Ausgabe 
5.3.1927
 
Einzelbild herunterladen

«scheint unS alles, was zueLandschaft", d. h. zmn AWemtzimmel gch^ört, wie aus eine Fläche genialt.

Zusmnmenfassend müssen wir also sagen: Die Sonne ist kein Wandelstern, sondern ein Fixstern wie alle anderen Fixsterne auch. Daß sie im Lauf eines Jahres durch den Fixsternhimmel zu wan­dern scheint, kommt lediglich daher, daß wir alljährlich einmal um sie herumfahren, so dah wir sie immer gegen einen anderen Hinter­grund sehen. Die Täuschung hat also darin ihren Grund, daß die Sonne innerhalb der Erdbahn steht, während alle anderen Fixsterne außerhalb der Erdbahn liegen.

Ltrindberg-Errnnerungen»

Bon Birger Körner.

Als der Schlitten auf dem Platze vor dem alten Hause hielt, stieg ich aus und ging auf den Hausflur zu, während der Kutscher meine Reise­tasche und den kleinen Proviant, den ich mitbrachte, ablud. Jetzt konnte ich Strindberg deutlich durch das Fenster links vom Eingang sehen. Er stand da, den Hut auf dem Kopse, und musterte eine gläserne Retorte, die er gegen das Licht hielt. Ich klopfte, und er riefherein". Eine Weile fuh^ er fort, seine Flüssigkeit zu betrachten, dann sagt« er halblaut: So, da bist du!" Sorgfältig legte er seine Apparate fort und begrüßte mich freundlich.

Anfangs lag etwas seltsam Scheues in seinem Wesen. Das kam, wie ich bald finden sollte, nicht nur von einem gerade damals stark ausge­bildeten Verfolgungswahn, sondern auch davon, datz er ein halbes Jahr lang keine Gelegenheit gesunden hatte, sich einem gebildeten Menschen mitzuteilen, weil er einsam auf einer Insel lebte.

Strindberg erzählte mir, wie alle auf dem Hofe ihm übel wollten. Mehrere Male habe er den Verdacht gehegt, dah sein Essen vergiftet sei. Aber jedesmal habe er eine chemische Analyse von dem gemacht, was auf- aetragen wurde, ohne eine Spur finden zu können. Auch glaubte er Feinds zu haben, die ins Haus einbrechen wollten. Darum hatte er alle Türen sorgfältig verriegelt, und bei einigen hatte er die Schlösser mit Schnüren umwunden und diese mit Lack versiegelt.

Du kannst nicht glauben, wie raffiniert sie in ihrer Bosheit sind! Hör« nur! Du weiht, daß ich gern Zigaretten rauche. Das wissen die Feinds, aber sie wissen auch, daß ich nicht die Mittel habe, Zigaretten zu kaufen, höchstens die elendesten! Gut! Vor einem Monat erhielt ich ein Paket, ich glaube, es war aus Helsingborg oder Malmö. Aber kein be­kannter Absender: ein Zigarettengeschäft hatte es gesandt, lind weiht du, was es enthielt?

Eine Höllenmaschine?

Nein, du! Zigaretten! Zigaretten von der allerbesten Qualität. Nun denke nach.

Aber, erwiderte ich, schuldbewußt den Zusammenhang ahnend, da­bei ist doch nichts Böses? Das war nur gut gemeint!

Verstehst du denn nicht das Raffinierte in dem Attentat? Der Absender berechnete natürlich ganz psychologisch, dah ich, da sie so gut waren, nicht eher ruhen würde, bis ich sie aufgeraucht, dann aber würde sich meine Qual, nicht mehr rauchen zu können, verdoppeln.

Mein lieber Strindberg, sagte ich, die Zigaretten habe i ch dir aus Helsingborg gesandt. Dort gibt es ein vortreffliches Zigaretten­geschäft, das von einer Frau Möller geleitet wird. Sie hatte gerade eine ganz ausgezeichnete neue Zigarette hereinbekommen, und da ich es eilig hatte, bat ich sie, diese direkt an dich zu senden.

Strindberg schwieg einen Augenblick, dann sagte er:

Warum hast du denn nicht geantwortet, als ich schrieb und dich fragte?

Plötzlich erhellte sich seine ©tim, er sprang vom Sofa auf und eilte an den Tisch, um mir eine Leydener Flasche zu zeigen, die mit Kupfer- drähte-n eingeschaltet war.

Siehst du, die Blätter schlagen aus! Elektrizität! Und weißt du, wie ich diese sammle? Dadurch, daß sich die Kiefern gegeneinander reiben! Und hier kannst dn sehen...

Ich war leider nicht genügend naturwissenschaftlich gebildet, um den Verlaus ganz begreifen zu können, als er mir nun zeigte, was die vielen chemischen und physikalischen Geräte bedeuteten, mit denen der Tisch am Fenster überladen war. Ich erinnere mich nur an ein Gewimmel von Flaschen, Reagensgläschen, Magneten, Mikroskopen, Mörsern und Messing. Aber einen bestimmten Eindruck hatte ich: datz er nicht über ein einziges Problem grübelte, sondern über fünfzig auf einmal! Mir wirbelte der Kops von allen diesen Ideen, di« mich wie eine Kaskade überfielen.

Soweit ich erfahren konnte, hatte Strindbergs Diät seit Monaten nur aus Hafergrütze, Strömling und Hering bestanden. Deshalb hatte ich einige Delikatessen mitgebracht, aber ich erinnere mich, daß er davon nur naschte: es war ein zu starker Bruch mit seinen Gewohnheiten.

Allmählich taute er auf und wurde gesprächig, beinahe munter. Da wagte ich meinen Vorschlag auszusprechen, mich doch am nächsten Morgen nach Lund zu begleiten. Aber es wurde ihm schwer, sich zu ent­schließen. Den einen Augenblick war er begeistert, doch im nächsten brachte er eine Menge Gründe vor, die ihn hinderten: er wollte die Kinder nicht verlassen, die auf d erfelben Insel wohnten; er mußte chemische Experimente vollenden, die er begonnen hatte. Aber schließlich gab er doch nach.

Bevor er abreisen konnte, hatte er noch viele Dinge zu ordnen. So war er noch nicht damit fertig geworden, seine Papiere zu verbrennen. Wie er in einem Briefe an mich berichtet, hatte er bereits zwei Kisten verbrannt. Jetzt trug er einen Arm voll Papiere herbei, zog das eine nach dem andern hervor und warf es in das Feuer, an dem wir sahen. Es waren meistens Zeitschriften, Broschüren, Ausschnitte, Geschäftsbriefe und dergleichen. Aber einige Manuskripte mit Strindbergs klarer, leicht zu erkennender Handschrift waren auch dabei.

Verbrennst du bebte Manuftr'tp«?" fragte ich entsetzt

Ach, diese sind bereits gedruckt," erwiderte er.

Dann gib sie lieber mir, als daß du sie vernichtest.

Er hatte in der Hand ein ganzes Manuskript von 64 Seite» Bütten­papierBienenkorb". Es waren dieFranzösischen Einflüsse auf die schwedische Kultur."

Verehrst du Fetische?" fragte er höhnend.

Ja, gewiß," erwiderte ich.

Strindberg warf mir das Manuskript mit einem Lächeln zu, in dem ich deutlich ein gewisses Mitleid lesen konnte.

Und hier... und hier... und hier, fuhr er fort und vergrößerte den Haufen.

Es waren Manuskripte und Entwürfe, leider oft fragmentarisch, au» seiner unglaublich reichen Produktton, seit der früheren Versicherungs­zeitung bis zu den letztenSchwedischen Schicksalen", von denen er für* tief) Korrektur gelesen hatte.

Und hier kannst du ein mißlungenes Stück haben, wenn bu willst", sagte er.Es wurde nur in wenigen Exemplaren gedruckt. Lunde- gard hat seinen Senf dazu gegeben. (StrindbergsKameraden" mürben von den schwedischen Verlegern und Bühnen abgelehnt; der junge Dichter Lun de gard wollte siebühnengerecht" machen!)' Nimm das Zeug!"

Es war die KomödieMarodeure", aus dem später dieKa­meraden" wurden. Als Manuskript gedruckt, mit diesem Hinweis auf dem Titelblatt:Lieber Aenderungen und Striche wird mit beni Verfasser korrespondiert. Adresse: Dersau iKanton Schwyz), Schweiz. Gedruckt bei Albert Bonnier 1886.

Wie ein Vierteljahrhundert später festgestellt wurde, dürft« außer diesem Exemplar nur noch zwei vorhanden fein. Das eine wurde vor einigen Jahren auf einer Auttion in Stockholm für 625 Kronen versteigert. Hur ein Bruchteil dieser Summe würde, wenn sie damals Strindberg zugefallen wäre, von unberechen­barem Segen gewesen sein. 2lber wer von uns konnte ahnen, was die Zukunft bringen sollte?

Wir saßen diesen Abend lange auf bei einem Glase meines mit­gebrachten Punsches. Als alter Student und Stockholmer liebt» Strindberg schwedischen Punsch; ?rft kurz vor seinem Tode, als wir das letzte Mal beisammen saßen, weigerte er sich, ihn zu trinken.

Am folgenden Morgen fuhren wir im Schlitten nach Gustavs« berg. Strindberg war still und düster; der große Sprung, den « gemacht, erschreckte ihn.

Der Dampfer rauchte schon, bereit, durch seine Eisrinne nach Stockholm zurückzukehren. Andere Menschen waren nicht zu sehen als die Seeleute und einige Jnsekbauern, die Kisten mit Strömling verluden.

Wir lleßen uns im Rauchsalon nieder. Der Dampfer pfiff und stach in See.

Jetzt klärte sich Strindberg auf,

Alea jacta estt sagte er.

Wir tranken Kaffee, und Strindberg begann gesprächig werden.

Plötzlich sahen wir den Schatten eines Meirschen am Ventil vorbeiziehen.

Mit einem entsetzten Ausdruck sprang Strindberg auf.

Sie!" rief er.

Wer?"

Frau Strindberg! Glaubst du, daß sie mich gesehen Hots Und auf dem gleichen Dampfer! Was hatte ich hier zu tun? Warum kamst du und nahmst nttch mit? Oder . . . solltest du . . ."

Er sah mich an mit einem Mick, als glaubte er, ich hätte ihn in eine Falle gelockt . . . ich hätte mich mit seiner Gegnerin ver­schworen.

Aber vor meinem ruhigen Mick schwand der wllde Ausdruck, und seine gepreßten Lippen lasten sich in das freundliche Lächelt» auf, das ich liebte.

Rein, nein, das kann nicht sein. Aber dies ist furchtbar Vedenke, wenn der Dampfer im Eise festfriert! Die Passagier^ er und sie, die einander nicht treffen können, müssen es. Tragödie! Teuflisch! Kein Dichterhirn dürfte eine solche Idee oder Szeneri» ausdenken, ohne daß die Leute sagten, das ist nicht wahr, er lügt."

Ms wir nach Stockholm kamen, war Strindberg geistig abwesend, und als der Dampfer am Quai anlegte, kroch er tiefer in seine Eck«,

Tue mir den Gefallen, Ausguck zu halten, wenn sie bei Dampfer verläßt," Bat er.

3d) blickte zum Ventil hinaus, aber eine Dame war nicht $e erblicken: sie war noch nicht ausgestiegen. Ich konnte den Steuer­mann sehen, der auf dem Land stand, mit Papieren in der Hand, und mit einem Kommissionär sprach. Die Strömlingskisten wurde» gelöscht.

Aha, dachte ich, Frau Strindberg weiß sicher, daß ihr geto«* den er Mann an Bord ist und will nicht aussteigen, bevor sie ihn pa gehen sehen. Jetzt sitzen beide da und warten aufeinander.

Ich sagte Strindberg, was ich dachte, aber er antwortete:

Jy suis, jy teste!

Es dauerte eine Viertelstunde, vielleicht länger. Da sah ich St®* Strindbergs geschmeidige elegante Figur, in einen anliegende» schwarzen Mantel gehüllt, über den Landungssteg verschwinden,

Siehst du sie?" fragte Strindberg.

Jetzt ist sie auf dem Quai. Sie geht schnell.

Strindberg flog aus und sah ihr nach, aber schwieg. Dann flüster» er für sich:

Wie ... schön ... sie .,, geht!

Er wandte nicht die Augen von ihr, so lange sie zu sehen bx* Diesen Blick, mit dem er ihr nachschaute, habe ich nie vergessen.

Aus der schwedischen Handschrift übertragen von Emil Scherrng

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.