solle ihn ungefähr -beschreiben — ein Los gefordert werden, das die Nummer 3468 trage. Denn inzwischen, erklärte der Kranke, sei ihm immer klarer geworden, daß nur sein Widerstand gegen -die Eingebung ihn verrückt gemacht habe, -und -in dem Augenblick, wo er dem Wink des Traumes gehorsam folge, -das ihm bezeichnete Los verlange, müsse alles Sonderbare, als zu feinem Schluß gekommen, weichen, und er wieder gesund werden.
Der Arzt hatte, die Bitte des Kranken zu erfüllen, einige Bedenken und ließ einige Tage, ohne etwas anzuordnen, hingchen. In dieser Zeit verschlimmerte sich aber der Zustand Dolcis so offenbar -und schnell, daß er nun doch beschloß, zu tun, was der verwirrte Gelehrte ihm immer wieder, und immer -beschwörender, auf-getragen hatte. In jenem bezeichneten Laden fand sich ein Mann, -der die ganze Erzählung des mit dem Kauf beauftragten Unterarztes gelassen und, wie es schien, mit einiger Befriedigung, hinahm, auf Sie Frage, ob er ein Los mit der Nummer 3468 zu verkaufen habe, es sofort unter dem Ladentisch hervorzog, es dem Arzte in die Hand legte und, nun mit offensichtlicher Freude, hinter dem Ladentisch hervor -zur Tür sprang, sie dem Arzt weit öffnete und, als dieser hinaus war, selbst -den Laden, ohne ihn irgendwie zu sichem, verlieh.
Die in kurzem stattfindende Ziehung -brachte für die Nummer Dr. Dolcis den Hauptgewinn. Der Kranke nahm diese ihm vorsichtig mitgeteilte Nachricht ruhig und lächelnd entgegen; bat nur noch einige Tage in der Anstalt bleiben zu dürfen, obgleich mit diesem Augenblick er völlig aufgehört habe, zu den Kranken zu zählen. Die genau beobachtenden Aerzte konnten an dem ganz verwandelten, ruhigen Mann wirklich seit diesem Tage kein Symptom einer geistigen Störung -mehr entdecken; schüttelten über diese merkwürdige, unwissenschaftliche Heilung den Kopf und bescheinigten nach einigen Tagen des Gelehrten wiederhergestellte Gesundheit.
Noch am Tage seiner Entlassung suchte Dr. Doci den Lotterieladen in der Nebenstraße des Corso Lionardo auf, sand, was er erwartet hatte, den Laden leer und verschlossen und ging, nachdem er auch von dem sonderbaren Besitzer sonst nichts erfahren konnte, langsam im Menschen- strom der Spaziergänger mittreibend, die schöne bunte Avenue hinunter in der Richtung zu seiner Wohnung.
Nietzsches abendländische Sendung.
Von Reinhold Lindemann, München.
Friedrich Nietzsche — dieser Name ist Anruf und Inbegriff der stärksten geistigen Erschütterung und Krise, die unser abendländischer Kulturkreis im Zeitalter der Technik und der Industrie erlitt. Und wie noch selten der Repräsentant einer geistigen Wende — hat Nietzsche das ganze Unverständnis und die Ungerechtigkeit der Geschichte auf sich nehmen müssen. Modisches Lob, nicht minder schlimm als das Unmaß von Verlästerung und Haß, das dieser Name heraufbeschworen, haben das geistige Bild des Predigers vom Uebermenschen mit den Zügen eines Unmenschen aus« gestattet, ja — hin und wieder — selbst die menschliche Person des Zarathustradichters zur satanischen Fratze entstellt, bei deren Aburteilung nur sein tragisches Ende im Irrsinn als mildernder Umstand mitleidig zugebilligt wird.
Der Mann mit dem martialischen Vercing-etorix-Schnurrbart, der gewaltigen, g-emeihelt-strengen Stirn-wölbung und jenen Augen, deren tief liegende Glut die buschigen Brauen drohend verdecken — dies herrische Bildnis, so wie es Max Klingers überstilisierte Bronzebüste gibt, tritt unwillkürlich den Meisten vor die Seele, die sich, auf Grund einer mehr oder weniger oberflächlichen Kenntnis der Werke Nietzsches, auch eine gewisse Vorstellung von seiner menschkichen Persönlichkeit zu machen suchen. Aber es sollte unerläßliche Vorbedingung für jedes tiefere Verständnis Nietzsches, vor allem aber ein Akt der selbstverständlichsten Gerechtigkeit fein, zuerst einmal — noch vor jeder Beschäftigung nnt seinem geistigen Wesen — das allgemein beliebte Bild vom M e n s chen Nietzsche auf seine Berechtigung hin zu prüfen und womöglich von einer Reihe höchst unzugehöriger Züge zu befreien.
Wer Nietzsches Briefwechsel mit Mutter und Schwester kennt, oder die Briefe an den Jugendfreund Erwin Rohde, an Peter Gast, den Musikerfreund der Spätzeit oder auch an seinen „getreuen Eckhart" Franz Overbeck — der wird vergeblich nach irgendwelchen herrischen oder gar satanischen Zügen in Nietzsches Wesen suchen. Eine ungemein liebenswürdige unb liebebedürftige Persönlichkeit tritt uns vielmehr entgegen, deren zarte Rücksichtnahme und vornehme Zurückhaltung recht wenig zu der steilen Geste paßt, mit -der Nietzsche seine Werke herb und herrisch hinzusetzcn pflegt. Einstimmig rühmen alle Freunde seine lautere, gütige, immer hilfsbereite Gesinnung. „Nietzsche war unglaubwürdig gut, er war ein verkappter Heiliger" — schreibt einmal Erwin Rohde, der and) den besonderen Zauber bezeugt, der von der Person des geliebten Jugendfreundes, den er zuletzt doch in die mörderische Einsamkeit verstieß, seltsam ergreifend ausging: „Ich kann -das Gefühl nicht ausdrücken, mit dem ich stets den Adel seiner Natur auf mich wirken fühle und eine ganz besondere Poesie, die in seiner Atmosphäre liegt. — Soviel Mut, Klarheit und Feinheit, ein so freier und reiner Blick in die Welt, aber aus einer solchen Ferne von allem irdisch Derben und Trivialen: immer, wenn ich mit ihm zusammen bin, werde ich für eine Zeitlang in einen höheren Rang erhoben, wie als ob ich geistig geadelt würde." Es ift dies dasselbe unvergleichliche Gefühl, das der junge Heinrich von Stein rauschhaft erlebt hat, der nach drei Tagen des Zusammenseins mit Nietzsche sich


