Ausgabe 
5.4.1927
 
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oder indisch oder indisch abgewandelter Form hier noch deutlich erkennbar sind. Ebenso hat das Studium sassamndischer Waffen, Cinbleme, Auf- gäumung der Pferde und anderes deutlich den Weg dieser Kulturen von West nach Ost aufgewiesen. Interessant ist, daß die in der griechischen Plastik gebräuchlichen Stützen zwischen Fingern der fianb bei Buddha- j Statuen mißverständlich als eine Art Schwimmhaut wiederkehren und i weiter als eines der Merkmale eines echten Buddha in die Sutras über- i gingen. Das Mißverständnis ist überhaupt, wie von Le Coq sagt, einer i der stärksten Schöpfer gewesen. Die Aufstellung der Turfanschütze, die übrigens eine Gelegenheit bietet, großzügige ostasiatische Kunst zu sehen, ; wie sie außerhalb Asiens kaum irgendwo gegeben ist, dürfte jedenfalls unsere Anschauungen über die Herkunft der Kunst Chinas und Indiens einer tiefgreifenden Umwälzung unterziehen.

Chemie, Tschnilr und Weltgeschichte.

Bon Professor Dr. Hermann Großmann, Berlin.

Der gewaltige Einfluß der Technik auf das Wirtschaftsleben der Völker und in Verbindung damit ein stark wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen den einzelnen Nationen haben sich zweifellos schon in früheren Zeiten maßgebend bemerkbar gemacht, aber die enge Vebindung alles wirt­schaftlichen und politischen Geschehens mit der Entwicklung der wissenschaft­lichen und technischen Chemie gehört doch im wesentlichen der neueren Zeit an.

Im Altertum, über dessen technische Leistungen man viel weniger gut informiert ist als über seine politische, philosophische oder religiöse Ent­wicklung, gab es zwar auch schon recht starke Unterschiede in der technischen Leistungsfähigkeit der einzelnen Bölker, aber wir wissen heute noch nicht, ob bei dem großen Kampf der Römer mit den Karthagern ein lieber« wiegen des technischen Könnens bei den Römern schließlich zu dem end- : gültigen Erfolge Roms beigetragen hat. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daß der anfängliche Sieg der römischen Heere über die ger­manischen Völker sehr wesentlich auf die überlegene Technik in der Her­stellung von Waffen in Italien zurückzuführen ist. Dies« Unterschiede im tech­nischen Können bei den Römern und ihren damals alsBarbaren" bezeichneten Nachbarvölkern scheinen sich ober in verhältnismäßig kurzer Zeit ziemlich ausgeglichen zu haben, denn sonst wäre wohl kaum der Zerfall des römischen Reiches unter dem Ansturm der germanischen Stämme so schnell erfolgt, wie es tatsächlich der Fall gewesen ist. Zur Zeit der ganzeir überseeischen Entdeckungen am Ausgang des Mittelalters zeigte es sich dann nochmals, wie die überlegene Technik der Europäer seit der Entdeckung des Schießpulvers im 14. Jahrhundert es vermochte, selbst in ihrer Art hochkultivierte Völker mit an sich höchst beachtenswerten tech­nischen Leistungen auf dem Gebiete des gewerblichen Lebens in über­raschend kurzer Zeit zu vernichten. Die Kenntnis von der Herstellung des Schießpulvers verbreitete sich naturgemäß in Europa überaus schnell, und dieser ungeheuer wirkungsvollen neuen Kriegswaffe muhte ja auch das erzgepanzerte Rittertum in seinen festen Burgen binnen kurzer Zeit erliegen. Wenn auch die Naturwissenschaften feit dem Zeitalter der Reformation große Fortschritte gemacht haben, so änderte sich doch an der Kriegstechnik während des 17. und 18. Jahrhunderts verhältnismäßig wenig, und erst seit der Zeit der sranzösischen Revolution beginnt mit der Entwicklung der chemischen Wissenschaft und Technik eine neue Epoche.

Wesentlich beeinflußt wurde diese Entwicklung vor allem durch die steigende Eisenerzeugung in verschiedenen europäischen Ländern, vor allem aber in England, wo man seit 1750 zuerst im großen dazu überging, an Stelle von Holzkohle den aus der Steinkohle hergestellten Koks beim Hochofenprozeh zu verwenden. Es hat verhälnismäßig lange Zeit gedauert, bis der Kampf zwischen dem immer knapper werdenden Holz und der Steinkohle zugunsten der letzteren endgültig entschieden wurde, und nun erst konnte sich eine eigentliche Industrie im modernen Sinne auf den verschie­denen Gebieten entwickeln, nachdem man gelernt hatte, sich der mit Hilfe von Steinkohle gewonnenen Dampfkraft zu bedienen. Das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts ist die Zeit der grundlegenden Entdeckungen auf dem Gebiete der Textilmaschinen, der ersten Masseneinfuhr von amerikanischer Baumwolle nach Europa und der Gewinnung von künstlicher Soda aus Kochsalz nach dem Verfahren von Leblanc in Frankreich. An diese Ent­wicklung der Sodaindustrie schloß sich dann wenige Jahre später die so­genannte chemische Großindustrie an, die den verschiedenen Gewerben eine Fülle von unentbehrlichen Hilfsstoffen zu liefern vermochte. Es folgte dann auch kurz darauf die Gewinnung von Leuchtgas, die im 19. Jahrhundert eine damals unerhört scheinende Revolution im öfsentlichen und privaten Beleuchtungswesen herbeiführte. Wenn auch ein großer Teil der damaligen Entdeckungen anfänglich hauptsächlich England zugute kam, so blieben doch auch die Kontinentalländer von dieser Entwicklung keinesfalls unberührt. Selbst in dem damals von dem Zentrum der europäischen Kultur scheinbar unendlich weit entfernten Oberschlefien begann man schon frühzeitig die technischen Erfolge der Neuzeit im Berg- und Hüttenwesen an- zuwenden. Auch hier übrigens hat Friedrich der Große mehrfach An­regungen gegeben, wie auch seiner Initiative die spätere Entwicklung der Rübenzuckerindustrie wesentlich mit zu verdanken ist. Allerdings blieb die Entdeckung Markgrafs in Berlin von der Identität des aus dem Zuckerrohr und der Zuckerrübe gewinnbaren Zuckers Jcchrzehnte hin­durch nur eine wissenschaftliche interessante Tatsache, die erst zu den Zeiten der Kontinentalsperre, vor allem in Frankreich, Bedeutung erlangte, wo ; Napoleon mit allen Mitteln di« Rübenzuckerindustrie zu fördern bemüht war. Die napoleonische Absperrungspolitik in feinem Kampfe gegen Eng­land hat aber auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts vielfache Bemühungen veranlaßt, die europäischen Rohstoffquellen mit Hilf« der Chemie rationeller auszunutzen, um für bie mannigfachen Kolonialprodukte geeignete Ersatz­mittel zu beschaffen. Es hat übrigens gerade in Deutschland ziemlich lange

gedauert, bis die nach den Freiheitskriegen schwer notleidende Rübenzucker- industrie sich gegenüber dem Rohrzucker erfolgreich durchzufetzen vermochce, mährend sie in Frankreich auch nach 1815 erhebliche technische Fortschritte machen konnte.

Wenn die europäischen Bölker im Verlauf des 19. Jahrhunderts in der Lage waren, einer stark erhöhten Bevölkerungszahl im Gegensatz zu den Prophezeiungen von Robert Malthus 1798 genügende Mengen an Nah­rungsmitteln und Arbeitsmöglichkeiten zu verschaffen, so verdanken sie das in erster Linie der verhältnismäßig langen Friedenszeit, die den Erschütte- rungen von 1789 bis 1814 folgte, und vor allem auch dem beispiellosen Siegeslauf der Jngenieurtechnik und der chemischen Industrie. Durch die unendlich gesteigerte Ausdehnung des Weltverkehrs wurde es nunmehr möglich, die Rohstoffe praktisch aller Länder nach den Industriezentren Europas zu bringen, bis dahin nicht ausgenutzte fruchtbare Ländereien dem Anbau von Nahrungsmitteln zuzuführen, und endlich auch die Er- giedigkeit der alten Kulturländer durch die reichliche Zufuhr von chemischen Düngemitteln ganz unvechältnismäßig zu vermehren. An die großen Ar- beiten von I u ft u s Liebig schließt sich seit 1840 die moderne Kunst- dungerindustrie an, die auch durch die feit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts einsetzende, ständig steigende Zufuhr von natürlichem Sal­peter aus Chile und Peru einen besonders starken Anstoß erhielt. Man hätte nun annehmen können, daß die wechselseitigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Völkern schon frühzeitig zu der Erkenntnis von der Not­wendigkeit des gemeinsamen Vorgehens in technischen Fragen geführt hätten. Dieser Erkenntnis stand jedoch das nationale Streben nach Aus­dehnung des eigenen Staatsgebietes und Erwerbung von rohstoffreichen Kolonialgebieten entgegen, und so führte der Fortschritt von Verkehr und Technik schließlich nur zu einer Verstärkung jenes mißgünstigen Geistes der Handelseifersucht, der bei dem Ausbruch der Weltkataftrophe von 1914 bis 1918 zweifellos eine wesentliche Rolle gespielt hat. Vor dem Kriege glaubte man allerdings in vielen Kreisen wähl an die Gleichgültigkeit des Bismarcksthen Wortes von demChemiker, der das Schwert in der Scheide halte". Aber bei der ständigen Ausdehnung des technisch immer mehr vervollkommneten Wettrüstens lag die schließliche Entscheidung über das Losgehen der Gewehre eben tatsächlich nicht bei den Vertretern der chemi­schen Technik.

Aehnlich wie in den Zeiten Napoleons fand naturgemäß auch im Weltkriege die chemische Technik zahlreicher Länder überreiche Betäti­gungsmöglichkeiten, und doch sollte man nicht immer einzelne große Erfolge der chemischen Industrie in ihrer Bedeutung allzusehr über­schätzen. Gewiß ist es erfreulich, daß Deutschland heute in der Lage ist, über den Bedarf der deutschen Landwirtfchaft hinaus größere Men­gen von Stickstoffverbindungen auszuführen, daß man den deutschen Bedarf an Aluminium zu einem großen Teil im Inland zu decken ge­lernt hat, und daß man energisch dazu übergegangen ist, die schwierigen Probleme der Kohlenveredlung in Angriff zu nehmen. Diesen Erfolgen der Industrie stehen aber andererseits doch auch erhebliche 'Verluste gegen­über, die besonders vom Standpunkt der deutschen Volkswirtschaft aus gesehen, als starke Passiven im Wirtschaftsleben der Gegenwärt be­trachtet werden müssen. Erfreulicherweise scheint man nun jedoch all­mählich wieder im Auslande an ältere Gedankengänge praktisch anzu- knüpfen und immer mehr Wert auf ein Zusammenarbeiten der fortgeschrittenen Völker auf technischem und wirtschaftlichem Gebiete zu zulegen, vielleicht veranlaßt durch das nicht unberechtigte Gefühl, daß die dringenden Probleme der Rohstoffbesck)afsung in Zukunft nur gemeinsam gelöst werden können. Aber rein technische Erkenntnisse vermögen mir dann eine tiefere Wirkung auszulösen, wenn sie auch bei den wirtschaft­lich rechnenden und führenden geistigen und politischen Kräften in Staat und Gesellschaft Verbreitung finden. Wenn mit anderen Worten nicht nur in der Technik die Erkenntnis heranreist, daß der Gewinn eines Landes nicht notwendigerweise gleichbedeutend mit dem Verlust der anderen Länder zu erachten ist.Deutschlands Verlust ist nicht Eng­lands Gewinn, sondern Englands Verlust", schrieb noch in den ersten Monaten des Weltkrieges die englische ZeitschriftEeonomist".

Das sehr vielseitige Rohstoffproblem wird übrigens vielfach immer noch zu sehr unter dem Eindruck der Befchaffung von Kriegsmaterial aller Art betrachtet, während die wirtschaftliche Bedeutung der technischen Einzelfragen in der Gegenwart häufig ein viel geringeres Jnterefse zu bieten scheint. Bis jetzt haben sich aber, wie z. B. die älteren Prognosen über die baldige Erschöpfung der chilenischen Salpetervorräte zeigen, zahlreiche geologische Vorratsschätzungen in bezug auf Erze, Metalle, Kohle und Erdöl als recht wenig zuverlässig erwiesen. Er erscheint daher nicht überflüssig, die leicht erregbare Oeffentlichkeit darüber zu beruhigen, daß viele Probleme, mit denen sich zwar die ck)emische Wissenschaft schon heute forschend beschäftigt, erst in recht langer Zeit wirklich aktuell werden dürften. Da man zur Zeit noch keineswegs übersehen kann, welche tech­nischen Fortschritte bereits in den nächsten Jahren zu erwarten sind, so wird man wohl mit einer gewissen Berechtigung sich der Anschammg von Wilhelm Ostwald anschließen dürfen, wonach auf Grund der Entwicklung der Naturwissenschaften und der durch sie erzielten Fort­schritte ein fast unbegrenztes Zutrauen zu der Leistungsfähigkeit der künftigen Generation als wohlbegründet angesehen werden kann.

Jede Darstellung der Weltgeschichte unter dem Zeichen einer bewußt einseitigen Einstellung unterliegt naturgemäß stets der Gefahr, daß sie andere ausschlaggebende Faktoren im Weltgeschehen zu unterschätzen ge­neigt ist. Deshalb wird man aber doch die Forderung aufstellen dürfen, daß die künftigen Geschichtsschreiber und die behandelnden Staats­männer der Rolle der Technik in Zukunft mehr gerecht werden sollten, als das bisher vielfach 8er Fall gewesen ist, denn Technik und Chenne werden auch in Zukunft sicherllch die gesamte Entwicklung der Mensch­heit noch viel stärker als früher deeinflusien, gleichgültig, ob der ein­zelne die Technik als einen Segen oder als einen Fluch betrachtet.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Sruck und Verlag: Drühl'sche ÄniversititS-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.