mann. Die wildesten unter den Matrosen stürzten sich mit dolchartigen Messern bewaffnet auf die Gegenpartei des Achterdecks. Die Offiziere drohten mit dem Revolver, voran der Kapitän. Aber, Gott fei Dank, zum Schiehen kam es nicht. Ein Riese von Tenedos, namens Anjulopulos, überwältigte den zweiten Offizier uni) richtete ihn mit feinem Messer so übel zu, das; der Mann dem Tode nahe war. Das Ende vom Liede war, bah die Offiziere mitsamt ihrem Kapitän in dessen Kajüte eingeschlossen blieben, nachdem der Zustand des arg zugerichteten zmeiten Offiziers ihnen den Mut genommen. Es war eine feige Gesellschaft. Der Grund für diese Meuterei war die Herabsetzung der Löhne, welche der Kapitän willkürlich vorgenommen, nachdem er vergeblich in Rosario drei Monate auf Fracht gewartet hatte.
Wir waren noch nicht bis Punia Arenas gekommen, und auf einmal liefen wir fest. Nirgends auf Erden laufen fo viele Schiffe auf verborgene Riffe, wie in dieser gefährlichen Meerenge. Das Schiff hatte ein schweres Leck. Land war nahe. Wir erbaten telegraphisch, auf draht- lofem Wege, Hilfe von dem nicht allzu fernen Punta Arenas. Dann — im Augenblick der Gefahr kam die Aussöhnung rasch zustande — wurden die Eingeschlossenen befreit, die Boote herabgelasssn, alles stteg ein. Ein schönes Pfingstfest! Ohne Zwischenfall landeten wir an der Küste Feuerlands, welche hier in der Meerenge drei Meilen entfernt war. Klugerweise 'hatte einer von 'den Leuten genügend Proviant eingeladen, über jenen eisernen Bestand hinaus, der stets in den Rettungsbooten bereit liegt und von Zeit zu Zeit erneuert wird: Hartbrot und Wasser, das letztere in einem Fäßchen. Auch ich stieg ein. An der allgemeinen Keilerei hatte ich mich nicht beteiligt, denn ich hatte genug derlei erlebt.
Zwei Tage verbrachten wir unter fast unaufhörlichem Schneegestöber auf ben Eisfelsen Feuerlands, unmittelbar an der Küste verharrend. Wir zerschlugen eins der Boote, steckten das so gewonnene Holz an und hielten uns an dem Feuer wach. Dann folgten die anderen beiden Boote, so daß eins für alle Fälle bkieb. Hilfe konnte nicht ausbfeiben. Es war ein wunderbarer Anblick, wie bei eintretender Dunkelheit die lodernden Flaminen sich in den nahen Gletschermassen spiegelten, von denen der eisige sturmartige Südwind den kurz zuvor gefallenen Schnee fortgefegt hatte. Einige Stunden lang blieb bas Wetter sternenklar. Schneekristalle glitzerten, weiße, gewaltige Massen ragten auf. Dann verhüllte der neu einsetzende Wirbelsturm die Landschaft Ich schlief in meinem Mantel, nicht weit von mir lagerte der kleine schwarze Schiffshund zwischen ben rauhen Gestalten der Schiffsleute.
Dann kam Hilfe. Ein kleiner Dampfer durchschnitt die Flut, bog in kurzer Wendung ab und näherte sich vorsichtig dein Felsenufer. Die beiden Pfingsttage neigten sich gerade zu Ende. In meiner Erinnerung werden sie fortleben!
Uff Pingste gibt's Hochzeit!
Von Wanda Jcus-Rothe.
Am rauschenden Waldbach, in einem der tiefen Täler des einsamen Hunsrückgebirges stand ein kleines Haus; es war mit blauem Schiefer gedeckt, und jein über die niederen Fenster herunterhängendes Dach unterschied sich in nichts von den anderen ärmlichen Hütten, die da den Bach hinauf und hinab standen. Aber „von innewendig" wäre es ganz anders, sagten die Nachbarn. Und damit hatten sie recht, wenn man es auch nicht so auf den ersten Hieb erkennen konnte. Da war es gang wie bei den anderen Leuten. Die alte Holzschwelle unter der Haustür war vom Laufen der vielen großen und kleinen Füße bis zum lehmigen Boden ausgehöhlt, die Schieferplatten im Hausgang wackelten und knackten bedrohlich, wenn einer hart darauf trat, und die Wände in der Küche glänzten von Alter und Kienruß so schwarz wie ein schön gewichster Sonntagsschuh. Auch die Kinderschar war genau so zahlreich wie bei den Nachbarn, aber es war etwas eigenes um sie. Auf niedrigen, breiten Gestalten saßen große, schwarzhaarige Köpfe mit dunklen fragenden Augen. Die betben Alten, nicht viel größer als die Kinder, waren verwittert, wie ein paar Felssteine im Hochwald droben. Die Wichtel hießen sie, so weit sie einer 'kannte, und mit ihrer kichernden Fröhlichkeit und Schläue glichen sie auch den kleinen Erdmännlein im Märchen. Nur, daß sie keine Schätze besaßen; nein, die hatten sie bestimmt nicht. Wovon sie eigentlich noch immer alle satt wurden, das wußte eigentlich niemand, denn außer ein paar kümmerlichen Bohnenrabatten, der feuchten Wiese am Dach in jedem Jahr mühselig abgeritngen, besaßen sie keine Rute eigenen Besitzes. Und ach! Diese Bohnen! Noch im Juni standen sie mit angeschwärzten Blättern und konnten sich nicht von den scharfen Maifrösten erholen, die vom Erbeskopf herab durch die Täler strichen und den Sauern manche schlaflos« Nacht bereiteten. Die Wichtel waren nicht traurig. Sie hatten ja die „Fcckrik"; so nannten sie die kleine Drehbank, die in einer winzigen Werkstatt links vom Hausgang stand. Dort fabrizierte der alte Wichtel, die Brille mit den zersprungenen Gläsern ganz vorn auf der Nasenspitze, mit den beiden ältesten Söhnen Holzleisten, wie sie die Schuster gebrauchen. Es war nichts Großartiges an dem Betrieb, außer dem riesigen SchwufelrcÄ), das, vom Waldbach getrieben, die Drehbank in Schwung hielt, aber die ganze Familie hielt große Stücke auf die „Fabrik^; und wenn auch nicht immer Arbeit für das Riesenrad vorhanden war, laufen mußte es und trieb so manchen Tag allerhand Wännchen, Rädchen und kleine Mühlen, die die Buben gebosselt hatten, und worüber die Kinder von allen Dörfern staunend und jauchzend zusammenliefen. Die Alten hingegen schüttelten die Köpfe über fo eine Gumpelei und meinten, man könne seine Zett wahrhaftig besser verwenden. Die kleinen Leute störten sich nicht daran. Sobald die ersten Haselnußkätzchen staubten, ging das fröhliche Treiben unten am Bach an und hörte erst auf, wenn der Schnee das Tal fast zuschüttete. Aber auch dann hatten die Leute noch viel zu Men. Wer immer auch nachts über die Chaussee fuhr, der sah Licht in dem Häuschen, manchmal noch um zwei Uhr in der Nacht. Dann saßen die Wichtels wieder , über ben Büchern, verstudierten ihren Verstand und verbrannten in einer Nacht so viel Del wie andere Leute die ganze Woche, schalten di« Bauern, die
nur am Sonntag bas Blättchen für den Hunsrück lasen und abends über dem Kalender einschliefen. Die Wichtels holten sich den Lesestoff, wo sie ihn kriegen konnten: alte Zeitschriften vom Lehrer, Bücher und Erbauungsschriften, aber am liebsten Roman«, wo einer reich geworden ober eine Gräfin geheiratet hatte. Die Leut« in den Stückelchen waren gleichfalls arm, und wenn auch sie, die Alten, nicht mehr fo viel Glück haben würben, warum sollten nicht der Nickla ober der Franz es einmal gut haben? So träumten und spintisierten sie in den langen Winternächten, wenn der Sturm die weißen Flocken um bas Haus wirbelte und der Bach unter einer dicken Eisschicht vorübergluckste. Der Nickla war doch ein seiner Bub, wenn er frisch gewaschen und rasiert im schwarzen Rock, ben bie Frau Pfarrer aus ben abgelegten Sachen ihres Mannes hervorgesucht und ihm geschenkt hatte, vor ihnen stand; und der Nickla meinte das selbst, wenn er sich in der winzigen Spiegelscherbe besah. „Wie e Skurierter, balläh wie e Parre kimmste daher!" hatte der Bach- pitt, der es dicke hinter den Ohren hatte, zu dem Nickla gesagt und bann so allerhand hin und hergeschwätzt: er wisse eine Fran für ihn, eine ganz seine, die zu ihrem schönen Gesicht auch noch Geld wie Heu habe. Der Nickla war nach Hause gelaufen und hatte erzählt. Ja, wo sie denn wohne, riefen bie Alten, und warum er sich denn nicht gleich die Adresse hätte geben lassen, so ein Dummerjahn wäre ihnen doch noch nickst vorgekommen. Das wäre gewiß eine Gräfin, wie es erst neulich in dem schönen Stückelchen gestanden hätte. Der Nickla sagte, eine Adresse hätte ihm ber Bachpitt selbst nickst geben können, denn er habe auch feine gewußt, aber er hätte ihm hier zwei Buchstaben und eine Zahl ausgeschrieben, und wenn man die auf ein Kuvert täte, dann käme ber Brief ganz von selbst an bas schöne Mädel mit dem vielen Geld. Da waren sie sehr sroh, und ber Nickla mußte sich an ben Tisch setzen und schreiben: „Geliebte meines Herzens", gerade wie sie es in dem Roman gelesen hatten. Der Brief wurde sehr schön, aber eine ganze Nacht ging darüber hm, bis er endlich fertig war. Die Worte fehlten ihnen keinen Augenblick, immer wieder fielen ihnen schöne Wendungen ein; nicht umsonst hatten sie die Nächte studiert; aber bie Finger kamen mit den Buchstaben nicht so hurtig in bie Reihe.
Jetzt lag der Brief schon im Kasten. Oben in die Ecke hatte der Nickla noch ein Vergißmeinnicht geklebt, das von einem Zuckerherzen noch in der Schublade lag. Mutter Wichtel hatte bei diesem Einfall ihres klugen Buben vor Freude in die Hände geschlagen. Das Leben ging weiter, der Schnee schmolz, aus ber Wiese um den Bach bluten Schlüsselblumen und Vergißmeinnicht, der Wald wurde auch schon strähnig (streifig) von all dem verschiedenen Grün und Braun, das da über Birken und Buchen lag, aber nichts regte sich. Sie verplutzten sich die Köpfe, woran bas liegen konnte, sie fragten den Bachpitt, der machte ein wünfches (hinterlistiges) Gesicht und meinte, wo der Nickla hingeschrieben hätte, das wäre wett hinter Berlin, und so ein Brief brauchte Zett, und er wäre und bliebe der Meinung, daß es „uff Pingste" Hochzeit gäbe im Wichtelhaus. Wie er sich bann, mit den Buxensäckeln, umdrehte und lachte, das sa'hen die harmlosen Wichtels nicht. Er glaubte ja selbst am allerwenigsten daran, daß der Nickla auf die Heiratsanzeige, die schon nicht mehr ganz frisch gewesen, als er sie ihm gegeben, eine Antwort bekommen würde. Und das wollte der Bachpitt auch eigenttich nicht. Da draußen in der weiten Welt gab es mehr Spitzbuben als brave Leut«. W, er hatte sich nur so einen kleinen Jux machen wollen. Aber bie Antwort kam doch. Eines Tages winkte ber alte Postlouis schon von weitem, als er die „Schosie" heraufkam, und hielt einen Brief in die Höhe. Und da schrieb ja das Mädel aus ganz weit hinter Berlin, ja und es schrieb balläh so schön, wie ber Nickla geschrieben hatte; sie wollte gern feine Frau werden unib recht bald kommen. Wie ein Hase lief ber Bub zu dem Bachpitt und verkündete ihm bas große Glück. Der wollte das nicht recht glauben; aber als er den Brief gelesen, wurde es ihm ganz artelich unter dem Brust- lappen, und er fuhr sich ein paarmal durch bie struppigen Haare, und auch bas Halstuch wurde ihm ein wenig eng. Wer konnte wissen, was er da angerichtet! Ach wat, vielleicht wurde doch nichts daraus, aber es wurde etwas. Gleich nach Ostern kam ein Wagen die Schosie herauf, auf dem ein nicht mehr ganz junges Weibsbild mit sehr roten Backen saß, bas alle Leute anhielt und nach dem Fabrikbesitzer Nickla so und so fragte. Es 'bauerte lange, und sie mußte ziemlich weit die Chaussee hinauffahren, ehe sie eine Auskunft bekam, aber dann hielt sie doch schließlich vor dem richtigen Haus. Es waren keine verträumten Wichtelaugen, die jetzt prüfend über bas kleine Anwesen gingen. O nein, es waren die Augen eines Menschenkindes, das schon viele Enttäuschungen erlebt, und dem bas Leben schon manche Rune in bas vergrämte Antlitz geschrieben. Die schmalen Lippen preßten sich noch fester zusammen, so baß man nur eben noch ben feinen roten Strich sah, ben bie Frau am Morgen in hoffnungsvollem Erwarten gezogen. Aber als sie bann einer nach dem anderen aus der niederen Tür traten und sie in ihren modischen Kleidern anstaunten und ihr wieder und wieder versicherten, was für ein schönes Mädchen sie sei, da kam es doch wie ein leises Heimatgesühl über sie. Sie kannte das Leben und auch bie Männer. O, nur zu gut. Aber in den Augen des Nickla war kein Falsch. Sie schaute den silberspritzenden Bach hinauf über die blühende Wiese, und dann sahen sie alle um den blankgescheuerten Tisch in ber Stube und tranken Kaffee und aßen von dem feinen Kuchen, ben die Braut mitgebracht. Was nützte es noch, daß der Bachpitt stichelte und zu dem Nickla sagte: „Du Gumpel, du bist schön besautelt, die rote Backe von dem Fraumenfch gche mit Bachwasser aus ber Stell eweg!" Der Nickla glaubte ihm nicht, sondern wurde das, erste- mal in seinem Leben zornig und sagte, der Bachpitt falle doch sein giftiges Maul halten und erst einmal hören, wie wunderschön das L-onch« schwätzen könne, ganz fein wie die Herrenleut' und nicht so wie ber Bachpitt und die anderen Bauern. Hundert Mark hätte sie mitgebracht, und ein Klavierchen, wo man draus spielen könne, sollte auch noch kommen. „Mir soll et recht fein," grunzte ber Pitt zurück, „wannst« bei Lebe nit dahinner kimmst, daß de besautelt bist, aber ich Han et dir gejagt."
Nein, der Nickla kam nicht dahinter. Aus Pfingsten war Hochzeit, und als bas viele Geld, von dem er gedacht hatte, daß es nicht alle werden


