Ausgabe 
4.10.1927
 
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man dem Orte rfltft, desto häufiger werden die Erinnerungen an den Dichter, nur in Holmsen, wo Goeche einmal auf der Durchfahrt in einem heute noch bestehenden Gasthofe abgestiegen war, irrten die Gedanken noch einmal in andere Zeiten, dann hatte ich immer den Raabeturm vor mir, der am 7. August 1909 auf der großen Sohle, einer der höchsten Er­hebungen des Hilsgebirges, enthüllt worden war. Em ungefähr hundert Zentner schwerer erratischer Block mit einem Reiiesportrat des Dichters erhebt sich neben dem eisernen Turm, eine Anschrift aus Raabes goldenen Worten schmückt den einfachen Stein:

Die Berge sind den Göttern heilig, Hebt die Augen auf zu den deutschen Gipfeln!

Schon rückte mir Eschershausen näher, schon sah ich die dunklen Dächer des allen Städtchens, den schweren breiten Kirchturm mit dem großen Giebel und bald klangen meine Schritte in der Raabestraße: hier das schlichte Haus, in dem der Dichter zur Welt tarn, die ront mit blau- qranen Sollingplatten bedeckt, eine kleine Freitreppe von ungefähr zwölf Stufen führt zu dem erhöhten Erdgeschoß empor, über dem sich noch ein Stockwerk sowie ein zweifenstriger Giebel erhebt. Schmucklos und ein­fach: es interessiert wirklich nicht als Haus, da ist die gegenüberliegende, in blaue Mematisblüten eingesponnene Apotheke schon anheimelnder; gemütlich und ganz im Grün der Bäume imd des wilden Weins verborgen sind aber die beiden Pfarrhäuser, alte Bauernhäuser in Fachwerk, deren Balken, vom Alter geschwärzt, mit dem weißen Kalk kontrastieren. Eschershausen liegt in einem weiter Tale, durch das nun auch die Eisen­bahn dampft. Rechts und links von der Hauptstraße wandert man durch die Gärten, so glaubt man in der Stadt vonHoracker" zu fein: so ähneln sich die Menschen und Verhältnisse; wäre der Bahnhof nicht, waren die Asphaltfabriken nicht, man könnte wohl sagen: Es ist alles noch wie zu

Raabes Jugendzeit. ..... ....

Das gilt auch von Stadtoldendorf, einem hügeligen, winkeligen Städt­chen das man von Eschershausen aus über die sagenumwobene Ruine Hornburg wandernd in zwei Stunden erreicht. Verlaßt man dann die Heerstraße, hat man noch einmal einen herrlichen Rückblick auf oas braunschweigische Städtchen, wo Raabe die Vorschule besucht hat, und auf den Hils und den Ith mit dem fernen D e i st e r und S u n t e l, ehe die Blätterwogen des Solling über einem zusammenschlagen, und man Abschied nimmt von Raabes Jugend und Dichterheimat.

Kar! Stauffer-Vern.

Von Frank Lyskirchen.

Wir besitzen von Gustav Frey tags Meisterhand einen Brief aus dem Jahre 1892 an Otto Brahm, in dem der Verfasser derJourna­listen" über sein Zusammensein mit Karl Stauffer-Bern berichtet, dabei aus dem Erlebnis heraus all das Große, Himmelstürmende, Genia- lische, zugleich aber auch das Trübe, Versagende, Zwiespältige, dem Unter­gang Geweihte gestaltete, das der Künstlernatur Stauffer-Bern den Wert gab und seinen frühzeitigen Untergang bewirkte.

Stauffer-Bern hatte den staatlichen Auftrag bekommen, für die Natw- iialgalerie ein Bildnis Gustav Freytags zu malen, und der Dichter lud ihn auf sein Landgut Siebleben ein; es war im Jahre 1886, und Staufser- Bern stand auf der Höhe feiner Entwicklung. Er schilderte ihn: etwa zehn- zöllig nach altem Preuhenmaß, breitschultrig, mit behenden Gliedern, ein runder Blondkopf mit geröteten Wangen und scharfen, klugen Augen. Mit Feuereifer ging er aus Werk, das Handwerkliche meisterte er spielend. Es folgte Sitzung auf Sitzung, Woche verging auf Woche, jeder Tag brachte'drei Stunden angestrengter Arbeit, und doch konnte er nicht fertig werden Das fröhliche Vertrauen, mit dem er in der ersten Zeit gearbeitet hatte, schwand ihm allmählich, ein Schatten legte sich auf seine Zuge, sein Blick wurde unsicher, er rückte sich heftig zusammen und setzte tue Arbeit an anderer Stelle des Bildes fort.

Die Grundlage des Kopfes hatte er bald entworfen, aber spater machte ihm die Farbe viel zu schaffen, den seelischen Ausdruck der bewegten Zuge vermochte er nicht zu fassen. Immer mehr Einzelheiten arbeitete er in das Gesicht hinein. Siebenundzwanzig Sitzungen waren schon gewesen. Endlich erklärte er plötzlich, daß er das Bild nicht an Ort und Stelle fertigmachen werde, was fehle, werde er im Atelier hinzufügen. Am letzten Tag'nahm er die Tafel noch einmal vor, nach kurzer Zeit hörte er auf, betrachtete das Bild einen Augenblick, tauchte den Pinsel in die weihe Farbe und zog blitzschnell eine große vernichtende Locke über das ganze Bild In dieser Stunde fühlte ich mit ihm das Weh, und ich ahnte, was während der Arbeit in der Seele des jungen Künstlers vorgegangen war. Das Gefühl der Unsicherheit über seine Kunstbegabung für die Malerei nKir ihm offenbar während der Arbeit gekommen und hatte ihn in den Kern seines Wesens getroffen." .

Dieser Künstler, dessen Schicksal wir hier in einem Sammelbriefe em- gefangen finden, war der am 2. September 1857 geborene Sohn eines Schweizer Psarromtshelfers, der dem hochbegabten, aber oft störrisch eigenwilligen Kinde eine schwere Erbschaft mit auf den Lebensweg gab, eine Anlage zu geistiger Störung, der er selbst zweimal verfallen war. Schon aus dem Wesen des Knaben brach überall das Künstlerische hervor, ein elementarer Darftellungstrieb zwang ifm, jede neue Menschenersthei- nung, der er begegnete, zunächst mimisch zu begreifen, d. h. bis zur Kari­katur anschaulich in Gebärde und Wesen darzustellen. Dann lenkte die er­zieherisch hervorragende Mutter seinen Drang auf die Zeichnung. Au dem Gymnasium in Bern geriet es nicht, und von der Tertia weg schickte man ihn, da er nicht gut tat und mit seiner wilden Lebensgier überall anstieß, nach München zu einem Malermeister in die Lehre, doch nach harten Kämpfen rang er sich 1876 zum Akademieschiller durch; bei ~ o f f 6 und Dietz. Mit der ganzen großartigen Wildheit feines Temperaments stürzte er sich in die Arbeit, er zeichnete im Aktsaal, er malte Landschaften im Moor, er kopierte in der Pinakothek, er lernte handwerklich, trieb Lite­ratur, dichtete. Plötzlich wurde ihm sein Stipendium, das ihn erhalten hatte, genommen und er stand brotlos in München. Da fuhr er als Drel- nndzwanzigj(ihriger nach Berlin. Ein namenloser Kunstjünger war Stauffer, als er 1880 nach Berlin tarn, einer der bekanntesten Künstler der Hauptstadt, als. er sieben Jahre darauf ihr für immer den Rücken kehrte.

Ein Maler war er, da er kam, ein Bildhauer, da er ging, erfolgreiche, Schaffen mit Stichel und Nadel lag dazwischen. Entscheidende Jahre voll Anregung und Genuß hat er in Berlin zugebracht. Und als er der Stadt, der er so vieles dankte, unmutig entsagte, hoffend, em neues Dasein zu beginnen, da schritt er dem schwersten Erleben und einem trüben Ende zu. er ging, in Berlin eingetroffen, kühn zu Anton von Werner dem Akademiedirektor, und bat darum, seinen Lehrgang beenden zu dürfen. Werner fronte ihn, was er könne. Stauffer antwortete:Malen! Er beroies es mit einem Bildnis, das ihm auf der Ausstellung 1881 die kleine goldene Medaille einbrachte. . ...

Im Handumdrehen war er in Mode, der frische Schweizer Landsknecht zog auf seine Weise durch die Salons des Westens. Er besaß bald em schönes Atelier in der Potsdamer Strohe, und die Auftrage strömten ihm in fast bedrückender Fülle zu. Dabei wurde er selbst von tiefem Zweifel ausgehöhlt und fühlte immer brennender, daß die Musik der Farbe ihm eigentlich versagt sei; möglich, daß auch das .Beispiel seines Freundes Max Klinger, den er immer als größten Künstler verehrt hat, rnitwirkte, jedenfalls verließ er mitten aus dem Erfolg heraus tue Malerei und wurde Radierer und Kupferstecher. 28 Blätter hat er hinterlassen, darunter das herrliche StückGustav Freytag im Garten , ine bewundernswerten Bildnisse der Mutter Gottfried Kellers, Conrad Ferdinand Meyers, Adolf Menzels; alle ausgezeichnet durch eine herbe Sachlichkeit, eine bis zur Derbheit einfache Chamkteri^ierungS'kunst, eine unerhört sichere Technik, aber auch ein eigentümliches unmusikalisches Wesen, wenn man so sagen darf, ein Fehlen einer mitschwingenden warmen Phantasie.

Aber dabei gehören diese 28 Platten zum Besten und Edelsten, was graphische Kunst in Deutschland man kann sagen überhaupt hervorgebracht hat Und wer sehen kann, fühlt bei diesen Radierungen: das ist em Plastiker, der dem zeichnenden Künstler die Hand fuhrt! Und wieder war es Max Klinger, der ihm auf dem neuen Weg vorausschritt, vor Stauffers Augen entstand dessen erste Plastik Beethoven (nicht die spatere Beethoven- ^Auch'Stauffer begann zu bildhauern, und im Winter 1888 zog er nach Rom, seinem Schicksal entgegen. Dieses Schicksal führte ihn, den Genius, dem aber noch verborgene Krankheit die Flügel allzusehr bewegte, zu einer gleichfalls hochbegabten, aber ebenso krankhaft erregten Dame aus altem Schweizergeschlecht. Jahrelang hat sie ihn gefördert. Aus einer Freund- ckast mit der verheirateten Fran wurde Liebe, wurde Leidenschaft, und »er Schluß mar ein häßlich-grausiger Mihakkord, der s i e ins Irrenhaus, ihn ins Untersuchungsgefängnis brachte. Und das Ende dieses mit der Gewalt einer entzündeten Rakete sich abspielenden Vorganges war Zu­sammenbruch, bei Stauffer-Bern wurde die schwelende Geistesstörung offene Flamme, die manisch erregte Seele des Künstlers verbrannte in selt- amen Gedichte, die Hochflut und Banalität in rührender Weise mischen, md endlich endete eine zufällige oder beabsichtigte Chloralvergiftung am 24. Januar 1891 dies Leben von 33 Jahren, im Dezember desselben Jahres starb auch die von Natur hochherzige, aber abwegig-exaltierte Frau, die sein dunkles Schicksal mindestens beschleunigt hatte, an den Folgen einer Gasvergiftung. . ...

Wilhelm Schäfer, der Stauffer-Berns Leben in einer ergreifenden IcherzählungEine Chronik der Leidenschaft" dargestellt hat, läßt ihn gleichsam als Schlußwort sagen:Mein Leben war nun einmal auf Presto eingestellt, das geruhsame Andante liegt nur nicht. Es ist gespielt und abgerechnet, auch was ich mehr als andere genossen habe, mit Leidens- talern bezahlt bis auf die letzten Kummerpfennige, die ich dem Tod als Trinkgeld übrig taffen will!"

Fan st und Kasperl-

Von Dr. Otto Kunz.

Auf der internationalen Presfeausstellung in Köln 1928 wird eine interessante Detailausstellung gezeigt werden, die das Faustproblem m Literatur und Kunst zum Inhalt hat. Sie ist vom Salzburger Museums- direktor E. Leisiying zusammengestellt, der sie gegenwärtig m Salz­burg zeigt. Ihr besonderer Wert liegt darin, daß sie die Zusammenhänge aufdeckt, die auf dem Theater seltsamerweise zwischen Faust und Kasperl bestehen.

Das uralte Faustproblem des Ringens des Menschen um die Er- fortoung der tiefsten Geheimnisse der Welt ist schon in den Legenden der frühesten christlichen Zeit enthalten. Schon hier fuhrt der Weg der Er- kenntnis vielfach über das Bündnis mit den überirdischen Machten: Zau­berer verschreiben sich für die Künste, welche sie der Hilfe Satans ver­danken, dem Teufel, und sind damit auf Leben und Tod der Holle ver- fallen. Manchmal hat den Legenden zufolge Gottes Barmherzigkeit die Verwegenen gerettet, meist aber wurden sie schließlich doch unerbittlich ein Höllenbraten, den sich Satan zeitgerecht halte. Hervorragende Geistes­kräfte und Fähigkeiten schienen dem Mittelalter überhaupt bedenklich, uns nicht selten standen Gelehrte im Verdachte, Beziehungen zi, Geistern zweifelhafter Herkunft zu haben. Trotzdem sah man mit einiger Bewun­derung auf ihr Können und Wissen. Man betrachtete sie wenigstens so­lange, als ihnen der Teufe! gewogen schien, als glücklich (faustas). vs berichtet 1507 der Abt Johann von Trittenheim von einem Magister Georg Sabeöicus, dem jüngeren Faust, als einemQuellbrunn der Be­schwörer", her in späterer Zeit gar den Titel einesHalbgottes von Heidelberg" genossen habe. Der historische Faust (Fust) stammt vermutlich aus Knittlingen, einem Dorfe bei Pforzheim und war ein Zettgenom Melanchtons. Man weiß wenig von ihm. Es scheint ein Schwarzkuninn besonderer Art gewesen zu sein, denn sein Bündnis mit dem Teufel gcm als äußerst intensiv. Er war als Vagant angesehen, der sich gefus stn u°l in den Ruf übernatürlicher Kräfte brachte, stand aber immerhin so 10 im Mittelpunkte des Interesses, daß die spätere Zeit alle Zauberftuam seiner Vorfahren auf ihn vereint hat. Wer das 1587 in Frankfurt a. erschienene BüchleinHistorie von D. Johann Fausten, dem we beschreyten Zauberer und Schwarzkünstler zur Hand nahm, bekreuzre i bei der Lektüre gerne auf jedem Blatt. In dieser Fassung ist kecke Humanist, der sich über die von der Kirche gebotenen v> hinaussetzt, und der in der Maßlosigkeit feines Erkenntmsdrange