Akademie und Kanzler des sogenanitteu „Grhaftungssenates" starb 78jährig zu Paris Pierre Simon Marquis de Laplace, und am gleichen Tage beschloß in Como in Italien 82jährig als Direktor der philosophischen Fakultät der Universität zu Pavia Graf Ales,andro Volta sein Leben.
Laplace ist wohl dem Gesichtskreis unserer Zeitgenossen ziemlich entrücft. Das einzige, was von ihm allgemeiner bekannt ist, dürfte wohl die von ihm — und unabhängig von ihm auch von dem großen deutschen Philosophen Kant — ausgestellte Lehre von der Entstehung des Sonnensystems sein, die unter dem Namen „Kant-Laplacesche Theorie" allgemein bekannt ist. Nach ihr hat sich aus einem Ar- nebel zunächst die feuerflüssige Sonne gebildet, durch deren Am- drehung die Planeten abgeschleudert wurden, die dann ihrerseits in ähnlicher Weise die Monde hervorbrachten. Inwieweit diese Auffassung richtig ist, ist auch jetzt noch nicht mit aller Bestimmtheit entschieden. Das eiilzige, was sich sicher sagen läßt, ist das, datz es auch heute keine bessere Art gibt, sich eine Vorstellung von der Entstehung unserer Sonnenwelt zu bilden, und irgendwie mutz diese doch schließlich entstanden sein.
Aber natürlich kann dieser, wenngleich für die damalige Zeit ungewöhnlich kühn« und weittragende Gedanke doch noch nicht entfernt eine Vorstellung von der Bedeutung Laplaces in der Geschichte der Wissenschaft geben. Am ein« solche Vorstellung zu gewinnen, vergleicht man den damaligen Zustand der Wissenschaft am besten mit der Lage nach der Entdeckung eines ungeheuer ausgedehnten Landes, sagen wir etwa nach der Entdeckung Amerikas. Wohl war die Auffindung die größte Tat, aber es ist klar, datz auch chre Nutz- barmachung, nämlich die Durchforschung des neuen Landes, Aufgaben von ungeheurer Tragweite stellt, deren glückliche Lösung auch den Nachfahren des ersten Entdeckers einen kaum hinter dem seinen zurückstehenden Ruhm sichert. Isaak Newton, der gerade 100 Jahre vor Laplace gestorben war, hatte für die Wissenschaft ein Neuland entdeckt, das die geistige Welt in ähnlicher Weise erweiterte, wie die Entdeckung Amerikas die sichtbare Welt. Er hatte gezeigt, datz die Bewegungen der Himmelskörper denselben Gesetzen unterliegen, wie sie uns die irdische Mechanik zeigt, und gleichzeitg im Verein mit Leibniz die mathematischen Hilfsmittel geschaffen, die zur Beherrschung aller dieser verwickelten Erscheinungen dienen. Auch in der Anwendung dieser Gesetze war er ungewöhnlich erfolgreich. Aber das Gebiet, das sich nunmehr der wissenschaftlichen Forschung auftat, war so ungeheuer ausgedehnt, datz seine Durcharbeitung die Kraft nicht nur eines Mannes, sondern die aller Forscher der Zeit bei weitem überstieg.
Die Ausbildung der von Newton begründeten mathematischen Mechanik gelang vorzugsweise in Frankreich, und die Wissenschaft bezeichnet noch heute die damals eingeschlagene Richtung als die „klassische Mechanik". Außer Laplace sind wohl der große Mathematiker Lagrange und d'Alembert, bekannt durch seine Mitarbeit an der berühmten Enzyklopädie, die hervorragendsten Vertreter dieser Richtung. Laplace war von ihnen der größte Astronom. Nur zwei Beispiele, wie er Newtons Arbeiten vervollkommnete: Schon Newton hatte das Wesen von Ebbe und Flut als hervorgerufen durch die ungleich starke Anziehung der Sonne und insbesondere des Mondes auf die nächsten und andererseits die entfernteren Erdteile vollkommen richtig gedeutet. Aber erst Laplace begriff, daß die. Frage hiermit bei weitem noch nicht gelöst sei, da das Wasser des Meeres, weil es sich nicht reibungslos bewegt, der Anziehung nützt augenblicklich nachkommen kann, mit anderen Worten, daß eine Bewegungsaufgabe und nicht eine bloß« Frage des Gleichgewichts vorliegt. Erst durch diesen Ansatz Laplaces wird die Frage von Ebbe und Flut, die auch heute nicht in jeder Einzelheit restlos gelöst ist, in ihrer ganzen Vielseitigkeit und Mannigfaltigkeit aufgerollt und wenigstens in den Grundzügen beantwortet. Schon Newton hatte klargelegt, daß nicht nur di« Sonne, sondern auch alle Nachbarplaneten anziehende Kräfte auf einen Planeten ausüben, aber die Dehandlungsweise war doch noch ziemlich unvollkommen. Erst Laplace schuf die Rechenverfahren, die eine vollkommenere Lösung der Aufgabe gestatten. So ist denn auch der Titel feines Hauptwerks „Mecanique cöleste“, Himmelsmechanik, für seine Auffassung bezeichnend. War nach einem Wort des großen Archimedes die Mechanik „nur ein Spiel der Mathemattk", so war nunmehr die Astrono- mettie ein Spiel der Mechanik geworden. und erst eine viel spätere Zeit brachte eine grundsätzliche Erweiterung der Himmelskunde.
Ganz anders geartet sind die Verdienste des Mannes, der durch einen merkwürdigen Zufall am gleichen Tage wie Laplace in« Augen schloß, des italienischen Physikers Volta. War Laplace ein großer Theoretiker, der mit dem Rechenstift die Welt beherrschte, so verdanken wir Volta vor allem grundlegende Versuche auf einem Zweig der Physik, der damals fteilich noch in den ersten Anfängen steckte, seitdem aber mehr und mehr die Führung in der gesamten Physik an sich gerissen hat, der Elektrizttätslehre. Sehr vielseitig sind seine Entdeckungen auf diesem Gebiet, di« z. D. die richtige Deutung der sogenannten Influenz, den Bau eines Elektrophors und vor allein den Kondensator betreffen. Aber sie alle treten bei tveitem hinter feiner größten Entdeckung zurück, nämlich der des elektrischen Stromes, den wir nach seiner Anregung, aber eigentlich doch zu Anrecht, „galvanischen Strom" nennen; denn es war Volta sewst, der nicht nur zuerst sein 'Wesen begriff, sondern auch gleich- zeitig die Mittel angab. einen Strom von einer für di« damalig«. Zeit bettächtlichen Stärke zu gewinnen. Galvani, Arzt und Professor der Anatomie zu Bologna, hatte unter eigenttimlichen Am- ständen das Zucken von Schenkeln ftisch getöteter Frösche beobachtet und war dieser an sich unbedeutenden Beobachtung mit großer Sorgfalt nachgegangen. Aber trotzdem war er zu keinem anderen als dem — wie wir heute wissen, ganz irrtümlichen — Ergebnis gekommen, datz hier eine Aeutzerung tierischer Elektrizität vorliege. Volta hingegen gelang der damals ungemein schwieftge Nachweis, daß
der Froschschenkol nur die vorhandene Elektrizität anzeigs, und datz sich diese auch ohne ihn durch die auch bei der Reibungselektrizität üblichen, von ihm selbst fteilich erheblich verbesserten Mittel sichtbar machen lasse. Er gründete hierauf den Dau des ersten chemischen Elements, das aus Kupfer und Zink in verdünnter Schwefelsäure bestand. Noch mehr Bewunderung erregte damals sein« Zusammensetzung vieler solcher Elemente zu einer „Säule" — wir würden heute Wohl „Batterie" sagen —. durch die er ihre Wirkung vervielfachte. So ist Volta der Entdecker des elektrischen Elements, daS viele Jahrzehnte lang die einzige Quelle des elektrischen Stromes war, und das auch heute, im Zeitalter der Dynamomaschine, weniger denn je entbehrlich ist. Durch die Benennung der Einheit der elek- ttischen Spannung nach seinem Namen hat ihm die Wissenschaft eine Ehrung erwiesen, durch die freilich die Dankesschuld für seine überragenden Verdienste nur teilweise abgetragen ist, die aber feinen Namen durch Jahrhunderte und Jahrtausende bewahren wird.
Vorfrühling.
Von Paul Heyse.
Stürme brausten über Nacht, And die kahlen Wipfel troffen. Frühe war mein Herz erwacht, Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen. Horch, ein traut geschwätz'ger Ton Dringt von mir zum Wald hernieder. Nisten in den Zweigen schon Die geliebten Amseln wieder?
Dort am Weg der weihe Streif Zweifelnd ftag' ich mein Gemüt«: Ist's ein später Winterreif, Oder erste Schlehenblüte?
Ist die Sonne ein Wandelstern?
Von Professor Dr. Kü st ermann.
(Nachdruck verboten.)
Die alten Sternkundigen unterschieden sieben Wandelsterne, nämlich Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jrchiter und Saturn. Noch heutzutage werden wir auf Schritt und Tritt an dies« alte Auffassung erinnert, am deutlichsten durch die Namen der Wochentage. Datz die Damen „Sonntag" und „Montag" von Sonne und Mond herrühren, ist wohl allgemein bekannt; weniger vielleicht, daß Dienstag nichts mit „Dienst" zu tun hat, sondern nach Ziu, dem altgermanischen Kriegsgott, der dem Mars entspricht, benannt ist. Der Name „Mittwoch" fällt ja im Deutschen freilich ganz aus der Reihe, aber beispielsweise erinnert das englische „mercredy“ noch deutlich an den Merkur; der Donnerstag ist dem Donnergott, also dem Jupiter geweiht, „Freitag" hat nichts mit einem fteien Tag zu tun, sondern er ist der Tag der Freya, der germanischen „Venus", und beim Sonnabend oder Samstag mag uns auch wieder das Englisch« aushelfen, das mit dem „saturday“ deutlich auf den Saturn verweist. Bei den Sternkundigen bezeichnen übrigens die Zeichen fiir die Wandelsterne ohne weiteres auch die Wochentage.
Wer seinen Blick auf den Sternhimmel richtet, der wird ganz von selbst einen Anterschied in der Bewegung der Himmelskörper stnden: Die übergroße Mehrzahl der Himmelslichter erscheint uns fest aus einen Antergrund geheftet. Sie ziehen an uns vorüber, etwa wie die Gegenstände eines Panoramas, die, während sie weiterbewegt werden, ihre gegenseitige Lage nicht ändern. Solche Sterne nannten die Alten Fixsterne und faßten sie zu Sternbildern zusammen. Demgegenüber kann man alle Sterne, die dies« Starrheit nicht zeigen, als „Wandelsterne" bezeichnen; denn offenbar ist es für die Tatsache, daß diese Himmelskörper in keinem bestimmten Sternbild stehen, sondern von Sternbild zu Sternbild wandern, ganz gleichgültig, wie wir uns die inneren Gründ« dieser Bewegung erklären. Daß nun der Mond durch die Sternbilder hindurchwandert, kann man schon im Verlauf eines Winterabends ohne alle Hilfsmittel beobachten. Bei der Sonne ist dies fteilich schwerer, denn wir sehen sie ja nie gleichzeitig mit den eigentlichen Sternen, die zwar auch bei Tage am Himmel stehen, aber vor dem Glanz der Sonne erbleichen. Wäre unser Auge nicht so stark vom Glanz der Sonne geblendet, so würden wir die Sonne im Verlauf des Jahres in immer anderen Sternbildern erblicken. Es war daher ein guter Gedanke, datz man in den jetzt in vielen Städten errichteten Planetarien die Sonne wirklich durch die Sternenwelt hindurchwandern sehen kann.
Aebrigens kann man sich and) leicht klar machen, datz «S gar nicht anders sein kann. Wer beispielsweise auf einem Karussell fährt, der wird die in seinem Mittelpunkt stehende, das Dach tragende Achse über den Hintergrund wandern sehen; auch wenn wir um einen fteistehenden Baum herumgehen, verdeckt der Daum dabei die verschiedensten Teile der Landschaft. Freilich, wenn wir Karussell fahren oder um einen Daum herumgehen, so wiffen wir dies sehr Wohl, während wir vom Amlauf der Erde um die Sonn« unmittelbar gar nichts merken und uns daher täuschen laffen. Damit der Vergleich mit dem Karussell einigermaßen zutrisst, müssen wir freilich annehmen, daß die Landschaft, di« bei diesem Vergleich an di« Stelle des Fixsternhimmels tritt, ganz ungeheuer weit entfernt ist Der nächstgelegene Fixstern ist etwa l/4 Million mal weiter entfernt als der Halbmesser der Erde Beträgt. Wir müßten uns also etwa denken, daß ganz Deutschland völlig leer sei und erst außerhalb unseres Vaterlandes die „Landschaft" begänne, In deren Mitte wir uns beim Fahren bewegen. Daß wir uns beim Amlauf einigen Punkten der Landschaft nähern, uns aber von andern entfernen, das macht bei dieser Entfernung so gut wie gar nichts aus. und so


