weiter — diese gänzlich unbestimmbare Musik. Auf Befehl hört er auf. Auf Befehl spielt er lueiter. Er zeigt dieselben äußerlichen Phänomene wie die Mädchen, die aus der Starrheit ihres Statuentums wieder erwachen und doch im Schlafe find ... bis zum abermaligen Erwecken.
Wir trinken zusammen Kaffee, da sich die Mädchen angezogen haben. Alle lächeln, aber ein ganz anderes, wiülicheres Lächeln als eben. Nun lachen sie alle, da sie sich über Schlagsahne und Kuchen hermachen. Ja, schön, sehr schön war es — erwidern sie auf meine Frage. Sie wissen nichts, als daß sie getanzt, als daß sie geschlafen haben. Körperliches mutet jetzt fast plump an; Hände sind nicht nur in ihren profanen Gesten vergröbert. Desillusioniert wirkt der Raum, da ein roter Lampion erlosch und da der Flügel schwieg, da letzter Gongschlag verstummte. Es ist nichts als: harmlose Menschen trinken Kaffee und essen Kuchen, von Frau Neidhart liebevoll bewirtet ... war alles Traum? —
Und woher kam dieser Traum? Ich selbst glaube, bestimmt zu wissen, daß ich keiner Suggestion unterlag. Sachlich habe ich mich und die anderen geprüft. Gewiß ist nicht jeder Mensch geeignet, in diesem Traumtheater also zu tanzen. Hysterie, nicht im ärztlichen Sinne als Krankheit verstanden, solche des Infantilismus, der Pubertät, der Askese, scheint mir die Vorbedingung zu sein. Aus diesem Kreise ging die einzigartige Kunst der Toni von Eyck und dec Inge Frank hervor. Ihnen beiden ist ein somnambuler Zauber geblieben, wenn sie sich auch längst aus dieser „Gruppe" losgelöst haben. Es ist zu befürchten, daß die Atmosphäre der Jntellektualität diesen Zauber allmählich vollends aufsaugen wird. Wenn es so ganz einfach wäre, hätte Dr. Schertet heute schon ein Dutzend geschäftstüchtiMrer Konkurrenzen: die Mode der Traumbühnen wäre längst als Seuche über uns hereingebrochen, wie im Mittelalter die St. Veits-Tänze oder wie sich die Tanzepidemien sonst nannten. Vorerst steht den weiblichen Derwischen in Deutschland noch das Schicksal bevor, als Sensation entdeckt zu werden. Ich preise mich glücklich, sie vor der allgemeinen Sensation erlebt zu haben und fie als mein Geheimnis — ; weiter geben zu können, das jeden Künstler nur beglücken kann und muß. j Eine weibliche Derwisch-Industrie — das möchte ich lieber nicht er- ! leben ...
Am nächsten Tage ist mir noch Gelegenheit geboten, einer Uebungs- ! stunde bei Dr. Schertel beiwohnen zu können. Nicht etwa „Schlafen" ! oder doch, wie man „hinüber" kommt, wird hier geübt. Stramme Gym- ! nastikübungen füllen den größeren Teil der Stunde aus. Wie in anderen Schulen wird hier „geschliffen", nicht umsonst ist Dr. Schertel vorher jahrelang Lehrer in der Stuttgarter Tanzschule Herion gewesen, die ich i auch in exakten Hebungen sah, die jedoch über ein gutes Mttelniveau in Einzelleistungen nicht hinaus kam. Erst zum Schluß wird getanzt. Einige Mütter stellen ihre Töchter vor und bitten um Auskunft, ob jene überhaupt „geeignet" seien. Am Schluß der Stunde „schlafen" einige der Novizen schon „schön". Sie dürfen an dem weiteren Unterricht teilnehmen, um Wochen später vielleicht der Gruppe eingereiht zu werden. Aus erstem leisen Schlaf kann vielleicht der tiefere werden, aus dem alles entsteht: > letzte Entrücktheit, Abstreifung jeden Wachlebens, Hingabe an eine Weit, deren Geheimnisse wir nicht kennen, nur ahnen dürfen, ekstatische Verbindung zwischen Erde und Himmel, Entrückung in eine Sphäre, aus der roir alle einst kamen, in die wir alle einst wiedereingehen muffen und für die wir, solange wir in das Gefäß eines vergänglichen Körpers gebannt find, keinen Namen haben — es fei denn ben des Metapsychischen.
BKS Eichkätzchen.
Von Otto Chrharr.
Direkt vor unserem Hause zieht ein blanker Kiesweg vorüber, den eine Reihe starker, fröhlicher Birken nach dem nahen Gemeindewald begleiten. t Es ist ein prachtvoller Morgen, durch die weit geöffneten Fenster sieht :
man eine fette Wiese, dahinter stehen gelbende 'Kornfelder voll feurig-
glühenden Mohns. Heber einem fernen Waldstreifen blitzt und blinkte es '
... dort liegt das Moor. Das große, einsame Moor.' Der Himmel ist -
wolkenlos, wie eine klingende Glasglocke über das Land gestülpt.
Mau kann nicht arbeiten, wenn es so schön wie heute morgen ist. : Meine Gedanken sind überall; im Wald, im Freien, am Flusse, im Moor s — überall, mir nicht hier, wo sie sein sollen, an meinem Schreibtisch, vor dem glatten Papier.
Bald daraus flitze ich mit meinem alten, treuen Rade durch den Ge- mcin-dewald. So früh geht nur selten jemand dort spazieren und der Wald gehört jetzt fast nur mir. Hasen hoppeln noch ganz vertraut über die i stillen Wege, Wildtauben gurren und Höher und Elstern find frech und ; übermütig wie nie am Nachmittage. In den rauchenden Lichtungen äsen, ? zwischen Johanniskraut und Weidenröschen, liebe schlanke Rehe.
Es rasselt vom nahen Stamme, faucht und zischt über meinen Weg. ; Schnell wie der Blitz, bin. ich abgesprungen und dahinter her. Nach kurzer j Hatz ist das junge Eichkätzchen mein. Ich halte es fest zwischen meinen ■ beiden Händen und bin so glücklich dabei. Wie sein Herzchen schlägt! Das zierliche Köpfchen schaut wie aus einer Höhle aus meinen Fäusten heraus, s es hat sich fest in meine Finger verkrallt, und den Schwanz, das buschige, - rotbraune Schwänzchen, hat es zart und weich, wie eine Feder um meine t Hände geringelt. Was für putzige Büschelöhrchen es hat! — Es beißt und t schreit nicht mehr, es hat sich ganz ergeben und starrt mit großen, i traurigen Augen verschüchtert vor sich hin. \
Ich wollte schon längst wieder einmal ein Eichkätzchen haben und jetzt - -- jetzt habe ich eins!
Jüggele, meine kleine Freundin, ist ganz selig, tri» ich ihr das | Dingelchen bringe. Noch am selben Vormittage frißt es in Milch getunktes ' Brot aus der Hand und wir können uns en dem graziösen Wesen gar nicht satt sehen. Das ganze Haus ist entzückt von ihm. und Mutter Plötz, di« brave Pensionspatronin, meint: „Dös wird fei ganz zahm. Dös sonnens später wie Hunderl am Ketterl führnl" O ja, wir weichen sicher Fiel Freude an ihm erleben.
Unser Eichkätzchen sitzt bald reglos und müde hinter der große« Schachtel auf meinem Kleiderschrank. Cs preßt sich dicht an die Wand und hat die Augen geschlossen. Nun, es wird schon wieder munter werden!
*
Nachmittags fahre ich in das Moor. Ich liebe besonders die Landschaft, die man „In den Vierteln" nennt. Dort hinten, wo die armen, vom Torfstich und geringer Landwirtschaft lebenden Mösler Hausen, ist das Moor am allerschönsten. Besonders die lange, gerade, von tiefen braunen Abzugsgräben und Torfstichen flankierte Straße, die etwa hinter dem Eschen- Hofe gegen Graßlfing führt, hat es mir angetan. Sie liegt fo ganz ver- lassen, in der braunen Weite, ihre Telegraphenstangen sind zum Teil umgestürzt (kein Mensch denkt daran, sie wieder aufzurichten ober zu erneuern), und die Drähte hängen dort, wo die Mösler keine Verwendung dafür hatten, schlaff und nutzlos in das Unkraut am Rande der Straße hinab. Man möchte glauben, daß hier bald die Welt aufhörte .... Auf einmal steigst du vom Rade und beginnst — wer weiß warum — ein ernstes, besinnliches Wandern. Du horchst und sinnst, und wenn es Abend wird, beginnen alle Dinge, die armen Häuschen und Schuppen, die kümmerlichen Birken und die steifen Telegraphenstangen, sachte mit dir heimzuwanüern. Sie geben dir das Geleite. Brüderlich gehen sie neben dir her, durch das Moor, durch den großen, stillen Feierabend, an dessen Rande, über dem schlafmüden Land, die große, rote, runde Sonne steht...
An dieser Straße, noch ehe man zu den schiefen Mooshäusern kommt, liegt ein kleiner Wald. Man kann ihn, der uneigennützig und bescheiden wie eine kleine Insel in der großen Flache steht, fast übersehen. Springt man westwärts über den Graben, so steht man bald, nach kurzem Gang durch allerlei Zwerggesträuche, mitten im Schatten wohlriechender Kiefern und Tannen. Unter den dichten Zweigen herrscht kühle, feierliche Still«. Der Boden ist dicht mit welken, den Schritt eigentümlich dämpfenden Nadeln bedeckt, so daß man unwillkürlich noch leiser, wie vorher, als man die federnde Glätte betrat, geht. Zwischen den niedersten, abgestorbene» Zweigen, hängen viel Spinnweben, die sich gern im Gesicht und in den Haaren verfangen. Man fühlt aus allem, daß hier nur selten ein Mensch geht.
Bis dicht zum gestrüppumwucherten Rande ist der Wald von tiefer, grünnächtiger Verworrenheit erfüllt, und man muß schnell die Augen schließen, roetm man wieder vor der lodernden Helle des Moores steht. Einmal gelangt man an eine Lichtung, auf der zwischen hohem, scharfem Gras dicke, junge Tännchen stehen. Im Vordergründe dieser lichten Freiung prangen mit weißen, seidigen Leibern mehrere alte, starke Birken. Zu ihren Füßen find ein paar Schichten Torf gestochen, wodurch sie wie auf einer dunklen Erhebung stehen. Diese braun« Zerschneidung gibt dem »erträumten Orte erst besonderen Charakter. Sie bewirkt, daß das viele Grün nicht wahllos ineinander fließt, schafft Distanzen, vertieft den Grund wie auch die Farben, und hält die Bäume frei und schon dem reichen Himmel entgegen.
Hier läßt sichs herrlich schauen und träumen! Di« Jungtannen sind heuer ganz besonders schön. Trotz des späten Frostes, der ihr« ersten zarten Triebe versengt«, haben sich die guten Bäumchen von neuem mit lauter weichen saftgrünen Sprossen geschmückt. Munter« Vögel, bunte Falter und eine vielstimmige, summende und zirpende Jnfektenwelt, treib« glücklich über der Schonung dahin. Hoch oben rüttelt ein Stößer im Blau.
Mein Eichkätzchen hätte es hier wohl schön. Ich kann mir gut vorstellen, wie es sich dort drüben auf den schwanken Westen der Großfichte schaukelt, rasselnd um di« Rundung des Stammes nieder auf den Boden fegt, einen Pilz pstickt und ihn, schon wieder im höchsten Birkenwipfel -droben, anmutig verzehrt. Nahrung fände es hier übergenug. Beeren, Samen, Nüsse, saftige Trieb« und Kerfen — hier hätte es alles! Und daheim? Ach, wir "wollen lieber nicht vergleichen. Wenn ich ihen das ganze Zimmer mit Zweigen und Schaukeln zum Springen und Klettern ausfüllte; es ist doch kein Wald. Himmel, Luft, Erde und strömendes Sonnenlicht, freie Bewegung rm-d frisch lebendige Nahrung kann ich ihm nie ersetzen. Man müßte gerade ein Herrgott sein!
Ich bin aber nur ein Mensch. Ein freier Mensch ....
Am Abend fahre ich recht nachdenklich heim.
Vor dem Gebetläuten besuche ich es noch einmal. Es hat sich jecp unter den Schrank verkrochen. Meine Freundin kommt dazu. Wir liegen vor ihm auf den Knien, wir locken und rufen — umsonst. Wir erfinden die innigsten Namen, aber es nützt alles nichts. Die schönen Augen schimmern traurig aus dem Dunkeln. Matt ist fein Blick. Und während wir es so beftarren, in zähem Egoismus Siebe ertrotzen wollen, benimmt es sich auf einmal wie ein Mensch: es hält bl« Händchen vor die Augen und bedeckt fein kleines Köpfchen wie aus Angst und Scham! „Nein, nein, ich kann euch keine Liebe geben. Ich will euch nicht sehen!"
Verwirrt und bestimmt schleichen wir zur Türe hinaus. Diese Nacht schlief ich s-lstecht. „Wenn es nur nicht stirbt!", war mein einziger Gedanke.
Am andern Morgen, in aller Frühe, schau ich unter den Schrank. Es hat sich ganz zufammengekuschelt, es zittert und friert, aber es lebt noch, Gott sei Dank! Eins Stunde später ist auch Iüggele da. Wir brauche« gar nicht darüber zu reden. „Ja, ja, schnell! Es ist gar keine Frage mehr. Sorglich wird es in ein Taschentuch gebunden, und -dann tragen wir es zusammen an denselben Platz, wo ich es gestern fing. Wie hämmert feitt kleines Herz!
Wir find da. Das Taschentuch ist «rtfnotet. Es fitzt frei auf de« Boden, frei in der ihm von Gott cm-vertrauten Welt. Wit einem Satze stürzt es fort — stürmt schneller und immer schneller über das Gras, über Wurzeln und Steine, springt eine Tanne an, stutzt einen Moment und klettert dann wie rasend in die Höhe. Jetzt ist es droben! Jetzt kctmeN es auf den nächsten Wipfel hinüber und listet herab.....
„Pschauch!!"
Oö das wo-hl „Ducke" hieß?
Wir waren beide sehr, -sehr glücklich. Aber irgendwo, fleme JwktM, es uns doch ein bißchen weh?
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