Ausgabe 
1.11.1927
 
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Wenn also auch die Fülle, in denen ein Künstler selbst sich mitschuldig macht (Utrillo), glücklicherweise zu den Ausnahmen gehören, w gibt es doch bis heute noch kein ganz zuverlässiges Mittel, sich gegen Fälschungen zu schützen. Und völlig auszurotten wird das chmutzlgeGewerbe der Kunstfälscher wohl auch niemals sein. Eine w-chr-ge Forderung aber, die wenigstens zu feiner Eindämmung führen kann, ist: vernünftiges von kleinlichen Rivalitäten freies Hand-in-Hand-Arbeiten der zahlungsirastigen Sammler und ernsthaften Händler mit den beamteten Hütern großer Sammlungen oder andern anerkannten Sachverständigen. (Soviel gegen das sogenannte ,,<Erperten"roefen oder -Unwesen gesagt Werden kann, so­viel Belästigungen die Experten auf sich nehmen, soviel Opfer an 3ett und Arbeitskraft sie bringen müssen, wird doch gerade von ihnen selbst oft genug betont, daß all das eben doch nicht vorläufig noch nicht, durch andere Wege ersetzbar ist,) Eine weitere wesentliche Forder-ung aber ist: daß ein einmal Hereingefallener nicht in menschlich begreiflicher, der Allgemeinheit jedoch nur schadender Beschämung lieber schweigt, als durch offenes Bekennen feines Irrtums eine Verfolgung der Spuren er- möglicht. Die wird gewiß vielmals zur Entwirrung ftinverschlungener Fäden, oft gar zur Aushebung ganzer, gefährlicher Falschungszentren, führen können.

AsnderL sich unser Klima?

Von Dr. Mildner, Leipzig.

Unser Wetter hat sich gegenüber früheren Zeiten geändert. Aeltere Leute erzählen gern von den strengen Wintern nut langen Frost- perioden und langanhaltender Schneedecke, die sie in ihrer Jugend ertem haben. Es gab reichlich Gelegenheit zu Eislaus und Rodelsahrt, auch im Tieflande, während man in den letzten Jahren Wintersport fast nur noch im Gebirge betreiben konnte. Solche strenge Winter waren S-B. m den Jahren 1870/71, 1879/80, dann folgte eine weitere Reihe ziemlich strenger Winter in den Jahren 1885 bis 1895. Viel strenger noch waren die Winter in der Zeit von 1788 bis 1845. Es gab in diesen 58 Jahren 17 s?hr strenge Winter, in den 61 Jahren von 1846 bis 1906 dagegen nur 6. Die Zahl der milden Winter hat besonders seit 1900 stark zu­

genommen.

In den Sommertemperaturen macht sich ebenfalls eine Aenderunq bemerkbar, wenn auch nicht so ausgesprochen, wie bei den ; Wintern. Die Sommer waren in den letzten Jahren vielfach etwas kuhter, i als dem Durchschnitt entsprechen würde.

Das gegenwärtige Jahr zeichnet sich durch b e s o n der s a n o r mal e ; Witterung aus. Die Zeitungen wissen fast täglich von Naturkata- i strovhen, Gewittern, heftigen Regengüssen, Ueberschwemmungen, Wirbel- ; stürmen u. dgl. zu berichten. Zu alledem häufen sich die Meldungen von Erdbeben. Man muß nun freilich bedenken, daß in den letzten Jahren ; die Nachrichtenübermittlung außerordentlich verbessert worden ist. Kaum j hat sich irgendwo auf der Erde eine Katastrophe ereignet, Jo verbreitet i auch schon die elektrische Welle die Kunde hiervon in alle Welt und inner- halb weniger Stunden ist die zeitunglesende Menschheit aller Erdteile dar- ; über unterrichtet. Daß wir in diesem Jahre von so vielen Naturkccka- , strolchen Kunde erhalten, ist aber nicht nur auf die Verbesserung der Be­richterstattung zurückzuführen. Es ist ja auch in den Gegenoen eine Hau­sung von Unwettern wahrzunehmen, in denen schon früher ledes der­artige Ereignis gewissenhaft registriert wurde.

An der chand einwandfreien Beobachtungsmaterials läßt sich sehr wohl nachweisen, "daß sich vielerorts der allgemeine Witterungscharakter, das Klima, in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Die aus­fälligsten Aenderungen in Mitteleuropa, die Hausung warmer Win- er und kühler Sommer haben wir bereits ermahnt. Es sei noch bemerkt daß in St. Helena, der einsamen Felseninsel im südatlantischen Ozean au der Napoleon feine letzten Lebensjahre in der Verbannung zubrachte, feit 1892 die Maximaltemperatur und der Luftdruck in bestän­digem langsamen Ausstieg begriffen sind, während die Windgefchwmdig- keit seit 1903 allmählich abgenommen hat. Auch die U e b e r f l u t u n g e n des Nils, auf denen der Wohlstand Aegyptens beruht, zeigen in den letzten Jahrzehnten eine Aenderung. In den Jahren 1869 bis 1898 lagen hie Wasierstände in mehr als 80 Prozent der Falle über dem Durch­schnitt, während feit 1899 in mehr als 80 Prozent der Fälle unternormale Fluten beobachtet wurden.

Es fragt sich nun, ob biefe Aenderungen des Klimas, die man in ver- febiebenen Erdteilen beobachtet, in einer bestimmten Richtung fortschreiten, ober ob es sich dabei nur um vorübergehende Erscheinungen, um Schwan­kungen um eine Mittellage herum handelt, ©eben mir einer neuen Eiszeit entgegen? Steht uns eine Zeit tropischer Warme bevor, ober werben auch in Zukunft ungefähr bie gleichen klimatischen Verhält­nisse weiter bestehen?

Um biefer Frage nähertreten zu können, müssen wir bie Witterungs­geschichte der letzten Jahrtausenbe in Betracht ziehen. Hat es in früheren Zeiten ähnliche anormale Verhältnisse gegeben, ober ist das, was wir gegenwärtig beobachten, etwas einzig Dastehendes?

Leider stehen uns zur Beantwortung dieser Frage exakte Beobachtun­gen der einzelnen Witterungsverhältnisse nicht zur Verfügung. Die längsten Beobachtungsreihen reichen nicht viel über 200 Jahre zurück. Für weiter zurückliegende Zeiten können direkte Angaben nur aus alten Schriftstücken entnommen werden, in denen sich mancherlei gelegentliche Aufzeichnungen über befonbers auffällige Witterungserschemungen fmben. Es geht aber aus biefen in alten Urfunben verstreuten Bemerkungen mit aller Deutlichkeit hervor, daß auch in früheren Zeiten mitunter recht anormales Wetter bestanden hat.

Schriftliche Aufzeichnungen über die Witterungsverhältnisse ver­gangener Zeiten sind jedoch vielfach recht mangelhaft, und vor allem

sehr unvollständig. Glücklicherweise läßt sich aus indirektem Wege ein ziemlich vollständiges Bild der klimatischen Bedingungen der letzten Jahr­tausende gewinnen. Die Natur selbst hat alles gewissenhaft registriert, es ist nur notig, ihre Aufzeichnungen zu lesen.

Großartige Klimaregistrierinstrumente sind z. B. bie Bäume. Es ist bekannt, daß man das Alter eines Baumes aus der Zahl seiner Jahresringe bestimmen kann. Bei genauerem Zusehen findet man, daß diese Wachstumsringe von sehr verschiedener Stärke sind. In ein­zelnen Jahren sind sie äußerst schmal, in anderen breit. Die Größe des Wachstums ist naturgemäß van der Güte der jeweiligen Lebensbedingun- aen abhängig. Vergleich mit gleichzeitigen Witterungsbevbachtungen haben ergeben, bah hauptsächlich die Menge des gefallenen Niederschlages für bas Wachstum maßgedenb ist, ganz besonders in solchen Gebieten, bie an und für sich ziemlich trocken sind.

Auf bie letzte Eiszeit folgte in Europa eine Periobe kontinentalen Klimas. Die Winter waren kalt und rauh, die Sommer wärmer als gegenwärtig. Die Niederschlagsmenge war gering. Es herrschten damals bei uns ähnliche Verhältnisse, wie etwa zur Zeit in Südwestrußlanb. Um bas Jahr 4000 v. Ehr. wurde bas europäische Klima allmählich gemäßig­ter. Der Einfluß bes Ozeans machte sich stärker bemerkbar. Es gab Milbe Winter, kühle Sommer unb reichliche Niederschläge. In Norwegen, Schweden unb selbst auf ben Inseln bes nörblichen Eismeeres, Spitz- bergen, Franz-Joseph-Lanb, Grönlanb usw. konnten damals eine Reihe von Pflanzen gedeihen, bie unter ben gegenwärtigen Verhälknifsen in diesen Gegenden nicht existieren können.

Daraus folgte eine Periode trockeneren Klimas von mehr kontinen­talem Charakter. Es kam in Westeuropa zur Entwicklung ausgedehnter Wälder, selbst an Stellen, die früher von Mooren bedeckt gewesen waren. Um 1800 v. Ehr. beginnt wiederum eine Periode stärkerer Niederschläge, die bis etwa zum Jahre 500 n. Ehr. dauerte und bie in ben Jahren 450 bis 250 v. Ehr. ihren Höhepunkt erreichte. Es ist recht bemerkenswert, baß gerabe in biefe Periode die Blütezeit der griechisch-römischen Kultur fällt. Es liegt nahe, deren Verfall in Zusammenhang zu bringen mit der allmählichen Verschlechterung der klimatischen Verhältnisse, bie in Italien und Griechenland etwa vom Jahre 200 an einsetzte. Die Regen- menge wurde geringer. Flösse, bie früher bas ganze Jahr hindurch Wasser geführt hatten, lösten sich im Sommer in einzelne Lachen auf, die Brut­stätten für Moskitos bildeten. Dadurch wurden viele der Mittelmeergegen- den von der Malaria heimgesucht. Viele Gebiete in Nordafrika, Klein- osien unb Syrien unb Persien waren währenb ber klassischen Regenzeit bicht bewohnt von einer Ackerbau treibenben Bevölkerung: Gegenben, in denen unter ben gegenwärtigen Verhältnissen eine so zahlreiche Menschen­menge nicht leben könnte. Besondere eindrucksvolle Zeugen des gänzlich veränderten Klimas sind die Ruinen von Palmyra unb anberen Stabten in ber syrischen Wüste. Man finbet bort große Aquädukte, bie diesen Städten gewaltige Mengen von Wasser zuführten. Die Quellen aber, aus denen einstmals bas lebensfpenbenbe Naß geflossen ist, sind jetzt verstecht; selbst wenn bie Aquädukte noch völlig intakt wären, würbe kein Tröpfchen Wasser mehr durch sie hindurchfliehen.

Seit dem Jahre 500 n. Ehr. sind einige kleine Klimaschwankungen von den Bäumen registriert worden. Um 1000 war ber Regenfall roieber» um für einige Jahrzehnte etwas stärker, ein neues Maximum wurde in ben Jahren 1350 bis 1400 erreicht, darauf folgte ein leichtes Minimum i gegen 1500, worauf sich allmählich die heutigen Verhältnisse einstellten.

Aus diesem kurzen Ueberblick ersehen wir, baß bas Klima ziemlich beträchtlichen Schwankungen unterworfen war. Es traten Klimaperioben auf, deren Dauer Jahrzehnte unb Jahrhunderte betrug. Seit dem Ende ber letzten Eiszeit ist jedoch keine fortschreitende Klimaänderung in der einen ober anderen Richtung festzustellen gewesen.

Kehren wir nun zu ben gegenwärtigen Verhältnissen zurück. Man macht sich in Laienkreisen mancherlei Gebauten über bie in biefem Jahre etwas anormale Witterung. Verschiebens glauben, baß burch bie vielen elektrischen Wellen, bie seit ber gewaltigen Entwicklung ber Funken­telegraphie unb bes Rabivwesens bauernb bie Lust burch- schwirren, bie Atmosphäre ungünstig beeinflußt wird, unb baß Gewitter, Regengüsse unb Ueberschwemmungen baburch verursacht werben. Andere hinwieder meinen, bah bie Entwalbung verschiebener Gebiete, die Trocken­legung von Mooren, kurz, bie Umgestaltung ber Erbober- fläche durch Menschenhand schuld sei an den Katastrophen. Gewiß übt bie Beschaffenheit ber Erboberfläche einen merklichen Einfluß auf das Wetter aus. Die Wetterkatastrophen treten aber in den verschiebensten Gebieten ber Erbe gleichzeitig auf, auch in Gegenden, die keine Umgestal­tung durch Menschenhand erfahren haben. Also kann diese nicht die Ursache sein. Noch viel weniger kann aber ben Radiowellen ein Einfluß auf bas Wetter zugeschrieben werben. Die zu beren Erzeugung aufgeroenbeten Kräfte stehen in gar keinem Verhältnis zu den ungeheuren Energiemengen, bie in Wind und Wetter zur Auswirkung kommen.

Die wahren Ursachen ber Klimaschwankungen finb noch längst nicht mit Sicherheit erkannt. Es spricht aber sehr viel dafür, baß in erster Linie ber Zustanb ber Sonne für das Klima maßgebend ist. Die Sonnenstrahlung ist ja fast bie einzige Energiequelle, durch welche die gewaltige Wärmemaschine ber Atmosphäre gespeist wird. Von ber Menge des zugeführten Betriebsstoffes aber hängt das Arbeitstempo ber Ma­schine ab. Intensivere Sonnenstrahlung zieht stärkere Verbunstung und ergiebigere Nieberschläge nach sich. Leider existieren zuverlässige Vevbach- § hingen über ben Zustanb ber Sonne unb bie Zahl ber Sonnenflecken erst ! seit wenigen Jahrhunberken, so baß es nicht möglich ist, die großen < Klimaschwankungen ber Vergangenheit dazu in Beziehung zu setzen. Für ; bie letzten 100 bis 150 Jahre haben sich jedoch eine Reihe wichtiger £U- : sammenhänge zwischen Sonnentätigkeit unb Wetter mit großer Sicherheit ! nachweisen lassen. ___

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche Univers itätS-Duch» und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.