Eichener Zamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage znm Gießener Anzeiger
Ichrgang 1927
Samstag, den Z. Dezember
Nummer 96
Wintermärchen.
Von Otto Ernst.
Auf dem Baum vor meinem Fenster Sah im rauhen Winterhauch Eine Drossel, und ich fragte: „Warum wanderst du nicht auch?
Warum bleibst du, wenn die Stürme Brausen über Flur und Feld, Da dir winkt im fernen Süden Eine sonnenschöne Welt?"
Antwort gab sie leisen Tones: „Weil ich nicht wie andre bin. Die mit Zeiten und Geschicken Wechseln ihren leichten Sinn. Die da wandern nach der Sonn« Ruhelos von Land zu Land, Haben nie das stille Leuchten In der eignen Brust gekannt.
Mir erglüht's mit ewigem Strahle — Ob auch Nacht auf Erden zieht —, Sing' icb unter Flockenschauern Einsam ein erträumtes Lied.
Dir auch leuchtet hell das Auge; Deine Wange zwar ist bleich, Doch es schaut dein Blick nach innen In das ewige Sonnenrsich.
Lah uns hier gemeinsam wohnen, Und ein Lied von Zeit zu Zeit Singen wir von dürrem Aste Jenem Glanz der Ewigkeit."
Der kostbare Lessing.
Eine Weihnachtserzählung von Franz Karl G i n z k e y.
Zu den wertvollsten Büchern meiner kleinen Bibliochek gehört eine schlichte, einbändige Auswahl von „Lessings poetischen Schriften", die vor etwa drei Jahrzehnten in der Goschenschen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart erschienen ist. Sie hat gewiß keinen Seltenheitswert und kann auch, ihrem bescheidenen Aussehen nach, keinerlei bibliophile Schätzung beanspruchen. Und doch bedeutet mir der angejahrte, auf dünnes Papier gedruckte, in gewaltsam verziertes Seinen gebundene Band einen kostbaren Besitz, aus den ich um vieles nicht verzichten möchte. Er ist mir im Lauf der Zeit zu etwas sehr Lebendigem, Beziehungsreichem, symbolisch Bedeutsamen geworden, und zwar um der merkwürdigen Umstände halber, unter denen ich ihn «inst erwarb. Die kleine Geschichte mag erzählenswert sein, wenn man den etwas abseitigen Abenteuern eines fünfzehnjährigen Jungen überhaupt Beachtung schenken will.
In der Jnfanterie-Kadettenschule zu Triest nämlich, in der ich, nicht ganz nach meinen inneren Wünschen, zum Vaterlandsverteidiger herangebildet wurde, pflegten wir das Weihnachtsfest durch ein großes gemeinsames Tombolaspiel zu verschönen, was unseren bescheidenen Ver- gnügungsanipriidjen durchaus angemessen war. Wir hatten als Bedingung ausgestellt, daß es ebensoviele Gewinste geben mutzte, wie man Teilnehmer am Spiel zählte, wobei für die Würdigkeit und Auswahl der Geschenke lediglich der liebe Gott verantwortlich blieb. Das Schulkommando sah sich solcherart der Sorge enthoben, ledern einzelnen das für ihn passende Weihnachtsgeschenk zu überreichen, und wir Zöglinge betrachteten das Ganze als eine Art kommunistischer Unterhaltung, die aus einen gesunden Konkurrenzneid fidelen Glücksrittertums ausgebaut war, was allerdings in einigem Widerspruch stand mit der sanften Botschaft des heiligen Christ.
Vor allem wurden wir Zöglinge, ehe die Geschichte losging, in langem Zuge an den weitzgedeckten Tischen vorbeigeführt, auf denen die vielen schönen Geschenke säuberlich ausgebreitet tagen; es gab da besonders unter den höheren Gewinsten, mancherlei begehrenswerte Sachen, die das Herz eines werdenden Kriegers höher schlagen lassen konnten, wie ziselierte Taschenuhren mit Hufeisenkettchen, strammgefüllte Zigaretten- kistchen, Bronzegegenstände militärsymbolischen Charakters, Reitpeitschen mit silbernem Pferdekopf und ähnliche Wunderdinge.
Die Tombola begann gleich nach dem Weihnachtsessen; es saß ein jeder vor seinem mystischen Zisserntäfelchen und lauschte den Nummern., die da schicksalsverkündend ausgerufen wurden.
Ich sAbst, die Stimmung jenes Abends schwebt mir noch deutlich vor, teilte damals die Aufregung meiner Kameraden nicht. Ich hatte meine Hoffnungen von Anfang aufs Bescheidene gestellt, ich rechnete mit keiner hohen Glückszahl und hatte auch bereits meine sichere Wahl getroffen: um den schlichten, weißgebundenen Lessing war es mir zu tun, der da unter den vielen blitzenden Gegenständen als einziges geistiges Wertobjekt den militärischen Weihnachtstisch zierte. Hätte ich fürchten sollen, daß mir jemand darum zuoorkomme? Unter allen Kameraden kannte ich nur einen, dem das zuzutrauen gewesen wäre. Er saß unweit von mir am Nachbartische und lächelte eben, wie es seine Art war, mit seinem hübschen, verschmitzten Bubengesicht auf seine Tombolakarte nieder. Er war ein aufgeweckter, grundgescheiter Bursche, der nur selten ein Lehrbuch zur Hand nahm und trotzdem immer einer der ersten im Jahrgang war. Am liebsten las er in den deutschen Klassikern, wo immer er sie erwischen konnte. Bei den Kameraden mar er beliebt, obwohl sein spöttisches Wesen sie zuweilen bedrückte.
Das also war der Mann, mit dem ich allenfalls zu rechnen hatte. Ich konnte mich im Laufe des Spieles nicht enthalten, hin und wieder nach ihm hin zu spähen, war aber immer wieder beruhigt, denn ich war ihm, so schien es, auf dem Ritt ums Glück immer um irgendeine fette Rümmer voraus.
Unb nun geschah es plötzlich, daß ich, wohl ganz gegen meine Erwartung, die dritte Tombola gewann. Mein Täfelchen hatte sich nämlich Schlag auf Schlag mit den gezogenen Nummern gefüllt, und auf einmal war es voll gewesen.
Unter dem johlenden Protest der Kameraden, wie es nämlich zu einer richtigen Tombola dazu gehört, spazierte ich nun an den Weihnachtstisch um den mir zukommenden dritthöchsten der Gewinste einzustreichen. Unb da ging nun etwas Merkwürdiges in mir vor. Ich sah die vielen schönen Geschenke werbend vor mir ausgebreitet und dachte mir: was nun? Die Offiziere, meine Lehrer, standen teilnehmend und belustigt um den Tisch herum und schienen auf meine Wahl begierig.
In diesem Augenblick war es, daß eine abseitige Stimme zu mir sprach: „Du hast dich für heute bereits auf eine Stunde mit Lessing gefreut, bleib babeil" Zugleich fühlte der Büchermensch in mir so etwas rote, einen geheimen Groll in sich auffteigen, daß diesmal nur dieses einzige einsame Buch den Weihnachtstisch zierte, unb mir war, als sollte ich es für mich allein erretten; auch war so etwas wie eine vermessene Botschaft von Trotz unb höherer Sendung in mir aufgebrochen, als ginge es nämlich hier, bei Gott, um nichts Geringeres, als um eine sofortige, höchst unerläßliche Betonung der Majestät alles Geistigen.
Und so fischte ich denn nach kurzer Ueberlegung meinen Lessing aus seiner prunkvollen Umgebung heraus unb kehrte damit zufrieden auf meinen Platz zurück, zum Erstaunen, ja zur Verblüffung aller meiner Lehrer und Kameraden.
Nun besaß ich also, was ich wollte, und das Spiel wurde fortgesetzt. Ich spähte unterdessen ein wenig schuldbewußt zu meinem Konkurrenten aus; dieser tat aber so, als ging ihn das alles nichts an, er lächelte nur immer mit gleicher Ueberlegenheit fein Spitzbubenlächeln wie bisher. Nun, um so besser, dachte ich, besonders nahe geht ihm, so scheint es, der verlorene Lessing nicht.
Es ereignete sich aber nun etwas Merkwürdiges: auch der Kamerad gewann plötzlich eine schöne Tombola, ich glaube die vierte oder fünfte. Und ich sehe ihn noch heute, wie er, förmlich im Paradeschritt, seines Zieles durchaus sicher, auf den Tisch mit den köstlichen Gaben zu- marschiert. Er steuerte geradeaus auf das wertvollste noch verbliebene Stück zu, einen in Bronze gegossenen Ulanen, der da in prächtiger Uniform mit vorgehaltener Lanze auf einem wahnsinnig gewordenen Pferdchen um seine künstlerische Berechtigung zu reiten schien.
Des Kameraden kluge, treffliche Wahl wurde natürlich allseits mit lautem Hallo und Bravo begrüßt, es schien wie ein befreites Aufatmen durch den weihnachtlichen Saal zu gehen, bah sich nämlich wieder einer gefunden hatte, der die Dinge nach ihrem sicheren Werte zu schätzen wußte.
Wir saßen uns bann wieder gegenüber, der Kamerad unb ich, er neben seinem herrlichen Ulanen, den er bedeutsam vor sich hingestellt hatte, ich mit meinem bescheidenen Lessing, in dem ich hin unb wieder gedankenvoll und neugierig blätterte Des Kameraden überlegenes Lächeln focht mich nicht mehr an; ich wußte, was ich wissen wollte, der große geistige Augenblick des Abends war doch mein gewesen!
Hätte ich aber geahnt, was mir in dieser Affäre noch bevorstand, ich wäre in meinem Hochgefühl doch etwas weniger zuversichtlich gewesen.
Am nächsten Tage nämlich, da wir Zöglinge „Ausgang" hatten, sah ich meinen Kameraden mit Verwunderung, wie er sich frühnachmittags in den Waffenrock warf, feinen bronzenen Ulanen unter den Arm packte und zuversichtlich mit ihm in die Stadt ging.


