SiehenerZamilienblStter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Dienstag, den 4. Oktober

Mrgang 1927

Nummer 79

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Eine Wanderung durch Wilhelm Raabes Heimat

Von Hanns Martin E l st e r.

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In der Tat, von Münden bis Hameln liegt Raabesche Stimmung über dem Wesergebiet: man mag nach Boffzen kommen, einem kleinen Dörfchen Höxter gegenüber, oder nach Fürstenberg, wo die Herzög« von Braunschweig Porzellan brennen ließen und heute noch fleißig» geschätzte Fabrikate erzeugen, oder nach Hameln, wo der Ratten­fänger sein seltsam Spiel getrieben hatte und das 1602 erbaute, reich ornamentierte Haus noch an ihn erinnert, überall rauschen die Wälder und winkeligen Gaffen und Häuser mit ihren hohen Giebeln und alters­gebeugten Wänden seltsame, tiefe, gemütvolle Sagen und Geschichten an­heimelnder Art, so fern von jeder Sentimentalität, besonders von der, mit sie das an sich schöne, aber durch dasPistonsolo" schrecklich verhunzt» Weserlied" (Hier hab' ich so manches liebe Mal... ) verbreitet.

Schon lange war es mein Wunsch gewesen, meinem Lieblingsdichter, " " " ' " 4) noch näherzukommen, daß ich seine

...................... Hatte ich nun Gelegenheit, meinen Wunsch zu erfüllen: Ich hatte beschloffen, Holzminden, wo Wilhelm Raabe das Gymnasium besucht hatte, znm Mittelpunkt meiner Wande­rungen und Ausflüge zu machen. So ging es denn an dein schön ge­legenen Goslar vorbei über Seesen, das ein entzückendes, altes, schloß- artiges Rathaus im schweren deutschen Burgstil besitzt, den bewaldeten "" 'erlandes zu.

den Sollinger Wald, von dem Wilhelm -Odseld , wie in den

hat man zugleich auch ein Stück deutscher Literaturgeschichte vor sich. Namen wie Franz von D i n g e l st e d t erscheinen, der im Hessischen ge­boren ist und in Rinteln das Gymnasium besuchte, wie Hoffman» von Fallersleben, der in Corvey Bibliothekar gewesen war und Ruhe vor dem Sturm der Welt da draußen gefunden hatte, wie Friedrich Wilhelm Weber, der in Nietheim bei Höxter die sieben letzten Jahr» seines Lebens verbracht und in feinem EposDreizehnlinden" den Abt Warin verherrlicht hat, wie schließlich Wilhelm Raabe: so war ich denn wieder bei dem, der mich durch seine starke, tiefe Kunst diesem schönen Stück Erde zugeführt hatte.

Ganz in diesen hin und her eilenden Gedanken war ich versunken, e» war spät geworden; die Bürger von Holzminden waren zur Ruhe ge­gangen, über dem brunnendurchrauschten Marktplatz lag der Mond, der über die Bäume, di« den Platz umsäumen, bleiche Lichter warf, und vom nahen Kirchturm klang der Glockenschlag der nächtlichen Stunde herab. Ich blickte zum Himmel aus, zu den Sternen, wie Wilhelm Raabe es so oft von seinen Helden schreibt...

Am anderen Morgen leuchtete die Sonne hell in mein Zimmer. Ich machte mich auf zum Gang ins Städtchen. Zur Uferstraße, wo da, Gymnasium steht und wohin auch noch Wilhelm Raabe als Schüler ge­wandert ist. Ich fand eine alte Karikatur, die die Lehrer des Dichters in ihren bezeichnenden Eigentümlichkeiten festgehalten hat: wie oft hatte mir mein Baier aus persönlicher Kenntnis von ihnen erzählt. Vom alten Stadtschulrat Da über mit den aufwärts gebogenen Daumen, von dem Zeichenlehrer mit feiner Wichtigtuerei, von der Kneipe der Professoren Zur Millionenlust" und manchem anderen mehr. Holzminden muß zn Wilhelm Raabes Zeiten, also von 18401850, ein kleines Ackerstädtchen gewesen sein; das ist es zum großen Teil heute noch, wenn auch natürlich einige Fabriken entstanden sind, wie überall, wohin die Eisenbahn ihr« kalten, glatte Finger streckt: berühmte chemische Fabriken, eine Pappen­fabrik, die das Holz aus dem Sollinger Wald verwertet, Ziegeleten u. a. m. Das Städtchen ist sauber und in seinen älteren Teilen auch für das Aug« erfreulich, in den Straßen stehen manche Kulturgreuel, besonders leisten die öffentlichen Gebäude, die zum größten Teil aus der Gründerzeit stammen, ein Erkleckliches. Wir halten uns zu dem, was die Stadt Schönes und Gutes bietet; das führt immer wieder zu Wilhelm Raab« hin. Holzminden liegt in einer weiten Ebene, die der Ich, der Hils und der Sollinger Wald auf dem rechten User und ans dein linken Ufer der Teutoburger Wald und andere einzelne Namen tragende Weserberge bi» zum fernen hessischen Bergland umgrenzen.

Fährt man die Weser abwärts, so rauscht der Dampfer an dem schönen, breit hingelagerten Kloster Corvey mit seiner alten, roman­tischen Kirche und den schattigen Kastanienalleen vorbei. Das Städtchen: Höxter liMi links auf hohem Ufer, feine alte Kirche, ganz im Stile der Corveyer, überragt mit feinen Doppel türmen die vielen hohen spitz«» Giebel, aus denen sich breit und behäbig das schwere Dach des Rat­hauses hervorhebt, eines Meisterwerkes niederländischer Baukunst mit einem geschnitzten eichenen Erker und einem Fachwerkoberbau; recht» sicht man schon von weitem auf steilen Felsen das einfache Schloß Fürstenberg ragen, in frühester Zeit den Grafen von Dassel gehörig. Unter den hochgeschwungenen Vogen einer eisernen Brücke geht es auf da» Dorf Werden zu, wo jeder, der diese Fahrt macht, aussteigen sollte, denn bie Wanderung von dem tiefgelegenen Werden über Blankenau, Beve­rungen und H erstell nach dein in sich eng zusammenschließenden, mit dichten Laubwäldern bedeckten Tälern gelegenen Carls Hafen, das auf Befehl der Landgrafen von Hesien für die Refngiös erbaut wurde und in seiner Regelmäßigkeit eine prächtige Anlage ist, gehört zu den schönsten, die man an den Ufern deutscher Ströme machen kann. In Carls- Hasen beendete ich meine Fahrt, denn hier geht das Land Wilhelm Raabe« zu Ende. Und Raabesches Heimatgebiet nach allen Seiten zu durchstreifen, war ja der Plan meiner Reise.

So fuhr ich denn von Holzminden aus weserabwärts an der roman­tisch über dem Flusse gelegenen Ruine Poll», von der man eine» gjonen Fernblick genießen kann, vorbei nach dem in einem schmalen ergkessel tief eingebetteten Bodenwerder, von wo man auf an« und absteigender Straße, immer zum Ith und Hils aufblickend, in unge­fähr zweistündigem Marsche nach Eschershausen kommt. Je näher

Schicksal.

Von Wilhelm -Raabe.

Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück, Mußt du ein andres wieder fallen taffen; Schmerz wie Gewinn erhältst du Stück um Stück, Und Tiefersehntes wirst du bitter hassen.

Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören; Mit Trümmern Überstreuet sie das Land, Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören. Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sein Herz ein Kinderherz im heft'gen Trachten. Greif zu und halt! . . . ba liegt der bunte Tand: Und klagen müssen nun, die eben lachten.

Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz, So muht die schönste Pracht du selbst zerpflücken; Zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz Und meinen über den zerstreuten Stücken.

Bergen und Hügeln des Weser!..

Der Abend senkte sich über 1

Raabe in manchen seiner Bucher wieHastenbeck' ßeuten aus dem Walde" erzählt. Bekannte Nanu ...........

aus Wilhelm Raabes Werken und aus den Erzählungen meines Vaters, der wie der große Braunschweiger auch aus Eschershausen stammt und mit ihm in landschaftlicher Freundschaft gestanden hat. Da kam Vor wähle, ein kleines Dörfchen, hoch oben auf den Bergen gelegen, inmitten dichter Waldungen, überqualmt vom Rauche, großer Zement- fabrifen, Treffpunkt der Staatsbahn und einer Kleinbahn, die nach Eschershausen lind weiter fährt. Die langgestreckten Gebirgszüge der hils und der Ith flogen vorbei, die Eisenbahn ratterte über die schmale Leime, einen kleinen, im Solnnger Wald entspringenden und in die Weser mündenden, $ur Zeit der Schneeschmelze tückischen Flüßlein, an dem auch Eschershausen gelegen ist, und an dem Wilhelm Raabe als Kind gespielt hat. Weiter ging's: Stadtoldendorf, der Bahnhof dieses Städt­chens, entzückend eingebettet in dunkelwaldige Täler und aufgebaut an hängen und Höhen, war belebt: ein großes Feuerwehrfest von dreitägiger Dauer hatte das Städtchen in Aufruhr versetzt und alle Feuerwehren, der Umgegend auf einen Platz zusammengerufen. Mir fielen Szenen Raabescher Romane ein, aus denen des Dichters Freude an solchen volkstümlichen Belustigungen humorvoll hervorstrahlt. Als ich in Holzminden eintraf, war es dunkel geworden, ich wanderte die breite und mit wenigen schönen, zum größeren Teil häßlichen Gebäuden besetzte neue Bahnhofstraße hinab, die so wenig Raabesches hat, das erst hervorkroch aus den engen ober breiten Straßen der Altstadt, die, ziemlich weitläustg angelegt, um die Keine alte Kirche gruppiert ist.

Da war ich also mitten im Raab eschen Lande. Ich stand an der Weser und sah dem schnellsließenden grauen Gewässer nach. Eins der schönsten Landschaftsbilder zeigte sich mir, und ich, der ich schon mancherlei gesehen, aber die Weser noch nicht gekannt, fühlte sogleich lenen reinen Zusammenklang vom eigenen Ich und von der umgebenden Natur, wie das nur in der Heimat möglich ist. Ja, hier war ichzu Hause", mitten in urdeutschem Lande, an der Grenze von Niedersachsen und Westfalen, nahe dem Rnhmesorte germanischer Kämpfe mit den Römern. Hier, an den Ufern der Weser, hatte Arminius gelagert, war Karl der Große entlanggezogen, hatten die welfischen und askamschen und spater die he fischen Fürsten gekämpft, war der wilde Herzog Christian von Braunschweig vorbeigebraust, und hatte Herzog Ferdinand von Braunschweig seine Rosse getränkt. Eine Gestalt nach der anderen tauchte auf und verband sich zu einem großen Zuge in schweigender Einheit: bas Gefühl, an den Ufern eines ganz deutschen Stromes zu stehen, wallte in Jrtir auf und zugleich der Umnut darüber, daß man ihn im allgemeinen io stiefmütterlich behandelt.

Es gibt ja eine ganze Reihe Lieder, die die Weser besingen, und wenn man in Holzminden an dem breiten Hafen steht und in die Runde schaut,