EietzenerKmiilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1921 Samstag, -en 5. März Kummer |8
Llnser literarisches
Wir bringen in der heutigen 2lumrr.ec die Aufgaben III und IV unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleichzeitig auf die früher ausführlich veröffentlichten Bedingungen.
Die Aufgabe besteht darin, die Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Alle zwölf Lösungen sind zusammen in der Zeit dvm 20. bis 26. Marz einzureichen.
III.
Ein schönes Mädchen vertrat mir den Weg und sagte mir das; ich weiß nicht, war's aus Mitleid mit meiner Jugend oder aus Furcht vor der Verunreinigung des Tempels durch einen Heiden. 2tun höre auf mich, v Herr, und achte meine Worte nicht gering. Laß forschen, ob dies Volk sich versündigt hat wider seinen Gott; ist das, so laß uns hinaufziehen; dann gibt ihr Gott sie dir gewiß in die Hände, und du wirst sie leicht unter deine Füße bringen. Haben sie sich aber nicht versündigt wider ihren Gott, so kehre um; denn ihr Gott wird sie beschirmen, und wir werden zum Spott dem ganzen Lande. Du bist ein gewaltiger Held, aber ihr Gott ist zu mächtig; kann er dir niemand entgegenstellen, der dir gleicht, so kann er dich zwingen, daß du dich wider dich selbst empörst und dich mit eigner Hand aus dem Wege räumst.
O Gott, o Gott! Erbarme dich! Erbarme dich über den alten Mann! Nimm mich zu dir! Ihm ist nicht anders zu helfen! Sieh, der Sonnenschein liegt so goldig auf der Straße, daß die Kinder mit Händen nach ihm greifen; die Vögel fliegen hin und her, Blumen und Kräuter werden nicht müde, in die Höhe zu wachsen. Alles lebt, alles will leben, tausend Kranke zittern in dieser Stunde vor dir, o Tod; wer dich in der beklommenen Macht noch rief, weil er seine Schmerzen nicht mehr ertragen konnte, der findet sein Lager jetzt wieder sanft und weich; ich rufe dich! Verschone den, dessen Seele sich am tiefsten vor dir wegkrümmt, laß ihm so lange Frist, bis die schöne Welt wieder grau und öd« wird; nimm mich für ihn! Ich will nicht schaudern, wenn du mir deine kalte Hand reichst, ich will sie mutig fassen und dir freudiger folgen, als dir noch je ein Menschenkind gefolgt ist.
IV.
Wein liebes Herz! Muß ich auch vor Dir niederfallen und Dich um Verzeihung bitten, daß ich seit einem Jahrhundert nicht geschrieben Habe? Ich weiß nicht wann das letzte Mal war, die
Preisausschreiben.
Zeit ist mir so riefen lang, wenn ich zurückbkicke, daß ich gewiß um 10 Jahr älter fein werde, wenn Du mich wiedersiehst. Kein Sammet* rock, kein Jean Paul, nur Gesetz, Politik, Partheiwuth füllen meinen Kopf, und der ganze Alpenstamm mit seinen Seen wird mir keinen Blick entlocken, wenn die Preußische Allgemeine daneben liegt. So ! staubig, tintig, und papieren sieht es in meinem Kopfe aus, daß ich das Ehaos noch gar nicht durchschaue. Doch das ist im Kopfe, jetzt soll das Herz wieder walken, und Du in ihm, und ich will keine Götter haben neben Dir; verzeih die Blasphemie, ich spreche bild* lich; muß ich Dir Pommerin das sagen?----— so daß ich, wenn
ich nicht noch anderweit schreibe, DonnerskaF den 8. Morgens, den Vater bitte mir Pferde nach Schlaw« zu schick«'.. Es kann einen Tag später werden, dann aber schreibe ich noch zuvor. Soll ich dann an einem lauwarmen Abend in schwarzem Sammt, mit wallender Straußfeder unter Deinem Fenster zur Cither singen: „entflieh etc.“ (was ich übrigens jetzt meiner Ansicht nach ganz'richtig singe, mit besonderm Schmelz in den Worten „und ruuh an meinem etc.“) oder soll ich am Hellen Mittag in grünem Reitfrack und rostbraunen Handschuhen erscheinen, und Dich umarmen ohne zu singen und zu sprechen?
Die internationale Polltik ist ein flüssiges ©lernent, das unter Umständen zeitweillg fest wird, aber bei Veränderungen der Atmosphäre in seinen ursprünglichen Aggregatzustand zurückfällt. Die clausula rebus sic stantibus wird bei Staatsverträgen, die Leistungen bedingen, stillschweigend angenommen. Der Dreibund ist eine strategische Stellung, welche angesichts der zur Zeit seines 2lbschlusseS drohenden Gefahren rachsam und unter den obwaltenden Verhältnissen zu erreichen war. Er ist von Zeit zu Zeit verlängert worden, und es mag gellngen, ihn weiter zu verlängern; aber ewige Dauer ist keinem Vertrage zwischen Großmächten gesichert, und «S wäre unweise, ihn als sichre Grundlage für alle Möglichkeiten betrachten zu wollen, durch die in Zukunft die Verhältnisse, Bedürfnisse und Stimmungen verändert werden können, unter denen er zu Stande gebracht wurde. Er hat die Bedeutung einer strategischen Stellungnahme in der europäischen Politik nach Maßgabe ihrer Lage zur Zeit des Abschlusses; aber ein für jeden Wechsel haltbares ewige- Fundament bildet er für alle Zukunft ebenso wenig, wie viele frühere Tripel« und Quadrupel-Allianzen der letzten Jahrhunderte und insbesondere die heilige Allianz und der Deutsche Bund. Er dispensiert nicht von dem toujours en vedette!
Die Lebensschicksale der Johanna Dreh.
Von Heinrich BechtotsHeimer.
Im Jahre 1863, zwei Wochen nach Pfingsten, stand Johanna, die Tochter des Eberhard Dietz, dem der Wiesberger Hof gehörte, an einem Sonntagmorgen um acht Uhr in dem Vorgarten vor ihrem Elternhause, um Blumen für den Strauß zu schneiden, der den Tisch im Wohnzimmer zieren sollte. MUder Sonnenschein lag aus der Landschaft, der Frühsommer war in diesem Jahre besonders schön. Das Mädchen hatte gerade einige Rosen abgeschnitten und sah nun in das Land hinaus. Kaum ein Haus gibt es in Rheinhessen, das eine so schöne Aussicht hak wie das Haus auf dem Wiesberg. Erhebt sich dieser Berg auch nur 260 Meter über dem Meeresspiegel, so wird er, da sich in südwestlicher Richtung eine weite, wellige Ebene ausbreitet, doch weichin im Lande gesehen. Wer von dem pfälzisch-bayerischen Dorfe Mörsfeld kommend die Anhöhe nach Steinbockenheim hinuntersteigt, der gewahrt das weißgestrichene Haus, wer mit der Eisenbahn von Alzey nach Mainz oder von Bingen nach Alzey fährt, sieht es zur linken Hand herübergrüßen. Ein wundervolles Panorama tut sich dem Beschauer auf, der auf dem Wies- berge steht. Vor ihm liegt das fruchtbare rheinhessische Land mit Aeckern und Weinbergen, bis zum Donnersberg dringt der Blick. Bei klarem Wetter sieht man zweiundzwanzig Dörfer. Am Fuße des Wiesberges liegt Gaubickelheim; zwischen Wingerten führte ein schmaler Weg an den Leidensstationen Christi vorüber nach der Kapelle, die damals noch klein und einfach war; heute steht an ihrer Stelle ein stattliches, künstlerisch vollendetes Gotteshaus.
Johanna freute sich, daß der Sonntag gekommen war; denn in der letzten Woche hatte es viel Arbeit gegeben. Man hatte Klee vom Felde heimgeholt, die Kartoffeln waren gehäufelt worden, im Wingert hatte es zu tun gegeben, und bereits hatte man mit dem Mähen der Wiesen begonnen. War Johanna auch nicht von früh bis spät auf dem Felde
gewesen, so hatte sie doch in Haus und Hof reichlich zu tun gehabt. Sie hatte den Mägden beim Mehfüttern und Melken geholfen und hatte mit der Mutter Butter bereitet Das war nicht immer eine leichte Arbeit; denn nicht immer formte sich die Milch rasch zur Butter, da mußte dann lange in das Butterfaß gestoßen werden. Mitunter brachten ba» di« Frauen nicht allein fertig, da wurden die Männer gerufen, und die ruhten nicht, bis sich die Butter im Faße gebildet hatte. Mußte doch die Butter am Donnerstagabend fertig fein; denn da kam die Jngendrand» Mine von St Johann, die Aufkäuferin, die alle Male Freitags mit ihrer Ware nach Mainz auf den Markt ging.
Der Wiesberger Hof umfaßt dreihundert Morgen Land, so große Güter hat man sonst in dieser Gegend nicht, höchstens im Kreise Worms kommen sie vor. Bei einem Betrieb dieser Art braucht man viel Gesinde, Knechte, Mägde und Taglöhner, und für alle mutz gekocht werden. Wenn es um elf Uhr läutete, so tarnen die Leute hungrig vom Felde und wollten essen, ebenso mußte abends alles zur rechten Zeit hergerichtet werden. Aus dem Hose des Eberhard Dietz ging alles wie am Schnürchen.
Als das Mädchen mit den abgeschnittenen Rosen in der Hand im Garten stand, erklangen unten in Gaubickelheim die Kirchenglocken. Nicht lange dauerte es, da kam Glockenschall von Gauweinheim und Wallertheim. Als diese Glocken schwiegen, kam Geläute von Dörfern, die weiter entfernt waren, und bald war es ein melodisches Klingen, ein gewaltiger Reigen, der durch das Sommerland ging und hinauf nach dem Berge drang. Infekten summten, aus den Ställen, die hinter dem Haufe liegen, hörte man, wie die Kühe brüllten und die Pferde gegen die Stände schlugen, sonst war alles still, und die Feiertagsruhe war allenthalben zu spüren.
Da ertönte auf dem Wege, der die ßeibensftationen entlang führt, Gesang. Johanna trat an den Rand des Gartens und sah, wie drei Männer den Berg herauskamen. Sie hatten ihr« Hute mit Laub geschmückt und fangen mit geübten Stimmen das Lied: Draus ist alles


