Schranken vergißt, die die Wissenschaft aufgetzraucht Hat. Faust ist der unchristliche Heide. Und der Volksglaube, der gerne in jedem Gärtner den Bock entdeckt, hat just den Teufel, als er sich dem grübelnden und ringenden Faust scheinheilig näherte, in ein Mönchsgewand gesteckt.

In dem Pakt Faustens mit dem Bösen spielt sich nun alle geistige Bewegung ab, die die damalige Zeit erfüllt: Astrologie, Geographie, Ent­stehung der Welt, Himmelskunde, Gotteslehre, kurz di«Erforschung aller Gründe im Himmel und auf Erden". So zieht Faust unruhevoll durch Stadt und Land, überall bestaunt und dennoch scheel angesehen wie schlechtes Geld. Auch dieser Prophet hatte seine Jünger, Baccalaurei, Magister, Studenten. Darunter ist Christoph Wagner, sein Lieblings­schüler, angeblich auch sein Erbe. Seine Einsalt wird durch den Meister belehrt, in ihm spricht sich erstmals das Verlangen des Volkes aus, dem Faustproblem auch Humor abzugewinnen. Diese Aufgabe übernahm später, insbesondere als man Faust alsPuppenfpiel gab, ein anderer: der deutsche Hanswurst, der Kasperl. Er ist anfänglich nur die Nebenperson, der Nachtwächter, der die Stunden vor Faustens mitternächtlicher Ber- dammnis zitternd miterlebt, und schließlich, da der Teufel seinen Herrn holt, auch noch um seinen Dienstlohn kommt. Später aber ist Kasperl überhaupt der Parodist seines Herrn, der sich auch nicht scheut, ihm ins Gewissen zu reden und den Moralisten zu spielen. Denn Kasperl hat bürgerliche Züge, er repräsentiert den gesunden Menschenverstand, und ist kn Zweiweltensystem sozusagen der Vertreter der unbeschwerten grad­linigen komplikationslosen Denkungsart. Er ist dem Mystizismus gegen­über das Naturkind und bleibt es in allen seinen späteren Varianten bis über die theresianische und friderizianische Zeit hinein. So führt sich Kasperls Nachfolger, der Wiener Pepi Staberl, aus, als er vor dem Aktuarius wegen Straßenrandalierens verhört wird:

Aktuarius: Und fein Handwerk?

Staberl:--Künstler!--

Aktuarius: Wie?

Staberl: In, ich mache Paraplü.

Aktuarius: Ist das eine Kunst zu nennen?

Staberl: Machen Sie eins, wenn Sie's können!

Diese lustige Figur, der Gegenspieler, der groteske Lebensphilosoph, meditiert auch über soziale Probleme. Er bleibt aber dabei immer im Niveau seines Preisliedes aufKunst und Vlunzen". So ist er auf einem Bilde dargestellt, wo er glücklicher Vater von Vierlingen ist. Und darunter steht:Dieses sind die kleinen Gaben, die man oft nicht gern tut haben." Kasperl ist Evdenmensch, Faust schwebt über den Sphären. Kasperls Philosophie beginnt bei den Bratwürsteln und endet beim Schwips. Faust ringt immateriell. In beiden zusammen ist der Zwiespalt des Menschen­wesens vereint. Faust blieb der deutsche Grübler, Kasperl wurde der öster­reichische Spaßmacher.

Gerade in Salzburg hat der Kasperl wesentliche Metamorphosen durchgemacht. Sein Urahne, der alte Hanswurst des Mittelalters, besitzt allerdings teinen salzburgischen Heimatschein. Aber jene Umwandlung, die der geniale Komödienspieler Stranitzky, nebstbeiexaminierter Zahn- und Wundarzt", aus ihm machte, beruht auf salzburgischer Vor­lage. Stranitzky, der, ehe er in Wien seine vielbesuchteComedienbude" errichtete, sein Gewerbe im Umherziehen betrieb, spielte in Salzburg mit dem begabten Puppenspieler Johann Hilv e r ding, dessen Vater Kam­merportier gewesen war. Von da an trägt Hanswurst salzburgische Bauernzüge. Er wird zum ländlichen Sauschneider, eine Spottgeburt, die zwar weniger aus Dreck und Feuer als aus Witz und Ausfällen gegen die umherziehenden Aerzte besteht, aber bald in den Typus des ge­fräßigen, feigen, frechen, unflätigen, jedoch geistesgegenwärtigen und schlagfertigen Bauern mündet. Er wird die derblustige Figur des Steg- veiss, die sich an die Zuschauer wendet und sich selbst parodiert. Er macht fabelhafte Reisen durch die ganze Welt, erlebt peinlich unangenehme, drollige Mißgeschicke, lügt und flunkert, daß sich dieWaßkrugdeckeln biegen", verkleidet sich, wird hundertmal gefangen und schlägt ebenso oft seinen Wächtern" ein Schnippchen, hängt schon in der Galgenschlinge und hält noch eine schwülstige Ansprache, mit 6er er sich vom Tode weg­redet u.a. m. x r

Als der geniale Johann Laroche den Hanswurst in den Kasperl umkleidete und durch seine Spähe ein Jahrzehnt lang ganz Wien auf den Kopf stellte, schüttelten die Zunftgelehrten ihre Perücken. Es war ihm nichts heilig und feine freche große Nase steckte überall drinnen.

Seine Zeitgenossen hatten nichts zu lachen. Der gute alte Kritikus Johann Kürschner sagte noch lange nachher grimmig, der Kasperl hätte eine wahrePöbelphysiognomie". Mit Verlaub! So schlimm ist die Sache nicht. Denn in dieser Figur steckt das Heiterkeitsbedürfnis einer ganzen Generation, die österreichische Lust 6er harmlosen Persiflage, und die Neigung, ein bißchen zu raunzen und schwarz zu sehen. Und dann ist der unglücklich-glückliche befreiende Leichtsinn dabei, der dem Oesterreicher die Schwulitäten des Lebens ertragen hilft. So ein bißchen Mißachtung vor der Autorität ist's auch, eine Aufreizung gegen den Paragraphenzopf des Vormärzes. Und schließlich hat derSpassettlmacher" immer die Lacher auf seiner Seite. Kasperl ist eben eine Bolksfigur, Ausdruck eines all­gemeinen Empfindens, und daher durchaus als ZeitbW zu werten. Mit der Geste des gekränkten Moralisten kommt man ihm nicht nahe.

Hanswurst war übrigens feinem geistigen Vater bantbar. Stranitzky verdiente sich viel Geld an ihm, so daß er sich ein Wohnhaus am Salz- §ries in Wien kaufen konnte, das noch späterhin dasHanswursthaus" ieß. Dort hauste er mit seiner Frau, die den veritablen Ehrennamen die Hanswurstin" führte. Das war die echte, luftige, rasche, verliebte Wienerzeit.

Zu dieser Ausstellung, die sich mit den Problemen bis in die jüngste Zeit befaßt, haben Bibliotheken, Museen, Theaterarchive Deutschlands Nnd Oesterreichs ihre Schätze von alten und neuen Werken, von Abbil­dungen und Illustrationen, Sammlungen und Photos, Handschriften, Regiebüchern ufw. beigestellt. .So ist eine Sammlung zusammengekommen, die bis in 'bas Gebiet der Theaterkultur reicht. (Szenerien, Bühnenbilder, Guckkasten, Figurinen), und Salzburgs alte Theatertradition aus der Zeit der souveränen Fürsterzbischöfe (1618 wurde im Schlohpark zu Hellbrunn

im steinernen Theater die erste deutsche Oper in deutschen Landen «tf< geführt) hat der Ausstellung Impulse gegeben, die zum Großteil ein Neu­land der Kunst sind.

Der Grübler Faust, die Lebensanmut am Rhein und das göttlich freche Mundwerk des alpenländischen Salzburger Hanswurstes werden der Aus­stellung in Köln einen Dreiklang geben, in dem sich das vielfältige Wesen der deutschen Seele unverfälscht spiegelt.

Schiff voll Menschenaffen.

Von Paul E i p p e r.

Im Palmenhaus des Amsterdamer zoologischen Gartens gingen selt­same Dinge vor sich. Der Inspektor lieh große Käfige links und rechts vom Hauptweg ausstellen, vor die Stachelgewächse und Schlingpflanzen, von deren fleischigen Blättern die feucht-heiße Atmosphäre dieses Treib­hauses in schweren Tropfen niederfiel.

Unterdessen fuhr von der Nordostküste Sumatras ein Frachtdampfer ab, an dessen Oberdeck festverschnürte Kisten aufgestapelt standen. Jeden Morgen beschäftigte sich ein Europäer stundenlang mit diesen Fracht­stücken, und abends, wenn mit überraschender Schnelle die Tropensonne unter den Horizont tauchte, erklang von jenem Teil des Decks, der mit Seilen abgegrenzt war, dumpf orgelnder Gesang.

Als das Schiff in den Golf von Aden einbog, verschwanden die Kisten unter Deck, blieben dort bis Amsterdam und wurden nach sechsundfünfzig- tägiger Seefahrt noch in der Ankunftsnacht ausgeladen.

*

Die Vorgeschichte dieser Reise ist so: Mynheer van (Säens, ein viel­erfahrener lierfänger, brachte im Spätsommer 1926 der Alfelder Ver­handlung L. Ruhe einen ausgewachsenen Orang-Utan-Mann. Das Tier erregte großes Aufsehen in Europa, war es doch den Zoologen bis dahin nur ganz selten gelungen, einen erwachsenen indischen Menschenaffen zu Gesicht zu bekommen.

Als der Fänger das Tier wohlbehalten abgeliefert hatte, sagte er seinem Auftraggeber:Wollen Sie mehr davon? Ich bringe Ihnen em Dutzend herüber, vielleicht sogar auch eine Familie mit Jungen! Kenne jetzt einen Platz, wo viele große Affen hausen!"

Hermann Ruhe, ein Mann von erstaunlichem Unternehmungsgeist, schlug ein. Der Holländer bestieg das nächste Schiff, blieb ein halbes Jahr verschollen und schickte dann ein Kabeltelegramm: All right! FunstriÄ- zwanzig Menschenaffen an Bord! _n n ,

Alte erfahrene Tierpfleger, Männer, die feit 40 und 50 Jahren zoolo-- qifdje Kuriositäten betreuen, sind in stammelnde Bewunderung ausgebro- eben, als sie diesen Orang-Transport zum erstenmal betrachtet haben. Da waren nicht weniger als sieben ausgewachsene Affenpaare, sechs davon mit je einem Jungen, gesunde Exemplare, die sich nun von der langen Einzelhaft erholten und während der oierzehntatgigen Ruhepause m Amsterdam die Wiedervereinigung mit dem Ehepartner zärtlich begrüßten.

Fünfundzwanzig Tiere habe ich gefangen, fünfundzwanzig aus dem Urwald an Bord gebracht. Eines ist unterwegs gestorben, dafür hat tm Roten Meer ein Weibchen geboren."

Amsterdam war aber schließlich nur Durchgangsstation. In der kleinen altertümlichen Leinestadt Alfeld verwandelte man unterdesien das Nil- pfevdhaus in einen höchst komfortablen Wohnraum für Menschenaffen, schuf aus Rundholz geräumige Kletterkaflge und erzeugte m der glas- bedachten Halle mit Dampf und heißem Wasser die tropische Atmosphäre der indischen Inselwelt. Und dorthin brachte nun Herr Ruhe seinen stolzen Besitz, dieweil Telephon und Telegraph spielten und 'die Direktoren fast aller Tiergärten ihren Besuch ankündigten.

Alfeld wurde für eine Woche die Metropole der zoologischen Welt.

Man kann sich den Eindruck nicht vorstellen. Da saßen sie nun, diese unheimlichsten Gfltalten des Tierreichs erschütternd durch chreMenschen- ähnlichkeit, Giganten der Urzeit, eingehullt in den rostroten Behang, mit schwarzen, überlangen Händen, grandios im Ausdruck ihrer Augen und ^^N?cht^e1ner°glich dem andern; Temperamente schieden sich, Persönlich­keiten. ^Hier ein Drangmann von vielleicht 18 Jahren; gutmutig hält er fein Weibchen umfangen, das fast einen Meter vierzig hoch mtt Hellen Schnalzlauten das Junge aus dem Strohbett zu locken will. Im nächsten Käfig hängt oben an der Rundholzdecke mit allen Steren em anderes männliches Tier, gleich einer riesenhaften Traube, und Egt rück­wärts nach unten den langen, schmalen Kopf, von dem etn stattlicher $aUeffiipt die Bärte! Einer wächst buschig unter dem Kinn hervor, mie bei einem wetterharten Oberförster. Jener hat eine kahle Oberlippe, aber links und rechts sproßt es mit altösterreichischer Grandezza. Ein anderes Männchen hat seinen Vollbart in zwei stattliche Zipfel gedreht, !o dak der mächtige Kehlsack dazwischen leuchtet. _ .

Die Weibchen sind fast alle haarlos im Gesicht, hoben aber «n einen weich lockeren Schopf. Der Behang ihrer Arme hüllt petn einen Mantel ein, so daß man oft das steine Kind nicht erkennt, wenn es mit vier Händchen festgehaA - wie ein Menschensaug mg cm dernahr^ den Brust liegt. Denn die Mutter hält auch hier ein echtes Menschen tier den Sprößling mit beiden Armen wie in einer Wiege.

*

Drei Oranajünglinge spielen in einem gemeinsamen Käfig. Sie^d vielleicht 40 bis 60 Zentimeter hoch und toben und turnen "M "ernstesten Spielbaum auf und ab. Um ihre Augen sind hellere Haarkreffe, es steht aus, als trügen sie Brillen.

Der eine ist fast haarlos, nur em dünner Wollflaum bedeckt feinen Körper; der Kopf ist gänzlich kahl. Und mit feinem dicken Kugelbauch gleicht er komisch-grotesk einem chinesischen Buddha, pfiffig, Wau und trinkfreudig. Der andere paradiert mit einer steil nach oben stehenden