GiehmerKmilieiibMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang mx Samstag^en 4. Juni Nummer 44
Der RachtrgM Pfiugftgefang.
Van Friedrich Rückert.
ZuPfingsten fa«8^die 'Nachtigall, Nachdem sie Tau getrauten: Di« Rose hob beim Hellen Schall Das Haupt, das ihr gesunken.
O kommt, ihr alle, trinkt und speist, Ihr Frühlin-gsfeftgenofsen,
Wetl übers ird'sche Wahl der Geist Des Herrn ist ausgegossen.
Di« Himmclsjünger groß und klein Sind von der Kruft durchdrungen. Man hört sie reden insgemein In wunderbaren Zungen.
Und d. ist keine Zung' am Baum, Kein Watt ist da so kleines. Es redet auch mit drein im Traum, Als sei's voll süßen Weines.
O- ihr Apostel gehet aus Und predigt allen Landen Mit Süuselluft und Sturmesbraus Von dem, -der ist erstanden!
tiegt aus sein Evangelium, Aus Frühlingsau'n geschrieben. Daß er uns lieben will darum. Wenn wir einander lieben.
Sprecht von der Liebe Löhnungen, Sprecht von des Friedens SchnÄmse, Sprecht von den Dreien Wohnungen In unseres Vaters Hause.
Die Liebe macht die Sonne drehir. Die Liebe wölbt den Himmel, Und freut sich, unter ihm zu sehn Ein liebendes Gewimmel.
Wer liebend sich ans Nächste hält Und will nur das gewinnen, Umfaßt darin di« ganze Welt, Und Gott ist mitten drinnen.
Ich hab am heil'gen Pfingstentag,
Indes mein Weib gebrütet. Mit frohem Nachtigallenschlag Mein frommes Nest gehütet.
Die StMe.
Eine Pfingftandacht von Johannes Schlaf.
Einmal Enikrst-ung zu finden von der schweren Not der Zeitläufte, treibt'» einen wohl aus der schwirrenörn, wie in’ einem allgemeinen Zusammensturz immer wirrer durcheinander knatternden und explodierenden Unrast hinaus in die Stille der freien Natur. Und wahrlich, wer so recht erleben will, was die Ausgießung des Geistes ist, der gehe ins Feld, so weit rote möglich, und lege sich an einen Rain ins grüne Gras. Weitab vom durchemandergewürfslten tosenden Gefiedel, dort draußen, wo heut, am ersten Feiertag, nicht mal mehr die letzten, verlorensten Klänge des Feftgeläutes herüberfin-üen.
Oben über etaan die klare Himmelstiefeim Zenith ein unbeschreiblich leuchtendes Azurblau, gegen den Horizont leise von lrchtdurchwirkten Dünster verschleiert, die eine wunderbare Feierlichkeit haben.
Dir «tille -leben, allein zu sein mit Liefer großen Äille! Und mit -dem einsamen, seinem fährlichen Hochstand zustrebenden Gestirn. Wer wahrlich, du fühlst nicht: ungeheurer elektrischer Stoff-ball mit Protuberanzen, dunklen Fleckenlöchern und ununterbrochen in grausig erhabener Eins-am- keit rund herum rasenden, über alles Maß gigantischen Glutorkcmen, bist weit ab von astrophpsikcckifchen Boten; und wenn du empfindest: Krastquell und allumfassende Ausgießung von Kraft, so hat das in diesem Augenblick mit „mechanischem Naturgesetz" nichts zu tun. Me leis«, in sich ruhig, dies über alles wundersame, übergswaltige Wirken von Licht Und Wärme, rings um dich her kn alle Weite hinein! Es ist -das, was man gu leben nicht satt bekommt: sich erfassend, in einer großen Ruhe, nden sich selbst wissenden, ernstseligen Gefühls ganz nur sein schlechthin. Das rhythmische Flirren der durchglühten, nicht vom leisesten Win-deshauch bewegten Luft übers Gefi-id hin. Es ist wohl das Wellen- spiel eines kerngeroMigen, knapp präzisen, geistigen Brausens von da oben, dem vor Urgrundkraft wsihglühend in sich zuckenden Rund her-
rl-«>e.r *?u.rc^ Weltallraum und Atmosphäre: und doch so ohrenraunend still m feiner Uebermacht.
Diese große mystische Stille und ihr Beben! — Da sie beisammen waren in lenem jerusalemitischen Haus, steht geschrieben, aus noch nicht überwundener Menschenfurcht hinter verschlossenen Türen, geschah plötz- lrch, als vom HrmmÄ her ein gewaltiges Brausen tönte, daß die Ur- gememde, von der alsdann über Erdball und Menschheit hin die mächtig« Kraß auswirkte, erfüllte, also daß Feuerflammen auf ihren Häuptern stanSen und aus ihrem Mund hervorbrachen, und sie, aller Menscherr- surcht entbunden, ~ür und Tor öffneten und -hervortraten und in Zungen cor allem Volke die großen Taten Gottes kündeten. Doch ist kein Zweifel- Bevor diese Auswirkung geschah, da war sie große Stille gewesen, Eingehen gimz und Einigung.,
.... So hält sich auch jetzt hin und strebt still, was Winter- und Frühjahrs- fturme und allen Wechsel von Jahreszeit überdauert, geweckt vom groß gleichförmigen Gestirnpendelgang des Jahres, in einer großen Seligkeit staunend hinein ms mächtig verschlossene Gefühl -seines unvergänglichen Sems und ewigen Lenzes, feiner durch nichts zu erschütternden Urgru-nd- ruhe gewahr zu fern. Und sprießt und sprüht und blüht und leuchtet und P™Sftt bad? mCf?t D”f 8drms und Wesens, ist große Eirchei!
Richt einmal ein leisester Winshauch in der mächtigen, glastenden betoroette. Etwa, aus blauer, feierlich in sich selbst starrender Tief«, man weig mcht woher, das seine Getön einer Hummel sich erhebend, nahend einen Augenblick anschiv ellend, dann wieder verebbend, man weiß nick'i wohin und wohinein, weiß kaum, was es war; es ist einem: wohl mehr und etwas anderes als eine Hummel, etwas zum Staunen, ein plötzlich, kaum vorhanden schon wieder entfchwimdener, ins große, stlme, sonnige Erne eingeglichener mystischer Akkord. M
In ferner Wette der Goldschimmer eines in voller Blüte stehenden Rapsfelües. Lange, dunkelgrün gekrauste Kleeflächen, ganz von gelbem Löwenzahn übersprenkelt, aber still, eingeglichen in die große Einheit Die fernen, grauweiß und leis zimmetrSWch, also schr diskret wirkenden Muhenden Obstbaumreihen eines Feldweges. Im geballten Junagrün ihrer Gartenvaume die.roten Dächer eines Dorfes. Die endlos fckmur- geraden Rechen noch winziger, sehr frifchgrüner Hälmchen. Anderes Getreide schon hoher in den Halmen, ein weites, weißliches Glastweben druverhin, das sie auszufprichen scheinen. Ein einsamer Busch am Weg mn zahllosen, leisglaftenden Reflexen. Das stille Gebrömfel und Kluckern eines gleißend dahinzuckenden Wäsferleins. Die Würz« von all dem frisch erregt a-usftrebeirden Ehlorophyll steigt aus dem dichten Gras zu dir auf, dessen köstliche Kühle deine Hände fichten.
was rst s, was man fühlt? Ein Hümpekchen weißer und roter Gänseblümchen. In der tferne groß mit lieblicher Linie hingezogene, freie Hugelchen, ffeldbanider dran herniedergehend, zart irisfarben wie em draufgelegter Regenbogen. Die Laubmassen eines Waldhügelzuges, licht graugrun-wvlkig gekräuselt in ihrer Ferne, ganz in Lichtglast getaucht, mit breingetegten, sehr hellblauen Schatten. Nirgends eine aufdringlich schmetterird grell hervorstechende Pracht wie in einem Garten: mir feier und da still «ingeordn-ete Flecken blauer, weißer, roter Blumen. Einsam, monummtal, fern mitten im Gelände, mit dunkelgrünem, qlänziaem Jun glaub eine Pappel.
Alles so still, in alle sonnige Weite hinein, so groß und feierlich, hin- gegeben einem Unaussprechlichen, ruhend in einer höheren Dimension die sich aufgetan, eingentstet, ganz Geist geworden. Das ferne Getön der Insekten wie nicht endende, selige J-ibelchore, fern aus einer noch tieferen Tiefe.
Und du weißt: Ausgießung des Geistes ist Gewahrwerüen, daß im in dir eine große Gottiefe von Stille und ewigem Leben, Rhythmus einer unerschütterlich ihrer selbst gewissen Stille -un6 Kraft. Und wenn du dich ganz von bi «fern Gefühl durchdrungen fühlst, dann kommt der Auaenblick, wo es übergewaltig wird und dich in die Höhe reißt und sichern dir oftenbart als gewaltiges Sraufen und Austrieb unüberwindbarer Kraft. Und du verstehst auch das dunkle Erbrausen der dich heut« umgebenben Welt, weist, daß auch dies, was -dir in deinem Alltag so zusetzte. Wer- gewaltige Ausgießung und Vollbringung des Geistes ist und Anrufung auswirkender Kraft.
Di« erregten kosmischen Vorgänge, die unaufhörlichen Erdbeben, Feuersbrünste, Vulkanausbrüche, vernichtungsoalle Wirbelstürme, Regengüsse, Ueberschwemmu-ngen, Katastrophen, Unglücksfülle, das Rasen äußerlicher Genuß mut, verbuchter Macchravellismus der Zeitläufte, die Wirrung, das Auchenkopf-gestelltsein der politischen und sozialen Vorgänge, die gehäuften Verbrechen, -die bedrohliche Erhebung der gewal» tigen exotischen FrsmdvAker, denen chre Unterdrücker und Ausnutzer fett einem halben Jahrtausend die zivilisatorischen und technischen Mittel zu chrer endlichen Befreiung -selber gegeben -haben, -deren st« nun Herr zu werden -begannen, es ist wie das -ungeheuer sich zusammenziehende Dunkelgewölk einer sehr großen Gefahr, die Europa bedroht: das alles kann bie Gewißheit, die dir gemorSen- oirbi erschüttern.


