Netzen« Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang \92l Samstag, den 2. Juli Nummer 52

Der Künstler.

Van Hermann Hess e.

Was ich schuf in heißer Jahre Glut, Steht am lauten Markt zur Schau gestellt. Leicht vorüber geht die frohe Welt, Lacht und labt und findet alles gut. Keiner weiß, daß dieser frohe Kranz, Den die Welt mir lachend drückt ins Haar, Meines Lebens Kra-ft verschlang und Glanz, Ach, und daß das Opfer unnütz war!

Hermann Hssts.

Zu seinem 50. Geburtstage am 2. Juli.

Von F. A. Fahlen.

Geboren am 2. Juli 1877 zu Calw im Schwarzwald. Buchhändler. Literarische und kunsthistorische Studien. Reisen in Italien und Indien. Lebte am Bodensee, in Bern, und jetzt in Montagnola bei Lugano in der Schweiz." Ein Dichterleben in knappen vier Zeilen, ein gesegnetes Dichter^ leben. Denn, seitdem 1898 Hermann Hesses erstes schmales Gedichtbüchlein Romantische Lieder" erschienen, hat er oft das Glück großer künstlerischer .(Erfolge genossen, sein RomanPeter Camenzid", der 1904 veröffentlicht wurde, hat ihm eine treue Gemeinde geschaffen und steht jetzt im 110. Tausend; denselben Erfolg brachte auch sein SchulromanUnterm Rad".Rohhalde" undKlingohrs letzter Sommer" gewannen ihm neu« Verehrer, und um den zunächst unter einem angenommenen Namen Sinklair erschienenenDemian", der sich auch wieder mit den Wunder­wegen der Pubertas beschäftigte, ist sogar viel Segen und Fluch von Be­rufenen und Unberufenen gewesen. Seine feinen RovellenbändeDies- seits",Nachbarn",Unterwegs",Umwege",Knulp",In der alten Sonne" und wie sie sonst heißen, wurden uns liebe Wandergenossen. Und seine Verse und Reiseschilderungen begleiten den Weg seiner epischen Prosa anmutig und gedankenreich.

Man sollte, wenn man Hermann Hesses Kunst feiert, feine bekannten Romane, Erzählungen und Novellen nur nebenher erwähnen. Aber mit seiner Lyrik anfangen und schließen. Denn er ist in seinem inneren Wesen Lyriker, und auch feine Erzählungen haben Leben und Blut von der Lyrik, einer ganz eigenartigen Landschaftslyrik, einem Sichüberströmen- stüsen von Wald, Berg und Tal, von Nacht, Dämmerung und Morgen, von Wolkengebilden, Nebel und tiefem Himmel, von See und breitem Strom.Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, er­zählten mir und erzogen mich und waren mir lange Zeit bekannter als irgend Menschen und Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die rch dem glänzenden See und den traurigen Föhren und sonnigen Felsen vor­zog, waren die Wolken. Zeig mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr lieb hat, als ich. Oder zeig mir das Ding in der Welt, das schöner ist, als Wolken sind." Und so versenkt er sich auch in Baum und Strauch, in alles, was wächst als grüne Pflanzen­seele und freies fröhliches Tier und ruhender Stein.

Manchmal, wenn ein Vogel ruft, Oder ein Wind geht in den Zweigen, Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft, Dann muß ich lange lauschen und schweigen.

Meine Seele flieht zurück. Bis wo vor tausend vergessenen Jahren Der Vogel und der wehende Wind Mir ähnlich und meine Brüder waren.

Meine Seele wird ein Baum Und ein Tier und ein Wolkenweben: Verwandelt und fremd kehrt sie zurück Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben:

Und so sind all seine epischen Gestalten auch: Sie stürmen nicht auf das Leben zu und suchen es zu überwältigen, sie ringen nicht um die erlösende Tat, sie schaffen nicht, irrend und wirrend, am Werke. Sie lassen sich wie Bäume vom Sturm bewegen, ohne selbst von der Stelle zu können, sie lassen sich von stärkeren Händen formen und gestalten, sie, fliehen, wenn Tat von ihnen verlangt wird, sie suchen nicht das Glück, sie warten dar­aus, sie betrachten und fühlen, vor allem aber wandern sie vorüber und schauen verwundert in diese bewegte, hastende, selbstsick^re, fröhliche Um weit und finden die richtige Antwort nicht. Oder besser, sie finden sie in einem beschaulichen, wehmütig zurückblickenden oder ver- zsthtendeii Dasein, Gestrandete, die lächeln oder gar lachen können, Erledigte, die sich geborgen wissen, Verstoßene, die, wie einst der Heilige von Assisi, den Hermann Hesse besonders liebt und in einem köst­lichen Büchlein gefeiert hat, des Lebens ganze Süßigkeit saugen aus diesem

Gefühl des Ganz-Verstoßen-feins um der inneren Heiligung willen. Peter Camenzind ist so einer, der Landstreicher Knulp, der Kaufmann Walther Kömpfs, Demian und trotz seiner Hochgemutheit auch der große Künstler Klingsohr. Und daß der Dichter Hermann Hesse aus diesem Pflanzen­wesen, aus diesem Ruhend-Schauenden, aus diesem Tatlos-sich-treiben- lasfen, solche Werke gestalten konnte, dankt er seiner großen Kunst des Ly­rikers, seiner deutschen Echtheit, seinem tiefen Naturverstehen, das ihn aus dem Naturwesen heraus auch das Menschenschicksal begreifen und erfühlen läßt, wie es sein schönstes GedichtIm Nebel" ausspricht:

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum kennt den andern. Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt, Als noch mein Leben licht war. Nun, da der Nebel fällt. Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise.

Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnbar und leise Von allem uns trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern;

Leben ist Einsamsein,

Kein Mensch kennt den andern, Jeder ist allein.

Aarralronen über ein Thema.

Von Hermann Hesse.

Wenn Maler ein Bild beurteilen, so stellen sie es nicht nur in ein gutes Licht, treten davor, treten zurück und suchen verschiedene Stand­punkte, sondern manche von ihnen drehen das Bild auch um, hängen es verkehrt auf, den Himmel nach unten, und sind erst dann zufrieden, wenn das Bild auch diese Probe erträgt, wenn seine Farben auch dann be­ziehungsvoll und magisch ineinander schwingen.

So habe ich es auch immer mit den Wahrheiten gehalten, von denen ich ein großer Liebhaber bin. Eine gute, eine richtige Wahrheit, so scheint mir, muß es vertragen, daß man sie auch umkehrt. Was wahr ist, davon muß das Gegenteil auch wahr sein können. Denn jede Wahrheit ist kurze Formel für den Blick in die Welt von einem bestimmten Pol aus, und es gibt keinen Pol ohne Gegenpol. Von jedem Punkt der Welt aus läßt sich Wahrheit aussagen, und jedesmal muß für den Gegenpol, er fei physisch oder seelisch, diese Wahrheit sich bewähren, indem sie sich umdrehen läßt.

Ein von mir hochgeschätzter Schriftsteller, Wilhelm Schäfer, sagte mir vor manchen Jahren einen Satz über die Aufgabe des Dich­ters, den er gefunden hatte, und der später auch in einem seiner Bücher mitgeteilt worden ist. Der Satz machte mir Eindruck, er war zweifellos gut und wahr, und war vorzüglich formuliert, worin Schäfer bekanntlich ein Meister ist. Lange klang sein Satz über den Dichter in mir nach, ich habe ihn nie mehr vergessen, immer tauchte er von Zeit zu Zeit wieder vor mir auf. Das tun Wahrheiten nicht, mit welchen wir absolut und völlig einverstanden sind. Die schluckt, verdaut und vergißt man rasch.

Der Satz hieß so:Sache des Dichters ist es nicht, das Einfache be­deutend, sondern das Bedeutende einfach zu sagen."

Lange und oft habe ich daran gewonnen, warum der famose Spruch (den ich auch heute noch bewundere) mir nicht ganz einging, einen Rest von Leere und Widerspruch in mir ließ. Ich habe an diesem Satz mehr als hundertmal auf einsamen Gedankengängen Analyse getrieben. Das erste, was ich fand, war ein leiser Mißklang, ein winziger Fehler, ein winzig kleiner Sprung im klaren Kristall dieser so sauber gefaßten Formel.Das Bedeutende einfach sagen nicht das Einfache bedeutend", das klang wie ein tadelloser Parallelismus, und war es doch nicht ganz. Denn der Sinn des Wortesbedeutend" war in den beiden Satzhälften nicht genau, nicht haarscharf der gleiche. DasBedeutende", das der Dichter sagen soll, war ohne Zweifel gang redlich und aufrichtig gemeint, bedeutend" hieß hier ungefähr soviel wieunbedingt wertvoll". Das anderebedeutend" aber, im Gegensatz, hatte einen Beiklang von Miß­achtung. Wenn ein Dichter dasEinfache", das offenkundig Unbedeutende, bedeutend" ausspricht, so macht er, nach Schäfers Sinn, also eigentlich etwas Falsches, und dasbedeutend", womit fein Tun bezeichnet wird, ist eigentlich Tuerei.

Merkwürdig spät erst sah ich ein, daß offenbar Schäfers Standpunkt sich zu dem meinen wie Pol zu Gegenpol verhalte, und daß ich also, um seinen Satz zu prüfen, ihn für mich umdrehen müsse. Dann heißt der Satz:Sache des Dichters ist es nicht, das Bedeutende einfach, sondern