Ausgabe 
5.7.1927
 
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Die Vogelfammlung des Novdseemuseums das Aquarium ist wegen Umbaus geschlossen ist vor vielen Jahrzehnten von Heinrich Gätke angelegt worden. An einem kleinen Haus in der Nähe des Hamburger Hofes erinnert eine Gedenktafel an diesen tüchtigen Vogelforscher.

Sehr hübsch und aufschlußreich ist auch die Sammlung von Helgo­länder Altertümern, die manche Ueberraschnng bietet und den innersten Kern dieses helläugigen Jnselvolkes in künstlerischer Läuterung stark und erbaulich offenbart. So klar, so deutsch in Form, Farbe und Zierwerk, so ganz und gar echt, daß auch der diesen Dingen fernstehende Laie einen starken Eindruck erhält.

Rund um Helgoland.

Das Meer wallt im Sonnenspiel wie zerronnenes Silber, ein leichter Wind weht von West über die See und rollt weiße Wellen heran. Wie Rosen auf grüner Schale sieht das aus, wenn man hinüberblickt nach England zu.

Hohl rauscht die Brandung über die mächtigen Blöcke, die als Siche­rung gegen die ewigen Fluten dienen. Mächtig streben die Felsen auf, tief leuchten die Wände über der starken Preuhenmauer, steile Schroffen recken sich auf, unheimliche Grotten gähnen uns drohend an, Klippen mit messerscharfen Graten springen vor, das Wasser brodelt und rauscht, eine unglaublich hohe Holztreppe zieht sich von der Werkstelle in schwin­delnde Höhe aufs Oberland hinauf, das ein schmaler, grüner Streifen anmutig krönt.

Der Lummenfelsen ist verlassen, mir die breiten, schneeweißen Guano- bänder, die seine Kanten säumen, machen ihn kenntlich als den deutschen Vogelfelsen, den einzigen, den wir haben. Sonst nisten hier Hunderte und Hunderte von Lummen und Alken wie Soldaten in Reih und Glied an der Felswand ausgerichet und schnattern von früh bis spät.

Die Preußenmauer, der gewaltige Uferschuß, an dem schon seit Jahren gearbeitet wird, legt sich langsam um die Insel herum. Unser Führer zeigt uns, wie sie geplant ist. Ob es gelingen wird, dem Meer soviel Raum wegzunehmen, das hängt heute nicht sowohl von den technischen Möglichkeiten, als vielmehr von dem verfügbaren Geld ab. Von den feit dem Mittelalter in der Nordsee versunkenen 5000 Geviertkilometern hat zähe Arbeit die gute Hälfte wieder erobert. Möge das auch bei Helgoland gelingen, der herrlichsten der deutschen Inseln.

Käthe KoKwitz.

Von Dr. Ludwig Neundörfer.

Professor Käthe Kollwitz begeht dieses Jahr ihren sechzigsten Geburts­tag. Cs ist das Anlaß, auf ihr Werk zurückzublicken und ein vorläufiges Fazit zu ziehen.

Käthe Schmidt, wie der Mädchenname der Künstlerin lautet, ist 1867 geboren. Ihre Jugend liegt also in jener Zeit, da das neue Deutsche Reich mächtig sich entwickelte, da die. Grundlage der Industrialisierung gelegt wurde. Ihr Vater war Maurermeister/ursprünglich jedoch Jurist, der wegen seiner Anschauungen diese Laufbahn aufqegeben hat. Die Künst­lerin kam zu Stauffer-Bern in Berlin und zu Herterich-München in die Lehre. Starken Einfluß aiff ihr« Kunst hat vor allem auch Klinger aus- geübt. 1891 verheiratete sie sich mit dem Kassenarzt Dr. Karl Kollwitz und ließ sich mit ihm in Berlin N nieder. Ob es innere Wahlverwandtschaft war, die sie in jenes arme Viertel Berlins mit seinem großen Elend gezogen hat? Auf jeden Fall entstammen die Motive ihres Werkes von vornherein dieser Welt: Bettlergestalten, Vorstadt- und Wirtshausszenen! Das erste große Werk war dann der Zyklus von sechs Blättern:Ein Weberaufstand", der 1897 erschien. Diese Folge hat Käthe Kollwitz mit einem Schlag berühmt gemacht, ihr aber auch viele Feindschaft ein­getragen. Wie Gerhart Hauptmann, von dessen SpielDie Weber" Käthe Kollwitz angeregt worden ist, legte sie die Hand aus eine Wunde der Zeit. Die Umstellung auf Fabrikarbeit hatte großes Elend, besonders unter den Heimarbeitern, hervorgerufen. Es kam darüber zu Unruhen, die mit Waffengewalt unterdrückt wurden. Noch eindringlicher wie in Haupt­manns Spiel, wird uns das Schicksal dieser Weber aus den Bildern deut­lich. Es fehlen die Gegenspieler: Der Fabrikant, seine Frau, der Expedient und der Pastor, der Gastwirt und der Gendarm. Nur das Volk, seine Not in den dumpfen Hütten, wo Hunger und Tod ständige Gäste sind, die dumpfe Lust des Wirtshauses, da sie mit heißen Köpfen zusammenhocken und beraten, der Auszug so wenig sieghaft, müde sich hinschleppende Ge­stalten mit stumpfen Mienen, der fruchtlose Kampf vor dem geschlossenen Villentor und schließlich wieder die enge Stube mit dem Webstuhl,' noch vom Pulverdampf erfüllt, aus der man die Toten hinansträgt. Als Schluhblatt für den Weberzyklus, das den ganzen Sinn dieser Folge ent­hüllt, plante. Käthe Kollwitz ein symbolisches Blatt: Ein auf Dornen gebetteter Leichnam, wie Christus im Grabe und rechts uniä links zwei 0e^eu^igte Frauen mit der Unterschrift:Aus vielen Wunden blutest du,

Mit dem Weberaufstand hatte Käthe Kollwitz ihr Lebenswerk Um­rissen. In immer neuen Gestalten zeigt sie das eine, die Not eines ge­drückten Volkes, sein Kampf mit dem Tode.Zertretene" heißt ein Blatt von 1900; da sitzt eine Frau, schwer müde und hoffnungslos, den Kopf eines Kindes zwischen den Händen im Schoß haltend, der Mann steht daneben mit abgewandtem Gesicht und kann nichts anderes, als den Strick zu reichen, damit man diesem Leben ein Ende machen kann. In diesen Blättern ist wohl bewußt die Anklage gegen schlimme Zustände im Volk hinausgeschrien.

Aber dieses allein könnte Küche Kollwitz nicht die allseitige Bedeutung sichern, die sie genießt. Wäre ihre Kunst reine Tendenz, so würden sich alle die davon abwenden, die vom Kunstwerk mehr verlangen als das. Es ist gar kein Zweifel, daß Käthe Kollwitz mit ihrem Schaffen künden wollte. Aber sie ist als Mensch so groß, daß sie über das äußere Elend hinaus die Menschenwürde in diesen Aermsten entdeckt hat. Sie fordert nicht, sondern sie zeigt, daß es da ist. Da steht eine Frau, hoffnungslos müde, und pocht an der Tür um Arheit. Die ganze Gestalt verhärmt und zerschosst, aber im Antlitz wird Menschlichkeit ganz tief offenbart. Und

das ist es, was Käthe Kollwitz allgemein beideutet: Ihre Köpf«, ihre Gestalten künden wirklich!

Dabei soll auch der rein künstlerischen Meisterschaft, mit der Käthe Kollwitz Kohle und Radiernadel Handhabt, gedacht sein. Wir kennen von ihr kein Gemälde, aber SUft und Nadel weiß sie zu handhaben, wie kaum einer ihrer Genossen. Seit 1912 hat sie sich auch mit plastischen Werken versucht, von denen aber bis jetzt noch nichts an die Oeffentlich- keit gedrungen ist.

Mch einer langen Pause, über die Kriegsjahre hin, ist Käthe Kollwitz 1919 erneut auf den Plan getreten. Wir spüren einen deutlichen Wandel im Spiel dieser letzten Jahre. Immer mehr wird das schildernde Detail zurückgedrängt gegenüber großen zusammenfassenden Linien, die nur das Wesentliche des Ausdrucks geben wollen. So ist es natürlich, daß Küche Kollwitz in der großen Folge von sieben Blättern, in der sie ihr Erlebnis des Krieges niedergelegt hat, zum Holzschnitt gegriffen, ber mit reinen Flächen und Linien arbeitet.

Das Arbeitsgebiet von Käthe Kollwitz ist beschränkt. Sie kennt nicht Landschaft, sie hat außer Selbstbildnissen keine Porträts geschaffen, sie hat nie Geschichten erzählt. Es ist wie selten,bei einem Künstler ein ein­ziges Motiv, das ihr Lebenswerk beherrscht. Aber wenn wir in großer Schau das Schaffen von bald 40 Jahren überblicken, so werden wir nicht müde. Käthe Kollwitz hat eben nicht eine Spezialität, die, einmal ge­funden, in virtuoser Weife immer wieder vorgeführt wird, ihr Lebens­werk ist beherrscht von einem tiefen Erlebnis, daß sie alles ander« Dar­stellenswerte vergessen läßt und nur dies eine in immer neuen Bildern künden läßt: Die Not der Mitmenschen, ihr Kampf und ihr Leid!

Die

Stimme des Orakels

Von Paul Abt*).

Eines Nachts kam Solomoni ganz aufgeregt in meine Hütte gelaufen und erzählte mir eine verworrene Geschichte von einem Mädchen, das vorn Teufel besessen sei.

Er führte mich zu einer Hütte am Ende des Dorfes. Schon von weitem vernahm ich ein eigenartiges Summen, das oft von schrillen Schreien unterbrochen wurde, und als ich den engen Raum betrat, blieb ich erstaunt stehen, denn seltsam war der Anblick, der sich mir bot: Da lag am Boden, splitternackt, ein junges Mädchen auf dem Rücken. Arme und Beine waren weit nusgestreckt und wurden von je einem Fidschianer am Boden festgehalten. Die Brust der jungen Schönen wogte, der ganze Körper zuckte wie im Krampf, keuchend kam der Atem aus den Lungen, und oft rang sich ein heiserer Schrei aus ihrer Kehle. Die Llugen waren voll­ständig nach innen gekehrt, der Mund halb geöffnet, und auf den schön geschwungenen Lippen stand ein feiner, weißer Schaum.

In der Ecke der Hütte brannte ein großes Feuer, welches gespenstische Lichter auf die glänzenden, dunklen Körper warf. Die Aeltesten des Dorfes faßen in einem Kreise nahe dem Mädchen am Boden.

Solomoni forderte mich auf, an seiner Seite Platz zu nehmen. Dann brachten auf einen Wink des Häuptlings einige Fidschianer ein riesiges Kawabecken, das sie mitten in unseren Kreis stellten.

Und nun erschien Meemea, die Bortänzerin des Dorfes, mit einer großen Kawawurzel. Vor dem Häuptling niederkniend, zeigte sie den Mund und ihre Zähne, zum Beweis, daß sie rein und gesund seien. Auf ein Zeichen fing sie an di« Wurzel zu kauen, spuckte den Brei in das Kawabecken und schüttete etwas Wasser dazu; die Kawa war fertig.

Eine alte Kokosnuhschale, durch den vielen Gebrauch poliert, wurde herumgereicht. Jeder nahm einen Schluck, dabei irgendeinen Spruch murmelnd, und tauchte dann die Hände in die Flüssigkeit des Beckens.

Auch ich tat dies gespannt, was nun kommen würde. Kaum aber hatte ich die Kawa berührt, da fühlte ich ein eigenartiges Prickeln in den Fingerspitzen. Und erstaunt sah ich, wie die Kawa zu brodeln begann.

Die Fidschianer sangen eine düstere Melodie, bewegten ihre Körper im Takte hin und her, und das Feuer malte gar seltsame Schatten an die Wand.

Immer stärker wurde das Brodeln, immer höher quoll die Flüssigkeit. Schaum bildete sich an der Oberfläche, da stockte mein Atem, erstarrte das Blut in meinen Adern, denn Schlangen!... eklige Schlangen schwammen plötzlich in der Kawa. Ihre Leiber schillerten grünlichblau, sie umschlangen meine Hände, krochen darüber hinweg, kalt und schleimig...

Eisig lief es über meinen Rücken; denn das war das Entsetzlichste: Ich konnte meine Hände nicht wegnehm en; die Arme waren wie gelähmt.

Daß auch die Fidschianer dasselbe sahen und fühlten, wurde mir zur Gewißheit, als ich wahrnahm, wie geängstigt sie nach der Kawa blickten und mit den Händen zuckten.

Ich schloß.die Augen, denn ich konnte den grausigen Anblick nicht länger ertragen. Die Bewegungen der Schlangen suhlte ich aber dennoch, und jedesmal fuhr ich zusammen, wenn sich eine feucht und klebrig um mein Harchegelenk wand. .

Wie lange dies dauerte, weiß ich nicht; aber nach einiger Zett fühlte ich, wie die Bewegungen langsamer wurden, und als ich die Augen auf­schlug, bemerkte ich, daß die Kawa nur noch ganz schwach in Bewegung war. Der Gesang verstummte, und alles war wieder wie zuvor. ,

Schnell zog ich die Hände aus der Kawa. Sie waren eisEalt, trotz der Hitze, und das schleimig-klebrige Gefühl der Berührung nut den Schlangen empfand ich noch stundenlang.

Totenstille herrschte in der Hütte; nur das Feuer kn-ffterte m der Ecke. Das Mädchen am Boden lag wie tot. Dann plötzlich durchzuckte ein Krampf den Körper, stöhnend kam der Mmr aus der Brust . . .

Und nun geschah das Seltsame: Ein Fidschianer berührte mtt selber Stirn dreimal den Boden und blieb bann tn halberhobener Stellung

*) Die nachstehende spannende Geschichte ist dem im Verlag von Strecker und Schröder in Stuttgart erschienenen Buche: Paul Abt,-Sm Banne des Zauberers" (Leinenband 5 Mk) entnommen.

Verfasser erzählt in seinen Geschichten Erlebnisse aus der Sudsee, du ganz unglaublich klingen und doch seltsame und furchtbare Wahrheit smd.