Ausgabe 
4.1.1927
 
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mein Schätzchen.'

10.

die Luft.

(Fortsetzung folgt.)

Am Nachmittag kam wirklich der Joseph Güldenpenning, kam aufgeregt und verstörten Blickes. Die beiden Alten setzten sich auf die etutjle m den Rundgang, denn die Nooembersonne meinte es gut mit ihnen, und rauchten ihre Pfeifchen. Das Domkind lief um sie her und ließ sich bald von dem einen, bald von dem andern aus den Schoß nehmen. ....

Ich bin heute nacht beinah gestorben", sagte Joseph und ruckte am Stuhl und tat, als wolle er so bald nicht aufhören zu erzählen, und das Kind sah chn mit ausgerisienen Augen an und sprach:

Gelt, das schwarze Männchen war bös!"

Du hast recht, Paulus," erwiderte der Alte und fuhr fort:Ja, das schwarze Männchen, mein Kind, aber paß jetzt hübsch auf, wie es mir ergangen ist!" . v

Er sah sich ängstlich um, und da von den Türmersleuten memanÄ ihn hören konnte, begann er also:

Unser Kruzifixus du weißt doch, der Nagel an der linken Hand ja unser Kruzifixus steht da in meinem Traum ganz groß an einem Scheidewege, und der Körper unseres lieben Heilandes hängt nicht, sondern fällt! Die Hand reißt am Nagel aus, der Körper senkt sich im Traum sah ich das, Paulus, im Traum! senkt sich, fällt, der Nagel klingelt herab auf einen Stein, und der Heiland streckt hilfeflehend die Arme nach mir aus. Ja, auch das vom Tintenfaßdeckel angeknickte Vein bricht entzwei, der Beinstumpf dreht sich nach unten, und das Blut sickert hervor, und ich steh« da und kann nicht helfen!" Joseph wischte sich den Schweiß von der Stirn und fuhr fort.Wie ich so stehe und nicht helfen kann, und van dem Arm Jesu oftmals angerührt werde, wie von einem Zweig im Wind, da höre ich plötzlich ein Rauschen: und die Landstraße ist ein schöner Blumengarten, und mitten in den Blumen, Paulus, steht das Tinten- mohrchen, groß wie ein Mensch!Hilf unserm lieben Herrn und Heiland!"

2er antwortlich: l)r. Hans Thyriot. Druck und Der lag: Drühl'sche Llnivers itäts-Duch- und Steinbruckerei, 2k. Lange, Gießen.

ruf ich ihm zu, es aber grinst mich an, fein Näschen aus Zwirn wird fleischig uni) hakig, sein Mündchen rot und breit, an den Beinchen hat es Hufe, und in der Hand hält es einen Büschel, mit dem spielt es wie mit einem Handschuh bei der Visit. In tänzelnden Schritten kommt es auf mich zu . . ."

Halt ein, Joseph!" ruft der Gloriaengel, das Kind lacht überaus heiter, und Jofeph fährt fort:

Sein Büschel, das seh ich jetzt, ist hinten festgewachfen, und im Nu ist mein Mohrchen knallrot wie ein siedender Krebs!"

Andreas Tippengucker lief davon: mit ausgebreiteten Armen lief er Halbwegs rundum kam zurück, stieß den Arm in einen breiten Riß des Turmes und sprach hastig:Weiter, Joseph, weiter!"

Ich könnte ihm helfen!" sagt der Verwandelte das war jetzt aber wirklich der Teufel.Was gibst du mir dafür?"O, wenn du's auf meine arme Seele abgesehen hast: nimm sie dir, doch hilf ihm zuerst!" Der Teufel hält den Schwanzbüschel an die Erde, der Nagel springt dran, dann schiebt der Teufel mit dem kleinen Finger den Heilandskörper zurecht und schiebt den Nagel ein! Wie er alsdann auch den herabhängenden Beinstumpf heraufdreht, kann ich mich nicht mehr halten, ich klopfe ihm auf die Schulter da fprühen Funken davon, ich laufe und schreie:Du kreuzigst ihn ja wieder! Halt «in, halt ein, dafür hab ich dir meine Seele nicht gegeben!" Da läßt der Teufel den Beinstumpf wieder fallen und fragt mich:Soll ich ihn etwa vom Kreuz befreien? He, Joseph Gülden- penning?"Das sollst du!" erwiderte ich . . . Und nun beginnt der Teufel breit zu lachen, fo daß kleine, geschwänzte Teufel aus seinem Mund fort­fliegen, und er sagt:Sieh an," sagt er,dieser Joseph da will die weise Weltordnung umstoßen: Das Oute soll nicht mehr am Kreuz und in Dornen leiden und soll wohl auf goldenem Thron fitzen! Wer ist der Herr der Welt, Joseph, er oder ich?" Was soll ich armer Mann da tun!Wenn du ihn kreuzigst, so hab i ch ihn ja gekreuzigt", ruf« ich.Soll ich ihn be­freien, Joseph?" Ich denke: Weltordnung ändern, Joseph, das kannst du nicht: auch der Papst könnte den Heiland nicht vom Kreuze befreien .. . aber ich kann nicht anders und rufe laut:Befreie ihn, ja, befreie ihn!"

Der Gloriaengel streckt den Kopf in den Riß des Turms und knebelt an feinem Bart.Schweig, Joseph!" ruft er am Turm hinauf,schweig: das Kind braucht solch« Geschichten nicht zu hören!"

Joseph Gütdenpenning aber fuhr fort:Heft ihn an! Heft ihn an! ruf ich, aber da hab ich's nun erst recht falsch gesagt, denn kleine ge­schwänzte Teufel ilmschwirren mich wie Schnaken, der große Teufel hält den Beinstumpf an, die kleinen stoßen mich und zerren mich auf tue Straße mit den schönen Blumen, und weit im Hintergrund erhebt sich hoch oben ein Licht, zwei Striche nach unten, ein Querstrich dazwischen, dann ein Kreis mit zwei Pünktchen über sich, dann zwei LL und dann ein E.

Himmel, Himmel!" ruft Andreas, nimmt das Kind, als wolle er's vor der Hölle bewahren, rennt mit ihm umher und steht schließlich doch wieder und lauscht. ....

Ein Tor tut sich aus," sagt Joseph kaltblütig,Flammen züngeln mir entgegen ..." . , , m .. . .. .

Schweig, Satan, schweig! Und das erzählst du tm Beisein dieses Kindes!" . , t

Frau Strohschnitter reißt die Küchentür aus, sieht sich um und schließt sie wieder. Dann läuft das Kind zu ihr und sagt:

Mutter, der Großvater kommt in die Hölle!"

Da lacht die Frau und nimmt das Kind von den Alten weg in dl« Kuck)«.

Sie gehen, die Wen: Tippengucker führt den Besuch übern großen Speicher, zeigt ihm zwei Falkennester, sagt: daß er hier im Frühling, so Gott wolle, den Falken die Eier stibitzen werde, und macht dazu em Zeichen, wie man Eier austrinkt!

Dann schaukelten die zwei Freunde auf den langen Borden, die am Gewölbe entlang bis zum jenseitigen Abstieg als Pfad gelegt waren, und wippten laut lachend fortgesetzt in die Höh«, als wenn die Borde mit ihnen Diabolo spielten! . , . .. , ....

Die Sonne lag siebenmal da, und Staub wirbelte in sieoen schrägen Kästen durch die Dachfenster hinaus. In jedem Sonnenfetzen kräuselt« der Schatten eines Dachtraufenspeiers, der lag schon ein Stück über die hol­perige Wölbung hinan, und am großen Luftloch waren Stufen in di« Wölbung geschlagen, daß man bequem da hinauf kommen konnte an die entzückende Aussicht. .

Güldenpenning hakt« von siebzehn Jahren schon einmal durch das Loch gesehen und hatte damals genug bekommen! Er aber, der Gloriaengel, stand oben, lehnte sich auf das Geländer, das in Bubenhöhe rundum führte und sprach:

Wenn du da hinuntersprüigst, Joseph, bist du unrettbar verloren!

Du willst sagen: ich falle sofort in di« Höll«?" Stern eilen stand Joseph schon am andern Abstieg und grinste.

Als der Gloriaengel in die Türmerei zurückkehrte, war es Abend ge­worden, und der westliche Himmel glüht« auf.

Run muß Sturm geläutet werden," sagte Herr strahschmiter,denn der Himmel brennt!" ... .

Und die ganze Stadt fängt jetzt an zu brennen, Großvater! fugte das Kind hinzu,kommt nur und seht's Euch an!"

Wirklich ftantxn alle Häusergiebel rot im Sonnengold, und viele Fenster brannten lichterloh. Auch der Fluß brannte jenjeite der atotit und floß in Glut wie Eisen, und jedes verschmutzt« Kohlenschifs trug Somien- qold an der breiten Stirn. Die Pappeln wedelten in Gold, und auch d-e Türme der fünfzehn Kirchen hoben Gold aus den verwinkelten Gassen: St. Christoph, aufoebuckelt wie ein Ries«, St. Johannes, ^oeiturmtg ab- qestutzt in großen, schrägen Vierecken, St. Quentin in einer Weinflasche, S . Stephan in einem Mostkruq. St. Bonifaz an blanker Klmge, die turmlofer. Kirchen St. Ignaz und St. Augustin in urweltlich weit emporgeschweiste Steinmassen; aufgekuppelt und durchleuchtet die neue Christusk>rche, u> di« vier Seitentürme des Domes hoben wie Baldachlnstangen Gon .

ftt Zukunft läßt du dir solche Geschichten von deinem Gloriaengel erzählen! Dann fetzen wir uns in euren Rundgang und machen Seifenblasen, und unten bleiben die Leute stehen unb sagen: eben fliegt wiedereine Seele in den Himmel!" . . . , ,

Ha, denkt der Alte und starrt in die Tiefe: verloren Ware der Femd, wenn ich nut einen Finger krümmen ivollte! . . .

Was meint Ihr, Großvater?" fragte das Kind. . ,

Nichts, mein Liebling; habe ich etioas gesagt? Ich erschrak em wenig vor dieser Tiefe!" versetzte der Alte und stieg hinan.

Der Türmer beide «päiibe über bem Slobf zummmen unb jptciu) Gloria in excelsis, Tippenkucker! Ihr wollt näher zum Himmel, Groß- ^er

Unb siehe: die Türmerei behielt den Alten oben und gab ihm das Zim­mer, das zur Hälfte im Gewölbe der ziveiten Kuppel stak. Dorthin schlug der Gloriaenqel sein Lager auf, und die verkalkten Sterne ragten wie ein Panzerfort in sein Heim. Er gab an, fast nichts zu essen, aber die Aur- aterin sagte: er habe noch weit in den Himmel unb müße sich bei Kräften hsiten, sonst könne er unterwegs fallen! . ....

Er legte sich früh zu Bett, aber er konnte mcht emschlafen. Tie Uhr tickte jarftin lautunb schlug alle Viertelstunde, daß sein Bettzitterte nnddas Gebalk; >?n Käuzchen krisch unter ihm, das Domkind schien laut zu träumen.

Wenn Tippenkucker ans Domkind dachte, verloren ftch feine Gedanken in den Dom: da streckte sich in einem weißen Marmorbild der znm Kutz zu­gespitzte Mund des Verräters Judas ganz heimtückisch gegen Jesu Wange! Da stürzten auf einer Fichtentafel hoffärtige Engel, kraftstrotzende Kerle, oom Himmel herab in Flammen, die wollüstig ihnen entgegenzungelten. Bon diesen beiden Bildern konnte seine Seele nicht loskommen, wenn er ans Domkind dachte. . .

Als er vier schlagen hörte, merkte er, daß er em schönes Stuck geschlafen hatte. Und gleich nach dem Glockenschlag krähte unten Hämmerlems Hahn zweimal hintereinander! Da zündete sich der Gloriaengel em Pfeifchen a« und rauchte es im Bett, wie's er seit dreißig Jahren schon allmorgendlrch tat. Er lauerte, ob der Nachfolger pünktlich läutete, und verrichtete m Gebauten jede Arbeit, die bet nun zu verrichten hatte. ...

Der Tabak kroch durch alle Ritzen unb weckte das Domkind frühzeitig. Es wollte dem AltenGuteii Morgen" sagen unb trippelte m ben Strüm­pfen an bie Holztür, klopfte unb sagte:Guten Morgen, Großvater.

Dieses Grußes wegen vergaß der Gloriaengel Hahnenschrei und^urm- fall. Frau Strohschnitter brachte ihm ben Kaffee herein, bas Kmd trug zwei Stück Butterbrot auf einem Teller, bas war allerliebst!

Heut ist Mittwoch, Großvater," sagte es,heut werben bie Glocken ge- ußmiert!" .

Da geh ich aber mit," erwiderte der Alte,unb steige ms Gebalki

Aber, wenn Ihr fallt?"

Dann steige ich! Wenn ich falle, dann steige ich;

Wieso?"

"Dann sterbe ich unb fliege in den Himmel, siehste . . . Verstehst du das, mein Engelchen?"

Und dann sagte der Gloriaengel noch dies:

Wenn aber der Joseph vom Scheneralvikar kommt, so brauchstdu keine Angst zu haben, wie er vor seinem schwarzen Männchen! Denn,ch bm doch kein so schwarzes Männchen, wennbumichauchbeimDomdekanangefcywarzr hast, du goldiges Kindchen, und er, der Joseph, der ist em ganz harmloser Alter, verstehst du das?" . , , ,

Tippenkucket half die Glocken schmieren, lief allem m den hohen Speicher, der unterm Längsdach sich hinstreckt, und saß dort eme geschla­gene Stunde an dem großen Luftloch der hohen Wölbung, von wo aus et das ganze Innere des Domes bequem überschauen konnte.

Als er zurückkam, fragte er Paulus, ob er dieses große Loch schon ge- >ehen habe, aber Paulus hatte es noch nicht gesehen!

Soll ich es dir einmal zeigen?" fragte er. , .

Lauft mit nicht so auf dem Speicher herum," jagte der -türmet,da steckt überall Gefahr." . .. . f .

Ja, ja, gelt das große Loch!" machte der Alte,wir bleiben lieber hier,