Ausgabe 
5.7.1927
 
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Nun war ich beim Schreibtisch, nahm ein Buch in die Han- unib las einen englischen Titel, den ich nicht verstand. Englisch haßte ich das sprach der Vater stets mit der Mutter, wenn wir es nicht verstehen sollten und auch wenn sie Streit hatten. In einer Schale lagen allerlei kleine Sachen, Zahnstocher, Stahlfedern, Stecknadeln. Ich nahm zwei von den Stahlfedern und steckte sie in die Tasche, Gott weih wozu, ich brauchte sie nicht und hatte keinen Mangel an Federn. Ich bat es nur, um dem Zwang zu folgen, der mich fast erstickt hätte, dem Zwang, Böses zu tun, mir selbst zu schaden, mich mit Schuld zu beladen. Ich blätterte in meines Vaters Papieren, sah einen angefangenen Brief liegen, ich las die Worte: es geht uns und den Kindern, Gott fei Dank, recht gut", und die lateini­schen Buchstaben seiner Handschrift sahen mich an wie Augen.

Dann ging ich leise und schleichend in das Schlafzimmer hinüber. Da stand Vaters eisernes Feldbett, seine braunen Hausschuhe darunter, «in Taschentuch lag auf dem Nachttisch. I chatmete die väterliche Luft in dem kühlen, hellen Zimmer ein, und das Bild des Vaters stieg deutlich vor mir auf, Ehrfurcht und Auflehnung stritten in meinem beladenen Herzen. Für Augenblicke haßte ich ihn und erinnerte mich seiner mit Bosheit und Schadenfreude, wie er zuweilen an Kopfwshtagen still und flach in seinem niederen Feldbett lag, sehr lang und gestreckt, ein nasses Tuch über der Stirn, manchmal seufzend. Ich ahnte wohl, daß auch er, der Gewaltige, kein leichtes Leben habe, daß auch ihm, dem Ehrwürdigen, Zweifel an sich selbst und Bangigkeit nicht unbekannt waren. Schon war mein selt­samer Haß verflogen, Mitleid und Rührung folgten ihm. Aber inzwischen hatte ich eine Schieblade der Kommode herausgezogen. Da lag Wäsche geschichtet und eine Flasche Kölnisches Wasser, das er liebte; ich wollte daran riechen, aber die Flasche war noch ungeöffnet und feft verstöpselt, ich legte sie wieder zurück. Daneben fand ich eine kleine runde Dose mit Mundpastillen, die nach Lakritzen schmeckten, von denen steckte ich einige in den Mund. Eine gewisse Enttäuschung und Ernüchterung kam über mich, und zugleich war ich doch froh, nicht mehr gefunden und genommen zu haben

Schon im Ablassen und Verzichten zog ich noch spielend an einer andern Lade, mit etwas erleichtertem Gefühl und mit dem Vorsatz, nach­her die zwei gestohlenen Stahlfedern drüben wieder an ihren Ort zu legen. Vielleicht waren Rückkehr und Reue möglich, Wiedergutmachung und Erlösung. Vielleicht war Gottes Hand über mir stärker als alle Versuchung . . .

Da sah ich mit schnellem Blick noch eilig in den Spalt der kaum auf­gezogenen ßabe. Ach, wären Strümpfe ober Hemden ober alte Zeitungen darin gewesen! Aber da war nun die Versuchung, und sekundenschnell kehrte der kaum gelockerte Krampf und Angstbann wieder, meine Hände zitter­ten, und mein Herz schlug rasend. Ich sah in einer aus Bast geflochtenen, indischen oder sonst exotischen Schale etwas liegen, ewas Ueberraschendes, Verlockendes, einen ganzen Kranz von weiß bezuckerten, getrockneten Feigen!

Ich nahm ihn in die Hand. Er war wundervoll schwer. Dann zog ich zwei, drei Feigen heraus, steckte eine in den Mund, einige in die ^Tasche. Nun waren alle Angst und alles Abenteuer doch nicht umsonst gewesen. Keine Erlösung, keinen Trost könne ich mehr von hier forinehmen, so wollte ich wenigstens nicht leer ausgehen. Ich zog noch drei vier Feigen von dem Ring, der davon kaum leichter wurde, und noch einige, und als meine Taschen gefüllt und von dem Kranz wohl mehr als die Hälfte ver­schwunden war, ordnete ich die übriggebliebenen Feigen auf dem etwas klebrigen Ring, lockerer an, so daß weniger zu fehlen schienen. Dann stieß ich, in plötzlichem hellen Schrecken, die Lade heftig zu und rannte davon, durch beide Zimmer, die kleine Stiege hinab und in mein Stüb­chen, wo ich stehen blieb und mich auf meinen kleinen Stehpult stützte, in den Knien wankend und nach Atem ringend.

Bald darauf tönte unsere Tischglocke. Mit leerem Kops und ganz von Ernüchterung und Ekel erfüllt, stopfte ich die Feigen in mein Bücherbrett, verbarg sie hinter Büchern und ging zu Tische. Vor der Eßzimmeriür merkte ich, daß meine Hände klebten. Ich wusch sie in der Küche. Im Eß­zimmer fand ich schon alle am Tische warten. Ich sagte schnell Gutentag, der Vater sprach das Tischgebet, und ich beugte mich über meine Suppe. Ich hatte keinen Hunger, jeher Schluck machte mir Mühe. Und neben mir saßen meine Schwestern, die Eltern gegenüber, alle hell und munter und in Ehren, nur ich Verbrecher elend dazwischen, allein und unwürdig, mich fürchtend vor jedem freundlichen Blick, den Geschmack der Feigen noch ! im Munde. Hatte ich oben die Schlafzimmertür auch zugemacht? Und i die Schublade?

Nun war das Elend da. Ich hätte mir die Hand abhauen lassen, wenn \ dafür meine Feigen wieder oben in der Kommode gelegen hätten. Ich j beschloß, sie fortzuwerfen, sie mit in die Schule zu nehmen und zu ver- i schenken. Nur daß sie wegkämen, daß ich sie nie wieder sehen müßte!

Du siehst heut' schlecht aus", sagte mein Vater über den Tisch weg. Ich sahauf meinen Teller und fühlte seine Blicke auf meinem Gesicht. Nun würde er es merken. Er merkte ja alles, immer. Warum quälte er mich vorher noch? Mochte er mich lieber gleich abführen und meinetwegen totschlagen.

Fehlt dir etwas?" hörte ich feine Stimme wieder. Ich log, ich sagte, ich habe Kopfweh.

Du mußt dich nach Tisch ein wenig hinlegen", sagte er.Wieviel ; Stunden habt ihr heut nachmittag?"

Bloß Turnen."

Nun, Turnen wird dir nicht schaden. Aber auch, zwinge dich ein bißchen! Es wird schon vergehen."

Ich schielte hinüber. Die Mutier sagte nichts, aber ich wußte, daß sie mich anschaue. Ich meine Supep hinunter, kämpfte mit Fleisch und Gemüse, schenkte mir zweimal Wasser ein. Es geschah nichts weiter. Man ließ mich in Ruhe. Als zum Schluß mein Vater das Dankgebet sprach: Herr, wir danken dir, denn du bist so freundlich, und deine Güte währet ewiglich", da trennte wieder ein ätzender Schnitt mich von den hellen, heiligen, vertrauensvollen Worten und von allen, die am Tische saßen;

> mein Händefalten war Lüge, und mehre andächtige Haltung war > Lästerung.

, Ms ich aufftand, strich mir die Mutter übers Haar und ließ ihre Hand : einen Augenblick auf meiner Stirn liegen, ob sie heiß sei. Wie bitter i war bas alles!

' In meinem Stübchen stand ich dann vor dem Bücherbrett. Der I Morgen hatte nicht gelogen, alle Anzeichen hatten recht gehabt. Es war ein Unglückstag geworden, der schlimmste, den ich je erlebt hatte. Schlim- meres konnte kein Mensch ertragen. Wenn noch Schlimmeres über einen : kam, dann mußte man sich das Leben nehmen. Man mühte Gift haben, das war das beste, ober sich hängen. Es war überhaupt besser, tot zu jein^ als zu leben. Es war ja alles so falsch und häßlich. Ich stand und sann und griff zerstreut nach den verborgenen Feigen und davon, eine imb mehrere, ohne es recht zu wissen.

Unser« Sparkasse fiel mir in di« Augen, sie stand im Bord unter den Büchern. Es war eine Zigarrenkiste, die ich fest zugenagett hatte; in den Deckel hatte ich mit dem Taschenmesser einen ungefügen Schlitz für die Geldstücke geschnitten. Er war schlecht und roh geschnitten, der Schlitz, Holzsplitter standen heraus. Auch das konnte ich nicht richttg. Ich halt« ! Kameraden, die konnten so etwas mühsam und geduldig und tadellos

machen, baß es aussah wie vom Schreiner gehobelt. Ich aber pfuscht«

: immer nur, hatte es eilig und machte nichts sauber fertig. So war es

i mit meinen Holzarbeiten, so mit meiner Handschrift und meinen Zeich.

! nungen, so war es mit meiner Schmetterlingssammlung und mit allem, i Es war nichts mit mir. Und nun stand ich da und hatte wieder gestohlen, schlimmer als je. Auch die Stahlfedern hatte ich noch in der Tasche. Wozu? Warum hatte ich sie genommen nehmen müssen? Warum mußte man, was man gar nicht wollte?

In der Zigarrenkiste klapperte ein einziges Geldstück, der Zehner von Oskar Weber. Seither war nichts dazugekommen. Auch diese Sparkassen­geschichte war so eine meiner Unternehmungen! Alles taugt« nichts, alles mißriet und blieb im Anfang stecken, was ich begann! Mochte der Teufel diese unsinnige Sparkasse holen! Ich mochte nichts mehr von ihr wissen.

Diese Zeit zwischen Mittagessen und Schulbeginn war an solchen Tage wie heute immer mißlich und schwer herumzubringen. An guten Tagen, an friedlichen, vernünftigen, liebenswerten Tagen war es eine schöne und erwünschte Stunde; ich las bann entweder in meinem Zimmer - an einem Jndianerbuche oder lief sofort nach Tische wieder auf den j Schulplatz, wo ich immer einige unternehmungslustige Kameraden traf, j und dann spielten wir, schrien und rannten und erhitzten uns, bis der 1 Glockenschlag uns in die völlig vergesseneWirklichkeit" zurückrief. Aber i an Tagen wie heute mit wem wollte man da spielen und wie die i Teufel in der Brust betäuben? Ich sah es kommen noch nicht heute, : aber ein nächstes Mal, vielleicht bald. Da würde mein Schicksal vollends ! zum Ausbruch kommen. Es fehlte ja nur noch eine Kleinigkeit, eine ! winzige Kleinigkeit mehr an Angst und Leid und Ratlosigkeit, bann lief ! es über, dann mußte es ein Ende mit Schrecken nehmen. Eines Tages, ; an gerade so einem Tage wie heute, würde ich vollends im Bösen unter» j sinken, ich würde in Trotz und Wut und wegen der sinnlosen Unerträglich- j kett dieses Lebens etwas Gräßliches und Entscheidendes tun, aber etwas Befreiendes, das der Angst und Quälerei ein Ende machte, für immer. Un­gewiß war, was es fein würde; aber Phantasien und vorläufige Zwangs­vorstellungen davon waren mir schon mehrmals verwirrend durch den Kopf gegangen, Vorstellungen von Verbrechen, mit denen ich an der Welt Rache nehmen und zugleich mich selbst preisgeben und vernichten würde.

Manchmal war es mir so, als würde ich unser Haus anzünden: ungeheure : Flammen schlugen mit Flügeln durch di« Nacht, Häuser und Gassen i wurden vom Brand ergriffen, die ganze Stadt loderte riesig gegen ben > schwarzen Himmel. Oder zu andern Zeiten war das Verbrechen meiner i Träume eine Rache an meinem Vater, ein Mord und grausiger Tot­schlag. Ich aber würde mich dann benehmen wie jener Verbrecher, jener einzige, richtige Verbrecher, ben ich einmal hatte durch di« Gassen unserer Stadt führen fei)en. Es war «in Einbrecher, ben man gefangen hatte und in das Amtsgericht führte, mit Handschellen gefesselt, einen steifen Me­lonenhut schief auf dem Kopf, vor ihm und hinter ihm ein Landjäger. Dieser Mann, der durch die Straßen und durch einen riesigen Volks­auflauf von Neugierigen getrieben wurde, an tausend Flüchen, boshaften i Witzen und herausgeschrienen bösen Wünschen vorbei, dieser Mann hatte \ in nichts jenen armen, scheuen Teufeln geglichen, bi« man zuweilen vom i Polizeidiener über die Straße begleitet sah und welche meistens bloß - arme Handwerksburschen waren, die gebettelt hatten. Nein, dieser war fein Handwerksbursche und sah nicht windig, scheu und weinerlich aus, I ober flüchtete in ein verlegen-dummes Grinsen, wie ich es auch schon gesehen hatte dieser war ein echter Verbrecher und trug den etwas zerbeulten Hut kühn auf einem trotzigen und ungebeugten Schädel, er war bleich und lächelte sttll verachtungsvoll, und das Volk, das ihn be­schimpfte und anspie, wurde neben ihm zu Pack und Pöbel. Ich hatte damals selbst mitgeschrien:Wan hat ihn, der gehört gehängt!"; aber dann sah ich feinen aufrechten, stolzen Gang, wie er die gefesselten Hande vor sich her trug, und wie er auf dorn zähen, bösen Kopf den Melonen-

; Hut kühn wie eine phantastische Kron« trug und wie er fanjeite! uno

, da schwieg ich. So wie dieser Verbrecher aber würde auch ich lächelni und> den

i Kopf steif Halten, wenn man mich ins Gericht und auf das Schafott fuhrt«, , und wenn die vielen Leute um mich her drängten und hohn-voll auf»

schrien ich würde nicht ja und nicht nein sagen, einfach schweigen und

i verachten.

Und wenn ich hingerichtet und tot war und im Himmel vor den ewigen l Richter kam, dann wollte ich mich keineswegs beugen und unterwerfen.

O nein, und wenn alle Engelscharen ihn umstanden und alle Heingkett und Würde aus ihm strahlte! Mochte er mich verdammen, mochte er mich in Pech sieden lassen!

(Fortsetzung folgt.)

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