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Der Sturm, der schon am Nach-,...rage die Molken zerrissen hotte, aus denen seit Wochen eintönig der Regen rauschte, Hütte am Abnb die Luft so rein gefegt, daß man in der stemenUaren Nacht die Wachtfeuer der Preußen sehen konnte. Nun brannte die Sonne schon am frühen Morgen grell und warm über die weiten Wiesen und Auen am Flusse vor Elsterwerda.
Sie pflegten nicht lange zu dauern, die Feldmessen des Pandurengenerals. Doch schien es, als hätte es heute der Praedicant noch eiliger als sonst Kaum war er mit seinem Amte zu Ende, so ordneten sich schon die Regimenter auf einem breiten Wiesensirich an dem Ufer der Elster. Vor sich das grüne Land und die sich verfärbenden Wälder, im Rucken das schmale blitzende Band des Flusses hinter Büschen und Weiden. Wie's alle Sonntage war seit fünf langen Wochen. An einem Wäldchen zwischen Städtchen und Lager wartete der Hadik mit seinem kleinen Stabe: dem Koiowrat, zwei Leutnants, einem Kornett und einem Wachtmeister. Mehr liebte er nicht. Der Adjutant sah besorgt nach den nahen flachen Hügelketten und Wäldern. Er begriff den General nicht recht. Auf eine Stunde schneidigen Ritts hinter nicht zu übersehendem Land die feindlichen Borposten, und der Hadik ließ, unbekümmert um alle preußischen Neitergenerale paradieren, als wäre man auf dem Glacis zu Wien. Eine Husarenschwadron war draußen auf Sicherung, sonst nichts. Der Kolowrat hatte nicht lange Zeit, zu denken. Drüben waren die Regimenter erstarrt. Der Hadik stieg in den Sattel. Ein kurzes Tänzeln des ungarischen Schimmels, dann jagte er. sein kleines Gefolge hinter sich, gegen die funkelnden, glitzernden Linien. Der Wind, der immer noch wehte, trug ein zerfetztes Signa! den Arbeitenden entgegen.
Es blitzte und spielte die Sonne in dreitausend Säbeln, in Schnüren und Knöpfen, aus Bügeln und Zaumzeug. Schnurgerade standen auf sechs Schritt Abstand die Eskadrons, auf zwölf die Regimenter. Er waren ihrer nicht viele. Es standen im ersten Treffen Regiment Eugenius von Savoyen, daneben sechs Schwadronen ungarischer Husaren, es standen im zweiten Halbregiment de Ligne, zwölfhunderl Panduren und vier Kanonen. Kommandorufe, Trompetengeschmetter: der älteste Obrist flog mit gesenktem Säbel heran, parierte, meldete, warf sein Pferd herum und tagte neben dem Hadik her.
So dicht brauste der General an den Regimentern vorüber, daß die von den Schultern wehenden Attilas und Dolmans des Gefolges die Nasen der Eskadronsführer streiften. Das erste Treffen hinauf, das zweite herunter. Mit einem Ruck wandten sich die Köpfe ihm nach. Wie eine Erscheinung war er vorüber. Dann hielt er. D»r Obrist wartete auf den Befehl zur Defilierung. Er wußte ihn auswendig feit fünf Sonntagen: „Regimenter in entwickelter Linie — Galopp! Ader furios 1"--Wehe
der Schwadron, bei der eine Pferdenase aus dem schnurgeraden, schimmernden, jagenden Bande hervorsah! Die ließ der Hadik reiten und exerzieren, bis das Vesperläuten aus Elsterwerda herüberklang. Er dachte nicht an Sonntag und Essen, wenn er eine Schwadron kuranzte.
Aber der Hadik schwieg. Ritt langsam vor die noch immer erstarrte Front, hielt sah die Linien hinauf und hinunter, als überlegte er. Dann erst befahl er: „Regimentskolonnen mit vieren rechts — Schritt!" Der Obrist sah drein, als hätte er nicht recht gehört, wiederholte mechanisch den Befehl, preschte davon. Denn das war, bei Gott, noch nicht geschehen, seit der Hadik als Pandurengeneral Parade hielt. Verwundert sah auch der Koiowrat auf den General. Sollten ihm die „charmanten Kanaillen" das Temperament verdorben haben? Fast schien es ihm, als hätte der Hadik den Blick bemerkt, denn der schm- nzelte, als er sich langsam an die Spitze der Kolonne setzte. Dann zog er den Säbel. Ein Blitzen über seinem Kalpak. eine kurze Wendung des Kopfes: „Galopp!"
Dröhnend, polternd raffelten die Regimenter am Lager vorbei über die noch feuchten Wiesen und Aecker. An Elsterwerda vorüber, wo die Bürger eben vom Gottesdienst kamen, doch nicht weiter glotzten und gafften, weil sie des höllischen Reitens all die Wochen genug gesehen hatten. Kleiner und kleiner wurden die Zelte und schmäler das silberne Blitzen der Elster.
Die Offiziere und Reiter sahen einander an. Belustigt die älteren, grimmig die jungen. Das sah dem Hadik ähnlich, am Sonntag Manöver zu halten, statt daß man die Bürgermädels hofieren konnte. Werden Augen machen, die Mädels, wenn sie in den Zelten .nichts als Marode und Fuhrwerker finden!
Das Städtchen flog vorüber. Da bog der Hadik hart nach Norden, neben die Poststraße, die heraus aus Elsterwerda führte. Er dröhnte das Pochen von zwölftausend Husen. Es kreischten die Sättel und klirrten die Waffen. Wälder verschlangen die glitzernde, vorwärts schießen de Schlange. Da fiel der Hadik in Schritt. Er sprach fein Work. Regelmäßig nur wie die Schläge einer Uhr kam von Zeit zu Zeit sein Kommando: Schritt — Trab! — Schritt! — Trab! Kam ein weiches Wegstück oder eine weite Wiesenfläche für eine Weile — Galopp.
Die Stunden vergingen, die Sonne stieg gegen Mittag, und der Hadik ritt. Manchmal nur nahm er den Kalpak vom Haupt, um sich den Schweiß aus der Stirne zu wischen. Erst am frühen Nachmittag ließ er rasten. Nach einer Sterbe war man wieder im Sattel. Kehrte man jetzt um, konnte man um Mitternacht wieder im Lager sein, wenn der Dessauer nicht inzwischen im Neste saß. Aber der Hadik dachte nicht an Umkehr und ritt, bis die Sonne sank, gleichmäßig weiter.
Hufarenpatrouillen jagten, hinter der Kolonne auftauchend, nach vorne zum General. Sie mußten ein Höllentempo reiten, um die Regimenter zu Überholen. Bei jeder, die kam, nickte der General befriedigter. Als endlich auch der Rittmeister jener Schwadron, die am Morgen auf Sicherung gewesen war, an ihn heransprengte, da kam es dem Kolowrat in den Sinn: „Der Hadik reißt aus vor dem Herrn Bruder Moritz von Dessau, Feld- marschall und Prinz!" Grimmig genug sah er drein und ritt, daß den Seinen Hören und Sehen verging. Dann Hütter er aber, dachte der Adjutant, nicht so prahlerisch tun zu brauchen am Abend vorher.
. Erst als der letzte Sonnenstrahl über eine flache, sandige Hügelkette ' in eine von Buschwerk bestandene Niederung einfiel, schwenkte der General mit seiner Suite vom Wege ab und ließ die Regimenter passieren. Ausmerlsam musterte er die Seine der Pferde, die Haltung der Reiter, die wohl müde und steif waren, sich aber strafften und reckten, als sie an ihm oorübertrabten. Da strich der Hadik lachend [einen Schnurrbart, sah . den Kolowrat an, zwinkerte und sagte: „Charmante Kanaillen — was?? • Ein Gedanke durchzuckte den jungen Offizier, der sich den ganzen Tag hindurch den Kopf zerbrochen hatte, wohin zum Teufel der Hadik doch reite. Selber sein Einfall schien ihm zu närrisch, als daß er ihn glauben wollte. Dennoch starrte er fragend den Hadik an. Der aber drehte seinen Schnurrbart, nickte kurz und lachte: „Erraten, Rittmeister! Aber halt Er'«
j Maul darüber!"
j Zwei Stunden später, in einem moorigen, von Tümpeln, Brackwasser ! und Weihern durchzogenen Wald, ließ der General endlich halten und ! abfatteln. Als hinter kleinen Felsblöcken und vom Sturm zerbrochenen Bäumen versteckt, die Feuer brannten, nur das Brodeln der Kessel und das Kauen der Pferde in der stockdunklen Nacht zu hören war, saß der Kolowrat, an einen Stamm gelehnt, allein vor einem Feuer, hatte eine Karte auf den Knien und zirkelte an die zwanzig Male kopfschüttelnd die Entfernung: Elsterwerda—Berlin.
Hatten schon am Abend die Wälder der Spree die Kolonnen verschlungen, die unhörbar fast auf dem Moos des Waldes und dem Wald» doden pochten, so waren am folgenden Tage die Regimenter wie von der Erde verschwunden. Daß dreitausend Reiter der Kaiserin durch Brandenburg ritten, wer konnte das ahnen? Erschrocken und ängstlich duckten sich die wenigen Bauern im Moor, wenn, aus einem Waldstück vor- drechend, der glitzernde Heerwurm sich zwischen Tümpeln, Weihern und Seen hindurch wand ober des Morgens und Abends hinter den ziehenden Nebeln schattenhaft wie eine Geisterjagd oorüberbraufte.
i Der Hadik ritt, kaum daß ein Schimmer des Morgens sich über die schwarzen moorigen Seen legte, bis tief in die Nacht hinein, da schon da» Mondlicht über die Wasserflächen, über Stämme und Weiden rieselte.
In den Kolonnen begann es zu raunen. Niemand, auch nicht die Obristen, wußten das Ziel dieses Reitens. Dennoch ging das Geflüster von Glied zu Glied und sprang über die jagenden, gehetzten Schwadronen: es geht nach Berlin! Doch die Offiziere schüttelten den Kopf. Waren Verwegene genug unter ihnen! Aber im Rücken weit von Thüringen bis Schlesien die feindlichen Armeen — und der Hadik jagte mit dreitausend Mann nach Berlin. Wer mochte das glauben?
i III.
Verwundert hörte es auch der Feldmarschall Moritz von Dessau, daß seit dem Sonntagmorgen das österreichische Lager vor Elsterwerda verlassen sei. Noch am Abend dieses Tages hatte man die Zelte des Feindes gesehen, lieber Nacht waren auch diese verschwunden.
Als der Seydlitz, sein Reitergeneral, jung noch wie kaum sonst ein Major, berühmt wie ein Alter, es ihm meldete, lachte der Dessauer schallend: „Ist den Kanaillen zu heiß geworden, als sie meine Serie spürten!" Ungläubig schüttelte er den Kopf, auf dem der Dreispitz tief in die braune Stirne gedrückt war, als der Seydlitz zu reden fortfuhr, Patrouillenmeldungen wiedergab, bei seiner Meinung verblieb. Aber am Nachmittage jagte eine Stafette zum König nach Eckartsberga vor Weimar.
Das zehnte Pferd von den Relaisstationen hatte der Kornett der Seyd- litzkürafsiere zuschanden geritten, als er am folgenden Morgen durch die Gassen des Hauptquartiers fegte.
„Zum König!" schrie er, heiser von Reiten und Staub, als eine Gruppe von Offizieren fluchend vor ihm auseinanberftob. Man wies ihm den Weg. — Die Beine schmerzten ihn, als er die hölzerne Treppe de» Rathauses hinaufsprang.
Hinter dem meldenden Adjutanten trat er ein. In einem kleinen Zimmer mit einem Bett, einem Tisch und zwei Stühlen, stand am Fenster, wohin ihn der Hufschlag getrieben, die Hände auf dem Rücken, in blauem Rock Friedrich und sah auf den Platz hinunter. Ms er die hastigen Schritte, Klopfen und das Oeffnen der Türe hörte, wandte er sich um. Rasch trat er an den Kurier heran. Während die großen strahlenden Augen fragend auf den Kürassier ruhten, dem die Beine von dem höllischen Reiten zitterten, und der atemlos, aber kerzengerade an der Tür stand, griff der König nach dem Schreiben.
I „Er kommt?"
\ „Von Sr. Durchlaucht, dem Prinzen Moritz von Desian, aus Torgau, (Eure Majestät!"
! „Wann ritt Er ab?"
| „Gestern nachmittag vier Uhr."
< „A la bonne heure! Das nenn’ ich reiten!" Anerkennend klopfte der König dem Kornett auf den Arm. „Er kann's zu was bringen! Aber jetzt geh' Er! Laß Er sich Essen geben und leg' Er sich bann schlafen!"
Der Kornett machte kehrt unb ging. Da riß Friedrich das Schreiben auf, las es im Gehen, schüttelte den Kopf, sah von der Seite nach dem Adjutanten, der wartete unb die Fliegen an der Deck« zu zählen schien. Der König trat an den Tisch, auf dem die Karten lagen, zirkelte, überlegte. Dann fuhr er auf: „Den Generalleutnant von Manstein! Vit« vite!"
Ms sich die Tür hinter dem Offizier geschlossen, nahm der König seinen Spaziergang wieder auf. Sechs Schritt hin, sechs zurück, zwischen Türe und Fenster. In der Linken, die am Rücken ruhte, hielt er bas Papier, bas der Kornett in einer Nacht von Torgau nach Eckartsberga getragen. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf die Sorte, horchte, stapfte oerbroffen weiter, wartete.
Nach wenigen Minuten erschien der Generalleutnant. Der König blieb stehen, er war blaß. Aber seine Stimme klang wie sonst, als er den General ansah und sagte: „Hör' Er, Manstein, der Hadik ist aus dem Lager von Elsterwerda echappiert!"
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: i)r. HanS Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitätS-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


