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Jahrgang 192Z
Samstag, den 6. August
Nummer 62
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Natürlich verkehrte er vornehmlich in den deutschen Kreisen in Paris und mit den ihnen nahestehenden Franzosen, wie Frau v. Ttael, die ihn in ihrem berühmten Buche „De l'Allemagne“ (1810, Teil 3, Kap. 10) lobend hervorhob, und mit ihrem Freunde Benjamin C o n st a n t. In Paris sand er auch Chamisso wieder und lernte A.W.Schlegel kennen, den er von einer gefährlichen Krankheit heilte, ebenso dessen Bruder Friedrich Schlegel und seine Gattin Dorothea, di« Tochter Moses Mendelssohns, und beider Mitarbeiterin Helmine v. Chäzy, die durch bas Textbuch zu Webers „Euryanthe" bekannt ist.
Im Sommer 1811 ging er mit der Marquise de Custine und ihrem Sohne Astolphe, dem späteren Schriftsteller, auf Reisen nach der Schweiz und nach Italien, wurde dort von Napoleons Zusammenbruch überrascht und in die Kriegswirren hinemgertssen, bot dann von Wien aus dem Vaterlande seine Dienste an und wurde durch Wilhelm v. Humboldt, dessen Gattin Karoline eine leidenschaftliche Zuneigung für ihn faßte, dem preußischen Staatskanzler Fürst v. Hardenberg zugefllhrt und kehrte im Sommer 1818, im Gefolge der Alliierten, als Leibarzt Hardenbergs und des preußischen Hauptquartiers, nach Paris zurück, wo er „unermüdlich tätig im Lazarettwesen mar", daneben aber noch Zeit zur Veröffentlichung seiner bereits genannten „Lyrischen Gedichte" fand, die schon durch den Druckort merkwürdig sind.
Dann folgten Jahre fruchtbarer und einflußreicher Tätigkeit in Berlin, die aber mehr durch fremde als durch eigne Schuld, durch falsche Freunde und vor allem durch die traurigen Familienverhältnisse im Hause des Staatskanzlers, mit seinem Sturze endeten. Im Herbst 1822 kehrte er endgültig nach Paris zurück, um sein Leben als Weltmann und Modearzt wieder aufzunehmen.
lieber sein dortiges Leben gibt es zahlreiche fesselnde Aufzeichnungen in zeitgenössischen Memoiren und Briefen und sogar «in Bild, bas ihn im Salon der Malerin und Schriftstellerin Virginie A n c e I o t während einer Rezitation der Tragödin Rachel zeigt. In der Mitte des Bildes sitzt der greife Chateaubriand und die einst gefeierte Madame R6- eamier, ihm gegenüber B e y le-Stendhal; unter den Gästen er» blickt man ferner den Geschichtsschreiber d e Tocqueville und den russischen Dichter Turgeniew. Aber das Bild stellt nur einen kleinen Ausschnitt aus Korefss Bekanntenkreis dar. Zu Beyle-StendhÄ kommen dessen Freunde, vor allem die Brüder Müsset und Prosper Märimäe, der groß« romantische Maler Delacroix und der Philosoph Victor Cousin, ferner Balzac, mit dem er sich später verfeindete, di« Häupter der französischen Romantik, Hugo und Dumas, der Aegyp- tologe Letronne und der große Naturforscher Cuvier, ber sich Koreffs hochherzig annahm, als der Neid der Pariser Aerzte ihm seine Praxis unterbinden wollte. Di« Liste ließe sich noch weiter fortsetzen.
Vor allem aber verkehrte Koreff in feen Kreisen der in Paris ansässigen Deutschen, deren Haupttreffpunkt der Buchladen von Hei belass und Campe in der Rue Vivienne war. Hier ist vor allem Alexander von Humboldt zu nennen, der sein halbes Leben in Paris verbrachte und ein internationales Ansehen genoß, wie es vor ihm nur ßeib niz gehabt hatte. Besonders eng gestalteten sich Koreffs Beziehungen zu Meyer» beer, dem er di« Pforten der Großen Oper erschloß, und zu dessen kleinerem Bruder, dem Dramatiker Michael Beer, den er schon in Berlin in fein Herz geschlossen hatte. Als Heinrich Hein« 1831 nach Paris kam, ebnete er auch ihm die Wege und blieb fein hilfreicher Freund und Arzt, und Heine duldete es nicht, daß man Uebles von Koreff sagte ober schrieb. Beide kannten sich schon aus Berlin, aus dem Salon der Rahel Varnhagen, und Heine hatte Koreffs Versspiel „Aucassin und Nico- lette", das kurz vor Koreffs Scheiden aus Berlin als romantische Oper im Königlichen Theater aufgeführt worden war, glänzend besprochen und sogar mit einem Sonett gefeiert, das im „Buche der Lieder" steht. Ein neuerer Forscher*) hat darauf hingewiefen, wie stark der Einfluß dieses Versspiels auf Heines eigene Lyrik war. Zu wirklichen Freunden wurden beide aber erst in Paris, trotzdem ihre politische Meinung stark ausein- anberging, denn Ko reff ist zeitlebens Monarchist geblieben und hat sich mit Stolz conseiller intime du roi de Prusse genannt. Geistig jedoch standen beide sich sehr nahe, denn beide wurzelten in ber deutschen Rw mcmtik, Koreff als naturphilosophischer Arzt und Heine als Dichter. Uno was Heine als bie große Aufgabe feines Lebens betrachtete, die Brück« zwischen dem geistigen Deutschland und Frankreich zu schlagen, das hat auch Koreff schon lange vor Heine ins Werk gesetzt. Insofern gehört auch er in die große Reihe, di« von Frau v. S t a e l, A. W. v. Schlegel und Billers aus geht.
Ein besonderes Verdienst erwarb Koreff sich, indem er feinen 1822 verstorbenen Freund E. Th. A. Hoffmann in Frankreich bekannt machte. Er war in Berlin einer der tätigsten „<5eraptonsbrüber" gewesen; als Vinzenz lebt er, sprechend gezeichnet, in Hoffmanns „Sergpicnsbrübern" fort, aber auch in feiner Novelle „Das öde Haus" (1817) ist er „der Dr. K„
*) H. Uhlendahl in „Fünf Kapitel über H. Heine und E. Dh. A. Hoffmann", Berlin 1919.
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Koresf in Paris.
Von Friedrich v. Oppeln-Bronikowf ki.
Wer ist Koreff? wird man fragen. „Der geistreichste Deutsche, den ich kennengelernt habe", sagt ein französischer Politiker, ber General L a» margue. Und Fürst Talleyrand: „Dr. Koreff ist eine Fundgrube des Wissens. Er versteht alles, selbst etwas Medizin." Ein nicht minder hochmütiger Geistesaristvkrat, Beyle- St endhal, stellt ihn unter die ersten Geister seiner Zeit. Und doch ist Koreff so gut wie vergessen. Ein paar Notizen bei Ooebete, bei den Biographen E. Th. A. Hoffmanns, Heines und Rahel Varnhagens, ein paar einseitige Urteile Treitschkes und zwei neuere gelehrte Werk«, durch die fein Charakterbild verzerrt schwankt — das ist alles. Man muh sich schon in die Briefe und Memoiren der Zeitgenoffen vertiefen, in Archiven stöbern, um unmittelbare Spuren von ihm zu finden, und ba zeigt sich, daß Koreff überall bekannt war, in Berlin wie in Wien und Paris, in den Salons ber vornehmen Welt wie in den Kreisen ber geistigen Auslese, in den Amtsstuben der Behörden wie an den Tafeln ber Genußmenschen. Er war berühmt als Arzt und „Magnetiseur", als Leibarzt und Günstling des Fürsten Hardenberg, bekannt als Dichter, Uebersetzer und Schriftsteller, als Professor an ber Universität Berlin und als Geheimrat in der Staatskanzlei wie als Serapionsbruder E. Th. A. Hoffmanns. Kurz, er war einer der vielseitigsten Menschen, ein .Brennpunkt vieler geistiger und praktischer Strebungen, und zugleich einer der hilfreichsten Menschen.
Durch Beyle-Stendhal bin ich schon vor zwanzig Jahren angeregt worden, feinen Spuren zu folgen, und ein neues französisches Buch „Le docteur Koreff“ von Marietta Martin hat mich bestimmt, meine Studien fortzusetzen und abzuschließen. Sie werden im Herbst in Gestatt einer Lebensbeschreibung und Urkundensammlung erscheinen. Hier möchte ich nur auf das Buch von Marietta Martin eingehen, das sich im wesentlichen mit Koreffs Leben in Paris befaßt, und es nach der deutschen Seite ergänzen, denn Koreff blieb in Paris ein Deutscher und ein „Preuße bis ins Mark", wie ein französischer Forscher ihn nennt.
David Ferdinand Koreff war 1783 als Sohn eines angesehenen jüdischen Arztes in Breslau geboren und hat die größere Hälfte feines Lebens in Paris verbracht. Als junger Arzt kam er 1803 nach Berlin und bildete dort den geistigen Mittelpunkt des Varnhagen-Chamisfoschen Freundes- freifes, aus.bem jene drei Musenalmanache hervorgingen, die den ersten Hahnenschrei der Berliner Romantik darstellen. Dann vollendete er feine Ausbildung in Paris und wurde dort — nach CH amifsos Wort — „ber, vornehme deutsche Modearzt". Außer feinen Studien und feiner /•Wim Tätigkeit fand er noch Zeit zu einer Verdeutschung des Tibull D810), die Goethes Beifall fand, zu einem kornischen Operntext „Don Tacagno , ber 1812 in Berlin in der Vertonung Friedrichs v. Drie - berg öfter aufgeführt wurde, und zu zahlreichen literarischen Arbeiten, von denen aber nur eine gelehrte Arbeit über eine Dauch-maschine, bie fein Freund Drieberg erfunden hatte, und eine Reihe lyrischer Gedichte erhalten sind, die teils in Koreffs „Lyrischen Gedichten für Freunde" (Paris 1815) veröffentlicht wurden.
Abenddämmerung.
Von Heinrich Heine.
Am blassen Meeresstrande saß ich gedankenbekümmert und einsam. Di« Sonne neigte sich tiefer und warf glührot« Streifen auf das Wasser, und die weißen, weiten Wellen, von der Flut gedrängt, schäumten und rauschten näher und näher — ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeisen, ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen, dazwischen ein wiegenliedheimliches Singen — mir mar, als hört' ich verscholl'ne Sagen, uralte liebliche Märchen, die ich einst als Knabe von Nachbarskindern vernahm, menn mir am Sommerabend auf den Treppensteinen der Haustür zum stillen Erzählen niederkauerten mit kleinen, horchenden Herzen und neugierflugen Augen;
während die großen Mädchen neben duftenden Blumentöpfen gegenüber am Fenster saßen, Rosengesichter, lächelnd und mondbeglänzt.
Siebener ^amilknblütter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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