Ausgabe 
4.1.1927
 
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Die während ihrer, oft unerhört lange«, Dienststunden rckcht «ach Haufe gehen konnten. Nie habe ich in England, trotz des schweren Ernstes dieser Tage, der im Grunde aus jedem Engländer lastete, einen so blühenden, köstlichen, lachenden Humor erlebt wie zu dieser Zeit. Allein die Inschriften an den Elektrischen und Omnibussen lohnten einen Gang durch die Straßen. Fremde Menschen lachten sich plötzlich an, wenn sie einen solchen zündenden Witz gelesen oder die treffende Bemerkung irgend eines Vorübergehen­den aufgefangen hatten. Einmal, als ich durch eine der elegantesten Strauße des Westend ging, winkte mir plötzlich von dem Führersitz eines mächtigen Kohlenautos ein Mann lebhaft und lachend zu. Ich war sehr erstaunt über diese Bekanntschaft, und es dauerte eine Sekunde, ehe ich in dem blauen, schmutzigen Kittel und dem schwarzverschmierten vergnügten Gesicht Lord T. erkannte, mit dem ich zwei Abende vorher auf einer Gesellschaft getanzt hatte, und der jetzt den Tag über Dienst als Kohlenarbeiter und Chauffeur tat.

Sehr beliebt wurde bald die Einrichtung deriifts. Ich bin wäh­rend meines ganzen englischen Aufenthaltes nie so schnell und billig be­fördert worden wie damals. Ging man auf der Straße, so konnte man sicher sein, daß sehr bald ein elegantes Auto neben einem hielt und der Fahrer sich erkundigte, wohin man gebracht zu werden wünsche. Hielt der Wagen nicht von selber, so genügte ein kurzes Winken, um ihn zum Stehen zu bringen.

Merkwürdigerweise waren die Streikenden selber weder gereizt noch bösartig, sondern schienen die freien Tage zu genießen. Mir hat einer einmal eine kurze Strecke mein Köfferchen getragen, als ich nicht gleich eine Fahrgelegenheit sand. Und als ich ihn verdutzt fragte, warum er das täte, anstatt froh zu sein, daß ich zu Fuß gehen müsse, sagte er höflich: Wir streiken nicht gegen Damen und sind traurig, daß sie unter unserem Vorgehen leiden müssen.

Meiner Mutter.

Von Alfred Bock.

Wie war mein tiefstes Sein mit dir verwoben In Harmonie, der jeder Mißklang wich, Wie war mein Blick so oft zu dir erhoben Im Lebensdrang: denn du verstandest mich! In dir war eine frühlingshafte Helle, War einer schön gestimmten Glocke Klang, Dein Wesen ward für mich zur Wunderquelle, Daraus mir Kraft und Mut und Friede sprang. Wir fühlten's, daß ein heiliges Gelübde Der Kunst, der himmlisch hohen, uns verband, Ach, daß dies Glück, das reine, ungetrübte. Vom Tod zerschellt, ein jähes Ende fand!

Nun ziehn die Wolken über deinen Hügel, Mit weißen Rosen schmücke ich dein Grab, Es kommt der Tag und regt die goldnen Flügel, Es kommt die Nacht, ein ewig auf und ab. Was bleibt mir, der ich einsam um dich klage Und ohne dich mein Boot nun steuern soll? Daß ich dein Bild in meinem Herzen trage Und deinen Namen rufe, sehnsuchtsvoll!

Daß ich mein Werk in deinem Geist vollende. Der fürder wirkt und unzerstörbar ist, Daß ich wie sonst mein Antlitz zu dir wende Und innerft spüre, daß du um mich bist.

Vögel des Weltmeeres.

Von George Lugh Banning.*)

Sofort nach dem Frühstück besuchten wir die Nistplätze der Sturm­vögel. Sie hatten sich dazu eine Fläche ausgesucht, die, von den Plätzen der andern Vögel abgesondert, mit Gras bewachsen war. Wir konnten nicht darüber gehen, ohne auf Nester zu treten. Der Kugel war ganz mit weißen Brüsten gesprengelt. Als wir die Vögel aufscheuchten, stoben sie in dichten Wolken empor, kreisten aber in unmittelbarster Nähe. Durch keinen Lärm ließen sie sich in die Ferne jagen.

Die Seeschwalben unterschieden sich von denen der Clarioninsel durch himmelblaue statt der gelben Ständer. Das Federkleid war eher bräunlich als weiß. Sie hatten einen andern Teil der Insel inne. Sie verloren keine Zeit mit irgendwelchen Vorbereitungen, sondern legten die Eier einfach auf den Boden. Sie besiedelten sandige oder steinige £lferftreif en oder versammelten sich am Rand des Wäldchens, in dem die Fregattvögel hausten. Einige blieben bei den Jungen, einerlei wie nahe wir ihnen kamen; andere flogen unwillig auf,kehrten aber fofort zurück, nachdem wir uns wenige Schritte entfernt hatten.

*) Mit Genehmigung des Verlages F- A. Brockhaus, Leipzig, sind wir in der Lage, unfern Lesern heute eine Textprobe aus dem neuen Reifewerk George Lugh Bannings:Im Zauber mexikanifcher Gewässer" (260 Seiten, 69 Abb., eine Karte) zu geben. Die Jacht Velero II. besucht mit einer Expedition an Bord, an der Baiming teilnimmt, mexikanische Gewässer und Inseln. See-Elefanten, Teufelsrochen, Wale, Tintenfische, Schwertfifche, seltfame Vögel, wunderliche Versteinerungen, Salzseen, eine Feigenwildnis, kurz, die ganze Wunderwelt dieser Welt schildert der Autor in feinem Werk. Nach denInseln des Nichts" werden Seitenpfade in Mexiko besucht, San Blas, Tepie, Guadalajara, La Paz, alles Orte, die das ursprüngliche Mexiko zeigen,glückselig faul, glück­selig arm, Mexiko, wie es widerwillig aus dem Schlaf eines Jahrhun­derts erwacht". Ein Autor, der es versteht, ein Buch zu schreiben, das Temperament, Freude an der Natur, Freude amNichts" ihm diktierten.

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Die meisten Seeschwalben haben gegabelte Schwänze wie der Tropik­vogel und der Fregattvogel. Laien glauben hieran den Unterschied zwischen Seeschwalben und Möwen zu erkennen. Aber die Seefchwalben von der Clarioninfel und der Ifabelinfel haben keilförmige Schwänze. Von echten Möwen unterscheiden sie sich durch das Fehlen des Grates auf dem Oberschnabel und die weniger ausgeprägte Krümmung an der Schnabel­spitze. Nur diese Merkmale sind wirklich bestimmend.

Die häßlichen, schwarzen Fregattvögel entdeckten wir in einem busch­artigen Wald, der sich vom Strand bergan zu einem salzigen Kratersee erstreckte, wo meterlange Eidechsen (Iguanas) in der Sonne faulenzten. Warum sich die Fregattvögel das verfilzte Gebüsch ausgesucht hatten, blieb uns unverständlich. Ihre befiederten Gerippe lagen überall auf den Boden umher und hingen oben in den Bäumen. Auf jeden lebendigen Vogel kam ein toter. Oft hingen die Leichen dicht bei besetzten Nestern. Wir begriffen, daß sie zitterten und schnatterten. Sie lebten in einem Toten­haus.

Außer den Toten gab es viele Sterbende. Nach dem Grund brauchte man nicht lange zu fahnden. Geriet ein Vogel unter dichtes Gezweig, dann vermochte er sich nicht mehr zu erheben und verwickelte sich immer mehr, je größere Anstrengungen er machte, um sich zu be freien.

Weibchen und Männchen widmen sich abwechfelnd der Brutpflege. Beide Geschlechter waren glänzend kohlschwarz, nur daß die prahlerischen Herren einen scharlachenen Brustlatz vorgebunden hatten, der sich von einem schmalen roten Streifen zu einer Blase aufpusten läßt, die ebenso groß wie der Vogel ist. Auf diese sonderbare Einrichtung schienen die Besitzer ordentlich stolz zu sein. Anscheinend befriedigten sie ihre Eitel­keit in der Weise, daß jeder den Ballon weiter auszublasen trachtete als sein Nebenbuhler. Frau Fregatt saß derweil behäbig auf dem unordentlichen Nest, klapperte mit dem langen Lakenfchnabel und eiferte die Kämpen an.

Der Fregattvogel wird ungefähr fo groß wie ein Bussard. Sein Schwanz ist tief ausgeschnitten, die Flügel sind lang und schmal, die Schwimmhäute der Füße sind mäßig groß. Er ist ein gewaltiger Räuber vor dem Serrn.

Wir sahen eine Möwe, die einen Fisch im Schnabel trug und auf dem Weg zum Nest war. Lieber ihr fchwebte ein Fregattvogel. Da er der Wasserfläche nicht zu nahe kommen wollte, machte er einige Fintenstöße ans die schwächere Möwe, die jeweils nur zehn Meter weit zu si egen wagte. Schließlich aber, nachdem sie dem Wegelagerer mehrmals aus­gewichen war, flog sie doch einmal zu weit und zu hoch. Blitzschnell und pfeilgerade stieß der Räuber herab. Die Möwe ließ voller Schreck ihre Beute fahren und schwenkte ab, während der Schwarzbeflügelte den Fisch in der Lust auffing und damit zum Wald flog.

Auch der Tropikvogel ist ein Räuber, aber ein Räuber edleren Geblüts. Im Aberglauben der Seeleute spielt er dieselbe Rolle wie der Albatros; er ist die beschwingte Seele eines Ertrunkenen. Aber mit Lin- sicht auf feine Seeräuberei in Verbindung mit feiner prunkvollen Kleidung sollte man ihn. für den Geist eines edelmännifchen Bukaniers wie Sir Franeis Drake halten.

Die verschiedenen Arten des Tropikvogels weichen in der Färbung von­einander ab. Aber ob hellrot, weiß oder schwarz, alle sind sie die Para­diesvögel unter den Flügelträgern des Meeres. Sie glänzen wie Atlas und haben als Verlängerung ihres Schwalbenschwanzes zwei meterlange Federn. Auch sie gehören zu den Fernfliegern, die das weite, blaue Meer aufsuchen und ohne Unterbrechung Lunderte von Kilometern zurücklegen. Manchmal setzen sie sich erschöpft auf die Rahen eines Schiffes, um eine andere Seele hinwegzuführen, wie die Matrofen sagen.

Zu Seeräubern, die an Land gehen, gehören Köhlen, was sich bei den Tropikvögeln der Ifabelinfel bestätigte. Wir endeckten sie im kühlen Schatten einer großen Grotte, wo die Brandung über die Kiesel rollte, silberne Tümpel in Schaum verquirlend und Regenbögen in die Lust zaubernd. Wie bei den Fregattvögeln übernimmt der männliche Tropik­vogel einen Teil der Laushaltsorgen. Wir nahmen das zuerst war, als die Alte bei unserer Annäherung einen gellenden Schreckensruf aus­stieß, der das Echo in den Felsen weckte und ans Lerausziehen von Eisenstiften aus Eichenblöcken gemahnte. Sie fuchte Schutz bei ihrem Gatten und zwängte sich hinter ihn. Er fchimpste sie tüchtig aus, hackte mit dem Schnabel nach ihr, mußte aber fchließlich doch einwilligen. Trotzdem ist das Weibchen kein Feigling. Wenn allein auf dem Nest, flieht es nicht, sondern läßt sich eher totschlagen.

Die sanftgeschwungenen Schnäbel der Tropikvögel sind korallenrot, die Brüste schneeweiß, und die Schleppfedern stehen an Zartheit den kostbarsten Reiherstößen Wenig nach. Diese Schönheit beschränkt sich aber aufs Feder­kleid. Wenn es wahr ist, daß der Gesang aus der Seele kommt, dann fintfbiefe unsterblichen Geister Ausbünde kreischender Verzweiflung. Man sollte den Aberglauben abändern; soschlimm kann kein einfacher Seemann getoefen sein. Der Tropikvogel ist nichtdie salzfrische Seele des Matrosen, sondern die eines Lerrengauners, den man für feine Verbrechen gehenkt hat, und der zu einem ewigen Gegensatz von Schönheit und Läßlichkeit verdammt ward.

Nirgendwo konnten wir das Vogelleben besser kennenlernen, als auf der Insel Isabel. Aber der Fahrplan saß uns im Nacken, und die gleitenden Schwadronen der Sturnffchwalben begleiteten uns beider Aus­fahrt im Zwielicht.

Das Domkind.

Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach.

Von Nikolaus Schwarzkopf.

(Fortsetzung.)

In der Nische des letzten Guckloches saß das Domkind und sah über den Rhein.

Ei, mein Liebling! sagte der Alte,was treibst du hier so alleine?

Ich sehe, wie am Rhein die ungetreuen Nonnen ihre Schleier waschen! Falsch, das hat dir jemand falsch gesagt, denn die ungetreuenNonnen schämen sich ihrer Untreue und kommen nur bei Nacht und Nebel! Aber