das Einfache bedeutend zu sagen." Und siehe da, eine neue Wahrheit stand vor mir.
Ich sah, daß für mich die Umkehrung von Schäfers Wahrheit noch viel wahrer, noch viel wertvoller war, als was er eigentlich gesagt hatte. Nun war alles klar. Natürlich blieb Schäfers Salz wahr und schön wie zuvor — von seinem, von Schäfers Pol aus. Von meinem Gegenpol aus aber strahlte nun der umgekehrte Satz -mit ganz neuer Kraft und Wärme.
Schäfer hatte gesagt, Sache des Dichters sei es nicht, irgend etwas Beliebiges und Belangloses so vorzutragen, daß es bedeutend erscheine, sondern für seine Darstellungen das wahrhaft Wertvolle und Wichtige zu wühlen und es fo einfach wie möglich zu sagen. Wein umgedrehter Satz aber bedeutete: „Sache des Dichters ist es nicht, darüber zu entscheiden, ob dies und jenes bedeutend und wichtig sei, seine Sache ist es nicht, gewissermaßen als Vormund für den Leser eine Auswahl aus dem Wirrwarr der Wett zu treffen und ihm nur das Wertvolle, wirklich Wichtige uriizuteiien. Nein, ganz im Gegenteil! Sache des Dichters ist es gerade, in jeder Kleinigkeit, in jedem Nichts das Ewige und Uegeheure zu wissen, und diesen Schatz, dies Wissen, daß Gott überall und in jedem Ding ist, immer wieder zu eröffnen und mitzuteilen."
Damit hatte ich eine Formel für den Sinn oder die Aufgabe des Dichters gefunden, die mir, von meinem Pole aus, weit wertvoller und wahrer wurde als der ursprüngliche Satz, obwohl ich einst, mich an- passend, auch diesem zugestimmt hatte. Nein, der Dichter, wie ich ihn zuinnerst meinte, hat nicht das Amt, zwischen bedeutenden und unbedeutenden Dingen zu unterscheiden. Er hat im Gegenteil gerade das Amt, das heilige Amt, immer wieder zu zeigen, daß „Bedeutung" nur ein Wort ist, daß Bedeutung keinem Dinge auf Erden zukommt, oder allen, daß es nicht Dinge gibt, dis man ernst nehmen muß, und andern, die man nicht ernst nehmen muß. Etwa so wie der Philister die Politik und d-e Geschäfte ernst nimmt, die Kunst und das reihe Denken aber nicht. Gewiß, Schäfer hatte das anders gemeint, viel besser, viel höher. Der Dichier, den er ablehnt, ist ein Wann, der durch Kunst und Gefchicklich- keit aus einem Nichts etwas anscheinend Stattliches macht, der die Dinge aufbläst, der kurzum^Theatsr spielt. Diese Art von Dichter verneine auch xc§; Aber ich bin mit Schäfer darin uneinig, daß ich aneine Grenze zwischen „Bedeutend' und „Einfach" überhaupt nicht glaube.
Von diesem Gedanken aus fand ich, im Lauf einiger Jahre, auch mehr Einsicht m eine Erscheinung der Dichtung uni» Geistesgeschichte, die mir immer etwas dunkel und bedrückend gewesen ist, die von unseren Lehrern und Literaturhistorikern niemals zu meiner Befriedigung besprochen worden war.
Diese seltsame Erscheinung ist die der Problematiker einerseits, der „Kleinmeister" und Idylliker andererseits. Es gibt eine Reihe von Dichtern, deren Werke uns keineswegs entzücken, denen aber ein rätselhafter Hauch von Bedeutung und Wichtigkeit anhaftet, weil sie sich riesig Menschheitsstoffe „gewühlt" und gewaltige Probleme bearbeitet haben Andererseits gibt es sogenannte kleinere Dichter, welche keinen einzigen großen, -mächtigen, weltgeschichtlichen Gedanken ausgesprochen haben welche sich um Herkunft und Zukunft der Menschheit samt ihren Pro- bl«nen überhaupt nie gekümnrert haben, sondern es vorzogen, von kleinen Schicksalen, van Liebes- und Freundschaftsgefühlen, von der Trauer über die Vergänglichkeit, von Landschaften, von Tieren, singenden Vögeln und Wolken am Himmel zu singen und zu phantasieren, und welche von uns sehr geliebt und immer wieder gelesen werden. Wan war stets in Verlegenheit, wie man diese Dichter eigentlich einreihen und einschätzen solle, welche eigentlich nie etwas Ueberwültigendes zu sagen hatten und doch so lieb waren! Alle Eichendorffs und Stifter, alle diese Dichter gebären dahin. — Und andererseits standen in ihrer düstern Berühmtheit' jene anerkannten großen Problematiker, jene Aufroller der großen Fragen, lene Hebbel, jene Ibsen, alle jene seltsamen Riesen, in deren Werken zwar me tiefsten Brägen aufklangen, die uns, alles in allem, aber so wenig froh machten, und -die ich, es sei zugegeben, seit vielen Jahren nicht mehr gelesen habe. (Die wirklichen wenigen großen Dichterpropheten, zu denen ich Dante, Shakespeare, Goethe, Dostojewski zähle, stehen auf einer ganz anderen Ebene,)
Rim, jene Eichendorffs und Stifters sind Dichter, welche das Einfach- bedsutsnd sagen, weil sie überhaupt den Unterschied zwischen einfach und bedeutend nicht bemerken, weil sie in einer ganz anderen Luft leben, von einem ganz anderen Pol aus in die Welt blicken. Und gerade sie, diese Idylliker, diese einfachen und helläugigen Kinder Gottes, denen der Grashalm zur Offenbarung wird, gerade sie, die wir nach Anleitung unserer Professoren die Kleinen nennen, geben uns das Beste. Sie lehren uns nickst ein Was, sondern ein Wie. Sie sind, neben jenen gedankenvollen „Großen, wie gute Mütter neben den Vätern, und wie oft haben wir eine Mutter soviel nötiger als «inen Vater!
Es tut immer wohl, wenn eine Wahrheit umgedreht wird und sich dabei bewahrt. Cs tut wohl, wenn inan so mit den Wahrheiten spielt. Die ^edanken kommen leichter, die Einfälle spielen rascher, leichter gleitet unser Kahn durch den Strom der Welt. Wenn ich ein Lehrer wäre und Schule halten müßte, wenn ich Schüler hätte, welche Aussätze machen mußten und dergleichen, so würde ich.die, welche dafür zu haben sind, je unb je eine stunde beiseite nehmen und ihnen sagen: „Kinder, wie wir euch lehren, ist sehr gut. Aber probieret es zuweilen, unsere Regeln, unsere Wahryeiten auch einmal umzudrehen, nur zum Probieren, mir 3urn Spiel! Sogar wenn man irgendein Wort umdreht, Buchstabe für Buchstabe, entsteht oft eine erstaunliche Quelle von Belehrung, von Spaß und guten Einfällen."
„-,.ÄU!5 solchem Spiel nämlich entsteht die Stimmung, in welcher die i-titelten von den Dingen fallen und sie neu und überraschend zu uns reden. Da werden aus dem dünnen Farbenspiel einer alten Fensterscheibe vyzantinische Mosaiken und aus Teekesseln Dampfmaschinen. Und gerade aiese Stimmung, diese Bereitschaft der Seele, die bekannte Welt nicht mehr zu kennen, sondern, sie neu und bedeutungsvoller zu entdecken, gerade sie finden wir bei jenen Dichtern, welche von der Bedeutung des Unbebeutenben sprechen.
Der Wanderer an den Tsd.-
Von Hermann H -e s s e.
Auch zu mir kommst du einmal, Du vergißt mich nicht. Und zu Ende ist die Qual Und die Kette bricht.
Noch erscheinst du fremd und fern, Lieber Bruder Tod, Stehest als ein kühler Stern Lieber meiner Not.
Aber einmal wirst du nah Und voll Flammen sein. Komm, Geliebter, ich bin da, Nimm mich, ich bin dein!
Kinderseele.
Von Hermann Hesse
Manchmal handeln wir, gehen aus und ein, tun dies und das, und es ist alles leicht, unbeschwert und gleichsam unverbindlich, es könnte scheinbar auch alles anders sein. Und manchmal, ju anderen Stunden, könnte nichts anderes sein, ist nichts unverbindlich und leicht, und jeder Atemzug, den wir tun, ist von Gewalten bestimmt und schwer von Schicksal.
Die Taten unseres Lebens, die wir die guten nennen und von denen zu erzählen uns leicht füllt, sind fast alle von jener ersten, „leichten" Art, und wir vergessen sie leicht. Andere Taten, von denen zu sprechen- uns Mühe macht, vergessen wir nie mehr, sie sind gewissermaßen mehr unser als andere, und ihre Schatten fallen lang über alle Tage unseres Lebens.
Unser Vaterhaus, das groß und hell an einer hellen Straße lag, betrat man durch ein hohes Tor, und sogleich war man von Kühl«, Dämmerung und steinern feuchter Lust umfangen. Eine hohe, düstere Halle nahm einen schweigsam auf, der Boden von roten Sandsteinfliesen führte leicht ansteigend gegen die Treppe, deren Beginn zuhinterst Hej im Halbdunkel lag. Viele tausend Male 6in ich durch dies hohe Tor eingegangen, und niemals hatte ich acht auf Tor und Flur, Fliesen und Treppe; dennoch "war es immer ein Ue'bergang in eine andere Wett, in „unsere" Welt. Die Halle roch nach Stein, sie war finster und hoch, hinten führte die Trepp« aus der dunklen Kuhle empor und zu Licht und hellem Behagen. Immer aber war erst -die Halle und die ernste Dämmerung da: etwas von Vater, etwas von Würde und Macht, etwas von Strafe und schlechtem Gewissen. Tausendmal ging man lachend hindurch. Manchmal aber trat man -herein und war zugleich erdrückt und zerkleinert, hatte Angst, suchte rasch die befreiende Treppe.
Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Haufe, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie äu entstellen. Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wär suchen und finden ihre vermeintlichen Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und stoßen überall auf Widerstände.
Aehnlich war es an jenem Tage. Von frühe an bedrückte mich — w« weiß woher? vielleicht aus Träumen der Nacht — ein Gefühl wie schlechtes Gewissen, obwohl ich nichts Besonderes begangen hatte. Meines Vaters Gesicht hatte am Morgen einen leidenden und vorwurfsvollen Ausdruck gehabt, die Frühstücksmilch war lau und fad gewesen. In der Schule war ich zwar nicht in Nöte geraten, aber es hatte alles wieder einmal trostlos, tot und entmutigend geschmeckt und hatte sich vereinigt zu jenem mir schon bekannten Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung, das uns sagt, daß die Zett endlos sei, daß wir ewig und ewig klein und -machtlos und im Zwang -dieser blöden, stinkenden Schule bleiben werden, Jahre und Jahre, und -daß dies ganze fieben sinnlos und widerwärtig fei.
Auch über meinen derzeitigen Freund hatte ich mich heute geärgert. Ich hatte seit kurzem eine Freundschaft mit Oskar Weber, dem Sohn eines Lokomotivführers, ohne recht zu wissen, was mich zu ihm zog. Er hatte neulich damit geprahlt, -daß fein Vater sieben Mark im Tag verdiene, und ich hatte aufs Geratewohl erwidert, der meine verdiene vierzehn. Daß er sich dadurch hatte imponieren lassen, ohne Einwände zu machen, war der Anfang der Sache gewesen. Einig« Tage später hatte ich mit Weber einen Bund gegründet, indem wir eine gemeinsame Sparkasse anlegten, aus welcher später eine Pistole gekauft werden sollte. Die Pistole lag im Schaufenster eines Eisenhändlers, eine massive Waffe mit zwei bläulichen Stahlrohren. Und Weber hatte mir vorgerechnet, daß man mir eine Weile richtig zu sparen brauche, dann könne man sie kaufen. Geld gebe es ja immer, er bekomme sehr oft einen Zehner für Ausgän-ge, oder sonst ein Trinkgeld, und manchmal finde man Geld auf der Easst, ober Sachen mit Geldeswert, wie Hufeisen, Bleistücke und anderes, was man gut verkaufen könne. Einen Zehner hatte er auch sofort für unsere Kasse hergegeben, -und der hatte mich überzeugt und mir unseren ganzen Plan als möglich und hoffnungsvoll erscheinen lassen.
Indem ich an jenem Mittag unsere Hausflur betrat und mir in der kellerig kühlen Luft dunkle Mahnungen an tausend unbequeme und hassenswer-te Dinge und Weltordnung entgegenwehten, waren meine Gedanken mit Oskar Weber beschäftigt. Ich fühlte, -daß ich ihn nicht liebte, obwohl sein gutmütiges Gesicht, das mich an eine Waschfrau erinnerte, mir sympathisch war. Was mich zu ihm hinzog, war nicht seine Person, sondern etwas anderes, ich könnte sagen sein Stand — es war etwas, das er mit fast allen Buben von seiner Art und Herkunft teilte: eine gewisse freche Lebenskunst, ein dickes Fell gegen Gefahr und Demütigung, eine Vertrautheit mit den kleinen praktischen Angelegenheien des Lebens, mit Geld, mit Kaufläden und Werkstätten, Waren und Preisen, mit Küche und Wäsche und dergleichen. Solche Knaben wie Weber, denen die Schläge in der Schule nicht weh zu tun schienen und di« mit Knechten, Fuhrleuten und F-abrikmädch-en verwandt und befreundet waren, du standen anders und gesicherter in der Welt, als ich; sie waren gleichsam


