Ausgabe 
3.9.1927
 
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Samstag, den 3. September

Nummer 70

Jahrgang 1927

SichenerZamilieMStter

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Verkündigung.

Von Hansjürgen Wille*).

Da der Ruf des Engels st« erweckte: Sei gegrüßt, Marie . . ."

Und ein Licht sich ihr entgegenstreckte, Sank sie lächelnd in die Knie.

Und ein Duft von Lilien, süßen, zarten, Floß um ihren Leib.

In der Ferne wußte ste den Garten Ihrer Kindheit. Und nun war sie Weib.

Und sie sah das Antlitz dunkler Leiden

Und ein Schwert, das ihr das Herz durchstieß Doch ihr war es wie ein Tuch, das seiden Sie umhüllte. . . Weg zum Paradies.

Plötzlich fühlte sie die hohe Sende:

Magd des Herrn . . .

Und sie faltete die fchönen Hände, In dem Fenster glomm ein weißer Stern.

Lyeik der Jüngsten.

Bemerkungen zu einer Anthologie.

Von Dr. Hans Thyriot.

Klaus Mann, des großen Thomas junger Sohn, und Willy R. Fehse, der bisher, soweit uns bekannt ist, literarisch noch'nicht an die Oeffentlichkeit getreten war, haben im Verlage der Gebrüder Enoch in Hamburg eineAnthologie jüngster Lyrik" herausgegeben (170 Seiten 8°; 361). Stefan Zweig hat dem Bändchen ein Geleitwort mit auf den Weg gegeben, und dieser Prolog scheint uns das Allerbemerkens­werteste an dieser Sammlung zu fein. So ist es mit dem Geleitwort: wenn hier der nötige Raum zu Gebote stünde, dann sollte man es ab­drucken vom ersten bis zum letzten Satz. Weil nämlich das Ganze nicht allein ausgezeichnet durchdacht und geschrieben ist und der Sammlung der Jüngsten ein charakteristisches Gesicht und autoritatives Gewicht verleiht, sondern auch und insbesondere um deswillen, weil hier einmal mit aller Offenheit und klarer Erkenntnis der gegenwärtigen Lage aus- gefprochen wird, wie es abgesehen von diesem Versuch eines kleinen zeitgenössischen Kreises heute bei uns um die Lyrik und um die lyrischen Dichter steht, und was man heute in Deutschland von Ge­dichten hält und zu halten hat.

So steht es, und dies hat man davon zu halten:Kein Geschehnis könnte die längst unleugbare Tatsache, daß lyrische Leistung im gegen­wärtigen Deutschland wenig gilt, sinnfälliger veranschaulichen, als die öffentliche Haltung in den vier Wochen seit Rainer Maria Rilkes Tod. Welche beinah anmaßende Gleichgültigkeit, welches rasch Darüberhinweg, was für ein klägliches Stumm fein der zur Rede Verpflichteten, welches Schweigen aus jenem sonst unablässig manifestierenden Klüngel der Repräsentativen! Kein Wort von Staats wegen, keine gesenkte Flagge, keine sichtbar über die ganze Nation hin erhobene Trauer um Einen, der die deutsche Sprache mit Bildern durchströmt und dessen Andenken fast alle dieser Generation durch Reinheit und lautere Leistung zu über­dauern gewiß ist. Ein Sechzigzeilengrab, hastig von irgendeinem Kärrner geschaufelt, das haben die meisten Zeitungen dem Unvergänglichen gerade noch bewilligt, Nachruf zwischen lärmenden Nachrichten, eine Handvoll Worte für den, der das Wort zur Welt erweitert und die lyrische Kunst zu einer Vollendung erhoben, wie sie kaum noch Kunst in unseren Tagen bewährt."

Ist es nicht so? Kann dies geleugnet werden? Und die öffentliche Hal­tung nach Rilkes Tode fdjeint uns nur ein charakteristisches Merkmal, ein Ausdruck allgemeiner Stimmung und herrschenden Zeitgeistes zu fein, wie er sich mich anderwärts unverhüllt zu erkennen gibt; wir haben kein Verhältnis mehr zu Gedichten, Lyrik gilt nichts mehr; die Gegenwart, sofern sie künstlerischer Formung Überhaupt geneigt und zugetan sein sollte, sucht dergleichen zum mindesten Überall eher im Drama vielleicht , als in der Lyrik, die früheren Geschlechtern, das liegt sehr lange schon zurück, als ': > feinste, geschliffenste, sublimierteste Form künstlerischen Gestawlngsunuens gelten konnte.

Ja, dieZünftigen" sogar, wenn man so sprechen darf, die lyrischen Dichter selbst beginnen bereits, wie es scheint, den Mut zu verlieren; schon werfen manche von Ihnen die Flinte ins Korn, erachten es für die Pflicht der Stunde, demGeist der Zeit" gegenwärtig untertan zu fein, fangen an, die Achseln zu zucken und zu lachen über das, was ihnen

*) Entnommen derAnthologie jüngster Lyrik", heraus- gegeben von Willi R. Fehse und Klaus Mann; Gebrüder Enoch Verlag, Hamburg.

heilig war und manchem noch ist, tun es schon ab als romantisches An- hängfel, veralteten Zopf, unzeitgemäße Ueberflüffigkeit. Lyrik scheint nicht wertbeständig zu sein; man muh sichumstellen". Was man von Brecht und Klabund, von derHauspostille" und derHarfe» jule" in jüngster Zeit zu lesen und zu hören bekam, stimmt traurig in* erscheint als eine grelle und unerfreuliche Bestätigung dessen, wovon hier öie Rede war.

Wenn nun in der Lyrik so etwa knüpft Stefan Zweig cm seine einleitenden Sätze an und kommt damit zum Eigentlichen, zu dieser Hamburger Anthologie, wenn in der Lyrik schon derruhmreich Repräsentative" nichts mehr zu bedeuten scheint, wenn selbst seinem Tode Gleichgültigkeit und geschäftige Unbekümmertheit gegenüberstehen... wie hoffnungslos muß es dann mit einem solchen Bücheichen befteOt fein wie diesem hier, das um die lyrische Gestaltung der Allerjüngsten und völlig Unbekannten wirbt!

Neunzehn Namen findet man hier vereint, von denen bisher kaum jemand etwas gewußt hat. Neunzehn junge Menschen (zwei oder drei Frauen sind darunter) haben den verzweifelten Mut, chre Gedichte drucken zu lassen und der Oeffentlichkeit vorzulegen. Aus allen Teil«» Deutschlands stammen sie, und nichts ist ihnen allen gemeinsam, als ihre Jugend und ihre trotz alledem! heiße und leidenschaftliche Liebe zumwertlosesten" aller Kunstwerke, zum Gedicht. Der älteste unter ihnen dies ist einem knappen biographischen Anhang zu entnehmen wurde geboren im Jahre 1898, der jüngste 1910; die meisten entwuchsen den Jahren zwischen 1900 und 1906. .

Wir haben das Buch nicht einmal, sondern mehrmals langsam m* aufmerksam gelesen, und dennoch sind wir ein wenig verlegen, wenn wir nun sagen sollten, was das Eigentliche oder gar das Gemeinsame und Verbindende In der Vielheit der Namen und der Buntheit der Strophen sei. Die Formel wenn das Ganze schm auf eine Fornwl gebrach werden muß klingt überraschend und trägt zunächst ein negatives Vorzeichen: es ist außerordentlich merkwürdig, wie fern schm diese jungen Menschen der unmittelbar vorhergehenden und auch härte noch nicht ganz ausgestorbenen Generation stehen, wie wenig der Expressio­nismus in ihren Gedichten nachklingt. Auch diese Jüngsten sind freilich nicht vom Himmel gefallen, nicht ohne Bindung, Beziehung und Tradi­tion; aber sie haben eine Generation und gerade die, die ihnen zeitlich am nächsten steht, die wir selbst noch vor wenigen Jahren als di« damals jüngste staunend haben entstehen und vergehen sehen einfach übersprungen und knüpfen bei der vorhergehenden, der vorletzte«, wieder an. Diese vorhergehende aber und das ist wohl der über­wältigendste Eindruck, wenn man das Buch eine Zeitlang ruhig auf sich wirken läßt scheint^ sich den jungen Dichtern hier in einem einzigen Namen, einem einzigen Bilde, einem einzigen, großen, musikalisch ausschwingenden Grundakkord zusammenzusügen: in Rilke. Wohl kaum zuvor hat man, was man früher erst ahnte, so finnfättigunb überzeugend, gleichsam greifbar empfunden, wie hier: die ganze Welt« und nachhallende Wirkung der lyrischen Kunst des viel zu früh geschie- denen Pragers; hier kann man ahnungswetfe spüren, wie die begnadete Musikalität eines Einzelnen das spärlich sich äußernde lyrische Gefühl und die künstlerische Haltung einer wahrhaft amusischen Epoche beherrscht. Immer und immer wieder drängt sich beim Lesen (beim Sautiefen zumal) [ein Name auf; und es ist manchmal, als ob diese Allerjüngsten mit ihrem Buche unbewußt (sicher ganz unbewußt) ihr bescheidenes Teil an jener schuldigen Totenehrung hätten barbringen wollen, die der Prolog leider mit Recht weithin vermissen mutzte.

Sonderbar ist, wie selten man sich an Hosmannsthal, an George, auch an Werfel erinnert fühlt; einmal, zweimal, flüchtig, äußerlich, in* dann nicht wieder, und man kann sich auch getäuscht haben. Lyrik ist ja das Allerfeinste, Unwägbarste, immer nur mit ganz wachem Gefühl, mit den Fingerspitzen gleichsam im Wesen zu Ertastende unter den Kunstformen; man kann da so leicht verletzen, so bitter Unrecht hm, so schnell und unversehens im gültigen Wertmaß sich vergreisen. Aber der eine Name bleibt: Rilke . . . Und natürlich bleibt dabei auch da», was wir ebenunbewußt" nannten; dieser Hinweis auf den tote« Meister soll und kann in keinem Sinn Verletzendes enthalten, und es ist auch nicht so, daß man etwa den Finger auf ein Gedicht in diesem Buche legen könnte und zum Vergleiche einen Band Rilke daneben auf- schlagen so ist es nicht.

Aber man kann etwa ein Gedicht herausgreifen, das wir für eines der klingendsten und reifften der ganzen Sammlung haltenVer­kündigung" von Hansjürgen Wille, und einmal die erste mtb die dritte Strophe mit geschlossenen Augen sich vorsprechen lassem

Da -der Ruf des Engels sie erweckter Sei gegrüßt, Marie. . .

Und ein Licht sich ihr entgegenstreckte, Sank sie lächelnd in die Knie.