Ausgabe 
2.7.1927
 
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erwachsener, sie wußten, wieviel ihr Vater im Tag verdiene, und wußten ohne Zweifel auch sonst noch vieles, worin ich unerfahren war. Sie lachten über Ausdrücke und Witze, die ich nicht verstand. Sie konnten überhaupt ans eine Weise lachen, die mir versagt war, auf eine dreckige und rohe, aber unleugbar erwachsene und beinahemännliche" Weise. Es half nichts, daß man klüger war als sie und in der Schule viel mehr wußte. Es half nichts, daß man besser als sie gekleidet, gekämmt und gewaschen war. Im Gegenteil, eben diese Unterschiede kamen ihnen zu­gute. In dieWelt", wie sie mir im Dämmerschein und Abenteuer- schein vorschwebte, schienen mir solche Knaben wie Weber ganz ohne Schwierigkeiten eingehen zu können, während mir dieWelt" so sehr verschlossen war und jedes ihrer Tore durch unendliches Aelterwerden, Schulesitzen, durch Prüfungen und Erzogenwerden mühsam erobert werden müße. Natürlich fanden solche Knaben auch Hufeisen, Geld und Stück Blei auf der Straße, bekamen Lohn für Besorgungen, kriegten in Läden allerlei geschenkt und gediehen auf jede Weise.

Ich fühlte dunkel, daß meine Freundschaft zu Weber und seiner Sparkasse nichts war als wilde Sehnsucht nach jenerWelt". An Weber war nichts für mich liebenswert, als fein großes Geheimnis, kraft dessen er den Erwachsenen näher stand als ich, in einer schleierlosen, nackteren robusteren Welt lebte, als ich mit meinen Träumen und Wünschen. Und ich sulstre voraus, daß er mich enttäuschen würde, daß es mir nicht ge­lingen werde, ihm sein Geheimnis und -den magischen Schlüssel zum Leben zu entreißen.

Eben hatte er mich verlassen, und ich wußte, er ging nun nach Hause, breit und behäbig, pfeifend und vergnügt, von keiner Sehnsucht, von keinen Ahnungen verdüstert. Wenn er die Dienstmägde und Fabrikler antraf und ihr rätselhaftes, vielleicht wunderbares, vielleicht verbreche­risches Leben führen sah, so war es ihm kein Rätsel und ungeheures Geheimnis, keine Gefahr, nichts Wildes und Spannendes, sondern selbst­verständlich, bekannt und heimatlich wie der Ente das Wasser. So war es. Und ich hingegen, ich würde immer nebendraußen stehen, allein und un­sicher, voll von Ahnungen, aber ohne Gewißheit.

Ueberhaupt das Leben schmeckte an jenem Tage wieder einmal hoff- nnngslos fade, der Tag hatte etwas von einem Montag an sich, obwohl er ein Samstag war, er roch nach Montag, dreimal so lang und dreimal so öde als die anderen Tage. Verdammt und widerwättig war dies Leben, verlogen und ekelhaft war es. Die Erwachsenen taten, als fei die Welt vollkommen und sie selber Halbgötter, wir Knaben aber nichts als Auswurf und Abschaum. Diese Lehrer! Man fühlte Streben und Ehrgeiz in sich, man nahm redliche und leidenschaftliche Anläufe zum Guten, sei es nun zum Lernen der griechischen Unregelmäßigkeiten oder zum Reinhallen seiner Kleider, zum Gehorsam gegen die Eltern oder zum schweigenden, heldenhaften Ertragen aller Schmerzen und De- nrütigungen ja, immer und immer wieder erhob man sich, glühend und fromm, um sich Gott zu widmen und den idealen, reinen, edlen Pfad zur Höhe zu gehen, Tugend zu üben, Böses stillschweigend zu dulden, anderen zu helfen ach, und immer und immer wieder blieb es ein Anlauf, ein Versuch und kurzer Flatterflug! Immer wieder passierte schon nach Tagen, o schon nach Stunden etwas, was nicht hätte sein dürfen, etwas Elendes, Betrübendes und Beschämendes. Immer wieder fiel man mitten aus den trotzigsten und adligsten Entschlüssen und Gelöbnissen plötzlich unentrinnbar in Sünde und Lumperei, in Alltag und Gewöhnlichkeiten zurück! Warum war es so, daß man die Schönheit und Richtigkeit" guter Vorsätze so wohl und tief erkannte und im Herzen fühlte, wenn doch beständig und immerzu das ganze Leben (die Erwachsenen einbegriffen) nach Gewöhnlichkeit stank und überall darauf eingerichtet war, das Schäbige und Gemeine triumphieren zu lassen? Wie konnte es fein, daß man morgens im Bett auf den Knien oder nachts vor angezündeten Kerezen sich mit heiligem Schwur dem Guten und Lichten verbündete, Gott anrief und jedem Laster für immer Fehde ansagte und daß man dann, vielleicht bloß ein paar Stunden später, an diesem selben heiligen Schwur und Vorsatz den elendesten Verrat über konnte, sei es auch nur durch das Einstimmen in ein verführerisches Gelächter, durch das Gehör, das man einem dummen Schulbubenwitze lieh? Warum war das fo? Ging es andern anders? Waren die Helden, die Römer und Griechen, die Ritter, die ersten Christen waren diese alle ander« Menschen ge­wesen als ich, besser, vollkommener, ohne schlechte Triebe, ausgestattet mit irgendeinem Organ, das mir fehlte, das sie hinderte, immer wieder aus dem Himmel in den Alltag, aus dem Erhabenen ins Unzulängliche und Elende zurückzufallen? War die Erbsünde jenen Helden und Heiligen unbekannt? War das Heilige und Edle nur Wenigen, Seltenen, Aus­erwählten möglich? Aber warum war mir, wenn ich nun also kein Aus- erwählter war, dennoch dieser Trieb nach dem Schönen und Adligen ein­geboren, diese wilde, schluchzende Sehnsucht nach Reinheit, Güte, Tugend? War das nicht zum Hohn? Gab es das in Gottes Welt, daß ein Mensch, ein Knabe, gleichzeitig alle hohen und alle bösen Triebe in sich hatte und leiden und verzweifeln mußte, nur so als eine unglückliche und komische Figur, zum Vergnügen des zuschauenden Gottes? Gab es das? Und war dann nicht ja, war dann nicht die ganze Welt ein Tsufelsfpott, gerade wert, sie anzufpucken?! War dann nicht Gott ein Scheusal, ein Wahn­sinniger, ein dummer, widerlicher Hanswurst? Ach, und während ich mit einem Beigeschmack, von Empörerwollust diese Gedanken dachte, strafte mich schon mein banges Herz durch Zittern für die Blasphemie!

Wie deutlich sehe ich, nach dreißig Jahren, jenes Treppenhaus wieder vor mir, mit den hohen, blinden Fenstern, die gegen die nahe Nachbar­mauer gingen und so wenig Licht gaben, mit den weißgescheuerten, tannenen -treppen und Zwifchenböden und dem glatten, harthölzernen Geländer, das durch meine tausend sausenden Abfahrten poliert war! feo ;ern mir die Kindheit steht, und so unbegreiflich und märchenhaft sie mir im ganzen erscheint, so ist mir doch alles genau erinnerlich, was schon damals, mitten im Glück, in mir an Leid und Zwiespalt vorhanden war. Alle diese Gefühle waren damals im Herzen des Kindes schon dieselben, wie sie es immer blieben: Zweifel am eigenen Wert, Schwanken zwischen Selbstüberschätzung und Mutlosigkeit, zwischen wettverachtender Idealität und gewöhnlicher Sinnerlust und wie damals/ so sah ich auch hundert­mal später noch in diesen Zügen meines Wesens bald verächtliche Krank­

heit, bald Auszeichnung, Habe zu Zeiten den Glauben, daß mich Gott auf diesem qualvollen Wege zu besonderer Vereinsaniung und Vertiefung führen wolle, und finde zu andern Zeiten wieder in alledem nichts als die Zeichen einer schäbigen Charakterschwäche, einer Neurose, wie Tausende sie mühsam durchs Leben schleppen.

Wenn, ich all ,die Gefühle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein Grundgefühl zurückführen und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so, wüßte ich kein anderes Wort als: Angst. Angst war es, Angst und Unsicherheit, was ich in allen jenen Stunden des gestörten Kinder­glücks empfand: Angst vor Strafe, Angst vor Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand.

Auch in jener Stunde, von der ich erzähle, kam dies Angstgefühl wieder über mich, als ich in -dem Heller und Heller werdenden Treppen- 'haufe mich der Glastür näherte. Es begann' mit einer Beklemmung im Unterleib, die bis zum Halse emporstieg und dort zum Würgen oder zu Uebelkeit wurde. Zugleich damit empfand ich in diesen Momenten stets, und so auch jetzt, eine peinliche Geniertheit, ein Mißtrauen gegen jeden Beobachter, einen Drang zum Alleinsein und Sichoerstecken.

Mit einem üblen und verfluchten Gefühl, einem wahren Verbrecher­gefühl, kam ich in den Korridor und in das Wohnzimmer. Ich fpürte: es ist heut der Teufel los, es wird etwas passieren. Ich spürte es, wie der Barometer einen veränderten Luftdruck spürt, mit rettungsloser Passivität. Ach, nun war es wieder da, dies Unsägliche! Der Dämon schlich durchs Haus, Erbsünde nagte am Herzen, riesig und unsichtbar stand hinter jeder Wand ein Geist, ein Vater und Richter.

Noch wußte ich nichts, noch war alles bloß Alchung, Vorgefühl, nagendes Unbehagen. In solchen Lagen war es ost das beste, wenn man krank wurde, sich erbrach und sich ins Bett legte. Dann ging es manchmal ohne Schaden vorüber, die Mutter ober Schwester kam, man bekam Tee und spürte sich von liebender Sorge umgeben, und man konnte meinen ober schlafen, um nachher gesund oder froh in einer völlig verwandelen, erlösten und hellen Welt zu erwachen.

Meine Mutter war nicht im Wohnzimmer, und in der Küche war nur die Magd. Ich beschloß, 3uni Vater hinaufzugchen, zu dessen Studi-er- zimmer eine schmal« Treppe hinaufführte. Wenn ich auch Furcht vor ihm hatte, zuweilen war es doch gut, sich an ihn zu wenden, dem man so viel abzubitten hatte. Bei der Mutter war es einfacher und leichter, Trost zu finden; beim Vater aber war der Trost wertvoller, er bedeutete einen Frieden mit dem richtenden Gewissen, eine Versöhnung und ein neues Bündnis mit den guten Mächten. Nach schlimmen Auftritten, Unter­suchungen, Geständnissen und Strafen war ich oft aus des Vaters Zimmer gut und rein hervorgegangen, bestraft und ermahnt zwar, aber voll neuer Vorsätze, durch die Bundesgenossenschast des Mächtigen gestärkt gegen das feindliche Bös«. Ich beschloß, den Vater aufzusuchen und ihm zu sagen, daß mir Übel sei. (Fortsetzung folgt.)

Das ewig Männliche.

Von Per H a llst r ö m.

(Schluß.)

Er lag glatt und bläulichweitz unter einem scharfen Halbmond vor ihnen da. Es lag wenig Schnee und war ziemlich kalt. Ein paar matte, weiße Nordlichtflammen leuchteten auf und verschwanden, so als hätte jemand auf die blanke Himmelswölbung gehaucht. Der Himmelswagen stürzte feinen Hügel hinunter, und der Polarstern stand mit all den un­bekannteren Lichtern still.

Der Vorschlag erschien ihnen an und für sich munter und angenehm, und sie sehnten sich wie die Kinder danach anzufangen. Liber sie be­herrschten sich und zeigten sportsmäßige Ruhe, während sie aussttegen und mit gewohnten kräftigen Liebkosungen ihr« Trab« ausmunterten und sich in der Dunkelheit davon überzeugten, daß sie in guter Kondition waren und sich am Hafer nicht zu schwer gefressen hatten.

Sie einigten sich über das Ziel, eine langgestreckte Landzunge, em paar Kilometer entfernt, stellten die Schlitten genau nebeneinander, drückten die Mütze auf den Kopf, fetzten sich mit der Peitsche in der Hand zurecht und schwangen sie im Takt nach einem langsamen Zählen. Das Klatschen verschmolz zu einem einzigen Laut, Hektor und Ban Houten, die verstanden hatten, was es galt, streckten sich wie Pfeile auf den Bogensaiten. Sie wurden im selben Augenblick losgelassen, und fort ging es. _ , .. ..

In den ersten Minuten kam es den beiden Herren vor, als waren ihre lieben Tiere nie so prächttiq gelaufen. Die Luft fang und pfiff um die Obren, und das Blut in den Adern jubelte in demselben Rhythmus. Das harte ' glatte Eis klang schwach und rein wie ein Resonanzboden unter Öen Schlägen der Hufe und den behenden Bogenstreichen der Schlitten­kufen Der ttockene Frost stach in die Haut, und die Schattenlimen der Ufer wurde so rasch von ihnen weggezogen, als hätte jemand dagestanden und sie auf einen Knäuel gewickelt

Brav Hektor, dachten sie, brav, Van Houten, du weitzt, was es gilt! Du läßt' dich nicht ausstechen. Alles heimsen wir ein, die Ehre und den Preis und das Glück für Zeit und Ewigkeit. Ein vortrefflicher Einfall! So durch und durch fröhlich und leicht! Man möchte es nur immer fo treiben und es ist fast schade, daß niemand den Triumph sehen kann.

Aber wenn sie einen Seitenblick zum Nebenbuhler hmubergletten ließen, bann war das Ganze gleichlam wie verhext. Das Eis sang woch noch, die Lust sauste, die Bewegung war um sie, aber selbst waren sie ebenso still wie die Sterne dort oben. Derselbe schattenhafte Pferdekopf streckte sich unheimlich höhnend neben dem ihres eigenen Lausers, ohne seine Lage auch nur um Haaresbreite zu verändern, als wäre es wirklich nur ein Schatten, von irgendeinem unbekannten verfolgenden Licht ge­worfen. Dieselbe Figur im Pel, ein Stück hinter dem Tier, wiederholt« in abstoßend parodistischer Weise ihre eigenen Bewegungen. Es war, als führen sie wie im Traum, wo man nie weiterkommt, wie man sich auch müht. Und der Mond stahl sich einen Blick auf das Ganze, mit einem matten Grinsen feines faden und kühlen Profils, und der Wagen am Himmel stand ebenso reglos wie sie folbsk.