Ausgabe 
3.9.1927
 
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Darauf Diner bei Mrs. ®

(Fortsetzuiiy folgt.)

DerantwortLtch: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Drühl'sche AniversitätL-Buch. und Steindruckerei, 5L Lange, Siehrn.

Nach Tisch begibt sich Herr ... .... v lr-----

Um zehn Uhr in die Kloppe. Sonntag vormittag Stunden der Einkehr und Erbauung. Nachmittags ein Spaziergang nach Rättersea-Park, allen­falls nach Sydenham. Abends Lesekränzchen bei Mrs. Chester. Montag die alte Leier. Gesehen, gehört, beglaubigt, Ferdinand Düsgen.'

Ich kenn' mich auf die Mädchen gar nicht aus, Herr Martinius."

Sie sind ein Hase! Es kommt doch nur aufne Frage an. Sie wissen sich nicht zu helfen. No, man muff denken, daß man ein gutes Werk tut. Ich werd' mich 'mal dazwischen stecken."

Das ist wirklich zuviel, Herr Martinius."

Ich fag's ja, Stevens, es wird nichts mit Ihnen, w-nn man nicht gewissermaßen Vaterstelle an Ihnen vertritt."

Herr Martinius, son Prinzipal krieg ich gewiß nicht wieder. Aber es drückt mich noch etwas. Ich muß Ihnen das"

Was haben Sie denn?"

Wie der Paul abgereift ist, hat er mir no, ich kann s ja gerat) sagen hat er ernste Absichten auf das Fräulein Dornhöfer gehabt."

Aha," dachte Martinius,jetzt heißt's, sich nicht verfchnappen."

Ich weiß alles", sagte er unbefangen und heiter lächelnd.Er hat 'maln bißchen schön getan mit her Dornhöfer. Gott, so'n junger Mann! Das ist lang vergeßen. Mein Sohn hat jetzt, weiß Gott, andere Dinge im Kopf. Wenn er zurückkommt, nehm' ich ihn als Teilhaber auf. Er kennt seine Stellung und feine Pflicht."

Das hab ich mir ja auch gesagt, Herr Martinius."

No also! Was kommen Sie mir denn da mit solchen weit hergeholten Geschichten? Mein Sohn ist sich ganz klar darüber, was er zu tun und zu lassen hat. Draußen kriegt man andere Anschauungen, lieber Stevens. Davon haben Sie keine Ahnung."

Edi fiel ein Stein vom Herzen. An den Worten feines Chefs war nichts zu tüfteln und zu deuten. Ein Frohmut überkam ihn, der fein ganzes Wesen hob. War es nicht eine glückliche Fügung, daß er in diesem angesehenen Hause eine auskömmliche Stellung gefunden, daß ihm sein Prinzipal so freundlich gesinnt war? Ja, wenn der Herr Mar­tinius bei der Peppi ein gutes Wort für ihn einlegte, bekam die Sache gleich einen anderen Anstrich. Er hätte gewiß nie etwas über die Lippen gebracht. Und er schritt auf feinen Chef zu und drückte ihm bewegt die Hand. Dieser sagte mit der Miene des loyalen Mannes:Wir müssen wieder an die Arbeit, Stevens. No, und sonst wollen wir mal sehen, was sich für Sie tun läßt."

Es war ein trüber Novembersonntag, lieber das Land fuhr ein kalter Nordost und fegte den Staub auf der breiten Heerstraße in dichten Wolken vor sich her. Trotz der rauhen Witterung hatten sich Edi Stevens und seins Kollegin, Peppi Dornhöfer, hinausgewagt. Den lästigen Staubwirbeln zu entfliehen, verließen fie den Straßendamm und wanderten dem Fluß zu, der in fast gerader Linie die Talbreite durchschnitt. Die User lagen stumm und öde, mir hie und da ragte wie ein Totengerippe das kahle Geäste einer Weide in die Lust. Zu beiden Seiten dehnten sich in einförmigem Graubraun die weiten Gefilde aus. Noch eben erkennbar hoben sich am Horizont die Umrisse des Gebirges ab. Ein Hauch der Schwermut tag über der Natur. Aber die beiden, die mit ihren vom Frost geröteten Ge­sichtern tapfer dem Winde dis Stirn boten, schienen nichts davon zu be­merken. Der abschüssig holprige Fußpfad, den sie jetzt passierten, zwang sie, ihr eifriges Gespräch eine Weile zu unterbrechen. Sobald sie den be­quemen Uferweg erreicht hatten, fetzten fie die Unterhaltung wieder fort.

Kcmzlist war Ihr Vater, Fräulein Peppi?"

Jawohl, beim Herrn Justizrat Büchenbacher. Und der hat große Stücke auf ihn gehalten. Uns ging Überhaupt nichts ab. Das Leben ist sowieso in München nicht teuer. Wenn nur das Bureau vom Herrn Justizrat nicht so nah amPlatzl" gewesen wär'! Da hat der Vater eben nur einen Sprung zum Hofbräu gehabt. Und das Bier war hernach fein Unglück. Nicht daß er zuviel getrunken hätt'. Gott behüt. Nur das Regelmäßige. Und der Herr Stabsarzt Steinheim hak's ihm oft gesagt: Herr Kanzlist, Sie muffenn bißchen Obacht geben, Sie haben ein Äier- herz."s hat nichts genutzt. Und dann haben sie ihn uns gebracht. Am ersten Advent werdsn's fünf Jahre. Im Hofbrän hat's ihn getroffen."

Da hat Ihre Mutter gewiß ihre schwere Last gehabt als Witfrau?" Freilich. Die Buben waren noch schulpflichtig. Ich sechzehn. Ich könnt' schon verdienen. Erst sollt ich ins Safe WitelÄach. Das hat mir nicht gepaßt von wegen der Studentenwirtschaft. No hat sichs gemacht, daß ich zum Eberhard Romanino tarn"

Ms Kassiererin?"

Jawohl. Und da könnt' ich heut' noch sein. Das war sone Geschicht'.

Ich sprech nicht gern drüber."

Bitt schon, Fräulein Peppi."

Sie konnten sonst was denken, Herr Stevens. Grad Ihnen will ich's doch sagen."

Ja nun?"

Da war nämlich der Prokurist, der Herr Weilmann. Der hat sich gegen die Mädchen im Geschäft die größten Frechheiten erlaubt. Und wer sich nicht hat einlaffen mögen mit ihm, den hat er bis aufs Blut ge­peinigt und gehetzt zum Umfallen. Ich hab' mir aber nichts gefallen kaffen. Einmat hab' ich ihm einen Pack Stearinkerzen an den Kopf ge­worfen. Da hat er Alarm geschlagen und den Chef gerufen. Der hat nicht recht gewußt, auf wem seine Seif er sich stellen sollt'. Und selbigmal l>ab ich meinen Hut ausgesetzt und bin fort und hab' keinen Schritt mehr ins Geschäft getan."

Das war sehr hübsch, Fräulein Peppi, daß Sie so festgeblieb en sind." Wie man z« Haus angehalten wird, Herr Stavens."

Und dann find Sie stellenlos geworden?"

Nur sieben Wochen. Zum Glück hab' ich von einem weitläufigen Ver­wandten die Empfehlung an den Herrn Martinius gekriegt. Und jetzt bin ich hier. Wie's hast so geht in der Welt."

Es will wirklich etwas heißen für ein junges Mädchen, so allein in die Fremde zu gehen."

Und obendrein, wo man so am Familienleben hängt wie ich." Ach ja, Fräulein Peppi, da geht nichts drüber."

Da wird's Ihnen jetzt auch kurios vorkommen, daß Sie die Jung­gesellenwirtschaft führen müssen."

Man wird's leid, Fräulein Peppi. Sie hätten die Mutter kennen müssen, wie sie noch nicht glledertahm war. Da ist kein Tag vergangen,

Wenns Ihnen Spaß macht, gewiß."

Also Achtung, Werminghaus. Lebensgeschichte des Herrn Paul Mar­tinius in London: Von neun bis sechs Uhr Bureaudienst im Hause der Herren Herbst Brothers unterbrochen von einem spärlichen Luncheov bei William Pelps. Halb sieben Ankunft Liverpoolstreet 47. Drei Treppen links. Stube nach hinten heraus. Ameublement: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Kleiderspind, ein Pianino. Herr Martinius macht Toilette.

Hefter. Sechs Pensionäre essen wie die Wölfe. Martinius in [ein Zimmer und spielt Klavier.

daß sie einem nicht die Sachen zurechtgelegt hat. Und da durst' kein Fisselchen an meinem Anzug sein."

3a, das freut einen, wenn mans den Männer i so recht behaglich machen kann."

Jetzt muß ich mich schon so bet)elfen."

No, Herr Stevens, wenn Sie sich nach einem braven Mädchen Um­schau en, Spien kanns doch wahrhaftig nicht fehlen."

Edi blieb stehen. Das Herz schlug ihm bis an den Hals und er rang nach Worten.

s ist doch son eigen Ding, Fräulein Peppi."

Ich wollt' mich schon getrauen, für Sie Umfrag' zu halten."

Wann ich mir dazu nur selbst ein Herz fassen konnf."

Die kleine Peppi sah ihn voll an und ein schelmisches Lächeln umfptette ihren hübschen Mund.

Und wen würden's dann fragen, lieber Herr Stavens?"

Er zitterte wie Espenlaub und brachte nichts heraus. Sie aber hatte Mitleid mit ihm und legte ihr Köpfchen sanft an feine breite Brust. Da preßte er sie an sich, daß ihr der Atem verging. Und er schluchzte wie ein Kind:Peppi, meine liebe Peppi!"

IV.

Im Portal desAthenaeum" in London trafen in später Nachtstunde zwei junge Deutsche zusammen, die bei schneidender Kälte einen weite» Weg zurückgelegt hatten und sich vor dem Schlafengehen noch an einem kräftigen Trunk erlaben wollten. Beide waren Sohne rheinischer Groß» taufleute und Volontäre im Hause der Herren Herbst Brothers.

n Abend, Werminghaus!"

Sieh da, Büsgen! Woher?"

Shaftesbury. Und Sie?"

Alhambra."

Gut amüsiert?"

Nee,s war langweilig."

Na, tun Sie nur nicht fo. Wenn Sie erst wieder in Ihrem Reutz beim sauren Kutscher sitzen, werden Sie noch manchmal an die Alhambra denken."

Soll wohl sein. Aber man wird blasiert hier."

Sie traten in einen der eleganten Restaurationsräume und bestellte» beim Steward, der Sie als Stammgäste mit einer gewissen Vertraulich­keit begrüßte, zwei steife Grogs.

Was haben Sie gestern getrieben, Büsgen?"

War bei Edward Smith. Musikalischer Abend."

Ach Sie! Mit Ihrer ewigen Familiensimpelei!"

Ja, lieber Werminghaus, wie soll man sonst seine Sonntage hier totschlagen?"

Wer war denn da?"

Unter anderen Miß Carmen Aberdeen."

Haben Sie wieder den angenehmen Schwerenöter gemacht?"

Wissen Sie was, Werminghaus?"

Na?"

Ich hätte Lust, der Miß Carmen einen Heiratsantrag zu machen."

Zum wievielten Male haben Sie sich denn hier verliebt?"

Sie wollen mich wohl konttollieren?"

Nee. Aber es ist zum Tottachen. Wo Sie eine semmelblonde Miß 'mal anlächett, haben Sie gleich einen Heiratsantrag in petto. Sie wollen wohl einen Mormonenstaat in Uerdingen gründen?"

Sie als Moralprediger, Werminghaus?"

Ich habe Prinzipien, lieber Büsgen."

Und was für welche?"

Mein Akter hat mich nut dem geistreichen Spruch nach London ge­schickt:Lernst du was, so kannst du was!" Na, gelernt hab ich nichts, aber amüsiert hab' ich mich."

Glaubs Ihnen."

Bei uns Werminghaus geht feit Anno Tobak alles programmäßig: Gymnasium. Wenns hoch kommt, Obersekunda. Mit zwanzig Jahren dienen. Dann Commis voyageur, um die Kundschaft kennenzulernen. Dann London. Mit sechsundzwanzig Jahren heiraten wir.ne Cousine oder sonst was Gediegenes aus der Umgegend. Keiner muckst sich. Und was sind wir für Kerle!"

Na und ob! Hol mich der Teufel! Da fitzt ja Martinius." .

Martinius, he!"

Der Gerufene sah auf, legte seine Zeitung beiseite und kam herbei.

Wie kommt Saul unter die Propheten?" ulkte Werminghaus.

Ich habe drüben Schach gespielt", sagte Paul,und wollte noch eben mal die Zeitungen durchsehen."

Nehmen Sie dochn bißchen Platz", lud ihn Büsgen ein. Paul schob einen Stuhl herbei.

Wann gehts denn heim?"

In sechs Wochen, denk ich."

Sagen Siemal, lieber Martinius, was haben Sie eigentlich VK London gemacht?" fragte Werminghaus.

Darf ich für Sie antworten?" scherzte Büsgen.