Ausgabe 
5.2.1927
 
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bringt #

Druck und Verlag: Brühl'schs Änivrrsitäts-Vuch- und Hteindruckerei,R. Lange,

Verantwortlich'. l)r. Hans Thyrlot.

, fen lebendiges Gold heim, R'inoer oer crroe, M« aufs neue keimt, blüht, Frucht trägt und sich niemals «rschoptt unfruchtbare Mine, die totes Metall im steinernen Schoße birgt.__,

verabscheute.

Doch auch Feinde, mächtige Feinde erstanden dem Tabak aus dm alten Kontinent, der sich doch willig an Baumwolle, Zuckerrohr uni Molukkengewächse gewöhnt hatte. Von Rom her flogen Bullen gegen ta höllisch Rauch", Monarchen kamen der Kirche zu Hilfe, vereint mit h den Tabakverbrauch zu unterbinden. In der Türkei stieß man bei Rauchern die Pfeife durch die Nase, in Rußland war man noch radikale, und schnitt gleich das Riechorgan weg, am allerradikalsten aber ging bi, kläglich- Nachfolger der kolonialfreundlichen Elisabeth Jakob I. vor er verbot kurzerhand Virginien den Tabakanbau!

Dann aber erhob sich über all die gekrönten und feindseligen Hiiupin ein Kops, der zwar kein Diadem trug, sich aber als findiger erwies, als sie all« zusammen, und der bis auf den heutigen Tag der beste !RM ganger geblieben ist, sofern es sich nicht um die Auffindung von Wessen sondern um Geldquellen handelt. Dieser findig« Kaps war der Mbis und er lehrte die kurzsichtigen Herren, daß auch ohnerote Tinktur tti! Stein der Weisen" jedes Tabakblatt in eitel Gold verwandelt weck, könne, sofern man sich nur auf die rechte Methode verstehe. Da begs die europäische Landkarte sich mit Tabakpflanzen zu bedecken, 1116 vielleicht hat der vreußische Soldatenkönig sein Tabakkollegium nicht m der deutsch-bürgerlich-soldatischen Gemütlichkeit, sondern auch dem b» denburgischen Tabak zuliebe eingerichtet.

Der bäuerliche Maiskolben von San Dommgo hat langst em meito zweigtes Geschlecht erlesener und weniger erlesener Nachkommen gezeu Wer vermöchte all die Namen der Köstlichen zu nennen, die da wo feiten, makellosen Braun bis zur peinlichen Fehlfarbe keuchten, M straffen Leib bald unverhüllt, bald mit einer schämigen Bauch» bekleidet, zeigen? An erster Stelle steht natürlich die Jmpoiü Havanna bis ins Mark, in der Wirklichkeit der Dinge nicht mtnit, beliebt als im Kitschroman, wo zumeist ein abgefeimter Millionär in einem tiefen Klubsessel fitzend, raucht und dabei neue Niedertracht! feiten aussinnt. Neben der aristokratisrhen Importe sieht man di« kl« Verwandten, mit den billigeren Einlagen, dem minderwertigen UnAlc- iiber die das Deckblatt von Havanna täuschen soll. Ihnen gesellt F kindlich die kleine Zigarillo und die lilienbkasse zarte Tochter der neuer Zeit, die Zigarette mit dem Halsband aus Gold oder Silber, wenn' nicht ein Korkgürtelchen trägt, als wollte sie Schwimmstunde neh« Rauch- und Schnupftabak umfängt in allen Qualitäten die Enkeunmn r Maiskolbens von San Domingo, und wer kann sagen, ob der beliebte Kaugummi nicht demnächst vom Kautabak abgelpst w,rd, deu>r

wer vermöchte diese Vorstellung zu deB

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A!z Kolumbus Amerika enideckt hatte, begann in Europa eine neue Kraßheit das Gordfieber zrr grassieren. Die phantastischen Berichte über die Wunderschätze der neuen Welt berauschten die Kopse, verwirrten die Begriffe, und jeder fünfte Europäer wäre damals wohl am «ebsten gleich in See gestochen, um jenseits des Ozeans Säcke voll Gold und Edel­steine mühelos zu erraffen. Doch die hispanisch« Weltmacht, klug und oor- sichtia wie frühere und spätere Weltmächte, sperrte allen Frenke» ihre ItebersrecSsten und verbot den Eingeborenen den Handel mit Rlcht- spaniern. So mochten die Konquistadoren allein und unbehindert durch die junairäulichen Länder ziehen, Träume spinnen. Eingeborene martern und morden, Boden und kostbare Kulturen verwüsten und immer, ort bem Trugbild des Dorado nachjagen, der Stadt der letzten Inta, deren Dächer mit Goldpkatten geschindelt und deren Straßen mit Goldstaub bestreut sein sollten. Gehetzt vom Galdfieber, rasten sie achtlos an einer hohen Pflanze mit sastiggrünen Blättern und schlankgestengelter Blute vorüber, hielten sie wohl für ein unnütz Kraut und ahnten nicht, daß in der Wurzel dieser mißachteten Pflanze Industrien der Zukunft schlum­merten, daß ihre Blätter dereinst Milliardenreichtum über die Welt hm- strömen würden. Denn diese Pflanze, die um toten Metalls und trüge­rischer Vorstellungen willen übersehen wurde, war die Tabakpflanze.

Es wäre nun hübsch, wenn man berichten könnte, daß die Deutschen mehr wirtschaftliche Intuition als die Spanier gehabt und gleich b<gri{jen hätten:Aha, da wächst uns ein neuer Handelsartikel in die Hand! Doch auch die deutschen Kolonisatoren di« Slugsburger Welser waren heftiger vom Goldsieber geschüttelt, als man ihren großzügigen Kaus- mannsköpfen hätte zutrauen mögen. Für ein ungeheures Darlehen hatte Karl V. ihnen die Erlaubnis gegeben, auf San Domingo eine Faktorei errichten zu dürfen, und Venezuela wurde Westers Lehen. Getreu ihrem Vertrage mit der spanischen Krone legten die Welser Festung und Stadt an, bauten Häsen, exportierten Perlen, Häute, Talg, Farbholzer, doch vom Tabak wußten auch sie nichts. Und wenn ihre deutschen ^Ver­treter auf San Domingo sahen, daß die Eingeborenen um einen Mais­kolben ein Tabakblatt wickelten, anzündeten und schmauchten, dann dachten die Augsburger und Ulmer wahrscheinlich, daß dieserTabaccos eine barbarische Gewohnheit sei, zwar nicht ganz so häßlich wie etwa die Menschenfresserei, aber doch ungeeignet, europäischen Kulturzentren zu­geführt zu werden. Und doch war dieser bäuerliche Maiskolben mit dem ungepflegten Deckblatt der Ahnherr der feinsten Importe.

Das Welthaus der Welser hatte Venezuela schon wieder aufgeben müssen, über Spanien zitterte schon von Britannien her der Schatten künftiger tragischer Ereignisie, da endlich durfte der Tabak seine Europa­reise antreten, aber nicht etwa als Ware, sondern als Zierpflanze für die Gärten europäischen Reichtums. Bald entdeckte man, daß auch gewiße Heilkräfte in ihm schlummerten, und er wurde ein Weilchen ebensosehr über-, wie zuvor unterschätzt. Dann erschien ums Jahr 1560 herum am

nur di« Außenwelt, sondern auch da- Geistesleben des Menschen, durch das alle jene technischen Schöpfungen hervorgebracht werden.

Fassen wir so den Menschen als einen Teil der Natur die Technik und das technische Denken als einen Teil des Menschen auf, so werden wir sagen müssen, daß die Entwicklung der menschlichen Tecymk, m der wir mitten darin stehen, vielleicht das großartigste Beispiel einer organi­schen Entwicklung darstellt, das die gesamte Erdgeschichte auswerst. Die technische Entwicklung hat den Menfll)en in erstaunlich kurzer Alt zum unbestrittenen Herrn der Erde gemacht und leistet für sein Leben un­endlich viel mehr, als «s eine noch weitgehende Entwicklung ferner Mieder ober seiner Sinneswerkzeuge vermöchte. Kem organisches Auge, leistet dasselbe wie das Mikroskop und das Fernrohr, keine Daust so viel wie ein Eisenhammer, kein Bogelslügel kann so viel tragen rote die Fluge! unserer Flugzeuge, und diese Beispiele ließen sich beliebig ^"iiehren.

Aber wenn auch die Neigung zum Bcharrungszustand durch die stür­mische technische Entwicklung augenblickttch zuruckgedrangt ist, so bestehl doch kein Grund, diese Neigung als aufgehoben anzuscsten. Den etgent- r,*»n ftebet für all« technisch und naturwtsienfchaftlkche Entwicklung bilden die Sinneswerkzeuge des Menschen: sie schaffen immer die neuen Fragestellungen, die die Grundvoraussetzung für wissenschaftlichen ober technischen Fortschritt ausmachen. Nun ist aber die Fähigkeit des Menfchen, neiie Sinneseindrück« aufzunchmen, nicht unbegrenzt. Das ergibt sich schon daraus, daß jeher Reiz einen gewissen Mindestwert, einen sogenannten Schwellenwert haben muß, um wahrgenommen ober von anderen, ihm benachbart liegenden Reizen unterschieden werden zu können. So ist die Anzahl der Bilder, di« das Auge, oder der Klangbilder, dre das Ohr auf­nehmen und unterscheiden kann, gewiß sehr groß, aber doch nicht un- endlich Wird für den Menschen einmal die Möglichkeit neuer Sinnes- eindrücke erschöpft fein, so fehlt auch der Anreiz zu einer geistigen Ent­wicklung in dem Ausmaß, wie sie di« Menschheit staunend soeben durch­lebt Das Streben des Menschen geht auf Vervollkommnung ferner Lebenszustände, auf Befriedigung seiner Wünsche. Auch dieses Bestreben läßt fick nicht bis in alle Ewigkeit steigern, einmal muß ein Zustand er­reicht sein, der di- beste mögliche Anpassung des Menschen an seine Um- welt'bedeutet. Freilich ist ein solcher Zustand der Ausgeglichenheit oder des Gleichgewichts nicht mit dem einer völligen Erstarrung oder einer unbedingten Ruhe zu verwechseln. Eine solche Ruhe ist unvereuwar mit dem Begriff des Lebens. Daß der Endzustand einer zwar mchi völligen, aber doch angenäherten Beharrung ein möglichst vollkommener [ei, daß er eine Befriedigung berechtigter menschlicher Wünsche, soweit sie Nicht mit her Natur und ihren unveränderlichen Bedingungen in Widerspruch sind brinaen möge, daraus geht all unser Streben. Bollkommenheik ist dem Menschen versagt, ober die Erreichung einer verhältnismäßig großen Vollkommenheit macht sein Streben aus, und die Erkenntnis, daß dieses Streben nicht fruchtlos zu sei!, braucht, muß unser Trost bei allen zeit­bedingten Unvollkommenheiten sein.

Ein BMLtlsin Todak.

Bon Carry Brachvogel.

dem Aroma des Kaffees, Zigarren und Zigaretten ihr. verhauchen und um jede Stirn ein Traum ferner Zonen, nahen Glückes schwebt.

Europa ohne Tabak - --------. r

Man braucht sie aber auch gar nicht auszudenken, denn die nicht mehr wie behext einem sagenhaften Dorado nach. Sie ihren Schiffen lebendiges @ ojb heim, Kinder der Erde,

Seeleute huldigen?! 8-,

Mannigfaltig wie die Gestalten des Tabaks sind auch sein« K . menten, vom Untersekundaner angefangen, der ,eme erste Raua-erM mit grünlichem Gesicht unter Ach und Weh genießt, bis zum M' räucher, dem erst vor dem Einschlummern di« Zigarre eiiffmkt, W» Morpheus will, daß man in seinen Armen schlafe, nicht aber pap- - vielleicht sogar Brand stifte.

Ein Genußmittel hat man den Tabak genannt, doch ferne Macht n über den bloßen Genuß hinaus. Er ist der Ueberwinder von »w und Müdigkeit, ein Grillenvertreiber, ein Sorgenbrecher. Durch mam, Rauchwolken gesehen, stellt sich di« Welt anders dar als m Licht des nackten Tages: weicher, anmutiger, glückseliger. Uno ' Schöneres, Äs die Stimmung nach einem Mahl, wenn verschwme - - - " --------- !6ire duftende

ein V

j portugiesischen Hof der französische Gesandte Herr Jean Nicol, der i Diplomat und Gelehrter war, und dem Frankreich das erst« französische i Wörterbuch verdankt. Herr Nicot beschäftigte sich im fremden Land nicht i nur mit der Abfassung von Berichten, mit Diners und hübschen Frauen, ; sondern lenkte sein Augenmerk auch auf wirtschaftliche Dinge, lernte den in Portugal schon heimischen Tabakstrauch und die Möglichkeit seiner tieferen und ertragreichen Ausnutzung kennen. Herrn Rico! zu Ehren wurde denn auch die gesamte Tabakfamilie N i c o t i a n a genannt, und auch den Nichtbotaniker gemahnt noch heute das Nikotin an den national- ökonomisch orientierten Gesandten.

Es ist für weitere Kreise uninteressant, zu erfahren, welch« diplo- malischen und politischen Erfolge Herr Nicot von Portugal Heimtrug: wichtig für die Allgemeinheit bleiben nur seine zärtlichen Beziehungen zum Tabak, der bald in ganz Europa Heimatrecht errang.Bald" mutz natürlich nach dem Tempo jener Zeit gemessen werden, die weder Teü- i graph noch Rundfunk kannte, aber immerhin hatte Sevilla schon in der s zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts eine Schnupstabakfabril, die den berühmten Spaniol lieferte, und im Jahre 1652 verpachte!» di« Republik Venedig Fabrikation und Verschleiß von Tabak um jährlich 40 000 Dukaten.

Das Schnupfen wurde modern. Männer der vornehmen Welt ich geistliche Herren nahmen mit Genuß ihre Krise, und der Reiz ein« Schönen galt nicht als beeinträchtigt, wenn auf dem Spitzenkragen nbtt der Busenschleise ein paar braun« Krümelchen lagen, oder ein schil­lerndes Tröpfchen schnell von der Nase gewischt werden mußte. Nelm der Tabaksdose bestand aber auch mit Ehren die Pfeife, die ums Zahl 1584 herum englische Kolonisten aus jenem Lande heimbrachten, bat Sir Walter Raleigh als Huldigung für Königin Elisabeths fünfzigjährig« Jungfräulichkeit Virginien getauft hatte. Sir Raleigh selbst, bas Sweetheart der fünfzigjährigen Jungfräulichkeit, war ein leidenschaftliche Raucher und ließ seine elegante Silberpseise kaum je von sich, obwohl die englischste Engländerin" (rote Elisabeth sich gern« nannte) natürlich den Rauch schlecht vertrug imd den Tabakgenuß als überflüssigen Lunii