danken erratend: „Herr, Latoo ist gefährlich. Ich habe ihn beobachtet, er sinnt Böses. Wir müssen heute nacht wachen."
Und damit löschte er das Feuer und setzte sich in der Ecke beim Eingang nieder.
Draußen schien der Mond; da wir im Dunkeln sahen, konnten wir deutlich sehen, was sich vor der Hütte ereignete.
Das war eine bange Nacht. Langsam, langsam schlichen die Minuten vorüber; Stunden vergingen — nichts rührte sich. Mein« Augen schmerzten vom Starren nach dem Eingang. Der Diener war eingeschlafen, wie ich aus seinen tiefen Atemzügen hörte; man konnte es ihm nicht Übelnehmen, denn auch ich war todmüde nach dem anstrengenden Marsch und kämpfte . . . kämpfte verzweifelt mit dem Schlafe . . .
Einige Stunden später erwachte ich plötzlich zum Bewußtsein, mit dem Gefühl, daß etwas geschehen sei.---Und wirklich, jetzt vernahm ich
ein leises Geräusch vor der Hütte.
Aha,-er kommt, dachte ich und griff nach einer schweren Fidschianerkeule, denn eine andere Waffe hatte ich nicht.
Wieder hörte ich das Geräusch, diesmal näher---und dann sah
ich «inen schwarzen Kopf, der sich ganz, ganz behutsam über die Schwelle hob ... ein Messer blitzte zwischen weihen Zähnen ... ein dunkler Körper folgte . . . Jetzt verschwand beides im Dunkeln der Hütte.
Rur zwei grünlich schillernde Punkte . . . die Augen eines Raubtiers . . . näherten sich schleichend der Stelle, wo ich lag . . .
Grausen packte mich, Grausen, das nur derjenige nachfühlen kann, der selber schon, des Nachs im Dschungel, die glühenden Augen eines sprungbereiten Panthers auf sich ruhen fühlte. ----
Der Mond warf durch irgendeinen Spalt im Dach einen Streifen Licht quer über den Boden. Der dunkle Körper, der sich jetzt ganz deutlich vom helleren Eingänge abhob, stutzte einen Augenblick, dann schob sich der schwarze Schatten lautlos über den lichten Fleck.
Wieder sah ich das grausige Messer funkeln, diesmal aber in der Hand des Ungeheuers . . .
Ich bemühte mich ganz ruhig zu liegen und gleichmäßig weiter zu atmen, obwohl mein Herz die Brust zu sprengen drohte, unter dem gleichgültigen Aeuhern aber spannten sich alle meine Muskeln. Die Augen hielt ich beinahe geschlossen, um mein Wachsein nicht zu verraten, und das rechte Knie hatte ich, bereit zum Stoße, eng an den Körper gezogen.--
Noch zwei Schritte . . . noch ein Schritt . . . jetzt war die Bestie an meiner Seite. Langsam hob sich der Arm mit dem grausigen Messer . . . Da sauste mein Fuß mit voller Kraft durch die Luft und traf den Körper in die Magengegend. Er klappte zusammen wie ein Messer und wälzte sich am Boden. Mit einem Satze hatte ich den Kerl gepackt, und mein Diener, der durch den Lärm aufgewacht war, half mir ihn festbinden.
Dann mar meine Kraft zu Ende.---
Kinderfeste.
Von Hermann Hesse.
(Fortsetzung.)
Und so stieg ich die kleine Treppe hinauf, die zum Studierzimmer führte. Diese kleine Treppe mit ihrem eigenen Dapetengevuch und dem trockenen Klang der hohlen, leichten Holzstufen war noch unendlich viel mehr als die Hausflur ein bedeutsamer Weg und ein Schicksalstor; über, diese Stufen haften viele wichtige Gänge mich geführt, Angst und Gewissensqual hatte ich hundertmal dort hinaufgeschleppt. Trotz und wilden Zorn, und nicht selten hatte ich Erlösung und neue Sicherheit zurückgebracht. Unten in unserer Wohnung waren Mutter und Kind zu Hause, dort wehte harmlose Luft; hier oben wohnten Macht und Geist, hier waren Gericht und Tempel und das „Reich des Bakers".
Etwas beklommen wie immer drückte ich die altmodische Klinke nieder und öffnete die Tür halb. Der väterliche Studierzimmergemch floß mir wohlbekannt entgegen: Bücher- und Tintendust verdünnt durch blaue Luft aus halboffenen Fenstern, weiße, reine Vorhänge, ein verlorener Faden von Kötnislh-Wasser-Duft, und auf dem Schreibtisch ein Apfel. — Aber die Stube war leer.
Mit einer Empfindung halb von Enttäuschung und halb von Sluf- atmen trat ich ein. Ich dämpfte meinen Schritt und trat nur mit den Zehen auf, so wie wir hier oben manchmal gehen muhten, wenn der Vater schlief oder Kopfweh hatte. Und kaum war dies leise Gehen mir bewußt geworden, so bekam ich Herzklopfen und verspürte verstärkt den angstvollen Druck im Unterleib und in der Kehle wieder. Ich ging schleichend und angstvoll weiter, einen Schritt und wieder einen Schritt, und schon war ich nicht mehr ein harmloser Besucher und Bittsteller, sondem ein Eindringling. Mehrmals schon hatte ich heimlich in des Vaters Abwesenheit mich in seine beiden Zimmer geschlichen, hatte sein geheimes Reich belauscht und erforscht und hatte zweimal auch etwas daraus entwendet. t ., ...
Die Erinnerung daran war alsbald da und erfüllte mich, und ich wußte sofort: Jetzt war -das Unglück da, jetzt passierte etwas, jetzt tat ich Verbotenes und Böses. Kein Gedanke an Flucht! Vielmehr, ich dac^e wlchl daran, dachte sehnlich und inbrünstig daran, davonzulaufen, die Treppe hinab und in mein Stübchen oder in den Garten — aber ich Wußte ich werde das doch nicht tun, nicht tun können. Innig wünschte ich mein Vater möchte sich im Nebenzimmer «ihren und hereintreten und den qanzm grauenvollen Bann durchbrechen, der mich dämonisch zog und fesselt«. O käme er doch! Käme er doch, scheltend meinetwegen, aber käme er nur, ehe es zu spät ist! , ,
Ich hustete, um meine Anwesenheit zu melden, und als keme, Mitwort kam, rief ich leis«: „Papa!" Es blieb alles still an dm Wanden schwiegen die vielen Bücher, ein Fensterflügel bewegte sich rm Winde und warf einen hastigen Sonnenspiegel über dm Boden. Niemand erlöste mich, und in mir selber war feine Feiheit, anders zu tun, als der Dämon wollte. Verbrechergefühl zog mir dm Wagen zufammm und mackste mir die Fingerspitzen kalt, mein Herz flatterte angstvoll. Roch wußte ich keineswegs, was ich tun würde. Ich wußte nur, es würde etwas Schlechtes [ein.
sch--,,. Seine Augen weideten sich und schienen in der Fern« irgend etwas zu sehen. Die Muskeln seines Körpers strafften sich, der Atem ward schwacher und schwächer, und langsam erstarrte der ganze Leib. Das Pochen des Herzens war auf feiner nacktm Brust nicht mehr wahrnehmbar; ich hatte dm bestimmten Eindruck, daß dieser Mensch mit seiner Seele nicht mehr auf Erden weile.----Darauf frag er mit
sonderbar hohler Stimme nach seinem uerftoebenen Vater und Großvater. Jto5 Orakel gab auf jede Frage mit mtstellter Stimme eine deutliche Mttwort.
So sprach nun jeder der im Kreise anwesenden Männer durch das Mädchen mit seinen Ahnen. Der Häuptling sprach mit seinem Vater über Staatsgeschäfte, wie er sich in dieser und jener Lage zu verhalten habe, und erhielt auf jede, oft sehr verwickelte Frag«, eine wohldurchdachte Antwort. Zum Schluß bat Solomoni die Geister mit bewegten Worten, auch seinem weißen Freunde (damit meinte er mich) einen Fingerzeig zu geben.
Einen Augenblick schien das Orakel überrascht, zuckt« unruhig, dann tarn es stoßweise aus ihrem Munde: „Ich sehe deinen Siern ... er leuchtet hell . . . di« erst« Nacht . . . die zweite Nacht ... die dritte Na . . .---es wird dunkel . . . eine schwarze Wolke ... ich kann
nichts mehr scheu . . ."
Ihre Lippen bewegten sich fieberhaft, und plötzlich schrie st« gellend: JSs droht dir Gefahr . . . hüte dich vor Latoo . . .1"
Ich zuckte zusammen; grausig gellte dieser Schrei in meinen Ohren und verhallte in der ftiUen Nacht. — ---
Wieder war es totenstille. Ein bläulicher Rauch bildet« wunderliche Gestalten, und ein süßlicher Geruch verbreitete sich in der Hütte. Die Fidschianer saßen am Boden, starr und stumm, und stterten ins Leere; chre Augen waren seltsam glasig.
Auch ich war wie gebannt und sah alles wie im Traume. Die Rauchschwaden formten sich zu durchsichtigen Geistergestalten, die gespensttsch auf- und abwogten. Und ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß wir nicht allein in diesem Raume seien, daß ich hier einen Blick in eine fremde Wett tun durfte, die uns Europäern verlorengegangen ist.---
Langsam kam wieder Ausdruck und Leben in die starren Gesichter, und wie aus tiefstem Schlafe erwachend, erhobm sich die Männer.
Das Mädchen am Boden keuchte nicht mehr. Die Spannung in den Muskeln hatte sich gelöst; der Mund klappte mit einem hörbaren Geräusch xu, und die Zähne preßten sich knirschend aufeinander.
Einer der Fidschianer beugte sich über den leblosen Körper, preßte mit seinem Messer die Zähne ein wenig auseinander und goß dem Mädchen ein paar Tropfen eines röüichen Saftes in den Mund. Dieses krümmte sich zusammen, ruhig atmend, wie in tiefem Schlafe . . .
Uni) während der Häuptling mich zu meiner Hütte begleitete, erzählte «, wie das Orakel ohne den geheimnisvollen roten Saft, dessen Zu- kammensetzung nur der älteste Mann des Dorfes kenne, noch in derstlben Rächt sterben würde. Immer vor wichtigen Ereignissen werde eine Jungfrau von den Göttern zum Orakel auserwählt, und dadurch sei nes mog- 8ch, den Rat der Vorfahren einzuholen. Kein wichtiger Entscheid werde lchne diesen Rat gefällt. — .
Als ich allein in meiner Hütte saß, klang mir immer und immer wieder die Warnung des Orakels in den Ohren: „Hüte dich vor Latoo.
Wie konnte dieses Mädchen wißen, daß ich einen Trager dieses Namens hatte, da ich ja erst fett einer Stunde im Dorfe war und meine Träger erst gegen Mitterancht eintreffen konnten?
„Zufall!" sagte ich mir, aber gleich daneben war eine andere Stimme: „Zufall??" ... , ...... . , t
Denn wahrlich, wenn mir ismand ubelsmnen konnte, so war es Latoo den ich einst erwischte, wie er meinem Papagei, fröhlich grinsend, eine Schwanzfeder ausriß. Dies hatte mich derart in Wut gebracht, daß ich ihm eine schallende Ohrfeige verabreicht« und ihn mit einem Fußtritt »Ur Hütt« hinausbeförderte. Ob er mir nun dies nachtrug und sich auf Ugendeine Art rächen wollte? . .
Latoo war kein Fidschianer, sondern ein Eingeborener der Salomo- iwseln viel dunkler als die Fidschianer und im Gesicht ein richtiger Menschenfresser. Sein Ausdruck hatte mir nie gefallen, aber sein Körper war so stark aebaut, daß er mir als Träger willkommen war.
Die Fidschianer hatten ihn gleich von Anfang an nicht leiden mögen, und mein Diener sagte mir am ersten Abend: „He no good; bad eye, I no like hini.“--- . . , .. .. ...
Schritte weckten mich aus diesen Gedanken, und als ,ch mich umdrehte, stand hinter mir — Latoo. Grinsend zeigte er mir seine scharfen Men- Ichenfresserzähne; in seinen grünlich schillernden Augen lauerte etwas Hinterlistiges, Barbarisches--- r,
Zwei Tage waren Bergungen, und die dritte Nacht kam heran, schwul Und unheilschwanger. Je dunkler es ward, desto bedenklicher schien mir, was ich soeben gesehen: Von einem Spaziergange zurückkehrend, war mir ein eigenartiges Geräusch ausgefallen, das aus einem dichten Gebüsch zu kommen schien. Leise näherttetend, sah ich — Latoo, am Boden kauernd und sorgsam an einem Stein sein Messer wetzend. Von Zeit zu Zeit fuhr er prüfend mit dem Daumen über die Schneide und nickte befriedigend «üt dem Kopfe. Um seine wulstigen Lippen zuckte ein barbarisches Lachen, wid seine scharfen Raubierzähne leucheten weiß aus dem schwarzen Gesicht.
Mir graut« vor diesem Menschen, und Unheil ahnend, schritt ich eiligst meiner Hütte zu. Doch kaum hatte ich diese betreten, da fuhr ich erschreckt zusammen, denn eindringlich und warnend tönte non ^neuern der Schrei Bes Orakels in meinen Ohren: „Hüte dich vor Latoo!" •--— —
Cs war mir um so unheimlicher, da ich wußte, daß die Einwohner des Dorfes zu einem Feste gegangen und außer mir nur ein, paar ganz alte Leute zurückgeblieben waren. Jetzt fiel mir auch ein, wie Latoo meine übrigen Träger am Vormittag überredet hatte, ebenfalls an dem Feste teilzunehmm', und wie er am Nachmittag noch einmal zu mir gekommen war, um mir zu sagen, daß nun auch er ins Nachbardorf zum Feste gehe. — Wie es sich nun aber zeigte, war er wahrscheinlich am Abend wieder zurückgeschlichen und hatte sich hinter dem Busch auf die Lauer gelegt.
Nur mein treuer Diener war bei mir geblieben. Er saß am Feuer und braute Tee. Dann wandte er sich plötzlich um und sagte, meine Ge


