Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1927 Samstag, den S.Kebrmr Nummer 10
AbsnLNsrgs.
Von Anton Schnack.
Der Tee singt wie ein Vogel aus dem Samowar. Bald wird das Dunkel an die Fenster kommen, Die Dinge ringsum machen mich beklommen, Ws wären sie voll Feindschaft und Gefahr.
Mein Herz schließt sich in müdem Träumersinn, Das scheue Licht beschattet Wan-d und Stein.
Und das Gesäß aus mattem Edelzinn Saugt wie ein Spiegel alles in sich ein.
Ein Buch liegt da mit marmorkühlen Worten, Ein Geigeninstrument, der Flöte schwarzer Stab, Was ich "versuchte, hielt nicht ab die Trauer . . .
Der Schattenraum klingt noch in den Akkorden, Als stiegen sie aus meinem eignen Grad, Boll Schwermut einer ungebroch'nen Dauer.
Me Geschichte des Prinzen Alexius.
Don Albert H. Rausch,
Wir sahen, wie so oft in jenem begnadeten Jahr der Bläue und des Lichtes, unter den Palmen vor Margherita Avellines Haus. Der Pellegrino hatte das Wondlicht auf seinen Graten in malvenfarbigen Dunst aufgelöst, die vielen weihen Häuserwände des halb schon entschlummerten Palermo liehen es lautlos als grünes Silber an sich niedergleiten.
Percy Dantadvur, der junge provenzalische Dichter, halb an der Brüstung lehnend, die gegen Äcquasanta hinabwies, halb sich mit der Linken am Knaus des Sessels haltend, in dem die Hausherrin Platz genommen hatte, erzählte uns aus unser Bitten hin die Geschichte des byzantinischen Prinzen Alexius, so wie er sie aus einzelnen Bruchstücken der alten städtischen Chroniken hatte zusammensehen können:
Eines Abends, als das Schiff von Neapel in den Hasen von Palermo einlief, schritt über die schmale Landungsbrücke ein Knabe, dessen zarte Schönheit der Mengtz auf fiel. Ihm folgte ein alter Mann, der den braunen Mantel der Diener trug.
Der .Knabe schaute sich nicht um, betrachtete nicht die Menschen, nicht die Schiffe und nicht die Pracht der Gebäude. Er lehnte sich an den Arm des alten Mannes und schritt gesenkten Blickes dem Hause zu, in das er geführt wurde. Dort begrüßte eine alte Frau die Fremden, warf, sich auf den Boden und küßte das Knie des Knaben, dem Greis aber gab sie die Hand und sagte mit bewegter Stimme:
„Gesegnet sei dein Eintritt, o Mkephoros, in mein bescheidenes "Haus. Ich bin glücklich, daß ich den Tag noch sehe, der dich und den Kaiser hierherbringt. Deine Botschaft ist mir zugegangen, und ich habe seit vielen Wochen alles bereit gehalten, um euch so würdig zu empfangen, als es in meinen Kräften steht."
„Ich danke Euch. Daucis," erwiderte Nikephoros. „Ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß Ihr mir im Andenken an die Tage, die ich vor Jahren hier zubrachte, Eure Freundschaft erweisen würdet, und Ihr mögt es mir glauben: gelingt mir der Plan, von desfentwillen ich die weite, beschwerliche Reife antrat, so soll es an Lohn für Euch nicht fehlen. Aber ich ersuche Euch von neuem, wie ich es schon in meinem Schreiben tat, daß Ähr vor den Weibern schweigt. Auch sollt Ihr mit dem Prinzen nicht sprechen, wenn er Euch nicht fragt."
Mit diesen Worten nahm er aus seinem Gürtel einen kleinen, ledernen Beutel und gab ihn der Alten. Sie kniete abermals nieder und küßte das Gewand des Knaben, der seine Lippen zu einem leisen Lächeln verzog, während er mit der linken Hand eine Bewegung in der Luft machte: sie möge es an Ehrbezeugungen genug sein lassen. Da führte sie die Fremden in die oberen Gemächer und entfernte sich, um das Abendmahl zu Bereiten.
Kurz nach Sonnenuntergang brachten Matrosen das Gepäck der Reisenden auf einem Wagen. Die Männer und Weiber der Rachbarschaft standen neugierig vor der Tür und machten sich ihre Gedanken darüber, wem diese vielen Dinge gehören könnten. Daucis aber trat nur einen Augenblick lang aus die Straße, faltete die Hände und warf die Augen gegen den Himmel, um die Leute ahnen zu lassen, daß in ihrem Hause etwas Außergewöhnliches geschehe, von dem sie zwar gerne reden möchte, aber nicht dürfe.
, Mkephoros bereitete indessen das Lager für den jungen Prinzen »nb legte eine purpurne Seidendecke auf das Polster, in deren Mitte
ein schwarzes Wappen gestickt war. Dor diesem Wappen verneigte sich der Alte, wie betend einige dunkle Worte murmelnd. Der Prinz aber — an den gleichen Vorgang von vielen Abenden her gewöhnt —- besprengte seine Finger mit persischem Rvsenwasser und gähnte:
„Kleide mich aus. Mkephoros, ich will schlafen gehen." „Erlauchter Herr," erwiderte der Diener, „ich hätte Euch gerne noch gefragt, ob Ihr mit meinen Plänen einverstanden seid..."
„Nikephoros," unterbrach Alexius, „scheuche mich nicht mit Fragen aus meiner Müdigkeit, die mich glücklich macht. Denke und handle du meine Kräfte sind erschöpft, und es ist mir alles gleich. Ruhen will ich, ruhen..."
Der Alte verneigte sich und begann, ohne noch ein Wort zu sagen, den Prinzen zu entlleiden, der rasch in tiefen Schlummer sank,
Dann ging er in das Rebenzimmer. Er setzte sich an das Fenster, um noch ein wenig die kühle Abendluft zu atmen und seine Plane für die nächsten Tage zu überdenken. Richt ohne Absicht war er zur Witwe Baucis gezogen, in das belebte Viertel, das den Namen Chalessa trug. Denn es lag nahe am Hafen und war mit Gasthöfen, mit Darbierstuben und Schenken überfüllt, in denen das Dolk und die Soldaten des Königs ein« und ausgingen. Es kam darauf an, zunächst das Aufsehen der Menge zu erregen. Wie ein Lauffeuer würde die Kunde von der Ankunft des Prinzen Alexius aus Byzanz in die Kasernen eilen, von den Kasernen zu den höheren Offizieren und von diesen zum König. Auch wohnten hier unten viele Araber, deren phantastische Seele das Nötige zu dem Gehörten dazutun und so dafür sorgen würde, daß in wenig Tagen der Prinz das Gespräch der gesamten Bevölkerung sei, der Reichen und der Armen. Da nun der König fein Dolk liebte und auf die Meinung des Volkes hörte — man nannte ihn den Guten — o würde er den Prinzen unverzüglich in den Palast rufen und ich nach feinem Schicksal erkundigen. War das erst geschehen, so hatte er, Mkephoros, das ganze Spiel gewonnen.
Doch während er dies alles überdachte, erhob sich vor der Haustür ein Gewirr von Stimmen, unter denen er die der Witwe Daucis deutlich erkennen konnte:
„Ihr sollt nach Haufe gehen, fage ich euch! Es ist Nacht, und meine Gäste wollen schlafen!"
„Gut. wir gehen nach Hause. Aber sage uns zuvor: was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Prinzen?"
„Ich darf es nicht sagen!"
„Ihr dürft es nicht? Ans nicht, deinen Nachbarn? Haben wir jemals ein Geheimnis verraten, das du uns anvertraut hast? Sind wir nicht immer deine zuverlässigen Freunde gewesen?"
Hier brachen die Stimmen ab. Schritte kamen herangeschlürft, und man hörte ein Flüstern. Da schlug Nikephoros das Kreuz und schickte, wie die Propheten, ein Lächeln in seinen großen, weißen Bart, „Der Herr ist mit mir! Der Name des Herrn sei gelobt!"
Ein paar Tage später trat Alexius in einen der großen Gasthöfe, um eine Schale Sorbet zu trinken. Die Diener standen um ihn her, betrachteten ihn ohne .Unterlaß und flüsterten untereinander. Er beachtete dies nicht weiter, ließ aber den Oberaufseher rufen und warf nachlässig die Worte hin, es erstaune ihn, daß man in einen Weltstadt wie Palermo noch die Fremden begaffe, die keine Diertel- ftun.be lang unbelästigt in einer Ecke sitzen könnten, um sich auszuruhen. Dann gab er Nikephoros einen Wink, zu bezahlen und aufzustehen. Die Wirkung dieses kleinen Auftrittes war so groß, daß der Besitzer des Gasthofs erschien, sich tief verneigte und tausendmal um Entschuldigung bat, wobei er hinzufügte, Palermo sehe ja des öfteren große Herren in feinen Mauern, aber der Zauber feiner Kaiserlichen Hoheit sei so ungewöhnlich mächtig, und die Bescheidenheit und Zurückhaltung seines Auftretens erwecke in solchem Maße die Liebe und Bewunderung der gesamten Bevölkerung, daß er doch den ganz von seiner Würde und Schönheit Bestrickten eine milde Beurteilung angedeihen lassen möge, wenn sie die Bewegung ihres Herzens allzudeutlich zu erkennen gäben. Worauf Alexius die unbewußte Wehmut feines Lächelns spiäen ließ und leise grüßend über die Stufen hinab ins Freie ging. Es war fein Wunsch gewesen, gegen Abend in die etwas höhere Stadt hinaufzusteigen, wo der Kasr lag, der Palast des Königs, und Nikephoros, der sich in den ersten Tagen mit aller Absicht mehr in der unteren Stadt gehalten hatte, war nun vollkommen mit diesem Plane einverstanden, zumal schon am frühen Morgen (was er aber dem Prinzen noch verschwieg) eine geheime Anfrage des Hofes an ihn ergangen war, welche Bewandtnis es mit der seltsamen Kunde habe, der Sohn des Kaiser- Emanuel von Dyzanz und seiner Gemahlin Maria von Antiochien weile mit Absicht unerkannt in den Mauern der Stadt. Er hatte sich gar nicht weiter auf diese Frage eingelassen, sondern nur geantwortet,


