Ausgabe 
5.11.1927
 
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cht glauben. Da bin ich selbst schon mitten in der In ihren Bewegungen verschönern sich die Mädchen

der Mund öffnen. Weit lerollt wie bei einem

_ _ zaghaft nähert, Sie Lame ihn av-

veist^ wie er dringender wirbt, mm laßt sies zum Gespräch kommen, tzvch stimmt sie nur leise bei, doch er wird feuriger, es gcht ihm um den Tanz. Sie zögert, er beschwört beinahe, nun denn, man tritt zu- ßmmcn, tritt an; die zarteste Pause vor dem Beginn. Was sie nun tanzen, das ist der erste Wiener Walzer, Hunderte werden diesem Muster solgen. Dann faßt er sich in einer Art von Menuett, mit einem Wald von Ber- teugungen. Dazwischen jubiliert eine heimliche Arie, die niEand singt; denn während sich alles zur Dorffidel dreht, haucht er ihr seine Geständnisse zu, sie antwortet nur mit einem Druck des Armes. Da dämmern Gefahren, alles wird wirblicht, doch mit unsichtbarer Hand hält der Dramatiker die spielend Kämpfenden zusammen und hebt sie in die Stürme seiner WtMckung. - , ,

Wenn aber alles vorüber ist, und eine lange Pause scheint der Schluß, tritt die alte Form in ihre Rechte. Leise schreitet das Paar zurück, rbeugung, Stille. Wieder ist sie die Dame vom Hofe, die unberührbare. Der Tänzer taucht zurück, dort, wo der Wald zur Wiese hin sich breitet, m seinem abendlich bestrahlten Rande, bei Hirt und Jäger, im Gebüsch.

bringen, ihr ganzes Körperliches verwandeln und ein ekstatisches Phä» nomen sind, das nichts anderes als den sinnlichsten Gegenpol zum Ab­strakten einer Mary W i g m a n darstellt, ohne daß damit die rein fünft- lerischen Resultate gegeneinander abgewogen werden sollen. Die Kunst dieser Traumbühne liegt auf einem ganz anderen Gebiet.

Direktor N e i d h a r t hat den intimen Raum seinesClou sar die Vorführung, deren einziger Zuschauer und Erleber ich bin, zur Ver­fügung gestellt. Keine Bühne. Fünf Mädchen, leichtest gewandet, um mich herum. Ein roter Lampion brennt über dem Flügel, an den sich ein Jüngling setzt, sizilianisch gekleidet. Die Mädchen, durchweg sehr jung, nicht überragend schönen Körperbaus, lächeln. Sie freuen sich, tanzen zu dürfen, schlafen zu dürfen, im Schlaf tanzen zu können. Sie heben ganz tanzlustig die Beine. Ein Gongschlag. Ich trete etwas abseits. Der Tanz beginnt nach einer Musik, die ganz unrhythmisch anhebt, leise aufklingt und in der doch irgendwie tänzerische Weise ist.

Drehung, langsam, schon schneller. Augen schließen sich. Ein Sprung ins Ungewisse. Durcheinander ohne sich anzustoßen. Der Gong donnert dumpf, dreimal. Raschere Drehungen, kühnere Sprünge, durcheinander ohne daß sich die Mädchen anstoßen. Von einem überentwickelten Tast­sinn hat mir Dr. Scherte! gesprochen.Zwei schlafen bereits!" Ich glaube es nicht, will es nick' ------ t-=- hoT

Der Scherte! setzt sich jetzt selbst an das Klavier. Der Jüngling, der eben spielte, tanzt mit. Da die Musik abbricht, folgt er der Aufforderung, sich wieder ans Klavier zu fetzen. Auch er schläft. Er svielt tm Schlafe

zutreten. , .

Mit der Musik hört auch jede Bewegung auf.. Statuen sind er­starrt in den Stellungen, mögen sie noch so kühn sein, wie sie in dem Augenblick waren. Ein wacher Mensch würde höchstens drei, vier Sekunden so verharren können. Diese Statuen stehen also über eine Viertelstunde oder noch länger, wie man will. Maler, Bildhauer wie müßtet ihr be­geistert sein! Solche Modelle findet ihr nirgends auf der Welt! Die Hände allein wie unwirklich sie gekrampft sind! Und wie schön sie wurden! Nun gar erst das Antlitz, das ich wie eine Maske in beide Hände nehme, drehe und erschüttert bewundere! Hier ist das letzte über­irdische, ganz unwirkliche, tief geheimnisvolle Lächeln wie bei Toten­masken, dessen Sinn wir nicht verstehen, dessen Sinn uns schon in der Ahnung zusammenbrechen läßt. Das ist wie bei der Ineonnue de la Seine aus der Morgue zu Paris.Ein zarter Schmetterling, der, sorglos beschwingt, an der Leuchte des Lebens feine feinen Flügel vor der Zelt versengte ..." Lest das in Ernst Benkards BuchDas ewige Antlitz nach! Hier, in Dr. Schertels Traumbühne, habt ihr für Minuten also ver­wandeltes Leben.

Diese Masken nur mühsam läßt sich ihr Auge offnen. Krampf sträubt sich gegen solches Bemühen. Das hochgezogene Lid zeigt nur noch das Weiße des Augapfels; die vergrößerten Pupillen find ganz zur Nasenwurzel gekehrt. Ein Streichholz flammt auf. Da sein Licht eme Pupille trifft, bricht ein anderer, viel stärkerer Krampf los. Leben will nicht erweckt werden, möchtedrüben" bleiben, läßt sich nur schwer be-

Metamorphose drin. In ihren Bewegungen verschönern sich die Mädchen plötzlich. Die Gelöstheit ihrer Glieder wird eine freiere, unirdischere. Tanz wird adimensionales Schweben und Fliegen ganz unwirklich. Kunst? Ich weiß nicht recht. Die Füße, die Hände sind merkwürdig gekrampft ähnlich wie ich es bei Toten im Kriege sah. Das sind Leidenschaften, bild­haft gewordene Leidenschaften in erwachten Statuen. Maler, Bildhauer müßten begeistert sein. Ihre Kunst, nach der sie suchen, ist es, die hier plastisch traumhaftes Leben hat. Und darum ist dieser Tanz hier auch Kunst getanzt von einer Gruppe, die als solche nicht einexerzlert ist nach Thema oder Schema. Eine einzige Traumtänzerin gab es vor einem Menschenalter: die Slawin Madeleine, vor der Duncan.Wir sind in Suggestion", schrieb damals der Lyriker Ernst Schur. Hatte er recht? Bin auch ich hier in Suggestion? Ist Dr. Scherte! der Magier? Sind die Tänzerinnen lediglich seine Hypnotisierten? Ich weiß nicht ... Derwische schaffen sich selbst ihren Trancezustand. Und diese Mädchen sie sind längst, da der Gong strenger und gehetzter den Rhythmus ge­bietet, Derwische geworden, wälzen sich auf dem Teppich, lassen alle Glieder in Ekstase rasen, schnellen wieder empor, schwirren in Hyperbeln von Sprüngen durcheinander, drehen sich wie Kreisel, ohne sich und das ist wirklich merkwürdig je anzustoßen. Im letzten Bruchtett der Se­kunde biegen sie einander aus um Millimeter.

Cm Mädchen ist schlafend liegen geblieben in einer Pose, die ein­fach imd doch so künstlerisch plastisch genannt werden muß. Die anderen toben weiter. Letzte Leidenschaft hat jeden Tanz zersprengt. Dr. Scherte! winkt der Musik jäh ab und bittet mich, an die Tänzerinnen heran-

Weibliche Derwische in Deutschland.

Von Alfred Richard Meyer.

Stuttgart, Herbst 1927.

Äa hat man sich nun fein ganzes Leben lang weidlich in der Welt herumgetrieben, um hier, in Stuttgart, anno 1927, da es erheblich herbstelt, sestzustellen: es gibt in Deutschland Derwische, und zwar sogar weibliche Derwische; und es könnte deren sogar in jeder deutschen Stadt geben, . wenn ein Mann namens Dr. Ernst Scherte! sein Geheimnis verraten würde ... Der aber begnügt sich damit, die. AngelegenheitTraum- bühne" zu nennen, die bislang, außer in Stuttgart, nur in Zürich, Leipzig, Hamburg kurz gastierte, ohne das Interesse zu finden, das einer solchen, an sich gewiß schon genügend sensationellen, wie besonders künst­lerisch wertvollen Sache wert wäre. Berlin hinkt wieder einmal nach und zieht es vor, seine Sensattonen teurer aus dem Auslande zu beziehen.

Ich las von Dr. SchertelsTraumbühne" zuerst in der Zeitschrift ; .Die Schönheit" und in dem Leipziger MagazinÄsa". Was mich fes­selte, war weniger, was hier etwas verschwommen über Tanzerotik und Okkultismus gesagt wurde, als vielmehr die Bilder dieser Mädchen, deren ' Trance-Züge mich an die seltsame Entrücktheit der Tänzerin Charlotte Sara erinnerten. Damals war auch ein Geheimnis an mich herange- äeten, das nicht von dieser Welt war und das sich leider im Laufe der Lahre langsam verflüchtigt hat. In Stuttgart sollte dieses selbe Geheim­ais, nut noch tausendfach vervielfältigt, zu mir kommen, ausgehend von einer ganzen Gruppe von Tänzerinnen, die sich selbst durch ihre Tanz- bemegungen, durch Musik und gedämpftes Licht, in somnambulen Schlaf

in in ihnen, in denen ein paar tausend Mensche« vor den Falten des Geheimnisses sitzen und möchten gerne erstaunen. In diesem Stücke schlägt >a/Herz der Charaktere, die nachher handeln werden, mit voller Realistik, aber der große Colorist überströmt sie mit den Schaumgebilden seines Orchesters. West über den Gedankengang der Opern hinaus ist die Seele iy Carl Maria von Webet in diesen Stücken ganz gefangen, die Heiter- M und Bangnis feines Menschenherzens.

Wen« im Freischütz nach den ersten schmächtigen Passagen der klare NaldLSMvrgsn aufklingt, in dem das Mädchen ruhig erwacht ist, schon «Mitert in rasch gesteigerter Unruhe ihre Jugend vor plötzlicher Wirrnis, B sendet sie kurze, betende Rufe nach oben, sie stärkt der Glaube: da

i mit hohem Aufschwung der erste jener Weber scheu Stürme einer Ückung himmelan. Schon dringt die dunklere Gewalt nächtlicher Kräfte dawider ein, ein Kampf beginnt, und wie sich durch das Prasseln der Wtönmg, durch das Knistern des Zweifels in den Geigen hilfreich und «ä der Glauben immer wieder durchringt, tönt vom anderen Ufer der Meruf des Geliebten über die Schlucht, es stürmt, es blitzt, bis dann M ein paar langen Pausen plötzlich der diktatorische Dreiklang aufstrahtt erd ruft: wir siegen! , v m

gn einem ganz anderen. Walde, abendlich, beginnt das Vorspiel zum Oberon; befangen tastet sich das Waldhorn durch die Dämmerung, hier M, es gute Geister, die durchs Gezweigs schweben, und wie Weber für & Herzensstimmung zwischen Mut und Dangen seine Lieblingswaffen, Korn und Oboe einsetzt, hüllt er den Elfenschleier um seinen suchenden tzeDen. Plötzlich bricht seine hochzeitliche Musik herein, schnell steigt sie leichtem Spiel zu einem seiner Polonäsenmärsche an, bis alles wieder je Mondesdämmerung zurücksinkt. In einem ganz Weberschen Andante Acht er in seiner trotzigen Weise scheinbar grundlos ab, und seine Ent- Mmig beginnt immer wie der romantische Kavallerieangriff seiner Väter, £>r Freiherren von Weber, bis sich die Waldesstille wieder durchsetzt. Bald feigt alles zum dramatischen Kampsspiel der beiden Hauptmotive, dann M paar befangene Momente und in Überstrahltem Allegro führt der Neister alles zur Hochzeit. Und dies hat ein sterbender Mann geschrieben.

Nur die größte seiner Ouvertüren, Euryanthe, ganz Zukunftsmusik und afe solche von Wagner erkannt, beginnt schon mit der Auflösung des Miete, setzt mit dem kühnen Marsche ein, den eine Art holden Trios kurz unterbricht; dann folgen gleich die Schicksalstöne, wieder unterbrochen von Mater Zuversicht. Esti himmlisch bittendes Frauenmotiv, das Weber nie überboten hat, leitet zur Energie des Kämpfers zurück. Doch in der Kitte verwirrt fichs, wieder klingt das Unheimliche herein, das Menschen­terz fürchtet, betet, klagt. Ein großartig fugato aufgebauter Seitensatz, ter die Haltung von Beethovens späteren Symphonien annimmt, mündet -hi den Zweikampf der Ritter und Gedanken, aber der erschreckte Herz- tofofl zeigt dazwischen die Gegenwart der kämpfenden Heldin. Dann findet ö sich in den kühnen Anfang zurück, bringt noch einmal die lange Pause tes scheuen Mädchens, das sich vom Entschluß des Geliebten heben laßt, 8t auch hier alles jubstierend endet.

In der Zeit desFreischütz" schrieb Weber, Wiahrig, die Aufforderung «m Tanz. Niemand, der sie gesehen, vergißt die Deutung, die uns die Mischen Tänzer imGeist der Rose" von dieser Musik aufgedrungen teben. Doch was zugrunde liegt, ist kostbarer, und Weber hat es selbst einmal gedeutet. Wie sich der Tänzer zaghaft nähert, die Dame ihn ab­

ruhigen. , ...

Diese Masken noch weniger leicht laßt sich

nach hinten und nach oben ist die Zunge hmaufg'. ..

indischen Fakir. Leise, aber ganz regelmäßig sind die Atemzuge. Der d^Die^Schmerzenivfindung ist ausgeschaltet. Ein Nadelstich in die Achsel­höhle oder in die Fußsohle hat keine Wirkung. Ein angestammtes Streich- holz, an den Härchen der Beine heraufgeführt, erweckt kein Geftihl. Heber Traum und Schlaf hinaus sind Menschenweg", von aller Triebintensitat, die sie hierher brachte, befrett bis die Musik wieder autklmgt, Leben wild erwacht und dennoch noch immer im Schlafe ist. Fern legucher Müdigkeit hebt der Tanz von neuem an, entfesselter denn vorerst, zur ^^Med^schweigt die Musik. Jedes Mädchen muß vorsickstig unä einzeln erweckt werden. Das geht manchmal schneller, mal langsamer. Wieder ist Krampf da, energische Abwehr, fetzt gegen das Aufwecken. Ist esdrü­ben" so schön? Keine Erinnerung kann darüber aussagen, nur ein Lächeln, wie ich es nie sah. Ueberirdisch muß ich es schon nennen. Rur auf wenigen Bildern alter Meister sich ich gteches. Abgespanntheit, wie man sie stets nach spirittstischen Sitzungen bei Medien beobachtet, fehlt völlig. Am liebsten würden die Mädchen gleich wieder lostanzen. Also muß es schon etwas Angenehmes, Schönes um solchen Traum-