Gießener ZamilieiibMer
Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger
Samstag, den 2. April
Rümmer 26
Jahrgang 1927
Zitronenfalter im April.
Bon Eduard M ö r i k e.
©raujnme Frühlingssonne, Du weckst mich vor der Zeit, Dem nur in Maien wonne Die zarte Kost gedeiht!
Ist nicht ein liebes Mädchen hier. Das auf der Rojenlippe mir Ein Tröpfchen Honig beut, So muß ich jämmerlich vergehn, Und wird der Mai mich nimmer sehn In meinem gelben Kleid.
Großvater Wang und der Silberbarren.
Nach dem Chinesischen von Wilhelm Car l.
In einem chinesischen Pfundleih- und Silbergeschäft erschien eines Tages ein älterer Chinese, klagte dem Geschäjtsführer des langen und breiten seine Not und bot ihm einen silbernen Armreifen zum Versatz an. Während der Geschäftsführer noch mit dem Manne verhandelte, ging die Ladentür auf, und ein junger Mann in bestaubten Kleidern kam herein und fragte den Kunden, ob er der alte „Großvater Wang" sei. „Ja, ja, der bin ich, was willst du von mir?" — „Ich komme aus Peking, wo ich Euren Neffen Wang Wen-sing kennen lernte. Als er vorige Woche hörte, daß ich nach unserer gemeinsamen Heimat reifen wollte, gab er mir ein Päckchen für Euch mit. Ich bin erst heute angenommen und begab mich sogleich nach Eurer Wohnung, doch sagte man mir, Ihr wäret soeben zum Pfandladen „Großer Nutzen" in der Pfeil- und Bogengasse gegangen, und da ich das Päckchen gern los fein wollte, bin ich Euch nachgegangen. Hier rft das Päckchen, und einen schönen Gruß soll ich Euch auch noch bestellen." — „So, [o, von meinem Neffen ist das Päckchen? Ich hätte nicht geglaubt, daß er sich seines alten Onkels noch erinnerte. Habe schönen Dank für deine Mühe und nimm dieses kleine Teegeld von mir an." — „Schönen Dank!" — „Bitte sehr." — „Auf Wiedersehen!"
Als der Reisende gegangen war, wandte sich der alte Wang wieder dem Geschäftsführer zu und sagte: „Vor zwei Jahren ist mein Reffe fortgegangen, und erst jetzt höre ich das erstemal etwas von ihm — ich bin doch neugierig, was er mir geschickt haben mag — ich werde das Päckchen gleich hier öffnen." Umständlich löste der Alte die Siegel, knotete den Bindfaden auf und schälte aus mehreren Papierhüllen einen Silberbarren, der ja noch heute in China als Kurantgeld gilt, heraus. Auch ein Brieflein lag dabei. Der Alte gab feiner Freude lebhaften Ausdruck, lobte [einen Neffen feines guten Herzens wegen und bat den Geschäftsführer, das Brieflein vorzulesen, da er selbst des Lesens nicht mächtig sei. Der Geschäftsführer war dazu gern bereit und las:
„Lieber Onkel! Ein Bekannter von mir reift nach unserer Heimat, und ich benutze gern die Gelegenheit, etwas von mir hören zu lassen. Als ich dich vor zwei Jahren verließ, wandte ich mich zunächst nach Schanghai, fand aber keine zusagende Arbeit. Ich reifte daher noch Tientsin weiter und sand auch bald Arbeit in einem großen Kaufmanns- geschäft. Vor drei Monaten sandte mich meine Firma als Geschäftsführer nach Peking, und hier geht es mir recht gut. Mit diesem Brief sende ich dir einen Silberbarren im Gewicht von 380 Gramm und hoffe, dich hinfort regelmäßig unterstützen zu können. Ich wünsche dir viel Glück und ein hohes Alter/ ' Dein Neffe Wan-wen-sing."
„Sieh mal einer an." sagte der Alte, „da hat der Junge doch noch fein Glück gefunden in der weiten Welt! Da ich jetzt wieder Geld habe, möchte ich das Armband noch behalten. Geben Sie es mir zurück und wechseln Sie mir dasllr den Silberbarren ein; vielleicht wiegen Sie ihn erst nach, denn Sie wissen ja, wie oft mit diesen Barren Schwindel getrieben wird." Dr- Geschäftsführer ging in das Nebenzimmer, wo feine Silberwäge stand, und stellte dort fest, daß der Barren nicht 350, sondern 450 Gramm schwer war; zum alten Wang aber sagte er, das Gewicht stimme genau, es seien 350 Gramm Silber. Er gab dafür gemünztes Geld heraus und rieb sich die Hände vor Vergnügen, als der alte Wang gegangen war.
Wenige Minuten später trat ein Bettler in den Laden und sagte zum Gesrhästsführer: „Ich sah soeben den alten Wang aus Ihrem Laden kommen. Ich weiß nicht, ob Sie diesen Mann kennen, und was er bei Ihnen wollte, aber ich kenne ihn als den größten Betrüger der „duftenden Zwiebelgasse" und wollte Sie vor ihm warnen — hat er Geschäfte mit Ihnen gemacht?" — „Gewiß, er hat einen Silberbarren bei mir ein« wechseln lassen." — „Der Silberbarren ist falsch, darauf gebe ich Ihnen mein Wort! Schneiden Sie den Barren durch, und sehen Sie nach, was darinnen ist!" Der Geschäftsführer wurde nun doch ängstlich schnitt den Barren durch und fand — eine dicke Messingeinlage. „Sehen Sie,* sagte der Bettler. Jdj kenne doch meine Leute!" — „Wissen Sie, wo der Be
trüger wohnt?" fragte der Geschäftsführer, und der Bettler antwortet«: . Das weiß ich wohl, doch treffen wir ihn jetzt sicher nicht zu Hause an. Ich weite, er sitzt augenblicklich in der Herberge „Zur immerwährenden Glückseligkeit" und labt sich auf Ihre Kosten an heißem Reiswein und gerösteten Lotoskernen. Geben Sie mir zwei Dollar, und ich führe Sie hin und verhelfe Ihnen zu ihrem Gelds." Der Geschäftsführer ging bereitwillig auf den Handel ein, händigte dem Bettler zwei Dollar aus, schloß sorgsam feinen Laden ab und machte sich bann mit dem Zerlumpten auf den Weg.
Die Herberge „Zur immerwährenden Glückseligkeit" war bald erreicht, und der alte Wang bald gefunden. Er faß mit fünf bis sechs Freunden an einem niedrigen Tischchen und aß eine vorzügliche Haifisch- slossen-Suppe. Der Geschäftsführer ging schnell auf ihn und ,agte: „Verzeiht, alter Großvater Wang, daß ich Euch stören muß, aber der Silberbarren, den Ihr mir vorhin verkauftet, ist falsch. Hier ist er, Ihr könnt Euch selbst überzeugen." Der alte Wang erwiderte ruhig und gelassen: „Wenn Sie sagen, der Barren sei falsch, so wird das wohl seine Richtigkeit haben, und ich muß ihn zurücknehmen. Sie werden mir gewiß keine Schuld geben, denn Sie haben ja gesehen, daß ich den Barren soeben aus Peking erhielt. Gedulden Sie sich nur noch ein Weilchen, bis ich gegessen habe — Haifischflossen müssen warm gegessen werden."
Als der alte Wang fein Mahl beendet hatte, wischte er sich mit dem Handrücken den Mund und sagte bann zum Geschäftsführer: „So, nun geben Sie halt den Barren her — banke. Wieviel wog er doch gleich?" — „350 Gramm", erwiderte der Geschäftsführer. — „Ganz recht", antwortete der alte Wang und fuhr gemütlich fort: „Sie haben ein sehr gutes Gedächtnis, das meinige hat leider schon arg nachgelassen. Herbergsvater! Habt Ihr eine Sifberroage? Ja? Dann seid so gut, und wiegt doch mal diesen falschen Silberbarren.—Wieviel sagt Ihr? 450 Gramm? Habt ihr Euch nicht verwogen? Stimmt Eure Wag«?" — „Sie stimmt!* — „So, so! Haben Sie es gehört, Herr Geschäftsführer! Einen 350 Gramm schweren echten Barren habe ich Ihnen verkauft, und einen 450 Gramm schweren falschen Silberbarren wollen Sie mir zurückzeden! He! Freunde! Habt Ihr schon von einem solchen Handel gehört? Was macht man mit einem Geschäftsführer wie diesem?" — „Wir werden ihm gleich auf die Sprünge helfen!" rief drohend die Tafelrunde, und fluchtartig verließ der Geschäftsführer die Herberge. Der Bettler aber setzte sich zum alten Wang, und beide hielten sich die Bäuche vor Lachen über den gelungenen Trick.
Ein ideales Bolksmuseum in Schweden.
Don Karl Schreiber.
Sn den letzten Jahren ist das Verständnis für unseres Volkes Vergangenheit in immer weitere Kreise eingedrungen. Aeberall taucht der Gedanke auf, das wertvolle Gut der Vergangenheit, soweit es nicht schon eine Pietätlose Zeit hat verkommen lassen, zu sammeln und Heimatmuseen geordnet der öffentlichen De- sichtigung zugänglich zu machen. „Dölkerrnuseen", die das Kulturgut aller Völker der Welt zeigen, gibt es in vielen deutschen Städten. „Dolksmufeen" oder kleinere „Heimatmuseen" dürften weit zahlreicher vorhanden sein. Die großen deuffchen Dolksmuseen sind nur einem- kleinen Teil des deutschen Volkes zugängig, nur denen, die in oder in der Nähe der betreffenden Städte wohnen. Ein so vorbildliches kulturgeschichtliches Volksmuseum, wie das „Oberhefsische Dolksmufeurn" in Gießen gibt es nur selten. And doch — ehe der Zahn der Zeit und die fortschreitende moderne Technik alles „Alte" schonungslos beseitigt, sollte gerettet werden, was noch zu retten ist.
Ein in jeder Beziehung vorbildliches „Dolksmufeurn" ist das schwedische in Skansen bei Stockholm. Von ihm will ich erzählen. @fanfen ist ein Teil des waldigen Rückens der Insel Dj urgarden bei Stockholm, keine gärtnerisch verkünstelte Anlage, sondern echter urwüchsiger schwedischer Wald, in dessen Lichtungen für alle Landschaften Schwedens charakteristische Siedelungen stehen, so daß man den Eindruck bekommt, als befinde man sich in den betreffenden Landschaften selbst. Der glückliche Gedanke eines solchen Freiluft- museumS geht zurück auf den Gründer des nordischen Museums, den 1901 verstorbenen Dr. Arthur Hazelius. Während diese» nordische Museum in der Hauptsache kulhtrgeschichtliche Schätze aufweist, von dem ersten Schlittschuh an, einem in der Mitte der Länge nach zersägten Knochen, auf dem einst die alten Aordgermanen über das Eis ihrer Seen eilten, bis zu den prunkvollen Königjs- kutschen der Barock- und Rokokozeit, ist Skansen daS beste und einfachste Hilfsmittel, das schwedische Äolksleben der Gegenwart, die Behausungen, die Geräte, Trachten, Sitten, Volkstänze, Haustiere, Wild, vom Süden bis zu dem hohen Norden Lapplands kennenzulernen. Das Besondere dabei ist, daß die Gebäude und ihre Einrichtungen meist echt, d. h. aus ihrer Heimat unmittelbar hierher verpflanzt sind. Auch die Trachten sieht man nur ansnahms-


