Ausgabe 
1.11.1927
 
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Und da schrieb ich nun meine Preisaufgabe, ganz auf den goldenen Griffel gerichtet, und nun denkt euch: wie unsere Lehrerin die Tafeln nachsah und endlich zu meiner kam, sprach sie: ,Leig' deine Preisaufgabe." Ich sagte:Hier ist sie ja!"Nein," sagte sie,das hast du nicht geschrieben."

Da saß ein Kind neben mir, das war immer bereit, zu verteidigen und die Wahrheit zu sagen. Das rief gleich:Doch, das hat die Rega geschrieben!"Rega," sagte die Lehrerin,dann hast du es ab­geschrieben."Nein", beteuerte ich, und das andere Kind bekräftigte es auch:Sie hat es allein geschrieben."

Da wurde die Lehrerin ganz wild, und sie schrie auf mich nieder: n, du niederträchtiges Mädchen! Du ungeratenes Geschöpf! So viel Jahre hast du hier gesessen und geschrieben und immer getan, als ob du keinen geraden Buchstaben machen könntest. Und nun kannst du so herrlich schreiben!" Ach, sie konnte nicht beides zusammen glauben, das schlechte Schreiben und das herrliche Schreiben, und den Griffel habe ich nicht bekommen.

Nun will ich von Burghausen zu Ende erzählen. Ueber Jahr und Tag war ich einmal allein im Hause, und es dämmerte schon. Da hörte ich von oben die Haustür gehn, und ich stieg die Treppe hinunter, und wie ich tm dunklen Hausgang bin, sehe ich eine Gestalt darin stehn, eine Frau »der ein Mädchen. Die breitete die Arme aus und sagte:Regina." Ich konnte sie nicht erkennen, fragen mochte ich auch nicht; ich dachte nur, da ist eine, die will umarmt werden. Also umarmte ich sie und küßte sie sogar. Dann zog ich sie in die Küche herein und hoffte, daß ich sie erkennen würde tm Hellen, aber ich kannte sie nicht; vielmehr ich kannte sie wohl, aber ich konnte nicht ausfindig machen, wer es war. Fragen konnte ich nun gar nicht mehr, weil ich sie schon geküßt hatte. Ich spürte nur, daß ße mir unleidlich war und immer unleidlicher wurde. Ich mußte mich zwingen, mit ihr zu sprechen, und um mir zu helfen, machte ich einen See und deckte den Tisch und grübelte unaufhörlich, fand aber nicht das Aeringste, keine Spur. Sie redete auch nicht viel, doch merkte ich wohl, weil wir Sie zueinander sagten, daß sie immer zum Du hindurch wollte, und es war mir noch unangenehmer.

Wie sie aber so dasaß und Tee trank, gewahrte ick ihre Füße, viel­mehr ihre Schuhe. Die waren sehr schmutzig vom Weglehm, und außerdem sahen sie ich weih nicht wie so kummervoll aus, so ganz armselig, daß sie mir wieder leid tat, die in so traurigen Schuhen gekommen war.

Schließlich stand sie wieder auf und war nun auch unwillig ge­worden und verabschiedete sich eilig und kiibl. Da fiel mir rasch eine List eta; ich stellte mich an ein Fenster und dachte: Sie ist gewiß nicht allein gekommen; es werden jetzt Leute draußen sein, die auf sie warten, und wenn ich nun jemand sehe, der zu ihr gehört, dann erinnert er mut), wer es ist.

Nun, und so kam es auch. Ich sah sie die Straße hinabgehn, dann trat aus dem Dämmer ein Mann auf sie zu, und da wußte ich auch, daß ts das Mädchen war, das den Ring genommen, und deren Namen ich ansgelöscht hatte, so daß ich ihn gänzlich vergaß. Und auch jetzt kann ich mich nicht mehr auf ihn besinnen.

Wie ich sie aber tiefer auf die Straße hinabgehen sah, kamen mir Meder ihre besudelten Schuhe vor das innere Auge; und jetzt erinnerten fie mich sonderbar an die Geschichte von Salomo und dem Todesengel.

Die war so. Der Engel des Todes wurde gesandt, um Salomos Schreiber zu holen. Ein Schreiber war damals ein sehr wichtiger und geschätzter Mann, denn jeder konnte nicht schreiben, und Salomo liebte ihn sehr. Wie er nun horte, daß der Engel des Todes ihn holen sollte, schickte er ihn fort in das Land Ur oder Uz, wo die Menschen, die darin leben, niemals sterben.

Nach einiger Zeit kam der Engel des Todes zu Salomo; der sah ihn stehen, und daß er lachte. Er lachte das will aber sagen, er dehnte sich aus in seiner Macht; er lachte nicht wie die irdischen Wesen. Fragte ihn Salomo:Warum lachst du?" Da sagte der Todesengel:Ich stand gerade vor dem Tor Uz, da kam dein Schreiber daher, und ich habe ihn fortgenommen."Ja," sagte der Engel Gottes,die Füße wissen ihren Weg."

Regina schwieg, als sie soweit gesprochen hatte. Einer von uns aber, We zuhörten, fragte:Und was ift danach aus dem Mädchen geworden?' Regina sagte:Sie ist bald gestorben. Sie war in lauter Verwirrung gekommen. Da hat sie sich gelöscht."

VomHandwerk" der Kunstfälscher.

Von Walther Appell (Plauen).

Mancher wirt, sich gewiß noch des Aufsehens und der erregten Debatten auch in breitesten, sonst völlig kunstfremden Kreisen um die sogen. Mora"-Büste entsinnen. Der Generaldirektor der Berliner Museen, Ge- befmrat Wilhelm von Bode, hatte einige Jahve vor dem Kriege m England eine Wachs-Skulptur gekauft, die er dem Leonardo üa Bin ei zuschrieb und auch unter dieser Marke den von ihm verwalteten Sammlungen «inverleibte. Woraufhin von überall her, zunächst aus dem «uÄande, Meldungen und angeblicheNachweise' kamen, wonach das Wert eine mchr oder weniger plumpe, neuzeitliche Fälschung, der nam­hafte deutsche Gelehrte also gründlich und blamabel hineingelegt worden fen sollte. Der papierne Streit nahm erbitterte Formen an, bis dann doch sie Ueberzeugung, daß Bodes zahlreiche und gewichtige Argumente das Rechte trafen, mehr und mehr Boden gewann. Genau das gleiche können wir, meist freilich in weniger leidenschaftlicher und die große Oeffentlich- keit berührender Intensität, fast bei jedem Museumskauf von überragender internationaler Bedeutung beobachten. Ein kleinlicher Neid und falsch an­gewandter Nationalstolz' zeitigt Verunglimpfungen und Herabsetzungen, auf deren Ausstreuer oftmals die Lächerlichkeit, die sie anderen zugedacht hatten, zurückfallen muh. Denn wenn unsere führenden Sammlungsleiter

schließlich auch nicht gefeit sind gegen das unglaubliche Raffinement der Bilder- und sonstigen Kunftfälscher, so sind sie doch von dem hohen Ver­antwortungsgefühl beherrscht, das ihnen das Bewußtsein gibt, an expo­nierter Stelle mit öffentlichen Geldern zu wirtschaften und einen nüssen- fchaftlichen Ruf nicht nur ihrer Person aufs Spiel zu setzen.

Von einzelnen, besonders schwierigen Fällen abgesehen, kann man wohl sagen, daß unsere großen Sammlungen heute nicht mehr so leicht mit Fälschungen hereinzulegen sind. Und nicht nur das: sie werden auch in steigendem Maße von den in weniger kritischen Zeiten hineingeratenen gesäubert. Dennoch steht das unsauber« Gewerbe des Fälschens van Bildern und Bildwerken nach wie vor in üppigster Blüte. Seine Tradition ist übrigens kaum weniger alt als die ber Kunst selbst: schon im antiken Griechenland trieb die Kunstfälschung ihr Unwesen. In unseren Ländern und Breiten entwickelten sich die Fälscherwerkstätten, deren Betrieb ost geradezu fabrikmäßig« Formen annimmt, besonders mit der in den letzten Jahrhunderten aufblühenden Kunstbegeisterung, deren selbstverständliche Folge die Höherbewertung und -bezahlung von Kunstwerken sein mußte. Doch sind auch für di« Anfänge der deutschen Kunst schon Fälschungen nachzuweisen u. a. beklagte sich Dürer oft bitter darüber, die aber wohl nicht als solche in unserem Sinne anzusprechen sind. Die Nach­schneider und -stecher der Passionen und Marienbilder wollten wohl nicht eigentlich Kunstwerke fälschen, sondern lediglich einegängige" Markt­ware geschäftstüchtig kopieren. Das geht z. B. daraus hervor, daß sie- in einer gewissen Achtung vor dem Urheber, die freilich das liebe! oft nur vergrößerte in ihren Nachbildungen meist das Namensschild des ursprünglichen Schöpfers offen ließen. Die Kunst des 17. und 18. Jahr­hunderts mit ihren schülerreichen Meisterateliers brachte unzählige Kopien, Variationen usw. hervor, deren viele dann im 19. Jahrhundert, aber auch noch in unserer Zeit, das Material für Fälschungen (Wertsteigerung durch falsche Signierung u. dgl.) bilden. Hier sei auf das dem Watteau zu­geschriebene, mehrteiligeFirmenschild des Kunsthändlers Gersaint" hm- gewiesen. das aus dem Besitz des früheren Kaisers in den der National­galerie gelangte. Unsere Gelehrten haben feine Echtheit nie angezweffett, die Franzosen aber behaupten seit Voltaire, daß es nur eine Schüler- ? arbeit nach dem noch in Frankreich befindlichen Original sei. Doch auch direkte, bewußt auf Schwindel angelegt« Fälschungen sind schon im 17. Jahrhundert zu verzeichnen, zumal im Bereich der niederländischen Malerei. Paulus Potter, Breughel, Snyders, Adriaen Brau wer, (dieser sogar schon im Alter von kaum 25 Jahren!) wurden noch zu ihren Lebzeiten gefälscht. Die Mehrzahl dieser oft gar nicht fo wertlosen Werke mag sich noch heute unerkannt in amerikanischen Privatsammlungen befinden, obwohl in Neuyork «ine zur Abschreckung und Warnung errichteteSammlung gefälschter Kunstwerke" existieren soll.

Bis ins 19.Jahrhundert, das auch die Rembrandt-Fälschungen zu abenteuerlichen Ziffern anschwellen läßt, konzentrierten sich die Haupt- Herde der Bilderfälschung vornehmlich auf Antwerpen, Brüffel und Lon­don. Die Objekte ihrer dunklen Machenschaften bleiben zunächst über­wiegend di« Holländer. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt auch die Pariser, und noch später die deutsche Fälschungsindustrie" eine große Rolle zu spielen. Ihr Aufftieg geht parallel mit dem der im­pressionistischen Kunst, deren Frühwerk« und -meister nach ihrer erkämpften Anerkennung bald hohe und zum Teil überaus hohe Preise erzielten. (DieTänzerinnen an der Stange", von Degas für fünfhundert Franken verkauft, brachten nicht allzu viel später den Phantasiepreis von 430000 Franken). Außer Degas wurden noch Cour bet, Manet und wohl alle andern Bahnbrecher bes Impressionismus planmäßig und mit lohnendem Erfolge gefälscht. Ganz ungeheure Formen muß das bei Corot angenommen haben, dessen wirkliches Lebenswerk schier erdrückt wird von Fälschungen, deren es allein in Amerika 13 000 geben soll, auf die aber auch namhafte europäische Kunstfreunde, so z. B. Alexander Dumas, hereingefallen sein sollen. (Aehnliches spielt sich jetzt wieder m Paris mit Utrillo ab, mit der von seinem Biographen mitgeteilten Komplizierung, daß der unrettbar dem Trunk Ergebene für Geld bereit­willig jedes ihm vorgehaltene Bild mit seinem Signum versieht. Gebündelt hingen derartigeUtrillos" bei den Fälschern, bis der in seinen wenigen nüchternen Stunden genial« Künstler ein Preisniveau erreicht hatte, daß es lohnend erscheinen ließ, sie auf den Markt zu werfen.)

Von deutschen Künstlern sind namentlich Menzel, Leibl, Len- bach, von den noch Lebenden ist wiederholt schon Liebermann ge­fälscht worden. Großes Aufsehen erregte vor wenigen Jahren der Fall der Münchener Schriftstellerin Lena E h r i st, die durch Selbstmord endete, nachdem ihr die Fälschung von Defregger und anderen Signaturen nachgewiesen war. Auch di« trübe Affäre des Sohnes von Arnold B ö ck l i n , der eigene Bilder für solche feines Vaters ausgegeben haben sollt«, dürfte noch nicht vergessen sein.

Di- Bekämpfung der Bilderfälschung wird immer «in ebenso schwieriges Kapitel bleiben wie die sichere Erkennung der Fälschungen. Denn bie Fälscher sind durchweg nicht nur geschickte Hand­werker, sondern Künstler, denen zur virtuosen Beherrschung des'Formalen nur der eigenscköpferische Funke fehlt, nm selbständige Werke schaffen zu können. Außerdem ist zu bedenken, daß namentlich die Hehler, die meist die eigentlich Verdienenden sind, mit einer vor nichts zuruckschreckenden Gewissenlosigkeit zu Werke gehen, Die oft selbst argwöhnische und einiger­maßen erfahrene Käufer düpieren kann. Den Wunschelnng von dem wiederholt Gerüchte auftauchten, und der als eine Art Stern der Weifen das Echte vom Unechten unterscheiden soll, gibt es noch immer nicht Und so wertvolle Dienste moderne Errungenschaften wie die X-Strahlen bet der Entlarvung von Fälschungen schon geleistet haben, sind sie namentlich bei alten Meistern doch nicht unfehlbar. Der Beachtung wert erschien em Vorschlag, nach dem die Künstler ihre Werke nicht mehr durch den Namenszug, oder doch nicht allein durch diesen, sondern zuverlässiger durch einen Fingerabdruck signieren sollten. Aber es liegt nahe, daß auf diese Weise z. B. Schülerarbeiten, die der Meister lediglich korri­giert (oder sogar nur geprüft) hat, eineEchtheit" bestätigt erhalten können, die sie nicht besitzen.