Sie drängte sich ins Bierzelt nebenan. Da war ein Tisch, an dem drei Herren beim Rotwein sahen. Der graue Klotz mit den Überhängen- den Augenwulsten und dem zuckenden Blick war Hinnerks Baler, der Dicke, Glattrasierte Herr v Kreyenhop, und der Kleine, mit dem Einglas, <? xi.0 «etnann‘ 1,? .ri<^*9; nach einer Weile winkte Frau von der Lyot den Jungen. Und dann stand Ontje mit seiner braunen Samthose und 'einen nackten Beinen vor dem gewaltigen Mann. Melusine hatte ihm die Schießgeschichte schon vor einer Viertelstunde erzählt, er hielt sogar den Stopfnadelpfeil in der Hand. ’
„Und englisch singen kann er auch, völlig aus dem Kopf." Frau von der Lydt zupfte Onstes Jacke zurecht. „Sing einmal, mein Kerlchen!"
Ontj« rührte sich nicht, er sah Herrn von der Lydt starr in die kranken Äugen. Sie waren beschattet, die Brauen sprangen wirr darüber hinaus. „Wieviel hattest du gegen dich, Hinnerk?"
„Bier!"
„Unb da nahmst du Schlingel diesen Pfeil und . . ." Ein ganz kleines Läiheln zitterte über die entzündeten Augenlider. 3
Ontje zeigte die Zähne. „Päng" sagte er.
„Äarl, was meinst du dazu, Hinnerk möchte sich den tapferen Mann gern für nächsten Sonntag einladen?"
"Z" ®°ttes Namen. Hier sind fünfzig Pfennig, ihr Halunken. Marsch tos Karussell . . . Ihr Wohl, Kreyenhop!" I J
Die Bogenlampen erloschen zum zweiten Male, alles versank in Schweigen. Der Pavillon schwebte als Heller Dunstfleck in der Nacht. Da setzte die Musik ein, und aus einer schwermütigen Geigenbranduna stieg *'n< Frauenstimme unsagbar selig empor. Ein Windstoß schauerte liber die Kastanienwipfel, es taute herab. Das Fest nahm feinen Verlauf.
(Fortsetzung folgt.)
Karl Söhle und fein Werk.
Bon Fritz D i e t t r i ch.
, . Bauchem hat Gott die Wimperdecken gespalten, damit sich Leid in feine 2lugenroul)Ic. Manchem Hot Gott eine Flamme im Innern gezeugt, die sich gle-ch emer mutigen Wurzel im Unendlichen festwächst. Manchem aber hat Gott den Himmel blau gemacht und still, und sein Leben darf ein tonender Hügel sein. Und so das Leben Karl Söhles! Ein rechter tönender Hügel ist s, auf den man um so lieber zugeht, je inniger man Bertraut ist mit seinen heimlichen Tälern. Und wie bei jedem reinen s *' uuch bei ihm das Werk zum zweiten Leben geworden und gleicht dem ersten ganz genau und ist getreulicher Spiegel. Da waren SS, der Ungewißheiten und Nöte. Aber sie hatten für ihn nicht di« roe'1btexJ1C elrex Schaffenden anderer Wesensart gehabt hätten.
«ue Note, die ihn auf den Pfaden seiner Entwicklung trafen, rundeten sich ab und wurden freundlich im Lichte seines beschwingten Humors. Der aber stampft nicht mit Stulpenstiefeln auf den Beeten seines Werkes herum. Er ist leicht, wundervoll leicht, wie ein schwebend Goldfiliaran über sein Schaffen ausgespannt.
Dort, wo die letzten Mittelgebirge im Westen Deutschlands ausklingen Md in weite Ebene und Heide münden, ist Söhles Künstlertum aus der Nholl« gebrochen. Die Ise heißt das Flüßchen, an dem ein reiche Fülle einer Gestalten auf und ab zieht. So recht erdhast sieht man sie da herum- - uJ'v- eJnen lmb Bauern, deren norddeutsches Maul schwer auf- g«yt. Die andern pendeln durchs Leben als Sonderlinge, weniger erdhaft gebunden, durch die Musik gelöster, mit der sie in offenem oder heimlichem Bunde stehen. Und durch manche aufgerollte bunte Bilderwelt geht der Dichter fdbft als der unstete, unentwegt sonnige Lehrer Karl Berkebusch der, von Jrrgangen nicht verschont, dennoch zur rechten Stunde die Pfade zu sich selbst findet. Und was der Roman „Der verdorbene Musikant" uns zu sagen weiß, ist im letzten Sinn keine Schilderung mehr, ist ein schlichtes, starkes Bekenntnis zur Musik.
lieber der es sich vom Herzen herunterschrieb, war einst hineinver- wunscht in trocknes Dorfschullehrerdasein, umgeben von geistig engbrüstigen Kollegen. Rur sein Kunstenthusiasmus war's, der schließlich alle Schranken spontan durchbrach. Er ließ sich auf der Musikhochschule in der Großstadt einschreiben und war bald ein berufener Musikprofessor geworden, und auch seine Tätigkeit als Musikschriftsteller, wodurch er dem Werke Johannes Brahms die hohe Ebene weitererobern half, war von Erfolg begleitet.
Dennoch konnte ihn dieses Wirken auf die Dauer nicht befriedigen. In ihm wartete der Dichter. Die (Erinnerungen an seine Heimat hatten sich zu fest an ihn geklammert. Anderseits rief in ihm die Tonkunst, in der er nur Nachschaffender mar, nach dichterischer Entfaltung. So vereinten schon feine Anfangsbände „Musikantengeschichten" und „Musikanten und Sonderlinge zwei Welten: die Welt der Scholle und die Welt der Musik.
In seinem Werk „Bach in Arnstadt" reifte sich Söhle zum berufenen Ausbeuter dieses deutschen Heroen aus. Deshalb gebührt ihm uneingeschränkter Dank von allen Seiten, die heute ergriffen vor ber großen Bachrenaissance stehen! Was wird in diesem Buche nicht alles lebendig! Jeder einzelne Musiker aus der Familie ber Bache ist aus dem schattierten Zeithintergrunbe scharf herausgeschnitten. Ja, selbst bie Sprache des versunkenen Jahrhunderts ist Söhle in Fleisch und Blut übergegangen, und flirr'1 "c? emer seltenen Meisterschaft. Dazu tremoUert überall sein !onn-nh-l^ und gibt dem ganzen Kulturbild Blutwärme und
sonnenhelle ^onung. Wenn da die Gesichter ber Bache geschildert werden üemrininm»16 knochigen deutschen Rassenasen voll Kraftbewußtsein" als Et'?5 Verwandischastsmerkmal tragen, ober die unzähligen Ran« hnnJw -Pfeifer uni) Seiger vor uns lebendig werden als „gestandene Leute LanT[lMt!maDl nl'rrf)C'rasierte Herren, in blauen und braunen d-^ W-rn? ®ata_rocken «"l weitabste.henden Schößen", ober wenn ba ber Meister ber Tonkunst Buxtehute in Lübeck mit feiner brücfenben
Sorge um einen Schwiegersohn und Nachfolger vom Dichter hervor- .unb wenn wir ben aufjauchzenben Ausklang bes Werkes schlieMch erreichen, merken wir erstaunt, mit welcher Liebe zur humorvoll ausgefponnenen Einzelheit arbeitend Söhle ein gewaltiges Monument Sebastian, dem lugenblichen König ber Bache, errichtet, ber uner- schütterlich Brucken zu sich selbst schlagt, zu heranreifender Mannheit und zu heranreifendem Künstlertum.
, Der tränenreichen, von mystischer Stimmung durchtränkten Bühnen- bichtung „Mozart , zu ber bis jetzt noch keine Bühne Mut zeigte, folgte die „Schlummerstunde": Bilder und Gestalten aus der Lüneburger Heide. Hermann Sons hat viel aus diesem Buche gelernt! Wußte aber nicht oon Söhle die Unaufdringlichkeit des halbklingenben Humors und bas kaum merkliche Schmunzeln weiser Ironie zu erlauschen. Nur einer gehört da noch zu Söhles Verwandtschaft, und das ist Sven Fleuron, der Däne. Innig hüllt sich dieses Buch ins Herz ber Heide ein, die sich weithin ausdehnt.
„Welle an Welle ein braunes Meer, umgrenzt von sanft geschwungenen, wonnig umblauten Linien. Silbriger Sand blutet hervor unter bem knorksigen Kraut. Wolkenschatten geistern über die Heide, über bie weißen Birkenstämme, über bas bunkle Wacholder und Fichtengrün. Und tteffte, wundertiefe Stille rings, bie Schatten — es ist schier, als hörte man sie zugleich. Immerdar im Traum doch bie Heide, ob Sonne, ob Mond am Himmel."
Was tut's, daß Karl Söhle nun 65 geworden ist? Sein Werk und der Mensch sind jung ohne Ende. Sie sind grenzenlos in ihren Grenzen wie deutsche Erde, Hoffnung und Sehnsucht.
Die Brücke zwischen Hellas und Ostasten.
Von Dr. Erich Gutkind.
iölit der Eröffnung des Berliner Völkerkundemuseums «erben auch zum erstenmal die bedeutsamen Funde der Deffentliehtcit zugänglich bie von der deutschen Tursan-Expebition nach hier gebracht wurden. Diese in ben Jahren 1904—1914 viermal ausgeführten Expeditionen standen unter ber Leitung ber bekannten Forscher Prof. Alfreb Grünwedel und Prof. Albert von Le Coq. Langsam erst bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß es sich hier um die bedeutsamsten Ergebnisse handelt, die in ber Geschichte ber neueren Archäologie aufzuweisen sind. Denn es jft nichts Geringeres gelungen, als bie Zugstrabe zu finden, auf ber von Westen aus bie hellenistische Kultur unb Kunst bis nach Indien und Ehina oorgebrungen lst. Man hat die indische und chinesische Kunst in ihren Anfängen als eilte Spatantike auf bem Boden Ostasiens erkannt.
Die Kulturen Ostasiens erschienen uns bisher von außerordentlicher Geschlossenheit. Kein Wunder, denn jeder Reisende, der aus bem europäischen Luxus bes Schiffes ans Land steigt, sieht sich unvermittelt diesen Welten von so überwältigender innerer Einheit gegenüber. Anders ber Forscher, ber auf bem Landweg kommt unb mit dem Archäologen diele Kulturen gleichsam von rückwärts ausrollt. So taten die Turfan-Cxpedi- tionen. Ost-Turkestan, das sie durchzogen, ist eines der unzugänglichsten Gebiete ber Erde. Ungeheure Bergwelten und Wüsten umschließen dieses Land mit seinen mörderischen Temperaturen, Gluten, die mit schroffer Kälte wechseln. Auch bie räuberische Bevölkerung erschwert bie Bereisung überaus. Der verdienstvolle Gelehrte Dr. Huth erlag den Strapazen. Nach wochenkangen Ritten gelang es, zu ben unter Wüstenstürmen verschütteten Stätten zu gelangen, bie einst glanzvolle Metropolen waren, mit Hunderten von zerfallenen Tempeln, die die Forscher unter sich zu begraben drohten. In einer Siedlung befanden sich etwa 400 solcher Tempel. Gewaltige herrliche Malereien bedeckten die Wände, unb einer wahrhaft genialen Technik gelang es, diese Malereien abzulösen und nach Berlin zu führen, wo sie nebst ebenfalls aufgefunbenen Werken ber Plastik jetzt in großzügiger Weise ausgestellt sind.
Alle diese Kunstwerke unb Bauten gehören der buddhistischen Zeit an. Die Gemälde sind mittels Schablonen, bie man aufgefunden hat, auf die Wände schabloniert, die Plastiken aus Formen „gedruckt". (Ein solches Drucken von Kunstwerken setzt eine Stufe ber Entwicklung voraus, in ber man etwas Endgültiges gefunden hat, was lohnt, wiederholt zu werden. Das Ueberraschendste ist aber der vollkommen hellenistische Charakter aller dieser Dinge. Dies ist kein völlig neuer Befund. Wir kennen bereits feit langem bie Kunst von „Gandhara", jener Landschaft, die man die „Schwelle Indiens" genannt hat. Diese Kunst mutet völlig an, wie eine leicht indisch abgewandelte Spätantike. Aber nun ist es gelungen, dies Gandhara-Gebiet aus feiner bisherigen Isoliertheit zu lösen und als Etappe auf jener gewaltigen Zugstraße zu erkennen, bie offenbar durch die Zuge Alexanders des Großen zuerst geschaffen wurde. Auf dieser Zugstrahe ist dann in späteren Zeiten Tursan eines der glänzendsten Kulturzentren gewesen. Vor diesem Anstoß des Hellenismus hat Indien und China nur sehr geringe Kunst besessen, etwas bäuerlich« Holzplastik. Der berühmte Buddha-Typ ist erst eine Schöpfung von Gandhara. In früheren Epochen hatte man an Stelle der Buddha-Statuen nur einen Stufenthron, auf bem bas Zeichen ber Herrscherwürde, ein Schirm, ausgestellt war. China ist sogar bis in bas achte Jahrhundert hinein empfangend gewesen, unb nicht gebend. Freilich hat Ostafien dies« Antike in einer Vollständigkeit überwunden, wie es Europa niemals vermocht hat. Und jetzt erleben wir ben umgekehrten Prozeß, einen Rückstrom, ber Europa in tiefster Weise anregt. Niemals dürfen wir vergessen, daß jene Kunst, bie wir so bewundern, ber gereifte Abschluß einer langen Entwicklung ist, an deren Anfang Hellas gestanden hat. Ostasien scheint also die Peripherie einer Kulturausbreitung gewesen zu sein, deren Zentrum in Vorderasien gelegen war. Daher ist auch der persische Einfluß in der Kunst Ostasiens von großer Bedeutung, unb Prof, von Le Coq zeigt in seinen großen Publikationen an überwältigendem Material, rote alten bekannten Gestalten ber antiken Götterwelt in chinesisch


