Jahrgang 1927
Dienstag, den 5. Juli
Nummer 55
Gießener KimilieiibMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Mseresstrand.
Von Theodor Storm.
Ans Haff nun fliegt die Möwe, Urob Dämm'rung bricht herein; lieber die feuchten Watten Spiegelt der Abendschein.
Graues Geflügel huschet Neben dem Wasser her; Wie Träume liegen die Inseln Im Nebel auf dem Meer.
Ich höre des gärenden Schlamm Geheimnisvollen Ton, Einsames Vogelrufen — So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise Und schweiget dann der Wind; Vernehmlich werden die Stimmen Die über der Tiefe sind."
Helgoland.
Von Dr. Karl Neurath.
Du bist Drplid, mein Land . . .
Wer eines Sommertages — noch müde von der Seefahrt — die rote Insel durchstreift, die wie ein Märchen über den glasgrünen Fluten schwebt, der sieht sie wohl trunkenen Auges, aber er lernt sie nicht kennen. Man muß seßhaft werden für Tage und Wochen, um ihren Zauber auszukosten, die ganze Schönheit dieses Felseneilandes in sich aufnehmen, auf dem einst strenge Priester das Heiligtum ihres Gottes hüteten. Noch heute bedarf es keiner großen Einbildungskraft, auf getürmten Wogen das gepanzerte Doot eines fee-erprobten Wikings heranbrausen zu sehen, wenn man einsam auf der Klippe steht, denn der Fels hat sich in geschichtlicher Zeit kaum verändert, wenn man von dem mit unendlichen Mühen und Kosten errichteten und dann wieder zerstörten Hafen und seinem breiten Vorland absieht.
Wie in alten Zeiten braust das Meer über den am Ende der Tertiärzeit abgesunkenen Felsengrund, der einst die Küste mit der Insel verband, wie in alten Zeiten wandern die Wolken daher und die geheimnisvollen Funken der Serne ... Ist man fern genug von dem Lärm der wonne- tlunkenen Zeitgenossen, dann ist man mitten in der reinsten, von keines Menschen Hand entstellten Natur, und man mag sich wohl einbiiben, daß da, wo weit im Westen die Sonne flammend ins Meer sinkt, heute noch der Rhein flutete wie vor Jahrtausenden, und daß ihm die Themse ihr Wasser noch immer zuführe wie damals, als Helgoland ein Fels des Festlandes war.
Heute führen die Hochstraßen des Weltverkehrs vorüber, Dampfer und Jachten liegen auf der Reede, die breiten Fischerboote eilen über die seidigen Wellen wie Käfer über blinkendes Blattgold, der Fremdenstrom überschwemmt den Strand, braust die hohe, unbequeme Treppe hinauf, ergießt sich über das Oberland, und doch lebst du auf einer einsamen Felsenrippe weit über aller Zeit.
Anfangs ist man bange. Die Insel ist gar so klein, und man glaubt immer, wenn man darüber hinwandelt, daß man mit dem einen oder dem anderen Fuß ins Meer treten müsse. Bald aber gewöhnt man sich, und wenn man wohlig müde von Bad und Strand zurückgekehrt ist und feinen abendlichen Rundgang macht, dann merkt man, daß man sich reichlich müde laufen kann auf Helgoland, und streckt sich behaglich im zerzausten Gras, indes langsam die Sterne heranwandern und Meer und Wind das ewige Lied rauschen — das auch in unserem Blute brandet, das Heim- wehlisd von Orplid, dem Land . . .
Die Düne.
Auf der Dune drüben, die glänzend weiß vor dem Türkis der ewigen See funkelt, liegt ein kleines Stück Grasland, um das ein schwarzer Zaun gezogen ist. Ein Dutzend Kreuze, schwarz vom Teer wie 'bas Gatter, stehen in Reih und Glied, ohne Namen, ohne Schmuck. Schlicht und einfach wie die Fischer, die hier kargem Fang nachgingen, ehe Jakob Andresen Siemens den ersten Dadekarren gebaut hatte. Geborgen im weißen Sand ruhen hier die Tatzen, von denen niemand Name noch Heimat weiß. Irgendwo wird wohl ein Herz gebangt haben Tag um Sag, aber stumm blieb das Meer, stumm der Mund, der einst ein fröhliches Wiedersehen gelächelt hatte. Der Friedhof der Heimatlosen nahm ihn auf und schryeigt.
Am Eingang steht ein Denkstein mit einem Gedicht von Geheimrat Hesselbarth auf bronzener Platte. Der Gelehrte, der so mannhaft für Helgoland eingetreten ist wider die Regierungen, hat hier Worte zarter Liebe gefunden für die Schlafenden, die den Seemannstod erlitten, und er
griffenen Herzens geht man weiter, indes der Sand unter den Schritten riefelt . . . und über den Dünenrücken die Freude der Badenden schallt. Die säuberlich aufgestellten und immerzu vermehrten Kabinen mit ihrem freundlich frischen Grün reichen nicht aus für all den Andrang, der sich mit jedem neuen Boot vermehrt, und so hilft man sich selbst, so gut es eben geht, und freut sich der Selbstverständlichkeit, mit der aus dem Bürger plötzlich ein Mensch wird. Herrlich, wie sich heute selbst Frauen mit weißen Haaren froh und ungebunden im Wasser tummeln und sich des Segens freuen, der wohlig über ihrem Körper riefelt. Und erst die Jugend! Da wächst ein Geschlecht heran, das für unsere Zukunft bürgt...
In brausender Fahrt kommt ein Flugboot. In entzückender Schleife schwebt es über der Insel und geht bann dicht bei der Düne, um jubelt von jung und alt, auf das bewegte Wasser nieder, bootet seine Fahrgäste aus, nimmt neue an Bord und erhebt sich dann mit dem Gefühl der selbstverständlichen Sicherheit wieder über die Wogen, um heimwärts zu ziehen nach Bremerhaven und Bremen.
Die Badegäste.
Vor dem Kurhaus und auf der neuen Landungsbrücke wandeln und wirbeln die bunen Mengen der fremden Maidlein, spärlich von Jünglingen umschwirrt, und darüber flattern im steifen Südwest die Flaggen aller deutschen Staaten in der gleißenden Sonne. Dahinter der rote Fels, darüber der seidig blaue Himmel und rundum der schimmernde Smaragd des ruhig atmenden Meeres, über das nur hin und wieder kleine weiße Wellenkämme laufen.
Und jeder Dampfer bringt neue Gäste. Manche laufen nur hurtig über die Insel, schauen ergriffen ins weite Gestüte und fahren bann wieder ■ weiter, anderen Gestaden zu, indes der seßhafte Fischer auf dem Geländer der Brücke hockt, mit gleichgültigen Augen über die lauten Schwärme ins Meer sieht und vergnügt seinen Priem taut. Andere wieder schlucken hastig eine Tasse Kaffee, schlingen ein paar Bissen hinunter, füllen sich Taschen und Handkoffer mit Schmuggelwaren oder schauderhaften Andenken und erreichen abgehetzt und müde gerade nach bas letzte Boot, um weiter zu rasen. Die glücklich Besitzenden aber lehnen schadenfroh an der Falrn und ergötzen sich an den Leuchtfeuern.
Von Wangerooge, vom Roten Sand, von Elbe I, von den Türmen und Feuerschiffen der Eider herüber leuchten die trostvollen Funken, und darüber ziehen die drei Büschelfeuer von Helgoland ihre breiten Streifen, von dem roten Fositesland, um das uralte Wasser ruhevoll steigen . . .
Bad Helgoland.
Vor dem Norbseemuseum steht ein Gedenkstein für Öen Begründer des Bades, den alten Schiffszimmermann Jakob Andresen Siemens, dem Helgoland seinen ganzen heutigen Wohlstand zu danken hat, der aber arm und mittellos in einem englischen Armenhaus gestorben ist. Der einfache graue Stein erzählt von jener Zeit, da man mit einem halben Dutzend Badekarren vor hundert Jahren ein neues Glück nach Helgoland fahren wollte.
Schwer genug ist es gewesen, und lang genug hat es gedauert, bis politische Flüchtlinge aus Deutschland und Oesterreich, bis Männer wie Heine, Dingelstedt und Hoffmann von Fallersleben seine Schönheit in alle Winde fangen und seinen Ruhm verbreiteten.
Neckisch sahen sie aus, die Schönen, die vor hundert Jahren daher- = kamen, um das heilsame Bad zu brauchen, in großen Schutenhüten stiegen ! sie ins Meer, einen wohlgarnierten Badeanzug um die Glieder, aber oft ’i genug auch ganz so wie sie gewachsen waren, denn die damaligen Bade- f ärzte' hielten den Badeanzug für schädlich, und bei dem für Männlein und Weiblein gesonderten Strand gab’s auch wohl nur wenige, die Anstoß daran nahmen. Am wenigsten wohl die Herren, die unterm gravitätischen Zylinder und im schwungvollen Vatermörder einherwandelten und — wenn man alten Gerüchten trauen darf — mitunter versuchen, einen kecken Blick ins verbotene Paradies zu werfen.
Heute ist man nicht mehr so prüde. Der Leid ist nicht mehr des Teufels Lockspeise, um die brave Seele zu ködern, und so gibt man sich mit freierer Lust und lebendigerem Weltgefühl als Kind der Erde und genießt die Wohltat der flutenden Wasser und der wärmenden Sonne in vollen Zügen. Die Natur ist wieder auf dem Wege selbstverständlich zu werde, und da man heute das Weib vom Mann kaum mehr unterscheiden : kann, wenn sie im Wasser stehen und die kurzgeschnittenen Köpfe recken, i so kehrt das alte Ideal der Helgoländer Badeärzte vielleicht in gar nicht ' so ferner Zeit einmal wieder.
Das Rordseemusernn.
! Hier gibt es alles mögliche zu sehen, was man sonst selten findet, vor ‘ allem Fische und Vögel. Vor allem Fische in jeglicher Gestatt. Und dann ; Vögel. Lummen, Schwalben, Stare und Sperlinge sind so ziernttch die ' einzigen Strandvögel auf Helgoland — was sonst vorkommt, sind nur ! Gäste auf dem Zug, aber es sind eine ganze Stenge, denn Helgoland ist i eine viel besuchte Gaststätte der Zugvögel, die hier zur Rast einfallen. • 400 Arten ziehen vorüber . . .


