könnte, verbraucht war, da war es aber auch viel besser in der Wichtel- Hütte geworden. Die Frau ging hinunter in die Städte und diskMerte mit den feinen Schuhmachern, b<ry. sie überall hin zu liefern hatten, und das Rad manchmal Tag und Nacht nicht stillstand vor übervieter Arbeit. Darüber vergaßen sie, daß das versprochene Klavierchen und auch der feine Hausrat nicht tarn, von dem das So-m gesprochen. Es tat auch nichts, daß es morgens ein rostig grau im Gesicht war, dafür waren die Bäckelchen um so schöner rot, wenn es in die Stadt ging, Nit, nä, es war doch wunderschön, daß der Nickis das brave und reiche Mädel aus der seinen Stach hinter Berlin gefunden hatte.
MKtzsKNQ Amsre. •
Pfingstle-gende von Alfons v. Czibulka.
Madonna Amore ist der Name eines verfallenden Kirchleins auf der sonnigen Höhe eines kleinen Berges in Tirol, der vorspringend aus den Felshängen eines bedeutenden Gebirgszugs, in ein geräumiges Tal einschneidend, Nord und Süd voneinander scheidet. Denn während sein« Norüseite aus dem schattigen Grunde eines zwischen frischem Moos und Farnkräutern lärmend dahineilenden Gebirgsbaches in steilen Lehnen an« steigt und nicht allzu weit von deren Fuße noch ein letztes deutsches Bauerndorf liegt, senken sich seine SLdhänge, int Frühling von Buschwerk und Blumen überwuchert, in tausend leuchtenden Kaskaden in das immer breiter werdende Tai. Auf der geräumigen, flachen, mit gewaltigen Fels- platten bedeckten Höhe des Berges steht als sichtbares. Zeichen, daß hier der Süden beginnt, im Halbkreis um das Kirchlein ein freilich noch ein wenig zerzauster Kastonienham imb wuchert versprengtes südliches Kraut bis in die breiten Schatten flächen der nördlichen Hänge.
An dem Bache, der wenige Stunden jenseits der Klamm, in die er einige Wissen weit vom deutschen Dorfe eintritt, schon ein rechter von Sand und Geröll vermurter Fluß geworden ist, leuchten, noch' in die Terrassen aufsteigend, aus blaßgrünem Laubwerk die gelben, weißen und rosaroten Häusern einer welschen Siedlung. Ihre Bewohner betreiben den Anbau eines weitberLHmter 2Bein.es, der auf diesen Hängen in iieberfluß gedeiht und die Menschen ringsum fröhlich macht bis weit ins Deutsche hinein. Dis Menschen der beiden kleinen Dörfer, des deutschen und des welschen, gehen einander aus dem Wege seit alters. So ist dieser Berg, über den auch der einzige Weg führt, der die Siedlungen verbindet, gleichstem der Grenzwall zwischen zwei feindlichen Heerlagern. Das Jahr über überschreiten auch nur wenige seine Höhe. Nur die Ziegens-ungen treiben in den Hängen ihr Wesen, die heimischen Herden vor feindlichem Einbruch schützend und in die fremden einbrechend. Woraus sich, allerlei heroische- Prügelei ergibt, die dis Men einander vorenthalten aus mancherlei Gründen.
Und doch treffen die Bewohner dieser feindlichen Dörfer einander am Pfingsttage unter dsn Kastanien, um dort die Messe zu hören, di« dieses eine Mal im Jahre für beide Esmeinden gemeinstem in der Kapelle auf dem Berge gelesen wird. Lagern sich dann einträchtig zusammen und bleiben friedlich vereint bis tief in die Nacht hinein, in dem die Hänge von Lachen, Gekicher urrd Flüstern widerhallen. Dieser schöne Brauch HÄ seine Ursache in einer jener alten Legenden, wie sich deren noch manche in den von den Wirrnissen der Welt crbgelegeneren Gegenden erhalten haben.
Manches Jahr ist es her, daß die beiden Gemeinden das Bergkirchlein zu gemeinsamem Gottesdienste erfreutet. Weil sie durch die damals noch unwegsameren Pfad« von der Welt noch abgeschiedener waren als heute. Also auch von ihren Vorteilen, und deshalb- auch zu arm waren, um eine jede für sich ein Pfarrhaus zu errichten. In weiser Boraussicht, daß auch ein Pfarrer die Ursache weltlicher Händel werden könnte, hatten die Aektesten der beiden Gemeinden einander verbrieft, daß die beiden Siedlungen abwechselnd den Pfarrer zu bestellen hätten, der dann auf Lebenszeit zu bleiben hätte. So daß auf den deutschen der welsche folgen solle und so fort in harmonischer Reih«. Und dies so zu -hatten wäre für alle Ankunft.
Nun war es geschehen, daß die beiden Dörfer einen Pfarrherrn hatten, es war der welsche, der seines Amtes fast sechzig Jahre gewaltet hatte, als er eines Tages die Nettesten rufen ließ uni) ihnen sagte, daß sie sich nun um den deutschen -u-msehen: sollten-, sich wenige Tage darauf hinl-sgie und starb.
Cs vergingen einige Wochen, da kam beim Wendsonnewschein der deutsche Pfarrer des Namens Remigius, ins Tal gewandert. Am nächsten Morgen las er in dem Bergkirchlein die Meße, 'den Deutschen und den Welschen den Segen bringend den ihm sein Bischof vorsorglich aufgetragen. Aart und in den Fährnissen des Lebens unerfahren, schien et in seiner sanften Jugend roenig für -das Bauernvolk geschaffen, das dieses -nt bewohnte. Aber die kluge Einfalt seines Herzens lieh es geschehen, daß seine Pfarrkinder ihm in kurzer Zeit in schönem Vertrauen zugetan waren. Wenn auch die demütige Ehrfurcht noch fehlte, die sie dem alten Pfarrer kraft feines Alters und seiner natürlichen Milde erwiesen hatten. So glitten die Jahre an ihm vorüber, und es schien, als würde er, wollten der Jahre nur noch zwanzig oder dreißig vergehen, selbst so ein gütiger, müder Heiliger werden, wie er in Gestalt des alten Pfarrherrn als schöne Legende durchs Tal gewandert war.
Damit wurde es dann freilich nichts. Vielleicht war es zu Anfang nur jenes andere, Lebendige und Weltliche, das in ihm schummerte von seinem Baier her, der ein Krie-gsmann gewesen war, jenes andere feines Wesens, das ihm an schönen Tagen gerne durch die Landschaft streifen und sein Auge sehnsüchtig werden ließ nach den Dingen der Welt. Bis eines Tages sein Herz der Zauber löste, der schon viele Erkaltete zu Lebendigen gemacht hat, und es sich begab, daß er bei einer seiner Wanderungen unweit des Kirchleins einem Mädchen aus dem welschen Dorfe begegnete, das er noch niemals begegnet hatte. Weil sie dort erst seit wenigen Tagen die Herden weidete, an Stelle -ihres Bruders, der
y an den Folgen eines zwischen den Buben ausgefochtenen Ziegen krieaes ! das Bett hütete. Das Mädchen hieß Angelika, faß auf einem hsy«, - Steingemäuer, das die väterlichen Weiden von denen des Rar .am trennte, und -hatte schwarzes Haar und leuchtende Augen, die rem' r->,d ! schön zugleich waren wie Augen und Antlitz Unserer lieben Frau ‘im Kirchlein, vor deren Bilde über dem Altäre Remigius so oft inbrünsti« i betete. Er plauderte ein Stündlein mit der Hirtin" wie er das ort mit f dem arbeitenden Landvolk zu tun pflegte.
I Damit begann aber ersichtlich jenes höhere Walten und Unbegreifliche | einzusetzen, das die Schicksale des einzelnen so offenbar leitet und so oft | das deutlichst vorgezeichnete Leben von seinem Wege ablenkt, dessen I künftige Sationen ein jeder vor sich zu sehen und weissagen zu können r glaubte. Denn von -dieser Stunde an obsiegte in seinem Innern sichtbarlich der starke Kriegsmann, der sein Vater gewesen war und dem er, gesund geworden in den scharfen Lüften des Nordens und in den milden des | Südens, nun wunderbar glich. Wie sehr auch der Pfarrer gegen den
Kriegsmann stritt, in frommem Zorn und mit der gläubigen Kraft, die er sich in täglichen Gebeten vor -dem G-na-denbil-de erflehte, es nützte nicht j viel. Aber auch Angelika hütete die väterlichen Herden noch viele Wochen • lang, nachdem der Bruder längst feine Kriegswunden geheilt hatte und ; nichts mehr dagegen stand, daß er wieder selbst feines Amtes walte. Und - sie ließ dis Ziegen immer näher dem Kirchlein grasen, von wo aus sie i den Weg überfshen konnte, der aus der deuffchen Siedlung aufstieg.
Da sie aber beide so reinen Herzens waren, daß der Teufel nicht efft seine Zeit mit ihnen verlor, und sie also wußten, daß ihr Schicksal sie l voneinander trennte für alle Zeiten und für sie auch in der Ewigkeit ; nichts Gemeinsames sein werde, -da er der, der Pfarrer, sicherlich zu den l obersten himmlischen Herrschaften gehören würde, sie aber als arme : Ziegenhirtin wohl nur ein dienender, wenn auch seliger Engel werden könnte, so war ihre Trauer nicht minder groß als ihre Liebe.
So kam dis Pfingstze-tt heran. Und da war es gerade, als man in den Wirtshäusern und unter den Haustüren über -den Pfarrer und Angelika zu reden begann, daß er feinen Entschluß ausführend, zu dem er sich : durchgerun-gen, einen Brief an den Bischof aufsetzte, worin er diesen i bitten wollte, ihm ein anderes Amt au-fzutragen. Wobei es ihm freilich war, als risst er sich selbst das Herz aus dem Leibe.
Als er am Morgen des Pfingsttages müde und schier krank vor . Zweifel, Verwirrung und Liebe, zur Messe aufftieg, wollte ihm die j sommerliche Welt so schön erscheinen, daß er sterben zu müssen glaubte, - sollte er dieses Tal verlassen. Und er betete andächtig vor dem Madonnen- - bilde über dem Altäre, bis aus dem kleinen Turme das Pfingstgeläute - über das Tal z-u schwingen begann, und das auf der Höh« lagernde Volk - sich kangfam in die Kirche drängte. Wenn auch viele später von diesem j. Tage zu sogen wußten, daß es ihnen schon beim Betreten des Kirchleins so festlich und eigen gewesen wäre, als stünde an diesem Morgen etwas j Besonderes bevor, und manche dies gar schon von dem Ausstieg zur - Höhe erzählten, so war an dem Hochamte dennoch nichts Ungewöhnliches i und selbst während der Predigt nichts zu bemerken gewesen, a-ls daß f der Pfarrer absonderlich bleich mid traurig war.
Da war es, als Remigius nach beendetem Gottesdienste sich vor dem Morienbilde neigte und noch einmal das Rauchfaß schwang, daß das Besondere begann. Das weiße Wölklein, das von dem silbernen Gefäße | aufftieg, entschwebte nicht, wie noch eben während -der Messe, irgendwohin ■ in die kleine Kuppel des Kirchleins, sondern wurde leuchtender ttnb ; größer, so recht wie eine schöne Wolke am Abend, -daß das versammelte I Volk meinte, es sehe zum Himmel hinein. Goldene Strahlen schossen ! hervor, und von den Stufen des Altars stieg eine hohe schöne Fron mit ’ einem Krönlein auf dem Haupte und einem bla-u-en, mit goldenen Sternen besäten Mantel. Ganz wie ein solcher auf dem Bilde Unserer lieben Frau zu sehen war. Und Gottes Mutter lächelte so fröhlich und ‘ zufrieden, als wäre es gar nicht so leicht gewesen, bei Gottvater und | Sohn die Erlaubnis zu diesem P-fingstgange zu erwirken. Zwei Engiein, । davon eines ein purpurnes Kissen truK auf dem es leuchtete wie i von zwei Sonnen-kringeln, umschwebten sie. Während die Ma- - donna lächelnd vor dem verzückten Priester stehen blieb, ihm das - Meßgewand von -den Schultern nahm und es dem einfältig dreinfchauen- • den Mesner in die Arme legte, der vor lauter Verwirrung unauHörli'ch j sein Glöcklein schwang, flatterten die Englein über die erstarrten (Bläu» i big-en, nahmen Angelika an den Händen und führten sie, neben ihr | schwebend, zum Altäre, wo sie hinkniete neben den Pfarrer. Da legte die j Maria die milden Hände auf die Häupter der beiden, daß sie meinten, * nun beginne die ewige Seligkeit, nahm dann von den Kissen des Engels i die Sonnenkringsl, die zwei goldene Ringe waren, und vereinte di« ! Hände Remigius-' und Angelikas. Dann küßte sie die also Getrauten i holdselig a-uf -die ©ferne und entschwebte, während von der Wolke mclsts i mehr zu sehen war als ein leichter Nebel, der in -der Kuppel zerrmm. i Nur Angelika und der einstige Pfarrer knieten verwirrt auf den Stufen indes der Mesner noch immer sein Glöcklein schwang.
Die beiden Siedlungen sind längst zwei kleine Pfarrdörfer geworden, und das Bergkirchlein sieht einsam mi-d verlassen von Pfingsten zu Pfingsten. Aber durch alle Wirrnisse der Zeiten hat sich der Brauch erhalten, daß die Bewohner der beiden Gemeinden, die einander feind -geworden sind, vor urdenklichen Zeiten, dennoch das Pfingstfest zusammen in Frieden auf Madonna Amore feiern, zum Gedenken an das Wunder, das sich dort -begeben. Im welschen Dorfe zeigt man noch in der Sakristei das Meßgewand des Pfarers Remigius und im deutschen -das Kirchenbuch, darin auf einer vergilbten Seite in zierlicher Schrift zu lesen ist: „Am heutigen Pfingstsonntage wurden von Unserer lieben Fra-u vom Berge zu glücklicher Ehe verbunden Remigius und Angelika."
Und noch eins geschieht. So oft ein Paar in einer der Kirchen vor den Altar niederkniet, um sich fürs Leben zu binden, tritt die jüngste Mutter des Dorfes vor -die Brautleute, legt ihnen die Hände aufs Haupt und i küßt ihre Stirnen, noch ehe -der Priester feines Amtes zu walten beginnt.
(verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Lnidersitäts-Duch- und Steindruüerei, A. Lange, Gießen.


