Ausgabe 
3.9.1927
 
Einzelbild herunterladen

er­ber

TsAtoburgisches.

Von Wolfgang Goetz.

Es ist ein Irrtum, zu glauben, datz der Teutoburger Wald mit dem 2ahre 9 n. Ehr. seine Aufgabe erfüllt hätte, um dann zu Der* schwinden. Er ist immer noch da und man kann zu chm reisen; das ist erstaunlich wenigstens für mich aber es ist eine ^atsache. Ich habe ihn sehr lieb, obwohl er irgendwie unheimlich ist. Warum er nicht heimlich ist, das ist schwer zu sagen. Seine Gestalt hat etwas von einer gestreckten Schlange, ganz schmal und unendlich lang ver­wogt er in Gelatine-Kulissen, als hätte sie Caspar David Friedrich gemalt, mit der Ebene unentschieden verschmelzend, die wiederum mit dem Himmel zusammendunstet. So liegt er und harrt. Jüan spürt in diesem Waldgebirge die Zeit schrumpfen. Es lagen, wohl ehedem noch ein paar gestürzte Bäume mehr umher, sonst wird er vor zweitausend Jahren kaum anders ausgesehen haben. Kein Mensch begegnet uns. Das Wild in schönen Dudeln allein grast durchs Ge­büsch, hier und da am Boden erzählen blutige Federn von grahllchem Kampfe. Dumpfe Damen einzelner Plätze künden verschollene Taten nebelhaft gegenwärtig. Dieses Waldes Schweigen ist erschütternd, nichts regt sich. Man meint, die sinkende Sonne, di!e oben in den Wipfeln grünlich sich verspielt, da wir schon im Schatten schreiten, müsse ein wenig klingen. Aber die Bäume stehen nur, hinauslangend und immer wieder erwartungsvoll. Fast ist es freundlicher, toenn der Sturm darüberrennt, wenn Blitzschlag den,Donner drangt und der Degen niederbricht. Dann beginnen die Bäume von innen her zu glühen, hell, als schiene der Lief verborgens Mond. Aberdie Stämme dröhnen nur verbissen, wie der Orkan an ihren Wipfeln reißt, als wäre die Stunde noch nicht, da sie zu reden haben.

Die Herren zu Lippe pflegten ihr Wild eifersüchtig. So^sind die Wildgatter in einem bewunderungswürdigen Zustand. Die Tore, die hindurchführen, sind kleine Labyrinthe und schwer, zu offnen. Mit Gewichten beschwerte Ketten ziehen sie zu; es kann jeweils nur ein einzelner hindurch. An einem solchen Pförtchen sah ich beglllckt zum ersten Male in meinem Leben eme Mooshutte,deren Dasein ich wie das der Dasenbank, nur aus roniantischen Buchern kannte. Lind aus der MooMütte kam etwas nicht minder Verwunderliches, wie das Gehäuse, das es umschlingt. Krumm gezogen zu einem rechten Winkel, eine Soldatenmütze auf dem Kopf, das gute alte Fischergesicht voll tausend Dunzeln. Dies Mannen verdient sich fein Geld, indem es das Tor den Dorbeikommenden öffnet. Mem Begleiter, ein hoher Degierungsbeamter, an dem ich die wechselnde Fülle huldvoller Ansprachen bewunderte, nut der er alle Welt bedachte, spricht den Llrgreis an. Das wäre wohl eine Mutze von siebzig her. Es hält etwas schwer, bis das Mannlem, versteht. Aber dann wird seine Miene verächtlich.Aüö," sagte es,nao, ich war doch schon 64 veel zu alt zum Krieg spielen." Meinen freundlichen Höfling dreht es einmal um sich selbst. Ich stehe am Wildgatter und kann mich gottlob festhalten. Mit kleinen Kindern vermag man sich aller­hand zu unterhalten, aber hier klafft unüberbrückbar eine Kluft. Wir sind verlegen, verloren. Die Zeit steht wieder still. Don unten her schauen uns zwei wasserblaue Augen an, wir glauben, einen leisen Spott darin zu sehen. Wir irren uns wohl, diese Augen sehen durch uns hindurch ganz andere Dinge als den Höfling und den armen Schreibersmann.Ich denke, das ist verboten, so all zu werden, stottert mein vielgewandter, listenreicher Freund endlich. Die alten Augen lächeln.Aäö, is nich," murmelt der Mund,es gibt ja doch viel ältere als mich." Und es ist Trotz in dem Blick und wie eme Ditte. Ich muh an die Bäume dieses Waldes denken. Wir geben unmähiges Trinkgeld, und schweigend schreiten wir weiter, wahrend bas Männlein in seine Mooshütte kriecht. Zu Hause schwadroniert der Freund, er habe heute einen Herrn kennengelernt, dessen Groh- Vater noch eine Photographie von Hermann dem Cherusker nur eigenhändiger Widmung erhalten habe. Das mit der Photograpyw ist natürlich Schwindel, aber sonst bin ich im Zweifel, ob es doch vielleicht so ein wenig gewissermaßen nicht wahr?

Der Hermann. Es ist ein wunderliches Denkmal. Man kann es nämlich nie und nirgends von vorne sehen. Immer nur die Kehrleite Bietet sich bar. Soweit man also ein Urteil aussprechen kann, Ichon ist es nicht. Aber so häßlich wie es vor zwanzig Jahren etwa gewesen sein mag, ist es boch schon nicht mehr. Dasmacht, es ist etwas vran von dem seltsamen Wann, des es schuf ein ganzes hartes ^eb. hindurch gegen tausend Widerstände, und der die Augen sHwv, als bas Werk vollbracht war. Es ist riesig, viel riesiger als die Porta, der Khffhäuser oder das Dölkerschlachtdenkmal, obschmi e? sehr viel kleiner ist als bas kleinste von denen. Quantitäten macyre^ noch nie. Auch die Jnschristen sie sind vom Schöpfer Bandet

übunq noch nicht verloren, wem die innere Gelassenheit und heim­liche Freude am lyrischen Werk noch nicht verkümmert ist . - - der lese dieses Buch, langsam, geduldig und mit Besinnung: er wird sich nicht unbelohnt finden. ,, r

Wir aber, die wir am Ende sind, wissen uns zum Beschluß unserer Ankündigung keine bessere Säße als diese, die wiederum dem Geleitwort von Stefan Zweig entnommen sind:. . . ich wünschte schr, es würde hier einem Dutzend junger, leidenschaftlich strebender Menschen ein Zehntel der Aufmerksamkeit gewidmet wie einem neuen Film oder einer belanglosen Premiere ... der Sinn dieses Buches ... ist nicht schon Endgültigkeit sondern Ermutigung, nicht Abschluß sondern Anfang. Hat es ein paar dichterisch gesinnte und dichterisch beseelte junge Menschen aus ihrem Wege bestärkt und auch nur eine m starkBegabten um emen Schritt vorwärts geholfen, so scheint mir sein Dasein schon reichlich ge­rechtfertigt unter den alljährlich dreitzigtausend des deutschen Buch­katalogs."

Und sie sah das Antlitz dunkler Leiden Uiid ein Schwert, das ihr das Herz durchstieß Doch ihr war es wie ein Tuch, das seiden Sie umhüllte . . . Weg zum Paradies.

Mit diesen Versen glauben wir das eben Gesagte am besten hellen zu können; spürt man den Rilketon m ihnen? Und wer bei kurz abbrechenden zweiten Zeile der ersten Strophe stutzt sie s

nicht von seiner Art, wird cs beim uberfließenden dritten Vers der nächsten Strophe doch wiederum bestätigen. Dies sind Emzelhetten, die vielleicht kaum wesentlich sind; aber der Gesamteindruck laßt sich weder bei diesem Gedicht noch bei der ganzen Sammlung verwischen. Und es kam uns darauf an, das an einem Beispiel fühlbar zu magjen.

Oder ein anderer ist da, heißt Wolf Bierotte, 190b geboren,lebt in Köln, der leitet die Anthologie ein mit den dreiGleichnissen einer iunaen Leidenschaft; und bei ihm findet man so ganz formgebundene, einer strengen und in sich ruhenden Bindung Angegebene Vierzeiler

wie diesen: _, ,, ...

. . Wenn ich mir jemals Schmerzen schon begehrte. So war es nie, daß ich mich Dir entwände, Nur daß ich tiefer Dir mich stets verbände Und Heller spürte, wie ich Dich entbehrte . . .

Oder Jürgen Eggeb recht; der erzählt in ein paar kurzen Sätzen solches von 'feiner Knabenzeit:. . . Später lockt mich die Freiheit der Felder. Ich bestehe heldische Abenteuer zwischen dunkelnden Fohren, und alsbald empfängt mich eine alte überfuntelte Stadt. Der eklige Lehrer! Immer fragt er,Wo liegt der Popocaiepetl?" undo yziovo; heißt?"Das Kamel."Falsch! Es genügt fürs ganze Vierteljahr. Ich werde es deinem Vater miiteilen. Das Maultier heißt es. . . . der singt sich nun hier dieses LiedAuf der Wanderschaft", und es ist m seiner Einfachheit und Unkünstlichkeit eben als lyrisches Stück das beste von denen, die er zu der Sammlung gab:

Jeden Morgen bin ich aufgewacht. Jeden Abend schlief ich wieder ein. Untertags und bei der Mitternacht Wandelte mit mir der Sternenschein.

Und ich träume mir den Frühling vor. Und ich höre, wie der Brunnen rauscht. Und das Leben singt an meinem Ohr altes Lied, dem es verwundert lauscht.

Etwas Neues? Nein. Weder im Gedanklichen, noch im schlichten Maß der Zeilen. (Man könnte das kindlich, unbeholfen, primitiv klingende dreimaligeMd" in denBersanfängen der letzten Strophe fast für einen sehr bewußten, literarisch raffinierten Kunstgriff ansehen; aber so hört sich das Ganze nicht an.) Wir empfinden nur, wie Naturlaut und Grundstimmung echter lyrischer Begabung hier versonnen zu Wort kommen.

Wenn man bei Wolfgang Hellmert (Berlin, geb. 1906) ein Stück findet, dasVorfrühling" überschrieben ist, und das so beginnt:

Ein altes Fräulein geht durch die Allee..., dann möchte man zwischen Hofmannsthal und Werfel schwanken; aber das bleibt nicht hasten; in andern Versen wendet man sich wieder zu Rilke. Schon Ueberschriften wieHyacinths Gebet" undNarziß" weisen in Vorkriegszeiten zurück, deuten die, einen Uebergangsstil völlig auslassende, merkwürdige Generationenverbundenheit an. Anderes liest man freilich daneben, wo alle Anklänge taub werden (Kinderkreuzzug",Herbst- abend"), und wo das peinliche Gefühl verkrampfter Ekstase und un­gesunder Ueberhitzung als letzter Eindruck zurückbleibt.

David Luschnat ist wohl der älteste des Kreises und zahlt zu dm Wenigen, für die dieses Buch nicht dmersten Atemzug Oeffentlich- keii" bedeutet; er entwächst auch mit der klaren Formsestlgkelt und ge­danklichen Schwere seiner Verse schon ein wenig der in so vielem spür­baren Jugendlichkeit der Gemeinschast, die in der Anthologie sich ge­sammelt hat. ,

Eine sanfte Beryeuse (für Marie Renee an ihr Kind) mochten wir von W.H.J.Maaß, Hamburg 1901, festhalten; ihr sind die folgendm Worte entnommen:

. . . Noch bist Du mein Eigen wie mein Schmerz und Blut; muß ich einst Dir schweigen bleibe mein und gut!

Nur drei Junge gibt es in dem Buch, in deren Gedichten man einen Nachklang vom Expressionismus zu spüren meint Herbert Schlüter, Hanns Bogts und Georg Zemke; esscheint uns bemerkenswert, nach dem zuvor Gesagten, daß von den dreien nicht die stärksten Wir­kungen des Bandes ausgehen; motivisch vielleicht am ehesten in ihre Nachbarschaft zu stellen wäre W. E. Süskind, obwohl er stilistisch ganz eigne Wege geht; seine Gestaltung kreist ähnlich wie bei dem hier nicht vertretenen, mit der jüngsten Kleistpreisehrung bedachten Martin Kessel um das Erlebnis der großen Stadt.

Von den Frauen des Buches fei Maria Luise Weißmann genannt; E' ist 1899 zu Schweinfurt am Main geboren, hat bereits Einiges drucken ff en können und kommt hier mit etlichen Versen aus ihrerRobinson - Dichtung zu Worte, die eigenes Gesicht, persönlichen Klang und übrigens gar nicht ausgesprochen frauenhaften Charakter tragen.

Dies sind nun bloß einige flüchtige Anmerkungen und Proben, die einen ungefähren Umriß von Art und Wesen dieses neuen Bandes geben mögen; ausführlicher davon zu sprechen und an die vielen Fragen zu rühren, die sich, im Großen und Kleinen, vor einer solchen Sammlung auftun, verbietet die Rücksicht auf den verfügbaren Raum; erschöpfend würde wohl freilich, wie uns bedünken will, auch eine Betrachtung vom doppelten Umfang dieser Zeilen nicht sein können. Uns genügt es, auf das Buch an sich hingewiesen zu haben und vor allem auf die in mehr als einem Sinne besondere Bedeutung, die ihm als einem, obzwar bescheidenen Dokument der geistigen Bemühungen der Gegenwart zukommt. Wem der Sinn für die stillste, weltabgewandteste, geschäftsloseste Kunst-