zu Ende drucken wollte, weil er schlecht geschrieben sei, und ihn schließlich ? nicht an der üblichen, sondern nn einer versteckten Stelle der Zeitschrift zu Ende führte. v
Auch im Falle Proust war die Stimme des Volkes, das Urteil der Oeffentlichkeit instinktsicherer als Angst oder Beschränktheit jener Verleger, die daran zweifelten, daß mit diesem unbekannten Herrn Marcel Proust ein Geschäft zu machen sei.
Er^te im Süden.
Von Ada N e g r i.
Vom Lerchenhause will ich erzählen. Eigentlich heißt es nicht so, aber als ich mitten auf der Landstraße zwischen Perugia und Assisi liegen sah zwischen den wogenden Länderbreiten und dem Hintergründe, von Maulbeerbäumen, so niedrig imb dunkel, schien es mir wie ein Lerchen- nsst. Damals reifte gerade das Getreide, vielleicht war es schon ein wenig verbrannt von der Mittagsglut. So hoch stand es, daß es bis an dis Brüstungen der Gitterfenster reichte.
Jetzt ist die Ernte vorbei. Die Garbenbündel haben ein paar Tage in regelmäßigen Abständen auf den Feldern gestanden, jetzt sind sie in riesigen kegelförmigen Mieten aus den Tennen aufgebaut. In der Form unterscheiden sie sich nicht von den Strohmieten, aber ihr Blond ist heller, leuchtender. Manch« haben die Gestalt des Trapezes. Die sehen wir große Meerbarken aus.
Schwer senkt sich die Sommerhitze auf die goldige Fülle der Dreschplätze und die verdorrten, nackten Stoppelfelder und Raine. Kein lebendiges Wasserrinnsel ringsum, hier und da ein Baum in dieser Frucht- ebene. Zwischen Bastia und Assisi schlängelt sich der trockene Kiesgrund zweier Flüßchen gleich einer feurigen Zunge. Monate schon dauert die Dürre an. Der Wind jagt die Wolken auseinander, täglich, unfehlbar, unerbittlich. Er gebärdet sich wie ein Wüstensamum. Er fegt die gelben Stoppeln rein, läßt Sand und Staub in Wirbeln sich drehen. Einen Salzgeruch strömt er aus wie der Meerschirokko. Die Grillen zirpen wie toll durch das Brausen, und die trockene, blasse Erde birst mit unheimlichem Knistern. Wenn ich mich zu Boden werse und horche, geht es mir durch und durch. Die Aengste und Spannungen aller Jahrhunderte zittern in mir nach.
Wie sind wir doch eins mit der Erde und den irdischen Dingen!
Zwischen dem freien Felde und dem Hause liegt kein Gartenland gebreitet, keine blanken Kiespfade führen dorthin. Weder Mauern noch Hecken sieht man, auch keinen Drahtzaun. Gleich beim Hause fangen die Felder an. Der geringe Schatten, den ein paar Pinien und Zypressen spenden, nimmt es nicht aus dem lebendigen Felde heraus. Zwei schnurgerade Straßen, eine nach Süd, eine nach Nord, nehmen hier ihren Ausgang. Sic führen zu andern Landstellen. Da trifft man auf die Meierei des alten Malizia, der reichsten und am besten geführten im ganzen Umland. Dann kommt Morettos, dann Parafeculos, Michios. Seit langen Jahren gehören sie denselben Bauern. Immer findet man da Frauen mit ihren Hausgeschäften im Gange, Kindergewimmel, Männer mit verbrannten Gesichtern und einem offenen Wort auf den Lippen. Wenn sie lachen, kann man Gebisse sehen wie bei Askarinegern. Dazu ein Durcheinander von Gänsen, Hühnern, Enten, Schweinen, Hunden, prachtvollen und geruhigen, hellfarbigen Ochsen.
Den Leuten geht es gut. Sie backen ihr Brot im eigenen Backofen, brechen ihre eigenen Oliven vom Baum, trinken den Wein ihrer eigenen Reblauben und gehen zur Viehmesse, um ihr Vieh zu verkaufen. Jetzt, wo die Ernte beendet ist, haben einige schon wieder den Pflug über das Land gezogen, um für die Neusaat zu sorgen. Aber das ausgeüurstete Land ist schwer zu beackern. Da haben sie gleich wieder aufgehört. Und dann ist ja auch mit großer Feierlichkeit und vielem Gepränge die rote Dreschmaschine eingeholt worden.
Erst war sie bei Paraseculo. Das gab ein Getöse und Getümmel den ganzen Tag, von morgens um drei bis abends. Dazwischen wurde gesungen und gejuchzt und auch Essen und Trinken nicht vergessen, wie's reicher bei Hofe nicht sein kann.
' Dann kam Beretta dran, heute sind sie beim alten Malizia, eine Meile vom Lerchenhaus weg. Und ihre rote Dreschmaschine, dies Ungetüm, das da zwischen all dem fahlen Gelb aufgetaucht ist, muh man sehen, mit dem breiten, unverschämten Maul. Vom Morgengrauen ab geht das „Maschinen" los. Um Mittag ist schon ein großer Teil des sauberen Getreides in die Säcke gefüllt. Dick zum Platzen werden sie auf der Schulter zum Speicher getragen. Mengen staubiger Spreu fahren am Boden umher und häufen sich auf. Besen und Schaufel fördern sie wog. Oben zieht der Kran die leeren Strohbündel der Reihe nach hoch, die, wie von einem besonderen Willen gelenkt, von oben thronenden Landleuten zu einem großen Würfel ausgetürmt werden. Drei Kornmieten sind bei Malizia zu vermahlen. Schon ist die zweite an der Reihe. Der Schweiß rinnt in dicken Strähnen von den Stirnen und dem Genick der Einbringer, die unablässig abwechselnd die Garbenbündel in den Rachen der Maschine schieben, die ihnen auf der Gabel von Frauen und Knaben zugeworfen werden, die aufrecht auf der Mete stehen.
Wie alle ländlichen Beschäftigungen, so wickelt sich auch diese Arbeit taktmäßig ab. Man könnte sie in Musik setzen! Dank der guten Luft, der Sonne und dem Korn läßt sie kein Gefühl des Müdeseins aufkommen. Alles ist freudig erregt und fieberhaft tätig, wenigstens in den Anfangs- stunden. Cs ist ein Glücksraufch!
Alle Bauern der umliegenden Güter find anwesend. Daß man sich gegenseitig hilft, ist Landesbrauch. Man geht auf „Ausleih". Ausbleiben wäre einem feindlichen Akt gleichzustellen, grobe Unhöfstchkeit, Kriegserklärung. Zu den Freunden gesellen sich die Werklerinnen. Da steht mitten unter den Einbringern die fast siebzigjährige alte Barila, die mehr Knoten und Rinde angefetzt hat als ein Baumklotz. Um ein paar Lire Verdienst und das Efsen schuftet sie mehr als jeder Mann. Nun ja, ihr Mann ist kränklich und die Tochter ein unnützes Weibsbild. Dies Jahr ist's schon die dritte Maschinendrusche. Dabei lacht und singt sie mit dem zahnlosen Mund, daß es eine wahre Freude ist. Dann ist auch die Vsnrrer-Hilf« da: sie sieht aus wie ein Mann in Weiberkleidern zu Fast
nacht. O, sie können etwas aushalten, diese Weiber, wenn sie einmal anfangen. Ein wahres Büffelfell muffen sie haben, und sie ließen sich's stückweise herunterreißen, ehe sie auf den Ernteschmaus verzichten.
Nach altem Branche haben inzwischen die Frauen im Hause wahre Wunder verrichtet, die sich auf die Mahlzeit beziehen. Ganze Körbe voll Brot, Kuchen, gebratene Hühner und Gänse und dampfende Schüsseln mit Makkaroni stehen bereit. Weißer und roter Wein fließt in Strömen. Fetter und duftender Schinken sticht in die Nase. Gewöhnlich setzt es vier Mahlzeiten an so hohen Tagen, um sieben, zehn, ein Uhr und abends. Mittags wird vor dem Haufe gedeckt auf langen Tischen. Sonne, Hitze und Müdigkeit legen sich aufs Gehirn. Da verfällt einer auf den Gedanken, auch der braven Dreschmaschine zu trinken zu geben, die da unbeweglich gleißend in ihrem Zinnobergewand und böse, wie alle Maschinen, die nicht in-Tätigkeit find, inmitten des gelben Mittags steht und ein unnahbares, feindliches Gesicht macht.
Das eigentliche Festessen finbet aber erst am Abend statt, wenn die letzte Aehre zersprungen, der letzte Sack fortgetragen ist, und die Dreschmaschine endlich schläft oder zu schlafen scheint. All« Verwandten und befreundete Frauen der Nachbarschaft sind herbeigeeilt, um den Frauen des Hauses zu helfen. Hinter den Männern stehen, bedienen sie sie und warten, bis sie mit dem Essen fertig sind un dsie an die Reihe kommen. Die Männer stopfen sich hinein, was das Leder hält. Ueberall mahlende Kiefern und leuchtende Augen. In ihrem angeheiterten Zustande finden manch«, wie Fischia, Turbaluna und Tordo, zwischen Schlucken und Kauen noch Zeit, die Mädchen zu necken und aufzuziehen. Da gibt einer ein Ritornell zum besten. Aber der Gesang zieht nicht. Die Kadenzen sind mißtönend, unrein. Wer weiß, weshalb?
Jetzt sind sie alle satt und werfen Stühle und Schemel weg. Man fetzt sich auf den Boden und raucht. Wieder und wieder wird durchgekaut, wieviel Zentner Korn am Tage „geschafft" sind, wie hoch der Preis sein wird, wieviel auf den Gutsherrn und wieviel auf den Pächter entfällt, und der Gewinn und der Verlust. . . Ja, voriges Jahr war's erheblich besser. Diesmal ist das Korn verbrannt und wiegt weniger. Wenn's mit der Trockenheit noch weiter dauert, ist's mit dem zweiten Heu aus. Da und dort sicht map den einen und andern im schwachen Schein einer Oelsunsel Schlaf und Gedanken im Morrafpiel vertreiben. Wieder andere schlafen auf dem Rücken lieaend ein, auch sie, wie Stroh und Spreu von der roten Maschine entkräftet und entnervt. Ihr jetzt schwarzer Umriß hebt sich gespenstisch gegen den Sternenhimmel ab. Die Frauen decken di« Tische ab und verschwinden. Hunde und Katzen nagen im Dunkel Knochen und Krusten unter den Tischen ab. Aus dem Innern des Gehöftes dringt Kinderweinen. Ein Wiegengesang stellt die Ruhe wieder her. Schweigen ...
Wie viele Sterne glitzern am Himmel! Wieviel tausendmal mehr als heute Körner aus der Maschine in die Säcke gefallen sind! Keiner der Landleute hat einen Blick zum Firmament geworfen. Wenn es eine Dreschmaschine für die Sterne gäbe, dann vielleicht. Aber die Landleute, Bauern und Kätner, würden Sack für Sack auf der Waage abwiegen und über den Preis herummarkten und sich herumstreiten bis aufs Blut. Das rauhe Dasein, der Kampf ums Leben hat sie so werden lassen, an die Scholle Erde find sie gefesselt. Sie können nicht anders fein, als sie sind.
Die Sterne find stumm und glänzen.
(Autorisierte Uebertragung aus dem Italienischen -von Dr. Fritz Rose.)
Amor schreibt . . .
Von Carry Brachvogel.
Durch einen Zufall entdeckte ich bei einem Trödler ein kleines Buch in veilchenfarbenem Umschlag. Auf diesem Umschläge sieht man ein weibliches Wesen, nach der Mode der sechziger Jahre gekleidet, das gesenkten Blickes nachdenklich vor einem Briefbogen und einem Tintenfaß sitzt und augenscheinlich gar nicht weiß, was es schreiben soll. Leider hebt die Dame in ihrer Geistesnot die Augen nicht von dem leeren Blatt empor, sonst sah« sie, daß ihr zu Häupten Rat und Hilfe winkt. Da steht nämlich in großen, schwarzen Lettern zu lesen: „Briefsteller für Liebende . . ."
Daß es solche Briefsteller gab und gibt, wissen wir alle, aber die weniosten kennen solch vorgedruckte Zärtlichkeitssormulare aus eigener Anschauung. Voll Vergnügen und Wißbegierde erlegte rch daher die 25 Pfennig, die Amors Vokabelschatz kostete, und versenkte mich unverzüglich in das veilchenfarbene Buch mit der rat- und gedankenlosen Dame auf dem Umschlag«.
Schon auf den ersten Seiten merkt« ich, daß meine Begriffe über Art und Gemütsverfassung eines amoureufen Briefstellers ganz falsch waren. Ich hatte mir ein Rasen in Leidenschaft vorgeftellt, einen furiosen Rttt Amors auf ungesatteltem Steckenpferde, statt dessen belehrt mich ein kühler und offenbar recht weltkluger Verfasser, daß man ein« „nähere Bekannt schäft erst dann einleitet, wenn man ein Wesen gefunden hat, das durch körperliche und geistige Vorzüge, Rang, Stand, Bermögen oder sonstige materielle Eigenschaften unser besonderes Interesse erregt hat". Bitte zu beachten: Rang, Stand, Vermögen oder sonstige materielle Eigenschaften — kein berufsmäßiger Heiratsvermittler könnte sich niederschmetternder ausdrücken als dieser angeblich für „Liebende" besorgte Herr.
Aber der Schlaumeier weiß noch mehr. „Schon bei Personen, die sich nur eben über das Gewöhnliche erheben, darf man nicht mit der Tür ms Haus fallen, selbst dann nicht, wenn bei solchen Personen eine berechnete Spekulation nicht geahnt werden kann. Durch Uebereilung in diesem Punkte hat schon mancher seine sestestgegründeten Hoffnungen in Nichts verschwinden sehen." Also spricht der Liebende.
Aber weil er eben ein Schlaumeier ist, weiß er, wie man eine Sache drechselt, ohne daß von „der Spekulation" gleich etwas geahnt wird, und verfaßte zu diesem Zweck „Briefe zur Einleitung einer näheren Bekannt- . schäft". Sie zeigen deutlich, wie sehr man die Gegenwart überschätzt, wenn man meint, daß die in jeder Hinsicht erleichterten Verkehrsmögllch- teiten, der Sport usw., die Annäherung der Geschlechter mehr als früher begünstige. Weit gefehlt! Aus der geringen Reiseroutine, aus dem engeren Gebundensein der Frau ergeben sich Anknüpfungschancen, von denen dcw Rundreisebillett, das Postauto und der Rodelschlitten sich nichts träumen


