sicheres gewandtes Auftreten. Für das praktische Leben, für Wirken und Betätigen in der Oessentlichkeit wird die englische Jugend, in erster Linie natürlich der englische Knabe und Jüngling, erzogen.
Von der Art, wie das erreicht wird, sei hier nur ein Beispiel angesührt- Jch wohnte einmal einem, in größerem Privatzirkel abgehaltenen Bankett bei. Die Einladung dazu wat an die Herren schon ergangen, indem jedem eine bestimmte Rolle zudiktiert wurde. Es sollte der Gedanke eines politischen, offiziellen Essens durchgeführt werden. Einer der Herren, der Aelteste und Würdigste, präsidierte als Lord Mayor von London. Ein anderer hatte als französischer, einer als amerikanischer, ein dritter als deut, scher Botschafter über die augenblicklichen Beziehungen der Länder zueinander zu sprechen. Einer der Herren war offizieller Vertreter für Kunst und Literatur, ein anderer für die Wissenschaft.
Man hörte an diesem Abend eine Reihe interessanterReden, man erhielt Aufschlüsse über wichtigeProblemederTagespolitik, man wurde eingeweiht in allerhand Fragenund Krisendes Wirtschaftslebens. Es wurden ernste Dinge erörtert und daneben wurde viel gelacht. Ich habe überhaupt nie soviel und herzlich lachen hören, wie in England. Der kleinste Witz wird dankbar ausgenommen, und eine gute Anekdote, die Schilderung einer lächerlichen Situation kann die Gemüter tagelang erheitern. Das Interessanteste an den einzelnen Reden waren die sehr verschiedenen Altersstufen der Redner, die sich zwischen 16 und 73 Jahren hielten. Die beste Ansprache des Abends wurde von einem achtzehnjährigen jungen Mann gehalten, der mit wahrhaft glänzender Dialektik scharf und geistreich über moderne Literatur sprach. Ein solches Rednertalent ist wohl auch in England — dem Lände der Redner — nichtsLäufiges,aber eine schlechte Rede wurde auch von demjüngstenSprecher nicht gehalten. Und besonders hübsch war die neidlose Anerkennung der Ael- teren den Jüngeren gegenüber, die ermunternden Zurufe, die beifälligen Zwischenbemerkungen, sowie eine gute Wendung, oder ein witziger oder treffender Ausspruch fiel. Es war nicht der Unterschied zwischen Jünglingen und Männern, den man manchmal in Deutschland treffen kann, der "durch gegenseitige Kampf- und Abwehrstellung ein fruchtbares Zusammenarbeiten unmöglich macht. Hier war gegenseitige Achtung und Anerkennung, freundschaftliches Verstehen und Entgegenkommen von Seiten der Aclteren, bescheidenes Selbstbewußtsein von Seiten der Jüngeren. Das Ergebnis ist ein erstaunliches Voneinanderlernen und gemeinsames Borangehen und Entwickeln im Dienste einer Sache: des Vaterlandes.
Das Ausgezeichnete unb Nachahmenswerte dieser Veranstaltung ist, daß zur Beurteilung für jedes einzelne Gebiet namhafter Kritiker und Künstler von Ruf gewonnen wurden. Und diese gaben keineswegs aus der Höhe ihrer Vollkommenheit heran oberflächliche und kurze Urteile, sondern mit beispielloser, unermüdlicher Geduld und Beharrlichkeit kritisierten sie das Dargebotene. Und zwar gaben sie vor jedem Einzelurteil allgemeine Gesichtspunkte, sodaß jeder, auch der unbeteiligte Zuhörer, daraus lernen konnte.
Ich möchte meine Betrachtungen über England nicht schließen, ohne den Streik zu erwähnen, den ich gerade in seinem aufregenden und spannenden Anfangsstadium in London miterlebte.*)
Schon am Samstag wurde offiziell von den Kohlenarbeitern und dem mit ihnen sympathisierenden Angestellten aller Verkehrsmittel erklärt, daß in der Nacht von Sonntag auf Montag der Streik beginnen würde. Das war insofern rücksichtsvoll von den Streikenden, als jeder noch Gelegenheit hatte, sich in Sicherheit zubringen, d. h. in seine jeweilige Heimat zu fahren, auf alle Fälle für alle Möglichkeiten vorzusorgen usw. Denn was em Generalstreik sämtlicher Verkehrsmittel in einer Stadt wie London bedeutet, sollte man nur zu bald erfahren. Und es wurde zunächst noch schlimmer, als man befürchtete: Kilometerweite Entfernungen zwischen Wohnung und Arbeitsstätte für nahezu jeden Londoner. Dabei keine Elektrische, kein bus, keine Untergrundbahn, keine Eisenbahn, keine Autodroschken. Alles streikte. Ein mirbekannter Kaufmann ging in den ersten zwei Tagen jeden Morgen seine drei Stunden zu Fuß ins Geschäft und abends drei Stunden zurück. Und viele hatten das gleiche Schicksal.
Dann kam das Erstaunliche. Schon am dritten Tage war der Streik der Verkehrsarbeiter so gut wie unwirksam gemacht durch freiwillige Hilfskräfte. Eine Organisation und eine Opferbereitschaft hatten eingesetzt, die jeder Beschreibung spotteten. Wüßte ich nichts von England und den Engländern, als die Erfahrungen dieser ersten Streiktage, es würde m,ch mrt unbegrenzter Achtung erfüllen. Bis in die kleinsten Einzelheiten hatte die eng- lische Regierung seit Jahren einen Plan bereitliegen für dre Möglichkeit eines solchen Generalstreiks. Es war ein glänzender und in fernem Teil versagender Plan, wie sich später erwies. Und doch wäre er unausfuhrbar gewesen ohne die Opferbereitschast von Tausenden. Aber es scheint, daß die englische Regierung weiß, daß sie die Treue und Vaterlandsliebe ihrer Untertanen als Faktor in jeden Plan einsetzen kann, ohne bauet Schiffbruch zu leiden. Wie aus dem Boden gestampft waren plötzlich die Männer und Frauen da, die keinen anderen Wunsch hatten, als zu helfen und der Allgemeinheit zu dienen. Bon einer Nacht zur anderen meldeten sich auf den ersten Radioaufruf (Zeitungen gab es keine, und das Radio wurde offizielles Organ der Regierung) sechzigtausend junge Männer für den Posten von Polizisten. Jeder zweite Besitzer eines Prwatautos stellte seinen Wagen sofort dem Staat zur Verfügung/ meistens zusammen m,t seiner eigenen Arbeitskraft. Es gab Kaufleute, die in diesen Tagen Tau- sende verloren oder aufs Spiel setzten, weil das Vaterland tief, und das eigene Geschäft Nebensache wurde. Man konnte an jenen Tagen, wenn man durch die Straßen ging, elegante Autos sehen, deren seidene oder atlasschimmernde Sitze hoch mit Kartoffelsäcken oder Gemusekürben beladen waren, durch deren weiche Lederkissen bald breite Risse klafften und deren zarte Farben bald durch Schmutz unb Staub unkenntlich wurden.
Schon binnen kurzem fuhren eine große Anzahl der Bahnen wieder. Auch eine Zeitung wurde wieder gedruckt. Alles mit freiwilligen Hilfskräften. In den großen Parks wurden Feldküchen errichtet, wo die Burgersfrauen zusammen mit Damen der Gesellschaft für die Arbeitenden kochten,
. *)Die Ereignisse liegen geraume Zeit zurück; aber die Schilderung scheint uns auch heute noch sehr lesenswert. D. Reb.
zimmer morgens die Familie irissi, im drawmg-room abends den Tag beschließt. Gegensätze werden ausgeglichen, drohendes Auseinanderleben schwerer gemacht durch diese tägliche Berührung, diese Unmöglichkeit, sich auszuweichen, der jedes Familienmitglied unterworfen ist.
Rührend ist die Liebe des Engländers zu Tieren und Blumen. Es ist ein Zug, der sie einem vor allem liebenswert macht. Es ist in jedem »>aus dasselbe — und ich bin in vielen Häusern gewesen, reichen und in solchen, wo man notwendige Einschränkung merkt. Ueberall sind Blumen. Ich entsinne mich an ein Haus, ein wundervolles altes Tudorschloß auf dem Lands, da war die Blütenpracht fast überwältigend. Es war im frühen Frühjahr. Draußen gingen noch Winterwinde, und die Luft war voller Schnee. Und drinnen blühten einem ans Vasen und Krügen und Schalen Blumen über Blumen entgegen und zauberten einen mitten in den Frühling hinein. Aber auch in der einfachsten Häuslichkeit fehlen die Blumen nicht. Niemals sah ich einen Tisch gedeckt zu Frühstück, lunch oder dinner, den nicht eine Schale voll Blumen schmückte. Und bringt man als Gast ein paar Blumen, kann man immer des herzlichsten Dankes gewiß sein.
Und dann die Tiere. Es mag sein, daß es Häuser gibt ohne Hunde, Katzen oder Kanarienvögel. Ich bin in keinem solchen gewesen. Die Tiere gehören zur Familie, sie haben ihre Rechte an Pflege, Behaglichkeit und Zuneigung, nnd niemand enthält sie ihnen vor. Aber sie fühlen das auch und erwidern das in ihrer Art. Ich habe, obgleich es in England unzählig viel mehr Hunde gibt als in Deutschland und man sie dort viel näher um sich hat, nie die geringste Belästigung von ihnen gespürt. Sie sind gehorsam, sie passen sich den Menschen an, es ist, als fühlten sie ganz genau, daß alles gestattet ist, was man ihnen mit Fug und Recht gestatten kann, und daß es unbescheiden wäre, mehr zu verlangen. Tiere stehen unter dem Schutz der Oeffentlichkeit, und ich habe, mehr als einmal gesehen, daß ein Herr einen umherirrenden Hund mit Lebensgefahr aus dem rasenden Verkehr der Straßen rettete, daß ein Vorübergehender ein Pferd, das sich an seinem Wagen seitlich gewendet hatte und in Gefahr stand, von vorübersausenden Autos verletzt zu werden, sanft zurücklenkte, daß eine Dame eine Katze, die den Weg verloren hatte, auf ihren Armen aus dem Gedränge in irgendeinen geschützten.Winkel trug. Keiner hätte ein Tier, das hilflos oder in Not war, im Stich gelassen. Und ich erinnere mich noch deutlich an das Entsetzen und den Abscheu, der alle überfiel, als ein Herr, der gerade aus Spanien zurllckgekehrt war, von den beispiellosen Grausamkeiten spanischer Stiergefechte erzählte. Wahrlich, das alles ist keine Heuchelei oder Sentimentalität, sondern echte warme Gesinnung und Herzensgüte.
Eine besondere Stellung hat in England die Frau. Es ist nicht so wie in Amerika, daß die Frau 'tonangebend und der Mann mehr oder weniger ein bloßer Geldverdiener ist. Dazu ist der englische Mann gegenüber dem amerikanischen zu gebildet und interessiert, und die englifdje Frau ist es im Durchschnitt zu wenig. Man darf hier allerdings nicht den deutschen Maßstab anlegen. Es ist mir geschehen, daß ich eine Stunde lang mit einer bildschönen Frau am Kamin faß, wir die üblichen, gangbaren Themen: Kleider, Sport, Tanzen, vhopping erledigt hatten, und für den Rest völlig schweigend nebeneinander faßen, und daß diese Frau nachher einer Freundin erklärte: „Oh, we had such an awfully interesting talk.“
Man kann sich in England — auch mit Männern — selten unterhalten, wie man es in Deutschland in jedem, auch nur halbwegs geistig angeregten Kreise gewohnt ist. Aber diese größere oder geringere Bildung hat nichts zu tun mit der feinen Kultur englischer Umgangsformen, der die Frau in England ihre Stellung verdankt. Obwohl die moderne englische Frau keineswegs schutzbedürftiger ober unselbständiger ist, als irgendeine andere moderne Frau, so hat sie doch stets und in erster Linie Anspruch auf die Zuvorkommenheit und Rücksichtnahme des Mannes. Und das erstreckt sich bis in das tägliche Leben innerhalb der Familie. Es sind scheinbare Kleinigkeiten. um die es sich handelt, deren Befolgung oder Nichtbefolgung aber dem täglichen Leben ein bestimmtes Gepräge geben. Daß ein Mann vor einer Frau zur Tür hinausgeht, daß er sich fetzt, solange eine Frau im selben. Raume steht, daß er sie etwas holen, tragen oder aufheben läßt, habe ich fo gut wie nie beobachtet. Es ist, als ob er durch eine stille und unauffällige Aufmerksamkeit ihren Gedanken zuvorkäme. Noch stärker betont ist dieser Zug im öffentlichen Leden, auf der Straße, in den Bahnen, überall da besonders, wo die Frau irgendeiner Gefahr ausgesetzt fein könnte. Anders ist es natürlich in den Verbrechervierteln von London. Aber da würde eine Dame ohne Begleitung auch nicht hingehen.
Die gebildte englische Frau verbanktfichihre Stellung selbst. Sie empfindet es als selbstverständlich, baß sie, trotzihrerheutigengrößeren Selbstständigkeit den Schutz und die Zuvorkommenheit des Mannes genießt. In deutschen Häusern habe ich es zuweilen beobachtet, daß die Hausfrau sich scheut, Hilfeleistungen ihres Mannes zu beanspruchen, daß sie sich beinahe schämt, sich bedienen zu lassen, daß sie sich keine Bequemlichkeit gestattet, die nicht Mann und Kinder, zumindest der Mann, auch genießen. Aber ich habe nicht gefunden, daß die englische Hausfrau mit ihrem betonten Anspruch auf Rücksichtnahme und Zuvorkommenheit deshalb selbstsüchtig, lieblos oder etwa untüchtig sei.
Sehr geschickt versteht sie es, sich zu kleiden und steht darin meiner Ansicht nach der Französin nicht nach. Sie stimmt gewöhnlich, soweit sie nicht reich ist, ihre Toilette auf ein oder zwei Farben ab, und kann es so erreichen, daß auch bei dem Besitz von nur wenig Kleidern, Hüten und Mänteln ihre Erscheinung stets geschlossen und wohltuend wirkt. Eine geschmacklos gekleidete Dame bildet die Ausnahme, eine geschmackvoll gekleidete die Regel.
Interessante Eindrücke gewann ich davon, wie der Engländer seine Jugend erzieht. Die Schulen sind mit den deutschen garnicht zu vergleichen. Was da gearbeitet, an positivem Wissen erlangt oder auch nur an exakter Schulung des Geistes erreicht wird, ist ganz minimal im Vergleich zu dem, was wir in Deutschland allein schon von einer Durchschnittsschulbildung gewohnt sind. Ob der Engländer lernunbegabter ist, als der Deutsche, ob blos lernfauler, bliebe noch zu untersuchen. Tatsache ist, daß er nach Ablauf leinet Schul-, ja, in der Mehrheit der Fälle auch seiner Universitätsjahre, erstaunliche Lücken in der Allgemeinbildung aufweist. Dafür hat er aber üwas gewonnen, über das kaum ein deutscher junger Mann ober ein jun» "es Mädchen in diesem Maße verfügt. Weltmännisches Benehmen und


