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das, welcher Weg, den ich gehen sollte? Sange konnte ich nichts Durchgreifendes ersinnen. Ach, all mein Bewußtsein war gelähmt; nichts bot sich meiner aufgeregten Einbildungskraft dar, als die Erinnerung dessen, was ich erleben mußte, als ich den Rockschotz des entsetzlichen Engländers in den Händen hielt. Beethooens Seitenblick auf mich Unglückseligen in dieser furchtbaren Katastrophe war mir nicht entgangen; ich fühlte, was dieser Blick zu bedeuten hatte: er hatte mich zum Engländer gemacht! Was nun beginnen, um den Argwohn des Meisters zu enttäuschen? Alles kam darauf an, ihn wissen zu lassen, daß ich eine einfache, deutsche Seele sei, voll irdischer Armut, aber überirdischem Cnthusiamus.
So entschied ich mich denn endlich, mein Herz auszuschütten, zu schreiben. Dies geschah. Ich schrieb; erzählte kurz meine Lebensgeschichte, wie ich zum Musiker geworden war, wie ich ihn anbetete, wie ich ihn einmal hätte kennen lernen wollen, wie ich zwei Jahre opferte, mir einen Namen als Galoppkomponist zu machen, wie ich meine Pilgerfahrt antrat und vollendete, welche Leiden der Engländer über mich brachte und welche grausame Sage gegenwärtig die meinige sei. Indem ich bei dieser Aufzählung meiner Leiden mein Herz sich merklich erleichtern fühlte, verfiel ich in der Wollust dieses Gefühls sogar in einen gewissen Grad von Vertraulichkeit; ich flocht meinem Briefe ganz freimütige und ziemlich starke Vorwürfe ein über die ungerechte Grausamkeit des Meisters, mit der ich Aermster von ihm behandelt ward. Mit wahrhafter Begeisterung schloß ich endlich diesen Brief; es flimmerte mir vor den Augen, als ich die Adresse: „An Herrn Ludwig van Beethoven" — schrieb.' Ich sprach noch ein stilles Gebet und gab diesen Brief selbst in Beethovens Hause ab.
Als ich voll Enthusiasmus zu meinem Hotel zurückkehrte, o Himmel! — wer brachte mir auch da wieder den furchtbaren Engländer vor meine Augen! Von feinem Fenster aus hatte er auch diesen meinen letzten Gang beobachtet; er hatte in meinen Mienen die Freude der Hoffnung gelesen und das war genug, um mich wiederum seiner Macht verfallen zu lassen. Wirklich hielt er mich auf der Treppe an mit der Frage: „Gute Hoffnung? Wann werden wir Beethoven sehen?" „Nie, nie!“ — schrie ich in Verzweiflung — „Sie will Beethoven nie im Leben wieder sehen! Lassen Sie mich. Entsetzlicher, wir haben nichts gemein!"
„Sehr wohl haben wir gemein" — entgegnete er kaltblütig — „wo 'st mein Rockschotz, Sir? Wer hat Sie autorisiert, mir ihn gewaltsam AU entwenden? Wissen Sie, daß Sie schuld sind an dem Benehmen Beethovens gegen mich? Wie konnte er es konvenable finden, sich mit einem Gentleman einzulassen, der nur einen Rockschoß hatte!“
Außer mir, diese Schuld auf mich gewälzt zu sehen, rief ich: „Herr, ben Rockschotz sollen Sie zurück haben; mögen Sie ihn schamvoll zum Andenken aufbewahren, wie Sie den großen Beethoven beleidigten und einen armen Musiker in das Verderben stürzten! Leben Sie wohl, mögen wir uns nie wiedersehen!“
Er suchte mich zurückzuhalten und zu beruhigen, indem er mir versicherte, daß er noch sehr viele Rocke im besten Zustande besitze; ich solle ihm nur sagen, wann uns Beethoven empfangen wollte? — Rastlos stürmte ich aber hinauf zu meinem fünften Stock; da schloß ich mich ein und erwartete Beethovens Antwort.
Wie aber soll ich beschreiben, was in mir, was um mich vorging, als ich wirklich in der nächsten Stunde ein kleines Stück Notenpapier erhielt, auf welchem mit flüchtiger Hand geschrieben stand:
„Entschuldigen Sie, i)err 9t...., wenn ich Sie bitte, mich erst morgen vormittag zu besuchen, da ich heute beschäftigt bin, ein Paket Musikalien auf die Post zu liefern. Morgen erwarte ich Sie. Beethoven."
Zuerst sank ich auf meine Knie und dankte dem Himmel für diese außerordentliche Huld; meine Augen trübten sich mit den inbrünstigsten Tränen. Endlich brach aber mein Gefühl in wilde Lust aus; ich sprang auf, und wie ein Rasender tanzte ich in meinem kleinen Zimmer umher. Ich weiß nicht recht, was ich tanzte, nur entsinne ich mich, daß ich zu meiner grohen Scham plötzlich inne wurde, wie ich einen meiner Galopps dazu pfiff. Diese betrübende Entdeckung brachte mich wieder zu mir selbst. Ich verließ mein Stübchen, den Gasthof und stürzte freudetrunken in die Straßen Wiens.
Mein Gott, meine Leiden hatten mich ganz vergessen gemacht, daß ich in Wien sei. Wie entzückte mich das heitere Treiben der Bewohner dieser Kaiserstadt. Ich war in einem begeisterten Zustande und sah alles mit begeisterten Augen. Die etwas oberflächliche Sinnlichkeit der Wiener dünkt: mich frische Lebenswärme; ihre leichtsinnige und nicht sehr unterscheidende Genußsucht galten mir für natürliche und offene Empfänglichkeit für alles Schöne. Ich erforschte die fünf täglichen Theaterzettel. Himmel! Da erblickte ich auf dem einen: Fidelio, Oper von Beethoven.
Ich mußte in das Theater, und mochten die Einkünfte meiner Galopps noch so sehr zusammengeschmolzen fein. Als ich im Parterre ankam, begann soeben die Ouvertüre. Es war dies die Umarbeitung der Oper, die früher unter dem Titel: Leonore, zur Ehre des tiefsinnigen Wiener Publ-kums durchgefallen war. Auch in dieser zweiten Gestalt hatte ich die Oper noch nirgends aufführen hören; man denke sich also das Entzücken, welches ich empfand, als ich das herrliche Neue hier zum ersten Male vernahm! Ein sehr junges Mädchen gab die Leonore; diese Sängerin schien sich aber schon in so früher Jugend mit dem Genius Beethovens vermählt zu haben. Mit welcher Glut, mit welcher Poesie, wie tief erschütternd stellte sie dies außerordentliche Weib bar! Sie nannte sich Wilhelmine Schroder. Sie hat sich das hohe Berdienst erworben, Beethovens Werk dem deutschen Publikum erschlossen zu haben; denn wirklich sah ich an diesem Abend selbst die oberflächlichen Wiener vom gewaltigsten Enthusiasmus ergriffen. Mir für mein Teil war der Himmel geöffnet; ich war verklärt und betete den Genius an, der mich — gleich Florestan — aus Nacht und Ketten in das Licht und die Freiheit geführt hatte.
, Ich konnte die Nacht nicht schlafen. Was ich soeben erlebt, und was wir morgen bevorstand, war zu groß und überoältigenb, als daß ich es ruhig hätte in einen Traum mit übertragen können. Ich wachte, ich schwärmte und bereitete mich, vor Beethoven zu erscheinen. — Endlich erschien der neue Tag; mit Ungeduld erwartete ich die zum Morgen- besuch schickliche Stunde; — auch sie schlug, und ich brach auf. Mir stand das wichtigste Ereignis meines Lebens bevor, von diesem Gedanken war ich erschüttert.
Aber noch sollte ich eine furchtbare Prüfung überstehen.
Mit großer Kaltblütigkeit an die Haustüre Beethovens gelehnt, er- wartete mich mein Dämon, — der Engländer! — Der Unselige hatte alle Welt, somit endlich auch den Wirt unseres Gasthofes bestochen; dieser hatte die offenen Zeilen Beethovens an mich früher, als ich selbst, gelesen, und den Inhalt derselben an den Briten verraten.
Ein kalter Schweiß überfiel mich bei diesem Anblick; alle Poesie, all« himmlische Aufregung schwand mir dahin: Ich war wieder in seiner Gewalt.
„Kommen Sie", begann der Unglückliche: „stellen wir uns Beethoven vor!"
Erst wollte ich mir mit einer Lüge helfen und vorgeben, daß ich gar nicht auf dem Wege zu Beethoven sei. Allein er benahm mir bald alle Möglichkeit zur Ausflucht; denn mit großer Offenherzigkeit machte er mich damit bekannt, wie er hinter mein Geheimnis gekommen war, und erhärte, mich nicht eher verlassen zu wollen, als bis wir von Beethoven zurückkämen. Ich versuchte erst in Güte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen — umsonst! Ich geriet in Wut — umsonst! — Endlich hoffte ich mich ihm durch die Schnelligkeit meiner Füße zu entziehen; wie ein Pfeil flog ich die Treppe hinan, und riß wie ein Rasender an der Klingel. Ehe aber noch geöffnet wurde, war der Gentleman bei mir, ergriff die Flügel meinem Rockes und sagte: „Entfliehen Sie mir nicht: Ich hab« ein Recht an Ihren Rockschoß; ich will Sie daran halten, bis wir vor Beethoven stehen.“
Entsetzt wandte ich mich um, suchte mich ihm zu entreißen, ja, ich fühlte mich versucht, gegen den stolzen Sohn Britanniens mich mit Tat- lichkeiten zu verteidigen: — da ward die Türe geöffnet. Die alte Aus« Wärterin erschien, zeigte ein finsteres Gesicht, als sie uns in unserer sonderbaren Situation erblickte, und machte Miene, die Türe sogleich wieder zu schließen. In der Angst rief ich laut meinen Namen, und beteuerte, von Herrn Beethoven eingeladen worden zu fein. Noch war die Alte zweifelhaft, denn der Anblick des Engländers schien ihr ein gerechtes Bedenken zu erwecken, als durch ein Ungefähr auf einmal Beethoven selbst an der Türe seines Kabinetts erschien. Diesen Moment benutzend trat ich schnell ein, und wollte auf den Meister zu, um mich zu entschuldigen. Zugleich zog ich aber den Engländer mit herein, denn dieser hatte mich noch fest. Er führte seinen Vorsatz aus und ließ mich erst los, als wir vor Beethoven standen. Ich verbeugte mich, und stammelte meinen Namen; wiewohl er diesen jedenfalls nicht verstand, schien er doch zu wissen, daß ich der sei, der ihm geschrieben hatte. Er hieß mich in fein Zimmer eintreten, und ohne sich um Beethovens verwunderungsvollen Blick zu kümmern, schlüpfte mein Begleiter mir eiligst nach.
Hier war ich — im Heiligtum; die gräßliche Verlegenheit aber, in welche mich der heillose Brite gebracht hatte, raubte mir alle wohltätige Besinnung, die mir nötig war, um meines Glückes würdig zu genießen. An und für sich war Beethovens äußere Erscheinung keineswegs dazu gemacht, angenehm und behaglich zu wirken. Er war in ziemlich unordentlicher Hauskleidung, trug eine rote wollene Binde um den Leib; lange, starke graue Haare lagen unordentlich um seinen Kopf herum, und seine finstere, unfreundliche Mene vermochte durchaus nicht meine Verlegenheit zu heben. Wir setzten uns an einen Tisch nieder, der voll Papier und Federn lag. Es herrschte unbehagliche Stimmung, keiner sprach. Augenscheinlich war Beethoven verstimmt, zwei für einen empfangen zu haben.
Endlich begann er, indem er mit rauher Stimme frug: „Sie kommen von L...?“
Ich wollte antworten, er aber unterbrach mich, indem er einen Bogen Papier nebst einen Bleistift bereit legte, fügte er hinzu: „Schreiben Sie, ich höre nicht."
Ich wußte von Beethovens Taubheit, und hatte mich daraus vorbereitet. Nichtsdestoweniger fuhr es mir wie ein Stich durch das Herz, als ich von dieser rauhen, gebrochenen Stimme horte: „Ich höre nicht!" — Freudenlos und arm in der Welt zu stehen; die einzige Erhebung in der Macht der Tone zu wissen, und sagen zu müssen: ich höre nicht! — Im Moment kam ich in mir zum vollkommenen Verständnis über Beethovens äußere Erscheinung über den tiefen Gram auf seinen Wangen, über den düsteren Unmut feines Blickes, über den verschlossenen Trotz seiner Lippen: — er hörte nicht! —
Verwirrt und ohne zu wissen, was? schrieb ich eine Bitte um Entschuldigung und eine kurze Erklärung der Umstände auf, die mich in der Begleitung des Engländers erscheinen liehen. Dieser saß währenddem stumm und befriedigt Beethoven gegenüber, der, nachdem er meine Zeilen gelesen, sich ziemlich heftig zu ihm wandte, mit der Frage, was er von ihm wünsche?
„Ich habe die Ehre..." — entgegnete der Brite.
„Ich verstehe Sie nicht!" tief Beethoven ihn hastig unterbrechend — „ich höre nicht, und kann auch nicht viel sprechen. Schreiben Sie auf, was Sie von mir wollen“.
Der Engländer sann einen Augenblick ruhig nach, zog bann ein zier- liches Musikheft aus der Tasche, und sagte zu mir: „Es ist gut. Schrei- ben Sie: ich bitte Herrn Beethoven, meine Komposition zu sehen; wenn ihm eine Stelle darin nicht gefällt, wird er die Güte haben, ein Kreuz dabei zu machen." , ,
Ich schrieb wörtlich fein Verlangen auf, in der Hoffnung, ihn mm loszuwerden; und so kam es auch. Nachdem Beethoven gelesen, legte er mit einem sonderbaren Lächeln die Komposition des Engländers auf ben Tisch, nickte kurz und sagte: „Ich werde es schicken."
Damit war mein Gentleman sehr zufrieden, stand auf, machte eine besonders herrliche Verbeugung und empfahl sich. — Ich atmete tief auf: — er war fort.
Nun erst fühlte ich mich im Heiligtum. Selbst Beethovens Zuge heiterten sich deutlich auf; er blickte mich einen Augenblick ruhig an, und begann bann: ,
„Der Brite hat Ihnen viel Aerger gemacht?" sagte er; „trösten Sie sich mit mir; biefe reifenben Engländer haben mich schon bis auf bas Blut geplagt. Sie kommen heute, einen armen Musiker zu sehen, wie morgen ein seltenes Tier. Es tut mir leid um Sie, daß ich Sie mit


