Ausgabe 
2.4.1927
 
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Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitäts-Vuch- und Stelndruckerei, R. Lang«, Gieße«.

Aufgabe zu schwache Organe. Sie werden bald eine neue Kom- pojition van mir kennen lernen, die Sie an das erinnern wird, worüber ich mich jetzt ausließ. Es ist dies eine Symphonie mit Chören. Ich mache Sie daraus aufmerksam, wie schwer es mir dabei ward, dem tlebelstand der Unzulänglichkeit der zu Hilfe gerufenen Dichtkunst adzuhelfen. Ich habe mich endlich entschlossen, die schöne Hymne unseres SchillerAn die Freude" zu benützen; es ist diese jedenfalls eine edle und erhebende Dich, tung, wenn auch weit entfernt davon, das auszusprechen, was allerdings in diesem Falle keine Verse der Welt aussprechen können.

Noch heute kann ich das Glück kaum fassen, das mir dadurch zuteil ward, daß mir Beethoven selbst durch diese Andeutungen zum vollen Verständnis seiner riesenhaften letzten Symphonie verhalf, die damals höchstens eben erst vollendet, keinem aber noch bekannt war. Ich drückte ihm meinen begeisterten Dank für diese gewiß seltene Herablassung aus. Zugleich äußerte ich die entzückende lleberraschung, die er mir mit der Nachricht bereitet hatte, daß man dem Erscheinen eines neuen großen Werkes von seiner Komposition entgegensehen dürfe. Mir waren die Tränen in die Augen getreten, ich hätte vor ihm niederknien mögen.

Beethoven schien meine gerührte Aufregung zu gewahren. Er sah mich halb wehmütig, halb spöttisch lächelnd an, als er sagte:Sie können mich verteidigen, wenn von meinem neuen Werke die Rede sein wird. Ge­denken Sie mein: die klugen Leute wekden mich für verrückt halten, wenigstens dafür ausschreien. Sie sehen aber wohl, Herr R...., daß ich gerade noch kein Wahnsinniger bin, wenn ich sonst auch unglücklich genug dazu wäre. Di« Leute verlangen von mir, ich soll schreiben, wie sie sich einbilden, daß es schön und gut sei; sie bedenken aber nicht, daß ich armer Tauber meine ganz eigenen Gedanken haben muß, daß es mir nicht möglich sein kann, anders zu komponieren, als ich fühle. Und daß ich ihre schönen Sachen nicht denken und fühlen kann" setzte er ironisch hinzudas ist ja eben mein Unglück!"

Damit stand er auf und schritt mit schnellen, kurzen Schritten durch das Zimmer. Tief bis in das Innerste ergriffen, wie ich war, stand ich ebenfalls auf; ich fühlte, daß ich zitterte. Unmöglich wäre es mir ge- wesen, weder durch Pantomimen noch durch Schrift eine Unterhaltung fortzusetzen. Ich ward mir bewußt, das jetzt der Punkt gekommen war, auf dem mein Besuch dem Meister lästig werden konnte. Ein tiefgefühltes Wort des Dankes und des Abschiedes aufzuschreiben schien mir zu nüch­tern; ich begnügte mich, meinen Hut zu ergreifen, vor Beethoven hinzu- treten, und ihn in meinem Blicke lesen zu lassen, was in mir vorging.

Er schien mich zu verstehen.Sie wollen fort?" frug er.Werden Sie noch einige Zeit in Wien bleiben?"

Ich schrieb ihm auf, daß ich mit dieser Reise nichts beabsichtigt hätte, als ihn kennen zu lernen, daß, da er mich gewürdigt habe, mir eine so außerordentliche Aufnahme zu gewähren, ich überglücklich sei, mein Ziel als erreicht anzusehen, und morgen wieder zurückwandern würde. Lächelnd erwiderte er:Sie haben mir geschrieben, auf welche Art Sie sich das Geld zu dieser Reise verschafft haben: Sie sollten m Wien bleiben und Galopps machen, hier gilt ffie Ware viel." Ich erklärte, daß es für mich nun damit aus fei, 6a ich nichts wüßte, was mir wieder eines ähnlichen Opfers wert erscheinen könnte.

Nun, nun!" entgegnete er,das findet sich! Ich alter Narr würde es auch besser haben, wenn ich Galopps machte; wie ich es bis jetzt treibe, werde ich immer darben. Reisen Sie glücklich" fuhr er fortge­denken Sie mein, und trösten Sie sich in allen Widerwärtigkeiten mit mir.*

Gerührt und mit Tränen in den Augen wollte ich mich empfehlen, da rief er mir noch zu:Halt! Fertigen wir den musikalischen Engländer abJ Laßt sehen, wo die Kreuze hinkommen fotlenr Damit ergriff er da» Musikheft des Briten, und sah es lächelnd flüchtig durch; sodann legte er es sorgfältig wieder zusammen, schlug es in einen Bogen Papier ein, ergriff eine dicke Notenfeder und zeichnete ein kolossales Kreuz quer über den ganzen Umschlag. Darauf überreichte er es mir mit den Worten: Stellen Sie dem Glücklichen gefälligst fein Meisterwerk zu! Er ist ein Esel, und doch beneide ich ihn um feine lange Ohren!--Leben Sie

wohl, mein Lieber, und behalten Sie mich lieb!"

Somit entließ er mich. Erschüttert verließ ich fein Zimmer und dar Haus.

*

Im Hotel traf ich den Bedienten des Engländers an, wie er die Koffer feines Herrn im Reisewagen zurecht packte. Also auch fein Ziel war er­reicht; ich mußte gestehen, daß auch er Ausdauer bewiesen hotte. Ich eilte in mein Zimmer, und machte mich ebenfalls fertig, mit dem morgenden Tage meine Fußwanderschaft zurück anzutreten. Laut mußte ich auf­lachen, als ich das Kreuz auf dem Umschläge der Komposition des Eng­länders betrachtete. Dennoch war dieses Kreuz ein Andenken Beethovens, und ich gönnte es dem bösen Dämon meiner Pilgerfahrt nicht. Schnell war mein Entschluß gefaßt. Ich nahm den Umschlag ab, suchte meine Galopps hervor, und schlug sie in diese verdammende Hülle ein. Dem Engländer ließ ich seine Komposition ohne Umschlag zustellen, und be­gleitete sie mit einem Briefchen, in welchem ich ihn meldete, daß Beet­hoven ihn beneide und erklärt habe, nicht zu wissen, wo er da ein Kreuz anbringen solle.

Ms ich den Gasthof verließ, sah ich meinen unseligen Genossen in den Wagen steigen.

Leben Sie wohl!" rief er mir zu:Sie haben mir große Dienste ge­leistet. Es ist mir lieb, Herrn Beethoven kennengelernt zu haben. Wollen Sie mit mir nach Italien?"

Was suchen Sie dort?" frug ich dagegen.

Ich will Herrn Rossini kennen lernen, denn er ist ein sehr berühmt« Komponist."

Glück zu!" rief ich:Ich kenne Beethoven; für mein Leben habe ich somit genug!"

Wir trennten uns. Ich warf noch einen schmachtenden Blick nach Beethovens Haus, und wanderte dem Norden zu, in meinem Herzen er­hoben und veredelt.

jenem verwechselt habe. Sie schrieben mir, daß Sie mit meinen Kom­positionen zufrieden wären. Das hl mir lieb, denn ich rechne jetzt nur wenig darauf, daß meine Sachen den Leuten gefallen."

Diese Vertraulichkeit in feiner Anrede benahm nur bald alle lästige Befangenheit; ein Freudenschauer durchbebte mich bei diesen einfachen Worten. Ich schrieb, daß ich wahrlich nicht der einzige sei, der von so glühendem Enthusiasmus für jede feiner Schöpfungen erfüllt wäre, daß ich nichts sehnlicher wünschte, als z. B. meiner Vaterstadt das Glück ver­schaffen zu können, ihn einmal in ihrer Mitte zu sehen; er würde sich bann überzeugen, welche Wirkung dort seine Werke auf das gesamte Publi­kum hervorbrächten.

Ich glaube wohl," erwiderte Beethoven,daß meine Kompo­sitionen im nördlichen Deutschland mehr ansprechen. Die Wiener ärgern mich oft; sie hören täglich zu viel schlechtes Zeug, als daß sie immer auf­gelegt sein sollten, mit Ernst an etwas Ernstes zu gehen."

Ich wollte dem widersprechen, und führte an, daß ich gestern der Auf­führung" desFidelio" beigewohnt hätte, welche das Wiener Publikum mit dem offensten Enthusiasmus ausgenommen habe.Hm, hm!" brummte der Meister,der Fidelio! Ich weih aber, daß die Leutchen jetzt nur aus Eitelkeit in die Hände klatschen, denn sie reden sich ein, daß ich in der Umarbeitung dieser Oper nur ihrem Rate gefolgt sei. Nun wollen sie mir die Mühe vergelten, und rufen Bravo! Es ist ein gut­mütiges Volk und nicht gelehrt;-ich bin darum lieber bei ihnen, als bei gescheiten Leuten. Gefällt Ihnen jetzt der Fidelio?"

Ich berichtete von dem Eindrucks, den die gestrige Vorstellung auf mich gemacht hatte, und bemerkte, daß durch die hinzugefügten Stücke das Ganze auf das Herrlichste gewonnen habe.Aergerliche Arbeit!" ent­gegnete Beethoven:Ich bin fein Opernkomponist, wenigstens kenne ich kein Theater in der Welt, für das ich gern wieder eine Oper schreiben möchte! Wenn ich eine Oper machen wollte, die nach meinem Sinne wäre, würden die Leute davonlaufen; denn da würde nichts von Arien, Duetten, Terzetten und all dem Zeuge zu finden fein, womit sie heutzutage die Oper zusammenflicken, und was ich dafür machte, würde kein Sänger fingen und fein Publikum hören wollen. Sie kennen alle nur die glän­zende Luge, brillanten Unsinn und überzuckerte Langeweile. Wer ein wahres musikalisches Drama machte, würde für einen Narren angesehen werden, und wäre es auch in der Tai, wenn er fo etwas nicht für sich selbst behielte, sondern es vor die Leute bringen wollte."

Und wie würde man zu Werke gehen müssen" frug ich erhitzt, um ein solches musikalisches Drama zustande zu bringen?"

Wie es Shakespeare machte, wenn er feine Stücke schrieb", war die fast heftige Antwort. Dann fuhr er fort:Wer »s sich darum zu tun fein lassen muß, Frauenzimmern mit passabler Stimme allerlei bunten Tand anzupaffen, durch den sie braut und Händeklatschen bekommen, der sollte Pariser Frauenschneider werden, ober nicht dramatischer Komponist. Ich für mein Teil bin nun einmal zu solchen Späßen nicht gemacht. Ich weiß recht wohl, daß die gescheiten Leute deshalb meinen, ich verstünde mich allenfalls auf die Instrumentalmusik, in der Vokalmusik würde ich aber nie zuhause sein. Sie haben recht, da sie unter Vokalmusik nur Opernmusik verstehen; und dafür, daß ich in diesem Unsinne heimisch würde, bewahre mich der Himmel!"

Ich erlaubte mir hier zu fragen, ob er wirklich glaube, daß jemand nach Anhörung feinerAdelaide" ihm den glänzendsten Beruf auch zur Gesangsmusik abzufprechen wagen würde?

Nun," entgegnete er nach einer kleinen Paufe,die Adelaide und dergleichen sind am Ende Kleinigkeiten, die den Virtuosen von Profession zeitig genug in die Hände fallen, um ihnen als Gelegenheit zu dienen, ihre vortrefflichen Kunststückchen anbringen zu können. Warum sollte aber die Vokalmusik nicht ebensogut als die Instrumentalmusik einen großen ernsten Genre bilden können, der zumal bei der Ausführung von dem leichtsinnigen Sängervolke ebenso respektiert würde, als es meinetwegen Bei einer Symphonie vom Orchester gefordert wird? Die menschliche Stimme ist einmal da. Ja, sie ist sogar ein bei weitem schöneres und edleres Tonorgan als jedes Instrument des Orchesters. Sollte man sie nicht ebenso selbständig in Anwendung bringen können, wie dieses? Welche ganz neuen Resultate würde man nicht bei diesem Verfahren ge­winnen! Denn gerade der feiner Natur nach von der Eigentümlichkeit der Instrumente gänzlich verschiedene Charakter der menschlichen Stimme würde besonders herauszuheben und festzuhalten sein, und die mannig­fachsten Kombinationen erzeugen kaffen. In den Instrumenten repräsen­tieren sich die Urorgane der Schöpfung und der Natur; das, was sie aus­drücken, kann nie klar bestimmt und festgesetzt werden, denn sie geben die Urgefühle selbst wieder, wie sie aus dem Chaos der ersten Schöpfung hervorgingen, als es selbst vielleicht noch nicht einmal Menschen gab, die sie in ihr Herz aufnehmen konnten. Ganz anders ist es mit dem Genius der Menschenstimme; diese repräsentiert das menschliche Herz und dessen abgeschlossene, individuelle Empfindung. Ihr Charakter ist somit be­schränkt, aber bestimmt und klar. Man bringe nun diese beiden Elemente zusammen, man vereinige sie! Man stelle den wilden, in das Unendliche hinausschweifenden Urgefühlen, repräsentiert von den Instrumenten, die klare bestimmte Empfindung des menschlichen Herzens entgegen, repräsen­tiert von der Menschenstimme. Das Hinzutreten dieses zweiten Elements wird wohltuend und schlichtend auf den Kampf der Urgefühle wirken, wird ihrem Strome einen bestimmten, vereinigten Lauf geben; das menschliche Herz selbst aber wird, indem es jene Urempfmbungen in sich aufnimmt, unendlich erträftigt und erweitert, fähig fein, die frühere unbestimmte Ahnung des Höchsten, zum göttlichen Bewußtsein umgewan­delt, klar in sich zu fühlen."

Hier hilft Beethoven wie erschöpft einige Augenblicke an. Dann fuhr er mit einem leichten Seufzer fort:Freilich stößt man bei dem Versuch Zur Lösung dieser Aufgabe auf manchen Uebelftanb; um finge» zu lassen, braucht man der Worte. Wer aber wäre imstande, die Poesie in Worte Zu faffen, die einer solchen Vereinigung aller Elemente zugrunde liegen würde? Die Dichtung muß da zurückstehen, denn die Worte sind für diese