Kümmern
Dienstag, -en 6. September
Jahrgang Mr
GieWerZamilieitblatter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Um Mitternacht.
Von Eduard M ö r i k e.
Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand; Ihr Auge sieht die goldne Waage nun 2>er Zeit in gleichen Schalen stille ruhn. Und kecker rauschen die Quellen hervor, Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied — Sie achtet's nicht, sie ist es müb'; Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch. Der flücht'gen Stunden gleichgsschwungnes Joch. Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es singen die Wasser im Schlaf« noch fort Vom Tage, Vom heute gewesenen Tag«.
Der Balzac des 20. Jahrhunderts.
Von B. Arne-Manz.
Es war in Paris, so in den Jahren 1900 bis 1905. Da trafen sich fast täglich im Restaurant Weber in der Rue Royale allerlei Künstler und Schriftsteller; hin und wieder konnte man in dieser Schar, mehr oder minder jugendlicher Parnasstürmer einen bleichgesichtigen jungen Mann von etwa dreißig Jahren entdecken, der vorsorglich in wollene Schals gehüllt, die verkörperte Kränklichkeit war. Er trank bescheiden ein Glas Wasser, aß ein« Traube, erklärte, er könne den Lärm um ihn herum nicht ertragen, sei eben aus >dem Bett aufgestanden und werde sich gleich wieder hinlegen. Was aber geschah dann? Derselbe junge Mann mit dem Spottlächeln auf seinen unruhigen Zügen wurde plötzlich lebendig. Seine Lippen öffneten sich, um unter staunende Zuhörer geistvolle Wortblitze zu' schleudern.
So etwa erzählt uns Leon Daudet in seinen „Erinnerungen" von Marcel Proust — diesem seltsamen Menschen, dem rund ein halbes Jahrhundert (1871—1922) irdischen Lebens beschieden, beinahe ebenso lange Zeit schwere Krankheit auferlegt war, der das merkwürdige Kunststück zuwege brachte, zugleich ein geistvoller Plauderer, ein feinnerviger Aesthet und ein rührend geduldiger Patient zu sein, ja noch mehr, dessen Name im Augenblick den tönenden Klang des Weltrufes erhielt, als man seine irdische Hülle ins Grab legte. Das also war dieser Marcel Proust, der geniale Sprößling eines christlichen Vaters und einer jüdischen Mutter, Ergebnis einer Rassenmischung, deren Wirkungen nicht nur in seinem persönlichen Leben, sondern vor allem auch in jenem großen Vermächtnis seiner Dichtung zu verspüren {mb: Mischung fabulierender Phantasie mit analytischem Verstände.
In der stillen Dämmerung seiner Krankenstube hat Marcel Proust, ähnlich wie Balzac in feiner „Menschlichen Komödie", in einem Riesenwerk von nicht weniger als 13 Bänden das medergelegt, wozu ihn sein fieberhafter Gestaltungsdrang trieb. „Auf den Spuren der verlorenen Zeit" (A la recherche du temps perdu), so lautet der Titel in der eben begonnenen deutschen Uebersetzung. lieber mehr als zwanzig Jahre dehnt sich die Geburtsgeschichte dieses Romangiganten. Fern von jedem kleinen Ehrgeiz, nur besessen vom Arbeitsdäman, hat er dies Werk aus sich herausgestaltet. Erst als es bis zum letzten Striche vollendet war, gab er 1913 die Erlaubnis zum Druck des ersten Bandes. Und dann kam die Zeit des Krieges und des Nachkrieges: noch einmal arbeitete dieser Heros der Gewissenhaftigkeit in jagender Eile das ganze Werk um, denn er selbst wußte, daß seine Tage gezählt seien. Die Sammlung tragischer Did)teranekdoten bereichert siä) durch ihn um eine der ergreifendsten. Denn als er im lobe stampf lag, bat er die Krankenschwester um die Seit« des Manuskripts, auf der die Agonie einer seiner Romangestalten beschrieben war, und er meinte dabei: „Ich bin jetzt in der Lage, einige Aenderungen vorzunehmen, da ich selbst auf demselben Punkt angelangt bin."
Mit Recht schrieb sein Bruder Robert über ihn: „Er glaubte siä) keinen Augenblick Ruhe gönnen zu dürfen, ehe nicht seine erschöpfende Arbeit getan war. In der Tat, er hauchte seine Seele aus, als er den Schlußpunkt gesetzt hatte, ein vollkommenes Opfer des schriftstellerischen Gewissens."
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Was erzählt uns nun Marcel Proust in den 13 Bänden seines Romans? Darauf ist ebenso schwer zu antworten, wie auf die Frage des alten Fritz in Fontanes bekanntem ' Gedicht, was denn der Adolf Menzel in seinem langen Leben zusammengemalt hab«? Auch Proust hat auf seiner Palette „die große und die kleine Welt", und Forst-
Battaglia hat ganz recht, wenn er in seinem Buch über die „Französische Literatur der Gegenwart" meint: „Aus dieser Enzyklopädie mondäner Urteile und Vorurteile, aus diesem praktischen theatrum ceremoniale werden neugierige Nachkommen Sitten und Gebräuche der oberen Zehntausend an der Schwelle des 20. Jahrhunderts studieren können."
Es sind die Jahre zwischen 1880 und 1914, die in einer fast verwirrenden Fülle van Menschen und Dingen, von persönlichen Beziehungen und Schicksalsverpflichtungen lebendig werden, immer gespiegelt in ihrem Verhältnis zu Proust selbst, der von sich in erster Person redet, außerdem aber auch, leicht erkennbar, sich hinter der Gestalt des Swann, des Helden seines ersten Bandes, verbirgt. Wie «in tragisch grollender Orgelpunkt zieht sich durch das ganze Werk der soziale Niedergang des französischen Adels, fein« Verschmelzung mit dem Bürgertum, seine Verderbnis, seine Auflösung.
Dabei besteht das reizende Sondergepräge der Prauftschen Darstellung darin, daß alles, was sich da begibt, nicht in der Reihenfolge der Geschehnisse sich abfpielt, sondern in dem zufällig scheinenden Ablauf des Films der Erinnerung. Aber nur anscheinend ist der Zufall! Sa schwer es glaubhaft scheinen mag, die orbnenbe Intelligenz bieses Dichter-Denkers hat über der Menge des einzelnen die Architektonik des Ganzen nicht übersehen. Wie in einer gewaltigen Symphonie entwickeln sich im Verlauf der Handlung aus leitmotioischen Anfängen thematische Durchführungen. Und überall leuchtet aus der Darstellung jener klare Verstand eines Menschen, der mit wachsender Enttäuschung hinter dem blendenden Schein das hohle Sein erkennt, dessen überempfindliches Nervensystem zugleich mit der bohrenden psychologischen Methode, mit den wissenschaftlichen Hilfsmitteln der Freud, Bergfon und Einstein arbeitet.
Weit gefehlt wär« es, nach diesen Andeutungen zu glauben, Prousts Schilderung verlöre sich etwa im rein Verstandesmäßigen, gleichsam in einer Registratur der Seele. Im Gegenteil, immer wieder meldet sich sein gestaltendes Dichtertum und schenkt ihm jene bilderreiche Galerie der Porträts: Aristokraten und Künstler, Frauen aller sozialen Schichten, Grade und Temperamente, die glänzenden Vertreter des gesellschaftlichen Lebens, ebenso wie die mit rü-hrender Liebe gezeichneten Angehörigen seiner eigenen Familie, Herrschende und Dienende, Liebende und Leidende, Schwerblütige. und Flatterhafte, Unersättliche und Entsagende, — sie bilden das Personal feiner menschlichen Komödie des 20. Jahrhunderts, zu dessen Tun und Lassen er selbst in einem Sprühwerk der Gedanken die philosophischen Regiebemerkungen gibt. So wird es gleichermaßen zu einem Weltbild untergehenden Abendlandes in französischer Auffassung wie zu einer Selbstbarstellung, die sich mit ihrer sezierenden Kraft ben großen Seelenbekenntnissen der Weltliteratur als neuestes Glied anreiht.
Tragödie und Satirspiel sind von jeher nahe beieinander gewesen. Auch der Fall Proust schenkt einen Beitrag dazu. Heut«, ein paar Jahre nach seinem Tode, seitdem sich die Einzelbände der französischen Originalausgabe fast kataraktmähig über die Lefewelt stürzten, ist dieser Name in aller Leute Mund, soweit sie sich überhaupt um schöngeistige Erzeugnisse bekümmern. In allen Kulturländern regen sich die Federn und klappern die Schreibmaschinen, um sein Werk zu übertragen, ober sein Wesen in großen Abhandlungen zu ergründen. Selten hat die Geschichte der literarischen Erfolge das Beispiel eines so jä^en Aufstiegs zur Sonne der Anerkennung gesehen. Denn obwohl einst kein Geringerer als Anatvl France vor nunnrehr dreißig Jahren einem Frühwerk des Dichters das ehrenvolle Geleite gegeben und den seelischen Röntgenblick zugespro- chen hatte, blieb der 1913 veröffentlichte erste Band seiner Romanreihe ohne sichtlid;e Wirkung. Ja, es war geradezu ein Wunder, daß er überhaupt einen Verleger fand! Denn, wie gerade in diesen Tagen ein Freund Prousts, Louis de R o b e r t, zu allgemeinem Erstaunen aufzudecken weiß, hatten zwei der ersten Pariser Verleger die Uebernahme abgelehnt, ein dritter sich nur zum Druck bereit erklärt, wenn der Verfasser die Kosten tragen wolle. Wir haben ja in Deutschland ähnliche Fälle mangelnder Prophetie erlebt: Man darf daran erinnern, daß z. B. die „Briefe, die ihn nicht erreichten", von Elisabeth von Heyking von zwei bekannten Verlegern abgeiehnt wurden, um bann dem dritten, der einen besseren Instinkt hatte, einen der größten Bucherfolge unserer Zeit zu schenken.
Proust selbst äußerte sich schmerzhaft-ironisch zu den Ablehnungen, die er erlebte. Er wußte sehr wohl, daß die landläufigen Verleger, wie der Teufel hinter der armen Seele, nad) dem Roman mit vieler Handlung herjagen. „Ein ernsthafter Verleger", so schrieb er damals seinem Freunde, „weih natürlich, daß ein Roman nur dann gut ist, wenn in ihm jeder lyrische PslaHenwuchs ausgetilgt ist. Handlung, Handlung, — und noch einmal Handlung. Nur immer vonvärts! Mit letzter Schnelligkeit! Träumen ober Philosophieren ist nicht erlaubt. Aber seltsamerweise schätzt bas Publikum, manchmal wenigstens, diejenigen Werke höher, in welchen die Personen einen Augenblick stehen bleiben, um laut zu denken." Und im weiteren Verlauf tröstet sich der enttäuschte Dichter damit, daß auch der „Temps" gewisse Artikel des schon berühmren Staat ole France zurückwies, daß sogar die „Revue des deux mondes“ seinen Roman „Thais" nicht


