Ich selbst blieb an jenem Nachmittage zu Hause Ich hatte gerade begönnern in Lessings kühne», funkelnden Sinngedichten zu lesen, das ließ mich nicht mehr los. Und ich saß auch noch des Abends davor, mit brennenden Schläfen, bei der singenden Gaslampe, als mein Freund vergnügt hereinstolzierte, unter dem Arm ein ganz gewaltiges Paket, das er lächelnd vor mich hinstellte.
Er nestelte gemächlich die Schnüre los, entfaltete den Karton und — es lag vor meinen erstaunten Blicken eine stattliche Reihe köstlich in duftendes Halbfranz gebundener — Bücheri
„Da schau her, was ein kalter Ulane noch alles wert sein kann", lachte der Kamerad und schlug mir wohlwollend auf die Schulter.
O Gott, wie wurde mir da! Stück für Stück legte er langsam vor mich hin: Lessings gesammelte Werke in vier Bänden, Shakespeare in acht, Uhland und Wieland in je drei Bänden! Und das alles hatte sich der Schlaukopf für seinen bronzenen Ulanen eingetauscht!
Wir wurde bei dieser Erkenntnis merkwürdig schwül zumute.
„Die Bücher stehen dir natürlich sämtlich zur Verfügung," fuhr der Kamerad mit gönnerhafter Gebärde und immer lächelnd fort, „wir haben wohl beide genug daran zu lesen, bis wir alte Generäle sind, meinst du nicht?"
Gewiß, ich meinte es, zugleich aber fühlte ich inmitten meiner Zerknirschung so etwas aufsteigen wie eine heiße, verrückte Liebe zu meinem- armen, schmucklosen Lessing, den ich mir so wahnsinnig teuer erworben hatte, Liebe von jener Art, wie sie etwa eine Mutter empfindet für dasjenige ihrer Kinderlein, für das sie die schwersten Opfer gebracht, obgleich es das am wenigsten schöne ist.
Das ist die Geschichte meines kostbaren Lessings. Ich lernte trotz aller Enttäuschung daraus, daß der Wert der Dinge nicht immer nur von ihrer bloßen Wesenheit bestimmt wird. Oft ergänzt er sich auch aus dem, was wir aus Eigenem hinzuzugeben haben auf dem Wege zu ihrem tieferen Besitz.
Deutsche BAder der „Verkündigung".
Ein Kapitel Weihnachtskunst von Walther A p p e l t.
Dis meisten Stoffe der Heilandsgeschichte find bis in unsere Tage immer wieder gemalt oder sonstwie künstlerisch gestaltet worden, — trotz der Indifferenz oder gar Skepsis, mit der weite Kreise heute den kirchlichen Dingen gegenüberstehen. Dagegen treten, vorwiegend wohl aus konfessionellen Ursachen, die Verherrlichungen des Marienlebens seit der Reformation mehr und mehr zurück. Unter den Themen, an die wir hierbei vornehmlich denken, steht die „Verkündigung" (Lukas 1) mit an erster Stelle. Gerade sie ist in der frühen deutschen Kunst häufig gebildet worden.
Einige der hervorragendsten dieser Werke wollen mir betrachten. Ohne im einzelnen Beeinflussungen und Abhängigkeiten zu suchen, sei ganz allgemein vorausgeschickt, daß viele unserer Künstler sich in Aeuherlich- keiten der — im Aufbau verhältnismäßig einfachen — Szene an italienische Vorbilder angelehnt haben, so die Gemälde von Botticelli, Fra Giovanni Angelico, Filippo Lippi, oder an die Reliefs der Donatello, Pisano usw. Das gilt nicht nur für die Entfaltung eines oft glänzenden Prunkes (besonders im Gewand des Erzengels Gabriel und in der umrahmenden Architektur), sondern auch für gewisse, fast stets wiederkehrende Momente und ausschmückende Beigaben: die niederschwebende Taube des „Heiligen Geistes", das Lesepult der Maria, die von dem Engel überbrachten oder bereits in einer Vase stehenden Lilien. Weitere Hinzufügungen, die der auf naive Anschaulichkeit zielenden Art der deutschen Primitiven entsprechen, sind namentlich in Buchminiaturen anzutreffen. Da ist der Erzengel meist von einem zahlreichen Gefolge umgeben.
Aber auch in Gemälden finden wir das, und viele Künstler lassen sogar Gott selbst segnend aus die beiden Hauptgestalten herabschauen (Brixener Dom, Wolfgangsaltar in Breslau, Kölner Meister um 1410, und selbst noch der sog. Meister der Heiligen Sippe, 1810). Nicht anders ist es, man möchte sagen: selbstverständlich, bei unferm Meister Bertram (14. Jahrhundert), der auch eine andere Eigentümlichkeit der deutschen Bilder am augenfälligsten macht: die Schriftbänder, die die Botschaft des Engels an die Jungfrau tragen. Sie beeinträchtigen natürlich mehr oder weniger das rein Bildhafte der Darstellung, zumal wenn auch noch Marias Worte ebenso festgehalten werden (Lübecker Meister um 1420). Darum wohl läßt Stephan L o ch n e r, dessen „Verkündigung" eines der bemerkenswertesten unter den hierher gehörigen Werken ist, den Himmelsboten nur ein Pergament in der Hand halten, das sich dem Bilde passend einfügt. Im übrigen ist die Maria bei weitem der künstlerische Schwerpunkt seines Bildes, das er leicht stilisierend in zwei getrennte Hälften teilt. In Haltung und Gebärde — demütiges Hinnehmen des ihr Bestimmten — der des "Conrad v o » S o e st (Wildunger Altar) frei nachgeschaffen, ist sie die hinreißendste Personifizierung und in ihrer schlicht-frommen Schönheit unerreichte Weihe deutsch-mädchenhafter Zartheit und Innigkeit.
Selbst Dürer konnte die ragende Einmaligkeit dieses Werkes huldigender Hingabe nicht erschüttern. Er, dessen Madonnen durchweg mehr fraulich lebensgereifte Züge haben, bleibt gerade im Bemühen um den gleichen Stoff weiter dahinter zurück als in anderen seiner zahlreichen Marienbilder. Der Dürerschen „Verkündigung" und ihrem Marientyp vergleichbar ist die Darstellung des Hermann tom Ring, Ende des 16. Jahrhunderts.
Im Gegensatz zu Stephan Lochner faßt Matthias Grünewald (Jfenheimer Altar) den Vorgang, den er in die Gebetnische eines Domes verlegt, wieder ganz zur Bildeinheit zusammen. Seine Maria, die in Abweichung von allen Vorgenannten noch keinen Heiligenschein trägt, ist geblendet von der stattlich unirdischen Erscheinung des Engels, senkt die Augenlider und neigt unwillkürlich das Haupt zur Seite. Aber ihre wundervollen, im wahrsten Sinne des Wortes „sprechenden" Hände drücken deutlich genug die gottergebene, abgeklärte Bereitschaft aus, zu erfüllen, "ozu sie berufen wurde.
Vielleicht sind es nicht einmal so sehr, oder doch nicht allein die eingangs erwähnten konfessionellen Ursachen, die die Künst.er späterhin auffallend das Thema der „Verkündigung" meiden ließen. Vielleicht haben sie auch erkannt, daß die besprochenen Gestaltungen des erhabenen Vorwurfs endgültig sind und bleiben müssen, — daß sie selber nichts als schwächlich-epigonenhafte Abbilder davon hätten hervorbringen können.
Vermächtnis der Anirks.
Von Hugo von Hofmannsthal.
Der soeben erschienene Insel-Almanach auf das Jahr 1928 bringt eine Rede, die Hofmannsihal bei einem Feste von Freunden des humanistischen Gymnasiums gehalten hat. Der Dichter behandelt hier kn einem bedeutsamen Bekenntnis die wichtigsten Fragen unserer Eeistesku-ltur.
Die Unruhe ist nach wie vor allgemein, der Zweifel und die Verworrenheit eher im Wachsen als im Abnehmen. Die materiellen Auswirkungen der Katastrophe, durch die wir gegangen find, bleiben ungeheure: aber wir gewahren, daß di« geistigen noch fruchtbarer und noch folgenreicher sind. Wir versuchen, uns zur Klarheit durchzuringen, zu erkennen, was dahingestürzt und was noch aufrecht ist; aber _äer ordnende Sinn in uns selber, der allein zu solchen Urteilen fähig wäre, ist im tiefsten beschädigt. Niemand ist geistesmächtig. niemand scharfsinnig genug, sich über das. zu erheben, was alle und alles umstrickt. Unsere Befürchtungen, die manchmal die Betonung des Schreckens annehmen, finden immerfort und von allen Seiten her neue Nahrung, unsere Hoffnungen sind unsicher und vag; di« stärkste von ihnen, paradoxerweise, ist die, welche wir gerade aus der Größe der Bedrohung, aus der umfassenden Gewalt des Ereignisses ziehen.
Es gibt nichts im geistigen Bereich, das nicht versehrt märe. „Der Geist selbst ist verwundet", sagt ein Franzose. „Unsere Welt ist im Untergehen", schreibt ein Deutscher auf sein Buch. „Wir find allein", ruft ein Spanier aus. „Der Europäer von heute steht allein ohne lebende Tote an seiner Seite." In der Tat, das, was fünfzehn Jahre hinter uns liegt, ist so fern, ; von uns, so unerreichbar wie Sesostris und Nimrod. Wir sind ganz allein.
Die Geschichte, wenn wir uns an sie wenden, ist kalt und vieldeutig in ihren Antworten wie ein Orakel. Schlagen wir heute ihre Blätter auf, so scheinen uns die Jahrhunderte bis zurück an den Ausgang des Mittelalters von nichts zu sprechen als von dem Kommen des Kataklysmas, das uns heute unter Trümmern erschlägt. Was immer sich im Geistesleben vollzogen hat, von jener Anfangstat des 16. Jahrhunderts an, jener Setzung des Ethos über den Logos, di« wir den Protestantismus nennen — mit dem wissenden Auge, das der heutig« Tag uns gibt, sehen wir in die Kett« der Geschehnisse nicht als di« Vorbereitung deßen, was heute Wirklichkeit wird. Der rückwärts gewandte Prophet heftet den gleichen, eisigen, un- durchdringlichen Blick auf uns wie die Gegenwart selber.
Zwischen der Zeit, in -der wir jung waren, und heute liegt ein Abgrund, und einer, dessen Ränder nicht einmal fest sind, sondern der stündlich weiter um sich frißt. Das Begrenzte, auf dem allein wir geistig zu fußen vermögen, ist im Begriff, sich zu verflüchtigen wie Rauch; das Unmeßbar«, die indefinit« formlose Materie unserer Wetterfahrun-g, überflutet den Bezirk unseres Daseins. Das, was sich vollzieht, ist schreckensvoll und kaum mehr deutbar. Es gibt diesem Ungeheuren gegenüber di« Haltungen einzelner: Gebärden der Abwehr, des Stoizismus und der Verzweiflung, aber die Grundgebände des Europäers ist nicht mehr wahrnehmbar, und auch jenen einzelnen Gebärden fehlt es an Kraft und Größe. Da und dort flammt ein jäher Orientalismus auf — auch Rußland ist Orient! —, aber ohne fortreißende Kräfte; und an denen, die ihm huldigen, wird nichts so deutlich wie der Wunsch, allen Ballast abzuwerfen, und wäre es das eigene, denkende Selbst. Achtet man dieser einen Fluchtgebärde nicht, so geht alles darauf aus, sich der „Wirklichkeit" zu unterwerfen. Diese aber wechselt dämonisch ihre Mienen: -denn Wirklichkeit ist geistige Schöpfung» und jene wechselnden Mienen sind nichts als der Reflex des inneren Seelenschwindels einer Menschheit, die zur Schöpfung nicht mehr die Seelenkräfte in sich trägt.
5 Wir leben in einem kritischen Weltmoment, der zu Festen kaum Raum i gibt. Aus Kriegen der Völker und Konflikten der Klassen sind neuartige , Religionskriege geworden, Geisteslriege, um so mörderischer, als sie in i der Holbnacht wechselseitigen Nichterkennens geführt werden; Sekte ringt i mit Sekte, und niemand will es wahr haben, in welch unheimlicher Weife i über Rackst von unsichtbaren Händen die furchtbaren Gewichte des leib« j liehen und des geistigen Behauvtungswillens der Massen lautlos vertauscht | werden: bald verkleidet sich Oekonomie als Geist, bald Geist als Oeko- i nomi«. In der verworrensten der Welten treten sie zusammen und wollen f das Fest der Unverworrenheit feiern, der höchsten Offenbarung geistiger ! Klarheit, die je da war.
Das, wofür sie einstehen, ist der Geist der Antike, ein so großes Numen, daß kein einzelner Tempel, obwohl viele ihm geweiht sind, es faßt.
Es ist unser Denken selber; es ist das, was den europäischen Intellekt geformt hat. Es ist di« eine Erundfeste der Kirche und aus dem zur Weltreligion gewordenen Christentum nicht auszuscheiden; ohne Platon und Aristoteles nicht Augustin noch Thomas. Es ist die Sprache der Politik, ihr geistiges Element, vermöge dessen ihr« wechselnden >md ewig wiederkehrenden Formen in unser geistiges Leben eingehen können.
Cs ist der Mythos unseres europäischen Daseins, die Kreation unserer geistigen Welt (ohne welche die religiös« nicht sein kann), di« Setzung von Kosmos gegen Chaos, und er umschließt den Helden und das Opfer, di« Ordnung und die Verwandlung, das Maß und die Weihe. Es ist kein angehäufter Vorrat, der veralten könnte, sondern eine mit Leben trächtige Geisterwelt in uns selbst: unser wahrer innerer Orient, offenes unverwesliches Geheimnis.
Es ist ein herrliches Ganzes; tragender Strom zugleich und jungfrau» licher Quell, der immer rein hervorbricht. Nichts in seinem Bereich ist I“ alt, daß es nicht morgen als ein Neues, strahlend vor Jugend, hervor-


