lassen. Da bietet ein junger Herr einer Dam« einen Platz in seinem Wagen an- „Da ich nun zufällig erfahren habe, daß auch Sie, hochgeehrres Frürn lein, an diesem Tage eine Reise nach Berlin antreten wollen, wobei sich für Sie die Notwendigkeit einer Fußwanderung nach O. herausstellt, so erlaube ich mir hiermit gang ergebenst usw. usw."
Ein andresmal bietet er ihr einen Reisekoffer an: „Der Zufall hat mich mit dem Umstande bekanntgemacht, daß Sie bei Ihrer bevorstehenden plö zlichen Reise eines Reisekosfers benötigt sind"; ein drittesmal einen Fuhsack, denn „eine weitere Reise im Winter und noch dazu in einem Postwagen, hat für eine Dame immer viel Beschwerliches, um so mehr, wenn das Wetter unfreundlich ist". Speditionsgeschäfte scheinen damals auch noch unbekannt gewesen zu sein, sonst könnten wir mmmer lesen „ein junger Mann bietet einer Dame seine Hilfe beim Transport eines Instrumentes an". Um so unerläßlicher war aber offenbar der männliche Schutz für das zarte Geschlecht, und der spekulative Liebende benützt auch gleich diese gute Gelegenheit und „erbietet sich, eine junge Dame in das elterliche Haus zurückzubringen". Er schreibt an ein „lieber alles hochgeschätztes Fräulein! (Wahrscheinlich ein alter Drache!) Erst gegen Abend habe ich erfahren, daß Sie in großer Sorge sind, wie Sie Ihre junge Anverwandte in das Haus Ihrer Eltern zurückbringen sollen, darum beeile ich mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich sehr gern bereit bin, das kleine Fräulein unbeschadet nach M. mitzunehmen." Ein paar Zeilen weiter, betrachtet er „das keine Fräulein" fast nur noch wie ein Paket, das durch „Güte" befördert wird. „Wenn Sie daher die Kleine mit Ihrem Paket bereithalten wollen..." Wenn „die junge Dame" das erfahren hätte, die hätte ihm schön heimgeleuchtet!
Zuweilen ist der Liebende ganz schlau, pirscht sich, statt an das Mädel, an den Vater an, und formuliert eine „Bitte um Gewährung des Zutrittes in ein achtbares Haus". Er schreibt dem Schwiegerpapa in spe: „Wohlgeborner Herr! Hochgeehrtester Herr Kanzleidirektor! Obschon ich feit längerer Zeit das Glück hatte, meine ehrfurchtsvollen Grüße von Ihnen aufs freundlichste erwidert zu fehen, jo darf ich in meiner Bescheidenheit doch kaum glauben, daß meine Person in irgendeiner Weise Ihr besonderes Interesse für mich erweckt haben könnte." Und dann wird er sentimental: „Mein Chef steht mir als Vorgesetzter kalt gegenüber, meine Mitarbeiter haben ihre eigenen Kreise, in die ich mich nicht hinein- drängen mag", und darum wäre er „hochbeglückt", wenn er den Herrn Kanzleidirektor ab und zu besuchen dürfte. Der angehimmelte Kanzleidirektor entgegnet verbindlich und zugleich prätentiös: „Wenn ich auch noch nicht Gelegenheit gehabt hätte, die vorteilhaftesten Zeugnisse über Ihre Solidität zu vernehmen, so würde mich schon meine Physiognomik belehrt haben, daß ich es in Ihrer Person mit einem sehr achtungswerten jungen Mann zu tun habe." O, Herr Kanzleidirektor, wie oft mag Ihre Physiognomik Sie getäuscht haben! Aber da der junge Vereinsamte mit dem kälten Chef auch Klavier spielt, so betrachten Kanzleidirektors es „als eine freundliche Fügung des Geschickes", ihn kennen zu lernen. (Die Optimisten!) „Wenn Sie uns am nächsten Sonntag mit Ihrem Besuche erfreuen und mit einem Teller Suppe zu Mittag vorlieb nehmen wollen, so werden Sie uns sehr willkommen sein." Den mageren, kanzleirätlichen „Teller Suppe" gönn' ich dem Streber! Hoffentlich muß er dafür auch Klavier hacken, daß er keinen Finger mehr spürt! Nun scharwenzelt er also bei Kanzleirats herum und tauscht mit der Tochter Stammbuchblätter. Er schwefelt: „Dieser Bries enthält das Blatt, welches die Züge Ihrer schönen Hand für mich zum unvergeßlichen Andenken aufnehmen soll", und sie schickt ihm eine offenbar sehr gefühlvolle Sentenz, die leider nicht auf die Nachwelt gekommen ist, und phantasiert zu „vereinten Wünschen", die mir jetzt doppelt heilig sind, da ich weiß, daß sie ein edler Mann in feiner Brust nährt". Außerdem erinnert sie ihn „an unser Gespräch am kleinen Wasserfall" und ihre (offenbar lebhafte) Phantasie „führt mich wieder auf den dunklen Tannenhügel, die Sonne goß ihre letzten Strahlen über das friedliche Tal, in ihrem Gold« walleten die Wipfel der Erlen, die Berg- spitzen standen in Dunkelblau gehüllt in der Ferne, und Kühlung und Ruhe weheten um uns her. Leise Wehmut beschleicht das Herz, und eine Träne entschlüpft unwillkürlich dem trunkenen Auge".
Aus diesen nicht mihzuverstehenden, schmachtenden Tupfer hin rast er nun im folgenden Abschnitt: „Wirkliche Liebeserklärungen". Da gehl's also gleich los: „Jlnbetungswüdiger Engel! Als ich Sie zum erstenmal erblickte, hatte der Glanz Ihrer Schönheit mich dermaßen geblendet, daß ich nicht wagte, das Auge aufzuschlagen." Oder: „Angebetete Julie! O, gestatten Sie mir die Kühnheit, Sie schon jetzt bei diesem Namen nennen zu dürfen, der einen so süßen Klang in meinem Herzen hat!" Auch eine „Süße Laura!" gibt es, und „nur Sie von allen Millionen weiblicher Wesen, die auf dieser Erde wallen, sind imstande, die Glut zu dämpfen, die mein ganzes Sein durchdringt". Aber gleich nach der dämpfenden Laura begeistert ihn schon wieder eine „Himmlische Hulda! Ich liebe Sie und werde Sie ewig lieben. Ohne Sie wäre ein längeres Leben eine Last, die Welt eine Einöde für mich." All diese Glut ist jedoch noch lange nicht das Höchste, was der spekulative Liebende zu bkkeuern hat. Denn, während man schon ganz neidisch geworden ist auf diese Huldas und Lauras, verheißt plötzlich Nr. 60 (der Briefe, nicht der Geliebten!): „Liebeserklärung feuriger Natur an eine jugendliche Schöne". Ich muß nun allerdings sagen, daß der Berfasier hier mehr verspricht, als er halten kann — was nach all der vo rau {gegangenen Leidenschaft nicht weiter verblüffen kann. Die „feurige Natur" findet nämlich auch keine größeren Worte als die früheren „wirklichen Liebeserklärungen", es sei denn der Schluß, wo der Verliebte behauptet, daß „diese Liebe mit ihrer Allgewalt für Zeit und Ewigkeit in diamantene Fesseln geschlagen hat Ihren ewig treu liebenden N. N.". Nummer 61 verspricht dann schon im Titel „Liebeserklärung. Etwas ruhiger" eine schöne Mäßigung, während in Nummer 65 leider Alter nicht vor Torheit schützt. „Ein älterer Herr macht einer alleinstehenden jüngeren Dame einen Antrag." Sehr verlockend scheinen die Beaux restes nicht allerdings, die er ihr anbietet: Er spricht eigentlich nur von dem Lebensabend, den sie ihm durch „freundliche Fürsorge" verschönern soll; dagegen „würde es meine größte Pflicht sein, bei den reichen Mitteln, die mir die Vorsehung geschenkt hat, Ihre Zukunft sicherzustellen und Ihnen ein behagliches Leben zu bereiten. Sie würden, mehr als Tochter und Freundin, dennoch durch unsere Verbindung die Rechte einer Hausfrau genießen
können, und wenn Sie entschlossen sind, an meiner Seite in innigster Freundschaft mit mir die paar Jahre meines Lebens zu durchwallen (das „Wallen" muh damals epidemisch gewesen sein!), so werden Sie miet) sehr glücklich machen. Ob dieser väterliche Gatte „die jüngere Dame" gleichfalls sehr glücklich gemacht hat, weih ich leider nicht.
Folgen etliche „Briefe aus der Ferne", in denen Lerchen, Nachtigallen, Sehnsucht und heiße Tränen eine bedeutsame Rolle spielen. Oder auch verspricht der Liebende: „Wie bald, meine geliebte Wilhelmine, werde ich persönlich um Dich [ein, mit Dir kosen und tändeln können." Kosen und Tändeln — kann man sich etwas Neckischeres vorstellen?
Schon aber pfeift der Wind aus einer anderen Richtung und weht ein Kapitel auf: „Unglückliche Liebe." Schon jammert eine ,church Dich unglückliche Henriette": „Heinrich, Heinrich! Gott hörte Deinen Schwur; ich fürchte, daß der Allgerechte Deinen Meineid nicht ungestraft lassen wird! Glaube nicht, daß es Dir gelingt, Dein Gewissen durch rauschende Sinnes- freuben in betäubenden Schlaf zu wiegen! Nein, auch Dir kommt einst die schreckliche Stunde des Erwachens; dann gedenke ewig Deiner Schuld. Gott möge Dir verzeihen, so wie ich Dir verzeihe!"
Einer der feinsten Abschnitte des veilchenfarbenen Buches ist dann „Die Sprache des Herzens, die Gefühle der reinsten Liebe in eleganten Wendungen", die einer Alma beteuert: „Ich liebe Dich mit der innigsten Ueberzeugung, daß, auf welche Probe das Schicksal Dich auch stellen könnte, im Innern Deiner Seele stets ein Engel thront, welcher, würde er auch unterdrückt und dem Untergänge nahegeführt, sich doch stets erheben müßte." Trotz des nicht umzubringenden Engels scheint Alma den Mann mit den eleganten Wendungen doch manche harte Nuß zum Knacken gegeben zu haben: „Ich möchte gerne leben, um zu hoffen, aber nicht hoffen, um zu leben, denn was gilt mir das Leben ohne Dich, wo ich zu allen Freudengenüsfen unfähig bin und bleiben werde. Mag der gütige Gott meiner trüben Lage bald eine andere Wendung geben, und wie Dr. Luther einst gesprochen, so spreche auch ich, Gott helfe mir, ich kann nicht anders."
Daß ein Verliebter Himmel und Hölle für seine Siebe anruft, ist schon öfters dagewesen, daß einer aber die Reformation dazu bemüht, ist sicher ungewöhnlich und gibt dem Schreiber sozusagen einen welthistorischen Zug. Sollte sich's nicht vielleicht für einen Dozenten der Philologie oder Historie lohnen, seinen Spuren nachzuforfchen und den Schleier seiner Anonymität zu lüften? Das veilchenfarbene Buch stelle ich als Quellenmaterial gern zur Verfügung.
Gdi Stehens.
Novelle von Alfred Bock.
(Fortsetzung.)
Paul lachte herzlich. .
„Und das haben Sie zwei Jahre ausgehalten?" spottete Werminghaus.
„Ja, und ich habe mich ganz wohl dabei befunden."
„Nehmen Sie's weiter nicht krumm, Mariinius. Entweder haben Jäte einen ausgewachsenen Spleen oder Sie sind bemitleidenswert verliebt."
„Verlobt!" verbesserte Büsgen.
„Mit wem?" ..
„Geben Sie sich keine Mühe, meine Herren!" lächelte Paul.
„Schade, daß Sie sich wie eine Schnecke verkrochen haben", sagte Büsgen. „Was hätten Sie mit Ihrem Renommierschmiß in der Londoner Gesellschaft für Staat machen können."
Paul ging auf den ironisierenden Ton Büsgens ein.
„Leider hab' ich's versäumt, mich von Ihnen protegieren zu lassen." „Sei'n Sie doch 'mal nicht so", drang Werminghaus in Paul. „Mit wem sind Sie verlobt?"
„Mit einem Engel!" rief Büsgen empfindungsvoll.
Paul wurde plötzlich ernst. „Wenn ich verlobt wäre, würd' ich mir's jedenfalls verbitten, daß Sie in diesem Tone von meiner Braut sprechen."
„Aber Mariinius, sei'n Sie doch kein Essigtops", begütigte Werminghaus.
„Sie lebe hoch!" lachte Büsgen etwas gezwungen.
Paul erhob sich und ging.
„Dämelak!" rief ihm Stegen nach.
„Was sich so'n Kerl einbildet!" sagte Werminghaus protzig. „Soll doch froh sein, wenn wir mit ihm verkehren. Nee, so was! Steward, noch einen Grog" ...
Ws die Verlobten, Edi Stevens und Peppi Dornhöfer, sich ihrem Chef vorstellten, sagte dieser in jovialem Tone: „Wünsche viel Glück! Das ist ja alles recht gut und schön, aber nun schreiben Sie 'mal gleich nach München, Fräulein Dornhöfer, daß Ihre Papiere in Ordnung kommen. Langen Brautstand gibt’s nicht. Das führt zu Unzuträ glicht eiten im Geschäft. Die Sache muß prompt efsektuiert werden. Danach richten Sie sich."
„Da brauchen wir am End' gar keine Verlobungsanzeigen zu verschicken", meinte Edi.
„Das wär' noch schöner", sagte Peppi verletzt.
„Kinder, macht das unter euch ab, ich habe zu tun", verabschiedete Herr Mariinius die Brautleute.
„Sieh mal einer an," murmelte er vor sich hin, „wie sich das alles glatt abwickelt." Darauf langte er einen Briefbogen aus feinem Pult hervor, setzte sich in Schreibpositur und kritzelte mit seiner spitzen Feder:
„Lieber Sohn!
Es ist mir sehr angenehm, daß ich Dich bald wieder hier habe. Du weißt, ich spreche nicht gern von mir, allein ich kann Dir doch nicht verhehlen, daß ich immer mehr die Beschwerden des Alters spüre. Ich bedarf im Geschäft einer Stütze und habe mich daher entschlossen, Dich als Teilhaber in die Firma aufzunehmen. Du betrittst Dein Vaterhaus als Chef und damit streichst Du endgültig die Jugendtorheit aus Deinem Kalender, auf die Du in Deinem Briefe anspielst. Die Sache erledigt sich überdies von selbst. Wie ich höre, hat sich Herr Stevens mit Fräulein Dornhöfer verlobt. Ein ganz passendes Paar, es hat meinen Segen. Die Preis kurante verschlingen eine Unsumme Geld. Da sich jetzt jeder


