Ausgabe 
5.2.1927
 
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Unter Sykomoren.

Von Theodor D ü u b l e r.

Auf der Fahrt von Assuan nach dem Sudan war ich bet einem Gestade vorbeigekommen, wo besonders hohe Sykomoren die Nilgeländs be­kränzen. Doch da es damals zu dämmern begonnen halte, beschloß ich, diesem wunderbaren Strich Flußufer erst aus der Rückreise einen längeren Besuch abzustaiten. Und meine Absicht führte ich denn auch aus.

An einem wundervollen Ianuarmorgen legte dort mein Segetkahn, in einer Bucht unter Dattelpalmen und Sykomoren, an. Ich wähnte mich in eine Vorwelt versetzt. So urwüchsig«, von den Wurzeln an voll Blatt­werk wuchernde Pflanzen hatte ich nie vorher bestaunen können. Un­geheure Mengen ihrer Zweige waren vertrocknet, sind aber seit unzähligen Jahren um ihren Stamm haften geblieben. In diesem strohgelben Dickicht flimmerte der Tag besonders zart rosenrot. Ueberhaupt flimmert das Licht Aegyptens oft in fleischfarbener Anmut. Das Blau des Himmels über der Wüste konnte ich bloß durch Lücken in der Waldwildnis durchfunkeln sehen. Der Sandboden hat, wo ich ging, auch im Schatten, wie Gold­ocker gefüttert.

Erst bei längerem Bummeln bemerkte ich die Nähe eines Nubierdorfes unter hochstämmigen Dattelpalmen. Es war, wie meistens, aus braunen Nilschlammziegeln erbaut und mit schönen, ost alten Majolika-Tellern über Pforten oder sogar Fenstern geziert. Ganze Straßenzüge scheinen da, mit ihren fensterarmen Wänden, spärlichen Türen, ein einziger be­trächtlicher Gutshof zu sein. Auf dem ziemlich rechteckigen Platz lungerten der Dorfbewohner Kamele herum. Hühner und große schneeweiße Tauben tummelten sich dazwischen umher.. Im Palmen- und Sykomorengürtel tun die Wohnstätten erblickte ich manchen Wiedehopf, Raben und mir bis dahin unbekannt gewesene grasgrüne Vögel in der Größe eines Stares.

Die Menschen sind in Nubien weniger aufdringlich und neugierig wie die Araber Aegyptens. Ich vermochte es, sie selbst, doch besonders ihr Hab und Gut, recht unbehelligt zu betrachten. Die schwarzen, kleinen Jungens laufen dortzulande ganz nackt; die größeren tragen bloß einen Schurz um die Lenden. Erwachsene haben kaftanartige Gewänder an. Frauen lassen sich selten sehen: sie sind häufig hübsch. Sogar an den Goldring im rechten Nasenflügel gewöhnt man sich. Wirkliche Freude bereiten diesem Volk Halsketten aus Glasperlen, die sich die Schönen in Unmengen umhängen. Begrüßungen eines Europäers gehen mit etwas Zeremoniell vor sich. Da ich an Bord einen Nubier hatte, der etwas englisch versteht, gelang es, mit den Honoratioren meines Sykomorendorfes ein konventionelles Ge­spräch zu führen. Wie immer, erkundigte man sich bei mir, wie Europa der neue Friede bekommt, ob ich es wisse, wie lange er dauern könnte. Sehr zufrieden waren die freundlichen Nubier jedesmal, wenn ich ihnen sagen ließ, daß mir ihr Land gefiel, daß die Leute gesittet wären, und daß ich beabsichtigte, nochmals eine Nilreise mit mehreren Freunden zu unternehmen. Da ich jedesmal mit Datteln, Bananen, einmal sogar mit einer Büchse Ananas beschenkt worden bin, rate ich jedem, der eine ähn­liche Fahrt zu unternehmen gedächte, kleine Gaben, wie beispielsweise Glasperlenketlen, mitzunehmen, um auch etwas barbringen zu können.

In den Mittagsstunden segelten wir ab. Noch ging es an Sykomoren lange Zeit entlang. Endlich erreichten wir das kahlere Gestade vor dem kleinen Tempel von Amada. Er liegt glücklicherweise an einem erhöhten Gelände, so daß ihn Nilüberschwemmungen nicht erreichen. Das ist be­sonders erfreulich, weil er alt ist: Könige der achtzehnten Dynastie, Thut- moses III. und Amenhotep II., haben größtenteils an feiner Auf­richtung teil.

Wundervoll und auch gut erhalten sind, im Vergleich zu andern nubi- schen Heiligtümern, in diesem die oft auch jetzt noch bunten Relieffiguren auf den Wänden. Leider hat man es für nötig befunden, die Ruine gar arg wiederherzustellen. Die vergipsten Altertümer Aegyptens, auf Zement- untermauerungen, bereiten einem überhaupt nicht häufig unbeeinträchtigte Freude. Dennoch habe ich unvergeßliche Stunden dort oben beim Tempel von Amada mutterseelenallein zugebracht. Schwarze, krausköpfige Berge der Wildnis bei der Tropensonne goldgelb blendenden Sandhalden rahmen das großartige Wüstenbild wundervoll ein. Unter mir glitzerte der Riesen- ftreifen Nil. Am andern Ufer ist es fruchtbar wie in einer Oase. Taufende von Sykomoren, Zehntaufende von allerschlankesten Dattelpalmen ent­falten in dieser Gegend, auf kleinem Fleck, alle hohe Lebenskraft von Görtern hochbevorzugten Bodens. Wie kommt es, daß die Aegypter, außer dem ihnen greifbaren Vater Nil, nicht auch einem unbekannten Gott dort oben, woher die Ueberschwemmungen, die sich keiner erklären konnte, Heiligtümer errichtet haben? Einen Verursacher haben sie wohl nicht erfaßt. Wie ein Mann zunehmen und mager werden kann, war ihnen ein­leuchtend geworden: das konnte auch auf den Nilgott übertragen werden. Auch bei ihren Toten kam es ihnen auf gewohntes Weiterleben an. Ein Ende mag ihnen unbegreiflich gewesen fein: nicht einzusehen aber ver­mochten sie wohl ein überweltliches Jenseits.

Gegen Abend fuhr ich fort. Ueberschwänglich viel Gold strömte um uns her. Riesenreichtum eines Landes der Einbildung im Herzen Afrikas schien feine unendlichen Spenden vor uns auftun zu wollen: Ophir wälzte also alle seine Schätze dem Delta entgegen. Berge waren von Karfunkeln umrändert; die Sonne selbst, Zauberin einer ungeheuerlichen Viertel­stunde, erschien als der funkelndste Rubin, der jemals auf Erden zutage gekommen wäre.

Nachdem die Nacht bald ihre Pracht entfaltet hatte, ließ ich abermals unter Sykomoren anlegen: man hatte mir mitgeteilt, daß wir zu Füßen des Tempels von Wadi-Sebua vor Anker gehen konnten, doch wollte ich lieber den Morgen unter Sykomoren erwarten.

Mir zu Haupte» ergoß die Milchstraße ihren schimmernden Sternen­überschwang um den halben Himmel, unter uns floß friedlich flimmernd der Nil. Der Gürtel des Orion, Sirius, Jupiter leuchteten mir auf einmal von drei verschiedenen Seiten durch das Dykomorendickicht. Unter der höchsten Dattelpalme, die mir bis zur Milchstraße gereicht hat, ist der noch nahe Mars hochrot aufgebläht. Doch merkte ich endlich, daß auch ein Friedhof unter unfern Prachtpalmen lag. Gleich hatte ich das nicht ge­sehen, denn bloß kleine, lose rhythmisch weiß zueinander gestellte Steine zeigen an: hier liegt ein Schwarzer unter der Erde.

Ich gab dann 'Auftrag, die Segel aufzuspannen, wollte kosfahren. 6e legten wir noch, nach einem Stündchen, vor dem Tempel an. Ich hakt« ihn noch nicht besucht, denn auch bei der Fahrt stromaufwärts war es Nacht gewesen, cis mir hier vorbeikamen. Ich war aber nun einverstan­den, das Heiligtum bei Fackellicht zu besuchen, denn da beeinträchtigen plumpe Ausbesserungen und häßliche Ergänzungen weniger den Eindruck.

Wadi-Sebua heißt auf Arabisch Löwental. Diesen prächtigen Namen hat das Doppeldorf auf beiden Seiten des Stromes, wegen der noch er­haltenen, hoch gekrönten, vor dem Tempel lagernden Sphinxe, erhalten, Nhamfes II. hat den Tempel bauen lassen: zwei Kolosse mit seinen Zügen, die mit des Antlitzes festen Backenknochen, einer breitflügelnben Ras« über sacht lächelndem, bedeutendem Mund, etwas fernasiatisch anmuten, stehen noch vor der merkwürdigsten Sphinxallee. Auch diese Löwenkörper- Männer sind mongolenhast anzujehen und wirkten mir, unter Nubiens Sternenhimmel, besonders eigenhsrrlich hieratisch.

In eine von uns verkannte Ungeheuerlichkeit schien ich mir aus der Welt unserer verwirrenden Gewohnheiten plötzlich geraten. Sollte ich mich nicht, vor solchen turmtragenden Herrschern in der Wildnis, vor Ausgaben, denen kein Geschlecht gewachsen sein konnte, umsonst gestellt sehen? Solche Tierleiber halten dich an der Wüste festgekiammert; ihre Gesichter: lind ein Ebenbild der Sonne. Hier das bestätigte sich mir nochmals soll das Tagesgestirn, bei Nacht, durch den Menschen von de» andern Sonnen wissen. Im Gehirn, über den merkwürdigsten kosmischen Jrrgängen, wird das All sichtbar.

Durch das Urirdische der Sphinxe schien mich Stern um Stern, hervor, stechend an Plarheit, zum verwegensten Grübeln herauszufordern.

EnIwiMlungsgrenzsn der Technik.

Von Professor Df. Weilburg.

Daß die erstaunliche Entwicklung der Technik sowie die sie erst et« möglicfyenbe Blüte unserer naturwissenschaftlichen Erkenntnis die bezeich­nenden Merkmale unseres Zeitalters find, wird heute kaum ernsttich be­zweifelt. Wir alle sind ja in fast jeder Lebensäußerung von der Technik und ihren immer neue Arbeitsgelegenheit schaffenden Fortschritten ab­hängig. So ist denn die Ueberzeugung, daß das bisherige äußerst stür­mische Schrittmaß unserer technischen Entwicklung unbegrenzte Zeit an­halten wird, eigentlich allgemein verbreitet. Nun hat es aber kürzlich I. Petzold, Professor der Philosophie an der Technischen Hochschule zu Berlin, in sehr beachtenswerten Ausführungen unternommen, dieser Ansicht entgegenzutreten.

Entwicklung" ist insbesondere seit Darwin das Zauberwort, unter dem wir alles verstehen. Alls Lebewesen, die Menschheit, die Völker, ent­wickeln sich aus mehr oder tpeniger unvollkommenen Anfängen allmählich zu größerer Vollkommenheit. Sehen wir nun aber genauer zu, so be­merken wir, daß diese Entwicklung nicht gleichmäßig vor sich geht. Scho« in der Geschichte kennen wir Völker, die in wenigen Jahrhunderten einen ganz erstaunlichen Fortschritt aufzuweisen haben, während sich andere in ebensoviel Jahrtausenden kaum merklich änbem. Dem Gesetz der Entwicklung wirkt ein anderes Gesetz, nämlich die Neigung zur An­gleichung an gegebene Bedingungen, zum Ausgleich vorhandener Span­nungen und zur Erringung eines Gleichgewichtszustandes, kurz ein Streben nach einem Beharrungszustand, entgegen. Diese Erscheinung zeigt sich auch in der uns umgebenden organischen Welt. Hat irgendeine Tier­oder Pflanzenart eine Form gefunden, in der sie zu leben vermag, so ist kein Grund gegeben, diese Form zu verlassen, die Neigung zum Be° harrungszustand überwiegt hier die zur Entwicklung. Eine solche be­harrende Art wird sich nun insofern ändern, als sie durch die äußeren Ver­hältnisse dazu gezwungen ist, z. B. durch die erdgeschichtliche Entwicklung, die eine langsame Aenderung des Kümos zur Folge hat. Aber diese, durch äußere Umstände notwendig gewordene Anpassung an veränderte Seberts« bedingungen wird immer nur eine ganz langsame allmähliche Entwick­lung zur Folge haben, im Gegensatz zu den sprunghaften Entwicklungen, die dann eintreten, wenn sich eine Art ihren natürlichen Lebensbedtn- gungen noch nicht angepaßt hat, wenn gewissermaßen noch Spannungen bestehen, die durch die Entwicklung ausgeglichen werden müssen.

Es besteht nun kein Grund dafür, daß für das geistige Leben des Menschen andere Gesetze gelten sollten als für die gesamte übrige orga­nische Welt. Das Denken, das den Menschen vor anderen Geschöpfen aus« zeichnet und ihn erst zum Menschen macht, ist ihm nicht von außen angeflogen, und noch weniger ist es seine eigene Schöpfung, durch die er sich etwa in Gegensatz zur umgebenden Natur stellen könnte. Es ist vielmehr eine ihm natürliche Lebensform, vermutlich hervorgerufen durch die Not und die Erfahrung, daß sich der körperlich schwache Mensch nur auf diese Weise gegen feinen stärkeren Wettbewerber im Kamps ums Dasein behaupten könne. Man hat den Versuch gemacht, einen hochent­wickelten Affen in einen Käfig zu sperren, in dem er nur durch Benutzung eines bereitüegenben Astes oder durch Aufeinandertürmen umherstehender Kisten zu seiner Nahrung gelangen konnte. Der Versuch gelang zwar, aber dec Affe machte erst nach vieler Mühe die uns so einfach erscheinenden Erfindungen, woraus man wohl schließen kann, daß auch das höher ent« wickelte Tier erfinderische Gaben hat, die aber für gewöhnlich ruhen, weil nicht, rote beim Menschen, ein unbedingter Zwang zu ihrer Entwicklung besteht.

Fassen wir so das Denken des Menschen als eine natürliche, durch feine Sebensumftänbe notwendig gemachte Lebensäußerung auf, so werden wir auch die Ergebnisse dieses Denkens als mit zur natürlichen Entwicklung des Menschen gehörig onjehen. Diese Ergebnisse des Denkens sind seine Werkzeuge, die Technik im weitesten Sinne des Wortes. So sind gewifsermahen die selbstgeschaffenen Werkzeuge der Technik vervollkomm­nete menschliche Glleder und Organe. Der Hammer ist eine natürliche Er­gänzung seiner Faust, das Fernrohr oder das Mikroskop seines Auges, die mannigfaltigen durch die Technik geschaflenen Verkehrsmittel sind ver­vollkommnete Beine oder felbstgefchchfene Flügel. Es ist irreführend, solche Werkzeuge alskünstlich'' zu bezeichnen, wenn mit diesem Wort ein Gegensatz zur Natur ausgedrückt werden soll. Denn Natur ist alles, nicht