Ausgabe 
4.1.1927
 
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SiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang \92Z

Dienstag, den 4. Januar

Nummer \

Die drei Könige.

Von Peter Cornelius.

Drei Könige wandern aus Mohrenland, Ein Sternlein führt sie zum Jordanstrand.

In Juda fragen und forschen die drei. Wo der neugeborene König sei.

Sie wollen Weihrauch, Myrrhen und Gold Zum Opfer weihen dem Kindlein hold.

Und hell erglänzet des Sternes Schein.

Zum Stalle gehen die Könige ein, Das Kindlein schauen sie wonniglich. Anbetend neigen die Könige sich?

Sie bringen Weihrauch, Myrrhen und Gold Zum Opfer dar dem Kindlein hold.

O Menschenkind, halt treulich Schritt, Die Könige wandern, o wandre mit! Der Stern des Friedens, der Gnade Stent, Erhelle dein Ziel, wenn du suchest den Herrin Und fehlen dir Weihrauch, Myrrhen und Gold, schenke dein Herz dem Kindlein hold.

Eis-Bergnügung en masque.

Alt-Weimarer Stimmungsbild zum 100. Todestage von Charlotte v. Stein.

Von Alfred Richard Meyer.

Die ersten Tage des Jahres 1778 sollten die schöne, tolle Zeit des ver­gangenen Jahres wieder lebendig machen, da der junge neue Freund des Herzogs Carl August, Goethe, die Herzogin zur Meisterin auf dem Schlitt­schuh oder, wie man mit Klopstock sagte, auf dem Schrittschuh über die gefrorene Spiegelflürhe der unter Wasser gesetzten Schwanseewiese aus­gebildet hatte. Ein Wettlaufen nach Aepseln würde die neueste Sensation sein, dazu eine Aufführung von PaisiellosBarbier von Sevilla" auf dem Eise mit nachfolgendem Schlittschuh-Ball en masque. Dem geflügelten Fuß, dem so lange verbannten Wasserkothurn, gestattete das herrlichste, sonnigste, windstillste Winterwetter endlich wieder die Freiheit der Per­sönlichkeit^ aber auch der Lust der einleitenden Schlittenpartie nach Tiefurt mit nachfolgendemCarrousel, die dem Meister des Schrittschuhlaufes Goethe ein wenig Kopfschmerzen bereitete, weil er in solcherlei Künsten nach höfischer Art noch weniger erfahren war.

Er hatte sich am Nachmittag, da das Programm für diesen viel­seitigen Vergnügungstag bekannkgegeben war, heimlich aus der herzog­lichen Bibliothek des Francisci Philippi FloriniOeconomus Prudens Et Legalis Oder Großer Herren Stands Und Adelicher Haus-Batter" kommen lassen und las nun austnerksam im Kapitel von der Schlitten­fahrt,wie ein Cavalier sich zu Schlitten praesentirt und wie dessen Glied­maßen einzurichten: daß der Kopfs und gantze Ober-Leib wohl aufrecht gehalten werde. Die Achseln und Schuldem niedrich und gleich. Die Ellenbogen wohl am Leib geschlossen. Die Armen gerat) unter sich hängend. Die Hände schwebend und wohl rundirt, damit man die Leit- Seile desto besser führen könne. Mit dem Gesäß nur halb gesessen, und nur etwas auf den Sitz geruhet. Die Knie wohl einwärts gedrehet, damit die Füße längst der Kupffen wohl aufzustehen kommen, und ja nicht über­zwerch aufgesetzet wenden. Was noch anbelangt das avenriren des Pferdes . . ." Da konnte einem ja schon etwas ängstlich werden, daß man vielleicht doch den einen oder anderen Punkt diesesPeriinenz fürstlichen Divertissemens" vergaß und im Zuge der phantastisch auf- geputzten und zauberisch durcheinander klingelnden Schlitten eine komische Figur abgab. Wozu noch das kam: daß den Herren die Damen zugelost wurden, die sie zu fahren hatten. Wenn er kurz nach seiner Ankunft an daslieb Täntgen" Johanna Fahlmer geschrieben hatte:Wie eine Schlittenfahrt geht mein Leben, rasch weg und klingelnd und prome­nierend auf und ab", so hatte er doch nicht an die Möglichkeit solch eines Schlitten-Carrovsels gedacht.

Blauester Himmel lag über der gefrorenen Luft und der weißen, knistern-den Straße, da Sina, die Tochter des Geheimrats und Land­schaftskassendirektors von Oppel, dem jungen Dichter als Schlitten-Dame zugelost ward. Daß es die Frau Kammerherrin, Stallmeisterin und Baronin von Stein werden würde, erwies sich als trügerische Hoffnung.

Die Ausfahrt aus der Stadt mit Läufern und Heiducken und der Weg durch das entlaubte, reifstarrende Gehölz des Webichts machte sich ja noch ganz leidlich; da nun auf der weiten Wiese vor dem Tiefurter Schlößchen die Parade des Carrousels ausgestellt, die Stimme des Oberforstmeisters von Witzleben als des Maitre de Camp laut ward von allerlei Worten wie Volten, Levaden, schwindelte es Goethe; und er ahnte, daß er mindestens die zweite Volta links zu scharf nehmen und umkippen würde. Und da

flog er auch schon mit seiner Dame in gar nicht kühner Hyperbel derb in den Schnee und wußte nicht, ob er sich mehr über sein Mißgeschick als über fein schmerzendes Schienbein und das Gelächter der fürstlichen Gesellschaft ärgern sollte. Mit artiger, süßsaurer Entschuldigung schied er aus dem Rennen aus. Auch nachmittags bei dem Wettlaufen nach Aepfeln würde er

! nun nicht unter den Wettbewerbern fein ...

i Er hatte feine liebe Not, abends pünktlich maskiert in Altenburger - Bauerntracht mit langer, schwarzer, vorn mit Hefteln geschlossener Rock- ; Kappe, mit weiten bocksledern en Hosen, langen Stieseln, niedrigem Filz- > Hütchen und Knatenstock auf dem Schwanfee zur Opernaufführung auf dem Eise zu erscheinen. Fackeln, Lampen und Pechpfannen leuchteten über den Hoboisten und der Janitjcharenmusik, über demBarbier von Sevilla", bis Feuerräder, Raketen und Mörser den Beginn des Maskenballes auf Schrittschuhen anzeigten. Er würde sich sehr zusammennehmen müssen, sich nicht durch sein etwas hinkendes Bein allzu schnell zu verraten, wie er es sonst wohl durch sein meisterliches Bogenlaufspiel leicht hätte tun können. Seine Blicke irrten durch all die märchenhaft buntaufgeputzten Damen nach der einen einzigen, für die sein Herz seit den ersten Weimarer Tagen schlug, nach der liebsten Frau, die er in seinem Tagebuch nur mit dem mystischen Sonnenzeichen einschrieb nach Frau von Stein, indessen er sich bemühte, möglichst einen groben Bauernschlendrian vorzutäuschen. In halbbitterer Selbstironie stiegen Verse in ihm auf, die er im ver­gangenen Jahr solch reizender Eisvergnügung verdankte:

Sorglos über die Fläche weg, Wo vom kühnsten Wager die Bahn Dir nicht vorgegraben du siehst, Mache dir selber Bahn!

stille, Liebchen, mein Herz!

Kracht's gleich, brichi's doch nicht!

Bricht's gleich, bricht's nicht mit dir!"

Das Liebchen diese große Schöne da, ihr eines Bein ein wenig nach­ziehend, war gewiß die gute arme Lina von Oppel von heute morgen; er würde sich fein zu hüten wissen, die sicher Erboste jetzt zu einem Eis- walzer zu engagieren, so sehr ihre figürliche Commodität an die liebste Frau erinnern mochte die ihm jetzt durch den lachenden Trubel ent­gegenschwebte aufschlüpfendem Stahl", im seligen Wissen seines Verses: Bricht's gleich, bricht's nicht mit dir!" Und schon entführte sie beide der hold geflügelte Tanz in die mystische Schummrigkeit 'einer, ach, so kuß- günstigen Kulisse, daß plötzlich warmer Mund auf heißem Munde lag.

Ein heller Trompetenstoß befahl die Demaskierung. Goethe stand der lachenden Lina gegenüber. Indessen jetzt, leicht hinkenden Fußes, von Herrn von Knebel geleitet, Frau von Stein ihre Erscheinung hertrug und den erstaunt fragenden Augen des Freundes nichts zu erwidern hatte als: Ja, hat man Ihnen denn gar nichts von meinem Malheur gesagt, daß ich mittags auf der Treppe ausglitt ..

Reiseeindrücks aus England.

Von Dr. Eva Thaer.

Es gibt heute noch manch einen Menschen in Deutschland, der glaubt, England und die Engländer hassen zu müssen, der nicht weiß, oder nicht daran denken will, daß auch über die Länder unserer Feinde der Krieg wie eine Gottesgeißel geschritten ist. Es ist überall bei uns und den an­deren so viel gelitten worden, daß zuvor persönliche Anklage auf allen Seiten verstummen sollte. Und es gibt hüben wie drüben Menschen, die längst aufgegeben haben, anzuklagen, die nur das Bestreben haben, zu versöhnen, auszugleichen, zu mildern, was an furchtbaren Schrecknissen über Europa hereinbräch. Und wer das Lieben trotz aller Einsicht noch nicht fertigbringt, der sollte einmal hineinfahren inFeindesland", und er wird, vielleicht zu seinem Erstaunen, finden, daß daviel zu lieben ist.

So ging es mir während der Monate, die ich in England verbrachte. Das Gefühl, das von Anfang an sich einstellte und immer stärker zum Durchbruch kam, war das der Verwandtschaft, und es ist verständlich, wenn man an die uralte Zusammengehörigkeit denkt, die germanische Völker verbindet. Was auch immer den Krieg heroorgeusen, was ihn ver­schuldet hat, hier wurde er zum blutigen Bruderkrieg.

Vielleicht muß man als unpolitischer Mensch Englands Boden betreten, um so zu empfinden, um von dem menschlichen Jammer des Geschehenen erfdiüttert zu werden.

Der Engländer ist in seinem Haus, in feiner Familie liebenswert. Es ist vielleicht die Stelle, wo er. fein eigentliches Wesen am schönsten un­tiefsten offenbart. Richtig ist, daß er dem Fremden gegenüber im all­gemeinen zurückhaltend, verschlossen, ablehnend erscheint. Hat er einmal Herz und Haus geöffnet, dann ist es zu steter treuer Freundschaft.

Schön und behaglich ist das englische Familienleben. Es erscheint darum noch besonders eng und traulich, weil er sich meistens auf engem Raum abspielt. Der Kamin ist der Sammelpunkt, wo sich im Frühstücks