GiehenerKmnIienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang X92Z
Samstag, den Z. November
eckten Ge-
alle Klimate
Die rote Rose.
Von Per Hallströ m*).
*) Aus dein im Insel-Berlage zu Leipzig erschienenen Nonellen v««de ,,Me rote Rose".
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Hummer 88
i jetzt, nachdem das Mähen vorüber war, ganz
! einer Art Rollschlitten fuhren. Ihre Rufe fth Luft, als wäre es ein Wintersport, den sie
1 jenen begegnete ich nur
! sooft stieß ich auf Rehe j wo ihre zierlichen Füg
ES war vor einigen Jahren im Spätsommer, in einem kleinen Orte des Schweizer Jura namens Saint-Cergues. Ich war aus Genf hingekommen, nachdem ich in einem Zuge die Alpenpässe durchwandert hatte. Den einen hinauf, den anderen hinunter, von der Bernina bis zur Gemmi. Mehr als einmal hatte ich vom Morgen bis zum Abend so ziemlich " Europas passiert. Es begann mir dem sprühenden Gebirgs nur das Wafft ' " ' ' ‘
versässig wie die Sonne und, wie diese, eine Welt für sich, denn er gehörte nicht so recht in das hinein, was man sah. Er war wie die Erinnerung an die Herrlichkeiten der Gebirgswanderung, jetzt schon so ferne und halb unfaßbar, eine Erinnerung, die über das Maß der Wirklichkeit hinaus- ivachsen und zum Märchen werden wollte, aber dennoch die Gewißheit des Erlebnisses behielt. So wurde das Gefühl der Zerstreutheit noch verstärkt, das ohnehin jo nahe liegt, wenn man lauter fremdes Leben um sich sieht und nichts einen verlockt, sich daran zu beteiligen.
Die drei oder vier großen Hotels waren voll Menschen, und überdies waren alle Zimmer im Dorfe von jenen besetzt, die es gleich mir vor- .ionen, für sich zu wohnen. Auf all den abschüssigen Grasmatten war es
Ich war es gewöhnt, ungestört nahe dem Anhang zu liegen und zu leien und hie und da in einem Blick dir wechselnde Beleuchtung des großen Bildes aufzufangen, und das kleine, das mir recht einförmig schien, aber in seiner Weise auch schön. Ich sah beide ungefähr gleich an, denn die Menfthen waren mir -mbekamit, mit Ausnahme der Tisckmachbarn an der Tablc d'hote. Es schien mir unwahrscheinlich, daß ich je etwas von Interesse über einen von ihnen erfahren könnte. Rach dem Typus und der Art riet ich richtig oder unrichiig auf ihre Nationalität, und im übrigen waren sie für mich nur Exemplare des weitverbreiteten und wenig merk- würdigen Bokksschlages Touristen, nichts anderes. Einer von ihnen pflegte zu mir zu kommen und ein Weilchen zu plaudern, wie er es in feiner vertrauensvollen und freundlichen Artigkeit mit allen machte, denen er feine Karie gegeben hatte. Cs war ein junger Rumäne, ein Jurist, der feine Studien beendet und die Reise sicherlich als Belohnung für fein Wohl- verhalten bekommen hatte. Er war eifrig bestrebt, fo viel als möglich daraus zu machen und aus allen Quellen Menschenkenntnis und Erfahrung zu schöpfen. Er hotte es auch nötig, er war ein richtiger Candids mit munteren und erstaunten Augen. Warum er in Saint-Cergues geblieben war, verstand ich zuerst nicht, denn aus der Natur machte er sich nichts, und etwas anderes schien, da nicht zu finden. Aber es war auch für das zerstreuteste Interesse nicht schwer, sein Geheimnis zu erraten.
Unter den Gruppen auf dem Burgplatz wer eine, in der zwei schöne kleine, stets weißgekleidete Amerikanerinnen den Kern bildeten. Sie wären offenbar Schwestern, und da sie einander sehr ähnlich und immer gleich gekleidet waren, hielt man sie für Zwillinge, ob dies nun zuiras oder nicht. Aus der Wh« sah man den Unterschied sehr gut. Die eine war frisch, aber die ander-« zart von Gesundheit — man konnte erraten, daß es sich um die Lunge handelte. Ihr feiner Teint war wie von innen erleuchtet, und sie glich einer Christrose oder irgendeiner anderen weißen Blume, die
Nur an einer Stelle sonnte ich sicher sein, stets Leute zu treffen, das war nahe dem Dorf auf einem großen Hügel, wo früher einmal eine Burg gestanden hatte. Es war nicht mehr viel von ihr übrig; aber der Boden hatte gleichsam noch eine Erinnerung an die Nähe und Pflege der Men- scheu behalten. Es war schön, dort in dem kurzen Gras« zu ruhen, und unter pch hatte man die Aussicht über den See, nicht Minz so weit gestreckt wie von La-DÄe, aber beinahe noch schöner. Auch den Montblanc fand man wieder, doch nicht gleich auf den ersten Blick. Er hatte sich halb hinter anoeren Gipfeln verborgen, und auch die Wolken konnten einen beirren, denn hier sah man nicht, um wie viel niedriger ihre Sphäre war. Nament- uch nachmittags war es sehr lebhaft auf dem ganzen roeitgeftri biet. Damen in Hellen Farben und Herren in Sportanzügen, die von Gruppe zu Gruppe zogen. Alle schienen witzig und munter zu sein, nach dem Murmeln und Lachen zu urteilen, das sie hervorriefen. Der Flirt spielte wohl auch feine Rotte dabei und noch mehr die Dankbarkeit, in der tragen Benommenheit und träumenden Stimmung von Luftrausch, Sonne und Weite feine Aktivität auslösen zu lassen.
Wenn die Sonne unterging, erhoben sich alle und grüßten das Schauspiel schweigend. Mehr als einer zeigte da die etwas angestrengte Feier- lichkeit und Beseeltheit, die für die Modernen von ästhetischen Eindrücken unzertrennlich geworden ist und rote auf Kommando kommt und geht. Es war nicht ausgeschlossen, daß auch der Flirr in solchen Augenblicken sich zu etwas anderem aufspielte. als er war. Aber sowie die Prackt von Gold und Rosenrot und Violett ihren Höhepunkt erreicht hatte rmd sich abkühlte, ging ein jeder wieder zu dem Seinen zurück. Am nächsten Tage hieß es dann, von neuem an demselben Punkt zu beginnen.
Harmonie der Umrahmung. Das Grün der Ufer hatte eine blaue Nuance, wie von Wemlaub, und die lichten Städtchen brachten Flecke von Gelblich- weiß und schillerndem Perlmutter hinein. Man sah über den ganzen See. bis er sich weit im Osten in das dunklere Blau der Walliser Berge wie m das glänzende Halbdunkel einer Grotte verlor. Im Süden stiegen die r-avoyischen Alpen steil aus der Tiefe an, und meit, weit in der Ferne, aber dennoch deutüch und groß, leuchtete der Montblanc. Dieser Berg zog überall den Blick auf sich, wo eine Aussicht sich austat, Selbst von dem Fenster meines Arbeitszimmers hatte ich ihn gerade gegenüber, zu-
.. , sbirgsfrühling, wo
.jer lebte und sang, und den dunklen Steinroüsten mit dem pfeifenden Schrei der Murmeltiere. Es ging weiter durch Wälder, deren Nadelrauschen heimatlich anmutete, und andere, die immer fremder mürben, bis hinab zur Kastanie und Weinranke, ja bis zu den hellgrünen Feldern des Reis und Maises. Das gab ein Gefühl wunderbarer Neuheit, eine Illusion von Abenteuer und Entdeckung, es war, als wäre man mit dabei und sähe die Welt werden. Wenn es dann wieder bergauf ging, auf einer anderen Straße mit ähnlichen Bildern in umgekehrter Ordnung, dann glaubte man, das Leben zu seinem Ursprimg zurück zu verfolgen, und das war ebenso sröhttch und noch traumhafter. Die Luft gab einen immer leichteren Rausch; immer reiner klang und glänzte das Wasser. Alle Sinne schärften sich, und doch glaubte man, ohne sie am melfter, zu empfinden. Es war, als sollie man zu der Quelle seines eigenen Lebens kommen, dort oben unter all den anderen frischen Quellen, an der Grenze zwischen dem ewig Unveränderlichen und dem ewig Wechselnden. Auch dies war nur eine Illusion. Die Gedanken verwehten, ehe man sie noch fangen konnte, in der unbekümmerten Freude, da zu sein, und man ging ebenso klug, als man gekommen war. Was blieb, war nur ein Gefühl der schwebenden Zeitlosigkeit, des wachen Traumes. Das verließ mich auch in Saint-Cergues nicht. Es lag nur etwa tausend Meter über dem Meer, und die Berge, die es umgaben, waren von sehr mäßiger Höhe. Der höchste war Ln-Düle. Der sah aus wie ein richtiger kleiner Felsen und war sehr schön geformt mit seinem turmähnlichen Gipfel und einem scharfen Bergrücken, über den das letzte Stück Pfad ging, mit jähen Ab gründen zu beiden Seiten. Aber um diese Zeit des Jahres tag. kein Schnee darauf. Die Aussicht war mehr lieblich als gewaltig, und sie statte auch in der sanften Zeit der Borromantik, des epikuräischeu Rousseauis- mus und der Frsundschaftsschwärmerei ihve poetische Berühmtheit durch Matthissau bekommen.
Den Grundton gab das auch von dieser Hohe ebenso seidenweiche Blau des Genfer sees, ein südländisches Gewässer, mit klassischer Festigkeit und
HerdMisd.
Bon Johannes Heinrich Brauch.
Sturmfaust schüttelt des Waldes Wipfel ab und auf.
Welke Blätter fallen von Zweigen, wirbeln im Winde, tollen und steigen ab und auf.
Raben kreisen über dem Berge ab und auf, stoßen zur Höhe mit krächzendem Lärmen, schweben zur Erde, schwirren und schwärme» ab und auf.
Wellen des Stromes spritzen und schäumen ab und auf,
zerren am Damm mit gierigen Händen, brausen und brechen wie Wut von Brände» ab und auf.
Schreitet dein Leben durch Sturm und S>i- ab und auf,
ivill es heute in Drangsal gleiten, rotrb es dich morgen in Fülle leiten — ab und auf?
i bunt von Kindern, die auf , , iegen fo lustig in die leichte . . . ..mtersport, den sie da betrieben. Den Crwach-
enen begegnete ich nur selten auf meinen Wanderungen, und fast eben- . - oder Damhirsche in den dichten Buchenwäldern,
, > yre zierlichen Fuße in dem Laub des Bodens raschelten und die i Sonnenstrahlen wie magisch leuchtende Gitter zersplitterten. Höher hin- - ?u7 lltLter den Nadelbäumen, war es ganz einsam und still, erst auf den | freien Grashalden gab es wieder Bewegung und Geräusch. Das waren die Almtdyllen mit weiß und braun gescheckten Kuhherden und dem launenhaft verklingenden Ton der großen Glocken unter den gleitenden Wolken- jchatren.


